Sonntag, 7. Oktober 2018

Kistner-Gelände: Politik gefährdet Finanzierung

Im Januar dieses Jahres begannen die Abriss- und Sanierungs- arbeiten auf dem Kistner-Gelände. Im September hätte eigentlich mit dem Bau des Edeka-Marktes an der Hafenstraße begonnen werden sollen. Seit dem Ende der Abrissarbeiten herrscht jedoch Stillstand auf der Baustelle.

Abrissarbeiten auf dem Kistnergelände (Februar 2018)
Wie die Bremerhavener Nordsee-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 06.10.2018 berichtet, ist das darauf zurückzuführen, dass die Große Koalition den Bebauungsplan blockiert, weil die Koalitionäre (CDU und SPD) sich offenbar nicht darüber einigen können, ob die Werftstraße nun - wie es der Öffentlichkeit Ende 2016 vorgestellt worden war - ein verkehrsberuhigter Zuweg zu den geplanten Wohngebieten an der Geeste und auf dem benachbarten ehemaligen Werftgelände werden soll, oder eine Durchgangsstraße zwischen der Hafenstraße und dem Baumarkt an der Melchior-Schwoon-Straße.

Dass die Werftstraße aber keine Abkürzung zwischen der Hafen und der Melchior-Schwoon-Straße werden soll, hatte die Stadtverordnetenver- sammlung bereits im April 2016 beschlossen. Auch in der "Vorlage Nr. 19/213-L" zur Sitzung der staatlichen Deputation für Wirtschaft, Arbeit und Häfen am 07.09.2016, bei der es um die Verwendung von Mitteln aus dem "Europäischen Fonds für regionale Entwicklung" (EFRE) für die Revitalisierung des Kistner-Geländes ging, ist das genau so festgehalten. Auf Seite 26 der Vorlage heißt es im Abschnitt "B Lösung" (Zitat):
".. Es wird daher folgende, zwischen den genannten Akteuren abgestimmte, weitere Vorgehensweise empfohlen: .. Die Werftstraße soll nicht als durchgehende Erschließungsstraße und damit Abkürzung zum Baumarkt konzipiert werden, sondern im Sinne einer adäquaten Verkehrsverteilung und -beruhigung in etwa mittiger Lage für den Kfz-Verkehr unterbrochen sein. Diese verkehrsbaulichen und grünplanerischen Maßnahmen sind in Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt seitens der Dezernate VI und VII (hier insbesondere Ämter 66 und 67) sowie der BEG unter Berücksichtigung des Straßenbaubeitragsortsgesetzes gemeinsam vorzunehmen. .."

Die Tonnendachhalle (Pressenhalle) und der Schornstein bleiben erhalten
Die Nordsee-Zeitung zitiert Herrn Raschen (CDU, Fraktionsvorsitzender) jetzt mit den Worten (Zitat): "Ich sehe aber nicht ein, warum man eine ausgebaute Straße nicht auch vollständig nutzen soll." Das sei einer der Gründe, weshalb die CDU dem Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan bisher nicht zugestimmt habe.

Das ist eine Begründung, die ich nicht nachvollziehen kann; zumal die Werftstraße nicht die erste Straße in Bremerhaven wäre, die aus Gründen der Verkehrsberuhigung als Einbahnstraße oder als Sackgasse ausgelegt worden ist. Eines der "berühmtesten" Beispiele dafür ist die Lindenallee, eine ehemalige Hauptverkehrsstraße, im Bremerhavener Stadtteil Wulsdorf. Die endet heute direkt vor dem Anschluss an die Auffahrt zur A27. Die Bewohner der angrenzenden Wohngebiete, die früher nach wenigen hundert Metern auf der Autobahn waren, müssen heute einen großen Umweg über die neue Umgehungsstraße entlang der südlichen Stadtgrenze fahren.

Weiteren Beratungsbedarf habe es bezüglich der Suche nach einem alternativen Standort für eine Skateranlage (auch so eine "Never ending Story") gegeben, die im aktuellen Bebauungsplan so nicht vorgesehen war. Nachdem die strittigen Punkte jetzt geklärt seien, solle der geänderte Bebauungsplan im November im Bauauschuss beschlossen werden.

