Samstag, 19. November 2011

Verzweifelte Hilferufe aus Tibet

Seit dem März dieses Jahres haben sich elf Mönche und Nonnen aus Protest gegen Chinas Politik selbst angezündet. Die Menschenrechtsorganisationen "Amnesty International" (AI) und "Human Rights Watch" haben die chinesische Regierung in einer Erklärung aufgefordert, die Ursachen der jüngsten elf Selbstverbrennungen in Tibet zu beseitigen

Die Zeit hatte am 08.11.2011 über den elften Feuertod berichtet. Dieses Mal war es die 35-jährige tibetische Nonne Palden Choetso aus dem Kloster Geden Choeling in Dawu (Provinz Sichuan, Tibet, Präfektur Garze), die auf diese schockiernde Weise aus dem Leben schied.

Sie habe sich aus Protest gegen die chinesische Herrschaft auf einer Brücke mit Benzin übergossen und angezündet. Bevor sie starb habe sie noch "Lang lebe der Dalai Lama" und "Lasst den Dalai Lama nach Tibet zurückkehren." gerufen.

Ein weiterer Feuertod konnte am Freitag in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi von der Polizei verhindert werden. Darüber berichtet die Tibetergemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein auf ihrer Internetseite. Ein Exil-Tibeter habe sich vor der chinesischen Botschaft in Brand gesetzt. Er habe jedoch noch rechtzeitig von Sicherheitskräften überwältigt werden können und sei mit leichte Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Als die Sicherheitskräfte das Feuer gelöscht hätte, habe er "Freiheit für Tibet." und "Stoppt das Töten in Tibet." gerufen.

In einem offenen Brief an Herrn Hu Jintao (China, Staats- und Parteichef ) forderten AI und "Human Rights Watch" am 03.11.2011 die Machthaber in Peking dazu auf, die "repressive Politik" gegen "ethnische Tibeter" und die "politische Indoktrination" der Klöster zu beenden.

Solange Chinas Machtapparat und dessen Behörden die religiösen Praktiken und die Kultur der Tibeter nicht akzeptieren, würden die von der Regierung gewählten Taktiken die Tibeter immer weiter von Peking entfremden.

Wie die TAZ am 08.11.2011 berichtete, kritisieren Tibetische Mönche vor allem das harte Vorgehen der chinesischen Staatsorgene gegen die Klöster. Der Dalai Lama habe dem chinesischen Regime in diesem Zusammenhang wiederholt "kulturellen Genozid" vorgeworfen.


Es ist beschämend

Aufgrund der staatlichen Zensur Chinas dringen aus Tibet nicht sehr Nachrichten bis in den Rest der Welt durch. Die Selbstverbrennungen sind der sichtbare Ausdruck der verzweifelten Lage der Tibeter angesichts anhaltender Spannungen und Unruhen in Tibet. Erst diese schrecklichen Selbstmorde rückten die unhaltbaren Zustände in Tibet wieder einmal in das Licht der Weltöffentlichkeit

Chinas Behörden fällt zur Lösungs der Probleme jedoch wieder einmal nichts anderes ein, als weitere Truppen zu stationieren, Straßensperren zu errichten, willkürlich irgendwelche Tibeter festzunehmen, deren Häuser zu durchsuchen und immer wieder das Internet und die Telefonleitungen zu unterbrechen. Das berichtete der Focus in einem Artikel vom 04.11.2011 auf seiner Internetseite. Rund 300 Mönche des Klosters Kirti seien zwischen März und April zwangsweise zur "patriotischen Umerziehung" geschickt worden.
  • Es ist beschämend zu sehen, wie Konzerne und Regierungen demokratischer Staaten, die sich das Recht und die Freiheit auf die Fahnen geschrieben und die sich zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet haben, dieses menschenverachtende Unterdrückungsregime in der Hoffnung auf fette Profite immer wieder buckelnd hofieren. Insbesondere schäme ich mich für deutsche Bundesregierungen und deutsche Firmen, die sich an diesem schmutzigen Monopoli-Spiel beteiligen.

Frau Brigden ("Free Tibet", Direktorin) sieht das ähnlich: Die Selbstverbrennungen würden eindeutig demonstrieren, dass die Tibeter weiter nach Freiheit rufen werden, egal, was es kostet. China dürfe die Hilferufe nicht länger ignorieren. Außerdem müsse die Weltgemeinschaft den Machthabern in Peking deutlich machen, dass die für die repressive Politik Chinas in Tibet verantwortlich gemacht würden.


