Samstag, 22. September 2018

Die Rauchwolke von Meppen

Irgendwann in der vergangenen Woche öffnete ich wie gewöhnlich die Fenster und meine Balkontür, um meine Wohnung zu lüften. Als ich auf den Balkon hinaustrat, stellte ich fest, dass es draußen nach Rauch roch. Mein erster Gedanke war: "Irgendwo in der Nachbarschaft brennt es."

Ich schaute mich um, konnte in der näheren Umgebung aber keine aufsteigenden Rauchwolken entdecken. Da ich den Rauch aber nicht in der Wohnung haben wollte, ging ich wieder hinein und schloss ich die Balkontür und die Fenster ...

Später - beim Einkaufen - hörte ich, wie jemand sagte, der Rauch wehe von Ostfriesland zu uns nach Bremerhaven herüber. Irgendwo auf der anderen Seite der Weser brenne das Moor ...

In diesem Jahr hat es bei uns seit Mai so gut wie gar nicht geregnet. Nach der monatelangen Hitze dieses Sommers bestand eine sehr hohe Waldbrandgefahr. Anderenorts war es auch schon zu größeren Waldbränden gekommen. In dem brennenden Moor auf der anderen Seite der Weser muss wohl ebenfalls alles ausgedörrt sein. Da wird das Feuer sich in der ausgetrockneten Vegatation wohl schnell ausgebreitet haben ...

Abends hörte ich in den Nachrichten, das Moor brenne in der Nähe von Meppen. Die Menschen in der näheren Umgebeung des Brandes seien aufgefordert worden, die Fenster und Türen geschlossen zu halten. Auch in Bremen gebe es eine entsprechende Empfehlung. Dem Nachrichtensprecher zufolge liegt das brennende Moor auf einem Truppenübungsgelände der Bundeswehr. Bereits vor zwei Wochen, am 03.09.2018(!), habe die Besatzung eines Kampfhubschraubers eine Rakete in das Moor abgeschossen und es damit in Brand gesetzt. Ein Kettenfahrzeug, das zur Brandstelle geschickt wurde, um das Feuer zu löschen, sei auf dem Weg dorthin wegen eines technischen Defekts ausgefallen.
Früher, zur Zeit des kalten Krieges, hatten viele Menschen ständig Angst davor, dass "die Russen kommen" würden. Von sarkastisch veranlagten Menschen habe ich schon damals immer wieder gehört, das sei überhaupt nicht nötig: Die Bundeswehr schaffe das schon ganz alleine.

Seit Monaten wird hierzulande vor der Brandgefahr in den ausgetrockneten Wäldern gewarnt. Bereits eine achtlos weggeworfene Zigarette könne eine Katastrophe auslösen, heißt es. Und die schießen Raketen ins Moor: Das ist einfach nicht zu fassen! Dass der Rauch erst jetzt in Bremerhaven wahrzunehmen ist, liegt an den derzeitigen, für unsere Gegend eher ungewöhnlichen Südwestwinden. Normalerweise überwiegen bei uns Wetterlagen mit Seewinden aus Nordwest.

Auf der Internetseite einer Kreiszeitung mit Sitz in Syke hieß es am Mittwoch, 19.09.2018, der Brand habe sich auf einer Fläche von 800 Hektar ausgedehnt. Das Truppenübungsgelände wird seit 1876 für Schießübungen genutzt. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass es im Moorgebiet Reste nicht detonierter Munition gibt, könne die Feuerwehr das Brandgebiet aus Sicherheitsgründen nicht betreten. Daher sei davon auszugehen, dass der Brand wohl noch über einen längeren Zeitraum anhalten wird. Das Ende des Feuerwehr-Einsatzes sei derzeit nicht absehbar. Zwar stelle der Rauch, der in weiten Teilen nordwestlich des Brandherdes wahrnehmbar sei, für die Bevölkerung eine Belastung dar, eine Gefahr für die Gesundheit gehe davon jedoch nicht aus. Messungen zufolge würden "die Grenzwerte" nicht überschritten.