Der Bebauungsplan ist die Grundlage für sämtliche Bauvorhaben auf dem Kistnergelände. Das beinhaltet unter anderem auch die Sanierung der Verlade-Kaje des ehemaligen Kalksandsteinwerks an der Geeste. Nachdem zwei Jahre mit Auseinandersetzungen über die - eigentlich längst festgelegte - Funktion der Werftstraße und mit der Suche nach einem Standort für eine Skateranlage vergeudet worden sind, soll der geänderte Bebauungsplan nun im Dezember endlich beschlossen werden ...


Mittel der EU in Millionenhöhe drohen zu verfallen

Modell der Neubebauung von der Hafenstraße aus gesehen.
- Im Vordergrund ein Nahversorger (Frischemarkt) -

In trockenen Tüchern ist die Revitalisierung des Kistner-Geländes damit aber möglicherweise immer noch nicht. Dem Bericht der Nordsee-Zeitung zufolge ist die Freigabe der EFRE-Mittel in Höhe von 2,16 Millionen Euro - das ist immerhin gut ein Drittel der veranschlagten Gesamtkosten zur Finanzierung der Erschließungsmaßnahmen (!) - an den Beginn der Sanierungsarbeiten an der ehemaligen Verlade-Kaje gebunden. Damit kann aber erst begonnen werden, nachdem im Dezember (hoffentlich) der Beschluss für den Bebauungsplan vorliegen wird.

Dem Bericht der Nordsee-Zeitung zufolge endet die Frist für die Freigabe der EFRE-Mittel Ende dieses Jahres. Jetzt prüfe Herr Grantz (SPD, Oberbürgermeister) aber erst einmal, ob es rechtlich überhaupt möglich ist, die Änderungsvorschläge der Fraktionsvorsitzenden der CDU und der SPD umzusetzen.

Außerdem sei zu prüfen, ob der geänderte Bebauungsplan erneut ausgelegt werden muss und ob mit der Änderung des Bebauungsplans die Erstellung eines neuen Lärmschutz- und Verkehrsgutachtens notwendig wird. Sollte das der Fall sein, könne sich der Beschluss des Bebauungsplanes um mehrere Monate verzögern. Die bereits bewilligten EFRE-Mittel für die Erschließung des Kistner-Geländes könnten dann nicht mehr in Anspruch genommen werden.


Blick von der Geeste: Links Hostel mit Pressenhalle und Schornstein

Wenn in den vergangenen gut zehn Jahren um den Erhalt - zumindest des historischen Kerns - der ehemaligen Kalksandsteinfabrik als Industriedenkmal gerungen wurde, hieß es seitens der Politiker regelmäßig, dafür habe die Stadt kein Geld. Und nun, da ein Investor gefunden wurde, der das unter Denkmalschutz stehende Ensemble aus der "Tonnendachhalle" und dem Schornstein in sein Projekt integrieren will und Fördergelder der Europäischen Union für die Sanierung und Erschließung des Geländes zur Verfügung stehen, droht das Projekt wegen eines absolut sinnlosen Streits der Koalitionäre in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung an der - eigentlich weitgehend sicheren - Finanzierung zu scheitern.

Gerade im Süden des Bremerhavener Stadtteils Lehe haben wir - insbesondere im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die Zukunft des Kistnergeländes - ja schon so einiges erlebt. Aber auch wenn man es eigentlich nicht mehr für möglich hält, ist offenbar doch immer noch eine Steigerung möglich.
  • Das ist einfach nicht zu fassen!

(Quellen: Nordsee-Zeitung vom 06.10.2018, Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen der freien Hansestadt Bremen - Vorlage Nr. 19/213-L für die Sitzung der Deputation für Wirtschaft, Arbeit und Häfen am 07.09.2016)

Samstag, 22. September 2018

Die Rauchwolke von Meppen

Irgendwann in der vergangenen Woche öffnete ich wie gewöhnlich die Fenster und meine Balkontür, um meine Wohnung zu lüften. Als ich auf den Balkon hinaustrat, stellte ich fest, dass es draußen nach Rauch roch. Mein erster Gedanke war: "Irgendwo in der Nachbarschaft brennt es."

Ich schaute mich um, konnte in der näheren Umgebung aber keine aufsteigenden Rauchwolken entdecken. Da ich den Rauch aber nicht in der Wohnung haben wollte, ging ich wieder hinein und schloss ich die Balkontür und die Fenster ...

Später - beim Einkaufen - hörte ich, wie jemand sagte, der Rauch wehe von Ostfriesland zu uns nach Bremerhaven herüber. Irgendwo auf der anderen Seite der Weser brenne das Moor ...