Der Realitätsverlust des Regimes

Der Dalai Lama verurteilte die Selbstmorde und machte die „rücksichtslose“ chinesische Politik für die Verzweiflung vieler Tibeter verantwortlich. China warf seinerseits dem religiösen Oberhaupt der Tibeter vor, die Mönche und Nonnen zu den Selbstverbrennungen angestiftet zu haben.

Es ist jedoch nicht der Dalai Lama, der das Volk der Tibeter dazu auffordert, sich selbst zu verbrennen. Wäre es so, dann wäre es relativ leicht, weitere tibetische Mönche und Nonnen vor dem selbstgewählten Feuertod zu retten. Das sind ganz allein die verzeifelten Entscheidungen der Opfer der chinesischen Unterdrückungs- und Unterwanderungspolitik.

Die Diktatoren in Peking glauben immer noch, dass mehr Polizeistaat, Verhaftungen und Folter sowie immer mehr Soldaten, die Angehörigen der okkupierten Völker oder die Chinesen, die zu Opfern staatlicher Willkür wurden, davon abhalten könnten, ihrem Leben auf derart garusame Weise ein Ende zu setzen. Gegen einen solchen schockierenden Ausdruck tiefster Verzeiflung sind Chinas Machthaber jedoch völlig ohnmächtig.

Chinas Regime muss endlich begreifen, dass die immer gnadenlosere Unterdrückung der Menschen keine Lösung für die Symptome seiner hausgemachten Probleme ist. Wenn es dem ein Ende setzen will, dann wird es nicht umhinkommen, sich mit den Gründen zu befassen, die seit dem März dieses Jahres zu elf Selbstverbrennungen tibertischer Ordensleute geführt haben.

Dass sie immer noch alles, was ihre Probleme mit den Tibetern - die sich gegen den Verlust ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Identität zur Wehr setzen - allein auf den Dalai Lama fokussieren, offenbart den rapide fortschreitenden Realitätsverlust der Diktatoren in Peking. Wäre es anders, dann hätten sie längst zur Kenntnis nehmen müssen, dass die weltliche Führung der Tibeter im März dieses Jahres vom Dalai Lama auf den von im Exil lebenden Tibetern auf der ganzen Welt gewählten Herrn Lobsang Sangay (Tibet, Exilregierung, Premierminister) übergegangen ist. Damit haben die Tibeter die Trennung von Politik und Religion vollzogen und der Dalai Lama ist nur noch das geistige Oberhaupt der Tibeter.


Offener Brief und internationale Petition

Da sie ohne den Druck der Öffentlichkeit  kaum zu dieser Leistung in der Lage wären, forderten Amnesty International und Human Rights Watch Herrn Hu Jintao (China, Präsident) deshalb am 03.11.2011 in einem offenen Brief auf, China müsse der repressiven Politik, gegen die fundamentalen Rechte der Tibeter ein Ende zu setzen:

Auch das internationale demokratische Netzwerk AVAAZ begegnet auf die verzweifelten Hilferufe aus Tibet und China mit einer internationalen Petition.

Da China den Zugang zu der Region drastisch begrenzt, wendet sich die Petition nicht direkt an die Machthaber in Peking, sondern setzt an einer anderen Stelle an. Wichtige Regierungen sollen davon überzeugen werden, Diplomaten in die Region zu schicken um die zunehmende Brutalität offenzulegen. Im Gegensatz zu Journalisten könne China offizielle Diplomaten nicht so einfach zurückweisen.

Die Petition lautet:
"An Präsident Barack Obama und Nicolas Sarkozy, Premierminister David Cameron, Julia Gillard und Manmohan Singh, und EU-Kommissarin Catherine Ashton:

Eine zunehmende Zahl von Tibetern nehmen sich durch Selbstverbrennung das Leben -- dies ist ein verzweifelter Hilferuf an die Welt, die eskalierende Unterdrückung durch China zu beenden. Als schockierte Bürger rufen wir Sie dazu auf, umgehend eine unabhängige Mission in die Gegend zu entsenden und sich gegen die Repression auszusprechen. Nur koordiniertes und rasches diplomatisches Handeln kann diese Krise beenden.

MfG"


(Quellen: TAZ vom 17.11.2011 und vom 08.11.2011, Zeit vom 04.11.2011, Focus vom 04.11.2011, TAZ vom 18.10.2011, Amnesty International vom 18.10.2011, TAZ vom 17.10.2011, 16.08.2011, 10.08.2011 und vom 27.04.2011, AVAAZ, Free Tibet, Tibetergemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein )

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