Sonntag, 23. Dezember 2018

Weihnachtsabend

Weihnacht an der Nordseeküste (Bremerhaven, Neuer Hafen)

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s, durch alle Gassen scholl
der Kinder Jubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
"Kauft, lieber Herr!" Ein magres Händchen hielt
feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
sah ich ein blasses Kinderangesicht;
wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
erkannt ich im Vorübergehen nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
"Kauft, lieber Herr!" den Ruf ohn Unterlaß;
doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? War's Ungeschick, war es die Scham,
am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh' meine Hand zu meiner Börse kam,
verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
erfaßte mich die Angst im Herzen so,
als säß' mein eigen Kind auf jenem Stein
und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

Theodor Storm (1817 - 1888)


Wie in jedem Jahr haben auch in diesem Jahr "die Bitten der Bittenden" in der Adventszeit wieder Hochkonjunktur. Organisationen der Atomkraftgegener, der Seenotretter im Mittelmeer, der Natur- und Klimaschutz-Verbände, der Lobby-Kontrolleure, der Demokratischen Netzwerke, der Menschenrechtsorganisationen, Brot für die Welt, ... - Alle brauchen sie Geld für ihre Kampagnen. Die Nachfrage ist in dieser Zeit bedeutend größer, als das, was ich anzubieten habe. Wenn ich für alle diese Bittsteller, deren Anliegen auch mir am Herzen liegen, spenden wollte, dann bliebe für mich selbst kaum noch etwas zum Leben übrig.

Also muss ich Jahr für Jahr Prioritäten setzten. Die Arbeit dieser Organisationen ist schließlich ein wichtiger Gegenpol gegen die Aktivitäten der Klimakiller, der Ackervergifter, der industiellen Tierquäler, der Gen-Manipulateure, der Diesel-Betrüger, der Wasser-Vampiere und vielen anderen, die aus reiner Geldgier und Gewinnsucht an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen: Die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen ist wichtig für unsere Zivilgesellschaft.


Und dann sind da noch die Bettler am Straßenrand. Einer sitzt, auf einer Decke. Ein Hund kuschelt sich eng an ihn. So wärmen sie sich gegenseitig. Mit dem, was in einer auf der Decke stehenden Dose landet, müssen beide zurechtkommen.

Ein anderer kniet, die Hände mit den Handflächen nach oben auf einem Kissen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Menschen vor mir knien. Jedesmal wenn ich ihn irgendwo in der "Bürger" knien sehe, gehe ich an ihm vorbei.

Anderen gebe ich etwas - wechselweise. Wenn ich in die Stadt gehe, habe ich immer zwei bis drei "Silbermünzen" griffbereit in der Tasche. Für die Sänger, die Musikanten und für die stumm Bittenden.

Dem vor mir Knienden habe ich noch nie etwas gegeben. Ich fühle mich von ihm unter Druck gesetzt. Er vermittelt mir das Gefühl, als müsse er erst vor mir knien, bevor ich ihm etwas gebe. Er sollte besser aufstehen, damit wir einander in die Augen sehen können - auf Augenhöhe.

Und trotzdem - bei den Worten Theodor Storms hatte ich plötzlich wieder den knienden Bettler vor Augen: War's Ungeschick, war es die Scham, am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? ... - ich denke, ich werde ihn einmal ansprechen und ihn bitten, aufzustehen.


Sicher gibt es andere Menschen, die mehr abgeben könnten als ich. Aber ich haben den Eindruck, dass die Wohl-Habenden festhalten, was sie haben. Vielleicht, weil sich sich unwohl fühlen, wenn sie etwas von ihrem Reichtum an "nichtsnutzige Zeitgenossen" verschwenden.

Ich habe damit andere Erfahrungen gemacht. Ich fühle mich gut, wenn ich dabei helfen kann, hilfsbedürftigen Menschen zu helfen. Das muss auch nicht unbedingt Geld kosten. Eine Unterschrift unter eine Petition kann beispielsweise mithelfen, ein Leben zu retten. Gemeinsam mit vielen anderen Menschen lässt sich viel erreichen.


Abschließend komme ich noch einmal auf die oben erwähnten Seenotretter im Mittelmeer zurück. Die werden von Europas politischen Eliten inzwischen ja immer mehr in die kriminelle Ecke gedrängt. Dabei sind nicht die Seenothelfer, sondern die Schlepperbanden die Kriminellen, welche die Flüchtenden für teueres Geld mit völlig seeuntüchtigen Booten auf die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer schicken.
  • Seenotrettung ist kein Verbrechen!

Zum "Fest der Liebe" wünsche ich mir, dass mehr und mehr Menschen nicht nur an sich selbst, sondern auch an ihre Mitmenschen denken.


Allen anderen wünsche ich
ein friedliches und besinnliches Weihnachtsfest.


Kommt gut ins neue Jahr.


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