In diesem Jahr hat es bei uns seit Mai so gut wie gar nicht geregnet. Nach der monatelangen Hitze dieses Sommers bestand eine sehr hohe Waldbrandgefahr. Anderenorts war es auch schon zu größeren Waldbränden gekommen. In dem brennenden Moor auf der anderen Seite der Weser muss wohl ebenfalls alles ausgedörrt sein. Da wird das Feuer sich in der ausgetrockneten Vegatation wohl schnell ausgebreitet haben ...

Abends hörte ich in den Nachrichten, das Moor brenne in der Nähe von Meppen. Die Menschen in der näheren Umgebeung des Brandes seien aufgefordert worden, die Fenster und Türen geschlossen zu halten. Auch in Bremen gebe es eine entsprechende Empfehlung. Dem Nachrichtensprecher zufolge liegt das brennende Moor auf einem Truppenübungsgelände der Bundeswehr. Bereits vor zwei Wochen, am 03.09.2018(!), habe die Besatzung eines Kampfhubschraubers eine Rakete in das Moor abgeschossen und es damit in Brand gesetzt. Ein Kettenfahrzeug, das zur Brandstelle geschickt wurde, um das Feuer zu löschen, sei auf dem Weg dorthin wegen eines technischen Defekts ausgefallen.
Früher, zur Zeit des kalten Krieges, hatten viele Menschen ständig Angst davor, dass "die Russen kommen" würden. Von sarkastisch veranlagten Menschen habe ich schon damals immer wieder gehört, das sei überhaupt nicht nötig: Die Bundeswehr schaffe das schon ganz alleine.

Seit Monaten wird hierzulande vor der Brandgefahr in den ausgetrockneten Wäldern gewarnt. Bereits eine achtlos weggeworfene Zigarette könne eine Katastrophe auslösen, heißt es. Und die schießen Raketen ins Moor: Das ist einfach nicht zu fassen! Dass der Rauch erst jetzt in Bremerhaven wahrzunehmen ist, liegt an den derzeitigen, für unsere Gegend eher ungewöhnlichen Südwestwinden. Normalerweise überwiegen bei uns Wetterlagen mit Seewinden aus Nordwest.

Auf der Internetseite einer Kreiszeitung mit Sitz in Syke hieß es am Mittwoch, 19.09.2018, der Brand habe sich auf einer Fläche von 800 Hektar ausgedehnt. Das Truppenübungsgelände wird seit 1876 für Schießübungen genutzt. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass es im Moorgebiet Reste nicht detonierter Munition gibt, könne die Feuerwehr das Brandgebiet aus Sicherheitsgründen nicht betreten. Daher sei davon auszugehen, dass der Brand wohl noch über einen längeren Zeitraum anhalten wird. Das Ende des Feuerwehr-Einsatzes sei derzeit nicht absehbar. Zwar stelle der Rauch, der in weiten Teilen nordwestlich des Brandherdes wahrnehmbar sei, für die Bevölkerung eine Belastung dar, eine Gefahr für die Gesundheit gehe davon jedoch nicht aus. Messungen zufolge würden "die Grenzwerte" nicht überschritten.


Na, da können wir ja alle beruhigt weiterschlafen.

Menschen, die aufgrund vom Atemwegsproblemen gesundheitlich vorbelastet sind, sehen das allerdings mit Sicherheit anders. Und auch wenn "die Grenzwerte" nicht überschritten wurden, stellt sich die Frage danach, welche Luftschadstoffe gemessen wurden und wo sich die Messstelle(n) befinden. Selbst wenn die Grenzwerte aller denkbaren Inhaltsstoffe des Rauches im Einzelnen unterschritten werden, können sie in der Summe für manche Menschen eine erhebliche Belastung darstellen. Das gleiche trifft wohl auch auf Tiere zu, die zudem nicht in der Lage sind, "Fenster und Türen geschlossen zu halten".

Das Besondere bei einem Moorbrand ist, dass nicht nur - wie bei einem Waldbrand - die oberflächige Vegetation abbrennt. Auch in den darunterliegenden Torfschichten des Moores findet das Feuer - insbesondere nach der diesjährigen, langanhaltenden Dürre - reichlich Nahrung.