Na, da können wir ja alle beruhigt weiterschlafen.

Menschen, die aufgrund vom Atemwegsproblemen gesundheitlich vorbelastet sind, sehen das allerdings mit Sicherheit anders. Und auch wenn "die Grenzwerte" nicht überschritten wurden, stellt sich die Frage danach, welche Luftschadstoffe gemessen wurden und wo sich die Messstelle(n) befinden. Selbst wenn die Grenzwerte aller denkbaren Inhaltsstoffe des Rauches im Einzelnen unterschritten werden, können sie in der Summe für manche Menschen eine erhebliche Belastung darstellen. Das gleiche trifft wohl auch auf Tiere zu, die zudem nicht in der Lage sind, "Fenster und Türen geschlossen zu halten".

Das Besondere bei einem Moorbrand ist, dass nicht nur - wie bei einem Waldbrand - die oberflächige Vegetation abbrennt. Auch in den darunterliegenden Torfschichten des Moores findet das Feuer - insbesondere nach der diesjährigen, langanhaltenden Dürre - reichlich Nahrung.

Bis Dienstag hatte sich das Feuer nicht nur über eine Fläche von fünf Quadratkilometern, sondern auch in eine Tiefe von bis zu einem Meter ausgebreitet (NDR, 17.09.2018). Berechnungen des "Naturschutzbund Deutschland e. V." (NABU) zufolge könnten infolge des Brandes bereits bis zu 900.000 Tonnen CO2 freigesetzt worden sein. Selbst wenn man davon ausgehe, dass es nicht überall bis in einen Meter Tiefe brennt, komme man immer noch auf etwa 500.000 Tonnen CO2. Zur Veranschaulichung heißt es, das sei so viel, wie 50.000 Bundesbürger durchschnittlich in einem ganzen Jahr verursachen.

Nur einen Tag später war schon eine Fläche von acht Quadratkilometern von dem Brand betroffen. Der Rauch war zu der Zeit selbst in den etwa 200 Kilometer entfernten Landkreisen Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg (alle Schleswig-Holstein) zu riechen.


Moore sind wichtige Kohlenstoffspeicher

Dem NABU zufolge binden die Moore doppelt so viel Kohlenstoff, wie alle Wälder auf der Erde zusammen. Weltweit sei das etwa ein Drittel aller in Pflanzen und Pflanzenrückständen (Stichwort "fossile Brennstoffe") gebundenen Kohlenstoffe.

Somit ist der bisher im Torf des in Brand geschossenen Moores gebundene Kohlenstoff (CO), aus dem bei der Verbrennung Kohlendioxid (CO2) entsteht, ein weiterer Beitrag zur globalen Erwärmung und damit des weltweiten Klimawandels.

Herr Rahmstorf ("Potsdaminstitut für Klimafolgenforschung", PIK) schreibt in seinem Artikel "Hitze ohne Ende" (SciLogs, KlimaLounge, 06.08.2018, Zitat):
".. Vor einigen Jahren haben wir gezeigt, dass Hitzerekorde in den Monatswerten inzwischen weltweit rund fünfmal häufiger auftreten als in einem stabilen Klima. Bis 2030 wird dieser Faktor im Mittel von fünf auf zehn gestiegen sein - und die neuen Rekorde noch wärmer sein als die alten. Auch der Anteil der Landfläche der Erde, der in einem gegebenen Monat um 2 oder gar 3 Standardabweichungen über dem Mittelwert liegt, nimmt seit Jahrzehnten massiv zu (Coumou und Robinson 2013, siehe unseren Artikel Extrem heiß!). Um festzustellen, ob Hitzeextreme zunehmen, muss man also nicht erst die nächsten Jahre abwarten, wie man von den üblichen Abwieglern mal wieder lesen konnte - diese Frage ist längst untersucht, wissenschaftlich geklärt und unumstritten. ..".
Möglicherweise könnte die Hitzewelle dieses Sommers also nicht die letzte gewesen sein - auch zukünftig könnten immer wieder extrem heiße und trockene Sommer auf uns zukommen. Abzuwarten bleibt, wie lange die Bundeswehr unter derart "günstigen Voraussetzungen" dann noch benötigen wird, bis sie auch den Rest des Torfmoores noch abgefackelt und den darin gebundenen Kohlenstoff in Form von CO2 freigesetzt haben wird.