Bis Dienstag hatte sich das Feuer nicht nur über eine Fläche von fünf Quadratkilometern, sondern auch in eine Tiefe von bis zu einem Meter ausgebreitet (NDR, 17.09.2018). Berechnungen des "Naturschutzbund Deutschland e. V." (NABU) zufolge könnten infolge des Brandes bereits bis zu 900.000 Tonnen CO2 freigesetzt worden sein. Selbst wenn man davon ausgehe, dass es nicht überall bis in einen Meter Tiefe brennt, komme man immer noch auf etwa 500.000 Tonnen CO2. Zur Veranschaulichung heißt es, das sei so viel, wie 50.000 Bundesbürger durchschnittlich in einem ganzen Jahr verursachen.

Nur einen Tag später war schon eine Fläche von acht Quadratkilometern von dem Brand betroffen. Der Rauch war zu der Zeit selbst in den etwa 200 Kilometer entfernten Landkreisen Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg (alle Schleswig-Holstein) zu riechen.


Moore sind wichtige Kohlenstoffspeicher

Dem NABU zufolge binden die Moore doppelt so viel Kohlenstoff, wie alle Wälder auf der Erde zusammen. Weltweit sei das etwa ein Drittel aller in Pflanzen und Pflanzenrückständen (Stichwort "fossile Brennstoffe") gebundenen Kohlenstoffe.

Somit ist der bisher im Torf des in Brand geschossenen Moores gebundene Kohlenstoff (CO), aus dem bei der Verbrennung Kohlendioxid (CO2) entsteht, ein weiterer Beitrag zur globalen Erwärmung und damit des weltweiten Klimawandels.

Herr Rahmstorf ("Potsdaminstitut für Klimafolgenforschung", PIK) schreibt in seinem Artikel "Hitze ohne Ende" (SciLogs, KlimaLounge, 06.08.2018, Zitat):
".. Vor einigen Jahren haben wir gezeigt, dass Hitzerekorde in den Monatswerten inzwischen weltweit rund fünfmal häufiger auftreten als in einem stabilen Klima. Bis 2030 wird dieser Faktor im Mittel von fünf auf zehn gestiegen sein - und die neuen Rekorde noch wärmer sein als die alten. Auch der Anteil der Landfläche der Erde, der in einem gegebenen Monat um 2 oder gar 3 Standardabweichungen über dem Mittelwert liegt, nimmt seit Jahrzehnten massiv zu (Coumou und Robinson 2013, siehe unseren Artikel Extrem heiß!). Um festzustellen, ob Hitzeextreme zunehmen, muss man also nicht erst die nächsten Jahre abwarten, wie man von den üblichen Abwieglern mal wieder lesen konnte - diese Frage ist längst untersucht, wissenschaftlich geklärt und unumstritten. ..".
Möglicherweise könnte die Hitzewelle dieses Sommers also nicht die letzte gewesen sein - auch zukünftig könnten immer wieder extrem heiße und trockene Sommer auf uns zukommen. Abzuwarten bleibt, wie lange die Bundeswehr unter derart "günstigen Voraussetzungen" dann noch benötigen wird, bis sie auch den Rest des Torfmoores noch abgefackelt und den darin gebundenen Kohlenstoff in Form von CO2 freigesetzt haben wird.


Die Schuldfrage

Am Mittwoch hat Herr Meyer (Bündnis '90, Die Grünen) Strafanzeige gegen die Verantwortlichen bei der Bundeswehr gestellt und am Donnerstag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen des Moorbrandes ein Ermittlungsverfahren "gegen Unbekannt" eingeleitet hat. Zunächst müsse aber erst einmal der Straftatbestand geklärt werden. Da der Truppenübungsplatz aber der Bundeswehr gehört, kommt Brandstiftung als Straftat wohl eher nicht in Frage - die richtet sich nämlich immer gegen fremdes Eigentum. Unter anderem sei aber zu klären, ob es sich bei dem Truppenübungsplatz um eine Zone handelt, die unter besonderem Schutz steht. Sollte das zutreffen, sei die Auslösung des Moorbrands als eine "Gefährdung schutzbedürftiger Gebiete" zu sehen.

Nach meinem Verständnis sind in jedem Fall die Menschen, die in der Umgebung eines Bundeswehrgeländes leben, "schutzbedürftig". Ob die durch das in Brand gesetzte Moor - zumindest fahrlässig - verursachte "Beeinträchtigung der Bevölkerung" einen Straftatbestand darstellen könnte, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Frage, wer für den Moorbrand verantwortlich ist, lässt sich aus meiner Sicht jedoch klar beantworten:
  • Die Schuld trägt derjenige, der "auf den Knopf gedrückt" und die Rakete auf das trockene Moorgebiet abgeschossen hat.
Nun reden sich Soldaten ja gerne damit raus, dass sie ja nur den Befehl ihres Vorgesetzten ausgeführt haben, eigentlich also gar nichts dafür können. Von einem Menschen mit gesundem Menschenverstand sollte man allerdings erwarten können, dass er den Befehl, eine Rakete in ein - nach der monatelangen Dürre - ausgetrocknetes Moor abzuschießen, auf jeden Fall in Frage stellt und in Anbetracht der gegenwärtigen Situation gegebenfalls auch bereit ist, sich zu weigern, einen solchen Befehl auszuführen.

Darüber, was von dem für den Befehl verantwortlichen Vorgesetzten des Soldaten zu halten ist, möchte ich mich hier allerdings lieber nicht auslassen. Nur soviel: Auch die Untergebenen eines Offiers der Bundeswehr sind schutzbedürftig. Ein Offizier, der seine Macht missbraucht, indem er untergebene Soldaten ohne zwingenden Grund mit einem solchen Befehl in eine solche Lage bringt, sollte aus dem Dienst entlassen werden oder zumindest an eine Stelle versetzt werden, an der er keinen weiteren Schaden mehr verursachen kann.


Der Brand entwickelt sich zur Katastrophe

Inzwischen hat der Landkreis Emsland für die Umgebung des Brandes den Katastrophenfall ausgerufen. Gestern berichteten mehrere Medien, die Bevölkerung in der Umgebung des brennenden Moores sei aufgefordert worden, sich auf eine mögliche Evakuierung vorzubereiten. Potentiell von einer Evakuierung betroffen sind 8000 Menschen in drei Ortschaften. Der zunehmende Wind entfacht das Feuer immer wieder neu. Sollte der Wind noch weiter zunehmen und sollte sich an der Windrichtung nichts ändern, wären die drei Orte durch Funkenflug bedroht.

Gestern hatte ich zufällig kurz die Gelegenheit mit einer Frau zu sprechen, die in Oldenburg zu Hause ist. Ihre Schilderung von einer Fahrt durch den Rauch, den die Sonne nur schwach durchdringen konnte, ließ apokalyptische Bilder vor meinen Augen entstehen. Wie sie weiter erzählte, hatte sie ihrerseits die Gelegenheit, mit von einer möglichen Evakuierung betroffenen Menschen zu sprechen. Die Ängste und die Verunsicherung seien für viele von ihnen eine große, auch emotionale Belastung. So hätten einer Frau, mit der sie gesprochen habe, die Tränen in den Augen gestanden.


Ersetze "Rauchwolke" durch "radioaktive Wolke"

Mittwoch habe ich mich erst einmal auf der Karte orientiert, um festzustellen wie weit das brennende Moor bei Meppen überhaupt von Bremerhaven entfernt ist. Seitdem weiß ich, dass Meppen ganz im Westen Ostfrieslands liegt. Von dort sind es nur noch etwa fünfzehn Kilometer Luftlinie bis zur holländischen Grenze. Die Entfernung zwischen Meppen und Bremerhaven beträgt etwa 130 Kilometer Luftlinie.

Weiterhin ist mir aufgefallen, dass Meppen nur etwa zwanzig Kilometer Luftlinie nördlich der Brennelementefabrik Lingen liegt. Dabei ging mir unwillkürlich ein weiterer Gedanke durch den Kopf:
  • Was wäre, wenn ich 130 Kilometer von einem Atomkraftwerk leben würde, in dem es zu einem Super-Gau mit Freisetzung größerer Mengen Radioaktivität käme? Radioaktivität kann man bekanntlich weder sehen noch riechen; Rauch schon - und bis zum Atomkraftwerk "Brunsbüttel" sind es gerade einmal knapp 60 Kilometer Luftlinie.

Fazit
  • Die Folgen des Raketenabschusses bei Meppen haben mir wieder einmal vor Augen geführt, dass man auch im eigenen Land vor den Kriegsspielen der Bundeswehr nicht wirklich sicher sein kann.