Die Schuldfrage

Am Mittwoch hat Herr Meyer (Bündnis '90, Die Grünen) Strafanzeige gegen die Verantwortlichen bei der Bundeswehr gestellt und am Donnerstag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen des Moorbrandes ein Ermittlungsverfahren "gegen Unbekannt" eingeleitet hat. Zunächst müsse aber erst einmal der Straftatbestand geklärt werden. Da der Truppenübungsplatz aber der Bundeswehr gehört, kommt Brandstiftung als Straftat wohl eher nicht in Frage - die richtet sich nämlich immer gegen fremdes Eigentum. Unter anderem sei aber zu klären, ob es sich bei dem Truppenübungsplatz um eine Zone handelt, die unter besonderem Schutz steht. Sollte das zutreffen, sei die Auslösung des Moorbrands als eine "Gefährdung schutzbedürftiger Gebiete" zu sehen.

Nach meinem Verständnis sind in jedem Fall die Menschen, die in der Umgebung eines Bundeswehrgeländes leben, "schutzbedürftig". Ob die durch das in Brand gesetzte Moor - zumindest fahrlässig - verursachte "Beeinträchtigung der Bevölkerung" einen Straftatbestand darstellen könnte, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Frage, wer für den Moorbrand verantwortlich ist, lässt sich aus meiner Sicht jedoch klar beantworten:
  • Die Schuld trägt derjenige, der "auf den Knopf gedrückt" und die Rakete auf das trockene Moorgebiet abgeschossen hat.
Nun reden sich Soldaten ja gerne damit raus, dass sie ja nur den Befehl ihres Vorgesetzten ausgeführt haben, eigentlich also gar nichts dafür können. Von einem Menschen mit gesundem Menschenverstand sollte man allerdings erwarten können, dass er den Befehl, eine Rakete in ein - nach der monatelangen Dürre - ausgetrocknetes Moor abzuschießen, auf jeden Fall in Frage stellt und in Anbetracht der gegenwärtigen Situation gegebenfalls auch bereit ist, sich zu weigern, einen solchen Befehl auszuführen.

Darüber, was von dem für den Befehl verantwortlichen Vorgesetzten des Soldaten zu halten ist, möchte ich mich hier allerdings lieber nicht auslassen. Nur soviel: Auch die Untergebenen eines Offiers der Bundeswehr sind schutzbedürftig. Ein Offizier, der seine Macht missbraucht, indem er untergebene Soldaten ohne zwingenden Grund mit einem solchen Befehl in eine solche Lage bringt, sollte aus dem Dienst entlassen werden oder zumindest an eine Stelle versetzt werden, an der er keinen weiteren Schaden mehr verursachen kann.


Der Brand entwickelt sich zur Katastrophe

Inzwischen hat der Landkreis Emsland für die Umgebung des Brandes den Katastrophenfall ausgerufen. Gestern berichteten mehrere Medien, die Bevölkerung in der Umgebung des brennenden Moores sei aufgefordert worden, sich auf eine mögliche Evakuierung vorzubereiten. Potentiell von einer Evakuierung betroffen sind 8000 Menschen in drei Ortschaften. Der zunehmende Wind entfacht das Feuer immer wieder neu. Sollte der Wind noch weiter zunehmen und sollte sich an der Windrichtung nichts ändern, wären die drei Orte durch Funkenflug bedroht.