    Einigen Bremerhavenern wird beispielsweise sicher noch der Absturz eines Kampfjets am 31.01.1985 in Erinnerung sein. Damals waren bei einem "Kriegsspiel" über der Wesermündung zwei Kampfjets vom Typ "Phantom F- 4 F" in der Luft kollidiert. Eines der beiden Flugzeuge stürzte in eine Montagehalle in einem Gewerbegebiet im Norden Bremerhavens.

    Der Pilot hatte sich mit dem Schleudersitz retten können. Das zweite Besatzungsmitglied und ein Arbeiter kamen bei dem Absturz ums Leben. Fünf Menschen wurden - zum Teil schwer - verletzt. Seitdem habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich irgendwo in der Umgebung und über mir Kampjets ihre Scheinkämpfe ausfechten sehe.
  • Die Gegenüberstellung "Rauchwolke / radioaktive Wolke" ist ein anschauliches Beispiel dafür, was wir in Bremerhaven bei entsprechender Windrichtung im Falle eines Super-GAUs im Atomkraftwerk "Brunsbüttel" zu erwarten hätten. Angesichts dessen sind die geltenden Evakuierungs- und Sperrzonen in meinen Augen der blanke Hohn.

    Eine Erweiterung der Zonen werden in Niedersachsen wohl noch bis 2020 auf sich warten lassen (NDR vom 23.02.2018 und NOZ vom 23.02.2018). Nicht nur ich sehe darin ein fahrlässiges Verschleppen einer dringenden Reform der Vorgaben für den Katastrophenschutz für den Fall eines schweren Atomunfalls!

Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht
- ich jedenfalls kann angesichts dieser Erkenntnisse
  nicht wirklich beruhigt weiterschlafen.




(Quellen: NDR vom 23.02.2018, NOZ vom 23.02.2018, NDR vom 20.09.2018, Mediengruppe Kreiszeitung vom 19.09.2018, NDR vom 17.09.2018, KlimaLounge vom 06.08.2018 , Die Zeit vom 22.02.1985 )

Dienstag, 13. März 2018

Fukushima - der siebte Jahrestag des Super-GAUs

Vor 7 Jahren ereignete sich der zweite Super-GAU in der kurzen Geschichte des "Atomzeitalters". Infolge eines Erdbebens, für dessen Stärke die vier Atomreaktoren der japanischen Atomkraftanlage "Fukushima-I" (Dai-ichi) nicht ausgelegt waren. In der Folge fielen die Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3 trocken. Aufgrund der nun fehlenden Kühlung drohte die Kernschmelze.

Nachdem die Techniker mithilfe von Kfz-Akkus eine Notstromversorgung hergestellt hatten, interpretierten sie die Anzeige des Notfall-Kühlsystems falsch, was zu einer weiteren Überhitzung der Brennstäbe führte. Ein nachfolgender Tsunami mit einer Wellenhöhe, der die Sicherheitsanlagen der direkt an der Pazifikküste gelegenen Anlage ebenfalls nichts entgegenzusetzen hatten, führte erneut zu einem totalen Ausfall der Stromversorgung. Die Folgen der daraufhin einsetzenden dreifachen Kernschmelze sind bekannt. Der Ablauf der Katastrophe lag hingegen lange im Dunkeln. Die arte-Dokumentation aus dem Jahre 2012 rekonstruiert die Ereignisse vom 11. März 2011.

Wer gemeint hat, die Menschheit würde aus ihren Fehlern lernen, der musste bereits nach dem ersten Super-GAU in der Atomkraftanlage "Tschernobyl" (Ukraine, April 1986) erkennen, dass es wohl erst noch schlimmer kommen müsste, bevor es zu einem Umdenken kommen würde.


Irrationales Handeln

Eigentlich hatte die aktuelle, atomfreundliche japanische Regierung die aufgrund des Erdbebens und des Tsunamis abgeschalteten Atomreaktoren schnell wieder in Betrieb nehmen wollen: Von Beginn an war es ihr Bestreben gewesen, der Welt weiszumachen, dass sie "die Sache im Griff hat".

Sieben Jahre nach dem dreifachen Super-GAU sind jedoch erst vier des ehemals 54 Atommeiler wieder am Netz. Ein fünfter Reaktor, der im August 2016 wieder in Betrieb genommen worden war, musste aufgrund eines Gerichtsbeschlusses im Dezember 2017 wieder heruntergefahren werden. Die Richter stuften die Risikoeinschätzung der Atomaufsichtsbehörde als unzureichend ein und warfen ihr "irrationales" Handeln vor. 

Die Dekontaminationsbemühungen in den betroffenen Gebieten sind teuer und nicht flächendeckend. Wind und Wetter tragen die Radioaktivität aus den benachbarten Gebieten zurück in die dekontaminierten Zonen innerhalb der evakuierten Zonen. Trotzdem drängt die japanische Regierung darauf, dass die Menschen zurückkehren. Wer das nicht will, verliert die staatliche Unterstützung.

Hinzu kommt, dass unter den radioaktiven Partikeln inzwischen auch etwa 70 Nanometer kleine Kristalle aus Urandioxid und etwa 200 Nanometer kleine, poröse Kristalle aus einer Mischung aus Uran- und Zirkoniumoxiden festgestellt wurden. Die Halbwertszeiten der gefundenen lungengängigen Zirkonium- und Uran-Nanopartikel liegen im Bereich von "Milliarden Jahren". Bisher war man ausschließlich von relativ kurzlebigen Nuklide wie Cäsium ausgegangen.


Olympische Spiele in Fukushima?

Wenn es nach der Regierung in Japan geht, dann wird die gesamte Sperrzone bis 2020, spätestens 2023 wieder freigeben. Im Rahmen der Olympischen Spiele 2020 sollen Wettkämpfe in Fukushima stattfinden. Das sagt Herr Fukumoto Masao (Japan, Journalist) in einem ".ausgestrahlt"-Interview. Wäre ich einer der betroffenen Sportler, dann würde ich meine Teilnahme an den olympischen Spielen in Japan absagen! Die "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung e.V." (IPPNW) berichten indes von einer besorgniserregenden Zunahme von Krebserkrankungen unter den von der Atomkatastrophe betroffenen Menschen.


Krebserkrankungen nehmen zu

In der Absicht, die Sorgen der Bevölkerung über gesundheitliche Folgen der Atomkatastrophe zu zerstreuen, werden seit 2011 bei Menschen in der Präfektur Fukushima, die zum Zeitpunkt der Kernschmelzen unter 18 Jahre alt waren, alle zwei Jahre die Schilddrüsen untersucht. Nach Angaben der IPPNW ist die Absicht der japanischen Behörden nicht aufgegangen. Stattdessen hätten die Untersuchungen mittlerweile besorgniserregende Ergebnisse zu Tage gefördert.

Besorgniserregend sei vor allem die Tatsache, dass zwischen Erst- und Zweituntersuchung, also in einem Zeitraum von nur zwei Jahren, fünfzig neue Krebsfälle entdeckt wurden. Bei bislang rund 270000 untersuchten Kindern entspräche das einer Neuerkrankungsrate von etwa neun Fällen pro 100000 Kindern pro Jahr. Noch stünden rund dreißig Prozent aller Ergebnisse aus. Sollte sich dieser Trend jedoch bestätigen, entspräche das einem rund sechsundzwanzigfachen Anstieg der Neuerkrankungsrate.

Aufgrund der eindeutigen Voruntersuchungen aller Patienten lasse sich dieses Ergebnis nicht durch einen Screening-Effekt erklären oder relativieren. Auch zeige sich mittlerweile eine geographische Verteilung der Schilddrüsenkrebsfälle in Fukushima. Die höchsten Raten an Neuerkrankungen seien demnach in den Regionen zu verzeichnen, die 2011 am stärksten radioaktiv kontaminiert wurden.

Laut Datenbank des japanischen Krebsregisters habe die Neuerkrankungsrate von kindlichem Schilddrüsenkrebs vor der Atomkatastrophe bei rund 0,35 pro 100.000 Kinder pro Jahr gelegen. Demzufolge wäre in der Präfektur Fukushima eine einzige Neuerkrankung pro Jahr zu erwarten gewesen. Tatsächlich seien seit der Atomkatastrophe mittlerweile bei 194 Kindern in der Feinnadelbiopsie Krebszellen gefunden worden. 159 von ihnen seien aufgrund eines rasanten Tumorwachstums, einer ausgeprägten Metastasierung oder einer Gefährdung vitaler Organe mittlerweile operiert worden.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Dr. Alex Rosen (IPPNW, Vorsitzender, Kinderarzt) die aktuellen Bestrebungen in Japan, die Schilddrüsenuntersuchungen zu reduzieren und gegebenenfalls ganz einzustellen. Aus Sicht der Atomkraftbefürworter und der japanischen Behörden - eine unseelige Allianz, die in Japan unter der Bezeichnung "Atomdorf" bekannt ist - sind diese Bestrebungen durchaus nachvollziehbar: Es ist nicht, was nicht sein darf.