Gestern hatte ich zufällig kurz die Gelegenheit mit einer Frau zu sprechen, die in Oldenburg zu Hause ist. Ihre Schilderung von einer Fahrt durch den Rauch, den die Sonne nur schwach durchdringen konnte, ließ apokalyptische Bilder vor meinen Augen entstehen. Wie sie weiter erzählte, hatte sie ihrerseits die Gelegenheit, mit von einer möglichen Evakuierung betroffenen Menschen zu sprechen. Die Ängste und die Verunsicherung seien für viele von ihnen eine große, auch emotionale Belastung. So hätten einer Frau, mit der sie gesprochen habe, die Tränen in den Augen gestanden.


Ersetze "Rauchwolke" durch "radioaktive Wolke"

Mittwoch habe ich mich erst einmal auf der Karte orientiert, um festzustellen wie weit das brennende Moor bei Meppen überhaupt von Bremerhaven entfernt ist. Seitdem weiß ich, dass Meppen ganz im Westen Ostfrieslands liegt. Von dort sind es nur noch etwa fünfzehn Kilometer Luftlinie bis zur holländischen Grenze. Die Entfernung zwischen Meppen und Bremerhaven beträgt etwa 130 Kilometer Luftlinie.

Weiterhin ist mir aufgefallen, dass Meppen nur etwa zwanzig Kilometer Luftlinie nördlich der Brennelementefabrik Lingen liegt. Dabei ging mir unwillkürlich ein weiterer Gedanke durch den Kopf:
  • Was wäre, wenn ich 130 Kilometer von einem Atomkraftwerk leben würde, in dem es zu einem Super-Gau mit Freisetzung größerer Mengen Radioaktivität käme? Radioaktivität kann man bekanntlich weder sehen noch riechen; Rauch schon - und bis zum Atomkraftwerk "Brunsbüttel" sind es gerade einmal knapp 60 Kilometer Luftlinie.

Fazit
  • Die Folgen des Raketenabschusses bei Meppen haben mir wieder einmal vor Augen geführt, dass man auch im eigenen Land vor den Kriegsspielen der Bundeswehr nicht wirklich sicher sein kann.

    Einigen Bremerhavenern wird beispielsweise sicher noch der Absturz eines Kampfjets am 31.01.1985 in Erinnerung sein. Damals waren bei einem "Kriegsspiel" über der Wesermündung zwei Kampfjets vom Typ "Phantom F- 4 F" in der Luft kollidiert. Eines der beiden Flugzeuge stürzte in eine Montagehalle in einem Gewerbegebiet im Norden Bremerhavens.

    Der Pilot hatte sich mit dem Schleudersitz retten können. Das zweite Besatzungsmitglied und ein Arbeiter kamen bei dem Absturz ums Leben. Fünf Menschen wurden - zum Teil schwer - verletzt. Seitdem habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich irgendwo in der Umgebung und über mir Kampjets ihre Scheinkämpfe ausfechten sehe.
  • Die Gegenüberstellung "Rauchwolke / radioaktive Wolke" ist ein anschauliches Beispiel dafür, was wir in Bremerhaven bei entsprechender Windrichtung im Falle eines Super-GAUs im Atomkraftwerk "Brunsbüttel" zu erwarten hätten. Angesichts dessen sind die geltenden Evakuierungs- und Sperrzonen in meinen Augen der blanke Hohn.

    Eine Erweiterung der Zonen werden in Niedersachsen wohl noch bis 2020 auf sich warten lassen (NDR vom 23.02.2018 und NOZ vom 23.02.2018). Nicht nur ich sehe darin ein fahrlässiges Verschleppen einer dringenden Reform der Vorgaben für den Katastrophenschutz für den Fall eines schweren Atomunfalls!

Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht
- ich jedenfalls kann angesichts dieser Erkenntnisse
  nicht wirklich beruhigt weiterschlafen.




(Quellen: NDR vom 23.02.2018, NOZ vom 23.02.2018, NDR vom 20.09.2018, Mediengruppe Kreiszeitung vom 19.09.2018, NDR vom 17.09.2018, KlimaLounge vom 06.08.2018 , Die Zeit vom 22.02.1985 )