Zum Weiterlesen:
  • Strahlentelex:
    Folgen von Fukushima
    Totgeburten, Perinatalsterblichkeit und Säuglingssterblichkeit in Japan

    Aktualisierung der Trendanalysen von 2001 bis 2015
    (PDF-Dokument)


    (Quellen: IPPNW vom 08.03.2018, scinexx vom 02.03.2018, .ausgestrahlt vom März 2018 )

    Samstag, 10. März 2018

    Das Juwiversum

    In den vergangenen Monaten habe ich meine Homepage, "Das Juwiversum", grundlegend überarbeitet. Infolge einiger Änderungen an der "Hypertext Markup Language" (HTML) - das ist die den Internetseiten zugrundelegende Programmiersprache - die im Laufe der letzten Jahre zum Verlust wichtiger Formatierungen geführt hatten, waren insbesondere die Texte an vielen Stellen nicht nur sinnbildlich "aus den Fugen geraten".

    Die Kapitel "Globale Welt" ("Klimawandel", "Unser täglich Brot", "Atomkraft") und "Kunst und Kultur" (Bremerhavener Kultureinrichtungen und Kunst im öffentlichen Raum) habe ich inhaltlich vorerst nicht verändert. Pläne dafür liegen jedoch bereits in der Schublade. Dafür hat sich aber im Kapitel "Bremerhaven, Lehe" an einigen Stellen etwas getan.

    So steht beispielsweise im Leher "Goethe-Quartier" an der Ecke Stormstraße/Lutherstraße nicht mehr das alte Haus mit dem verheerenden Brandschaden im Vordergrund, sondern der Neubau, der dort stattdessen jetzt zu sehen ist. Der Brand, der Abriss des alten- und die Neubauphase des neuen Hauses sind jetzt Thema einer "Zeitreise in die Vergangenheit". Andere neue Zeitreisen führen in die Vergangenheit der ehemaligen "Deichschule" und des "Pausenhofs Lehe" oder in die Vergangenheit der inzwischen ebenfalls abgerissenen "Alfred-Delp-Schule".

    Ansonsten kann man sich nach wie vor durch die Straßen des "Goethe-Quartiers" mit seiner flächendeckend weitgehend erhalten gebliebenen Gründerzeitbebauung klicken. Ursprünglich hatte dem Kapitel "Bremerhaven, Lehe" meine Absicht zugrunde gelegen, der negativen Berichterstattung in den Medien, die schönen Seiten "meines" Gründerzeitquartiers entgegenzustellen. Das Thema "Schrottimmobilien" hatte ich deshalb in der Einleitung nur am Rande erwähnt.

    Die schönen Seiten des Leher "Goethe-Quartiers" stehen auch weiterhin im Vordergrund. An einigen Stellen gehe ich jetzt aber näher auf die Ursachen für den Niedergang einiger verwahrloster Gebäude ein. Ich zeige beispielhaft Gründe auf, die den endgültigen Verlust einiger Gebäude im Quartier zur Folge hatten und ich zeige Beispiele dafür, wie Gebäude, die sich zum wiederholten Male in der Zwangsversteigerung befanden, gerettet werden konnten, weil einige Mitmenschen, denen etwas an der Zukunft des Goethe-Quartiers liegt, die Möglichkeit hatten, Geld in die Hand zu nehmen, um gefährdete Immobilien grundlegend zu sanieren.


    Die Seiten des Juwiversums sind für die Darstellung in einem Internet-Browser am PC optimiert. Die Displays von Smartphones sind für die Darstellung der Seiten zu klein. Außerdem stehen einige Funktionen nur bei der Verwendung einer Computer-Maus zu Verfügung. Die für die Navigation wichtigen Popup-Infos über den Web-Links im Text und über den Navigationsbuttons sind deshalb auch auf größeren Tabletts nicht zu sehen.

    Ich hoffe, dass sich zukünftige Änderungen und Neuerungen an der  HTML nicht wieder negativ auf die Darstellung der Seiten auswirken werden. Etwas mehr Rücksicht auf die Kompatiblität mit bereits seit Jahren bestehenden Seiten wäre durchaus wünschenswert ...