Freitag, 25. November 2011

Castor - Besorgniserregende Strahlung

Atomkraft? Nein Danke!Gestern Morgen hatte der CastorTicker gemeldet, im im Abstand von zwei Metern vom Castor sei bei einer Hintergrundstrahlung von 0,13 µSv/h (Mikrosievert pro Stunde) eine Äquivalentdosis in Höhe von 1,65 µSv/h gemessen worden.

Etwas später hieß es, bei einer weiteren Messung seien im Abstand von 30 Metern 0,45 µSv/h festgestellt worden. Eine Angabe zur natürlichen Hintergrundstrahlung wurde hierzu leider nicht bekannt gegeben.

Gestern Abend wurden dann um 17:50 Uhr aktualisierte Messwerte veröffentlicht: In einem Abstand von 2 Metern seien 37 µSv/h gemessen worden. Bei dieser Angabe wurde außerdem nach Neutronen- (25 µSv/h) und Gammastrahlung (12 µSv/h) differenziert.

Im Vergleich zu den 1,65 µSv/h von gestern Morgen lagen die gestern Abend festgestellten 37 µSv/h um den Faktor 22,4(!) höher.

Ich habe gelernt, dass die Radioaktivität einer Strahlenquelle entsprechend der Halbwertszeit(en) ab-, nicht aber zunimmt. In Anbetracht des hochradioaktiven Inhalts der Castoren, dessen Bestandteile Halbwertzeiten von Tausenden-, vielen Millionen- bis hin zu Milliarden von Jahren aufweisen, sollten die Halbwertszeiten bezüglich unterschiedlicher Messwerte keine Rolle spielen. Daher hätte ich nahezu identische Messwerte erwartet.

Die einzig plausiblen Gründe, mit denen ich mir die unterschiedlichen Messwerte erklären könnte (sofern bei den Messungen kein Fehler passiert ist), wäre ein Leck in der Abschirmung zumindest eines der Castoren oder aber eine äußerliche Kontamination der Atommüllbehälter mit radioaktivem Material.

Ich habe beim Team des CastorTickers nachgefragt, ob dort Erkentnisse bezüglich der für mein Gefühl recht großen Unterschiede zwischen den Messdaten von gestern Morgen und gestern Abend vorliegen.

Ich erhielt die Auskunft, die gestern Abend veröffentlichten Messwerte seien das Ergebnis einer Messung, die eine "Organisation, die davon Ahnung hat" vor der Abfahrt des Zuges in Valognes erfasst hat. Die aktualisierten Messwerte seien daher jedenfalls die "richtigeren". Die gestern Morgen und tagsüber veröffentlichten Messwerte seien ohne Angabe der genauen Quelle von "Sortir du nucléaire" übermittelt worden.


Abstand halten

Für die natürliche Strahlenbelastung wird in Deutschland eine Äquivalentdosis ein mittlerer Wert von 2,4 mSv pro Jahr zugrunde gelegt. Heruntergerechnet auf eine Stunde entspricht das einem mittleren Wert von 0,27 µSv/h für die natürliche Hintergrundstrahlung in Deutschland. Da es sich um einen über das gesamte Gebiet der Bundesrepublik gemittelten Wert handelt, ist zu beachten, dass die lokale Strahlung je nach den örtlichen Umgebungsbedingungen stark variiert.

In Deutschland gelten - zusätzlich zur natürlichen Hintergrundstrahlung - folgende Grenzwerte für die Äquivalentdosis:
  • 1 mSv (1000 µSv) pro Jahr (§5, §46 Strahlenschutzverordnung)
  • 0,02 mSv (20 µSv) pro Woche
  • 0,003 mSv (3 µSv) pro Tag
  • 0,000 1 mSv (0,1 µSv) pro Stunde

    (Quelle: Wikipedia)

Die 0,1 µSv/h entsprechen der gestern von mir - ausgehend von Jahresgrenzwert für den Schutz von Einzelpersonen der Bevölkerung - berechneten Äquivalentdosis pro Stunde von 0,11 µSv/h. Der gestern Morgen gemeldete Messwert in Höhe von 1,65 µSv/h ergäbe abzüglich der dazu genannten Hintergrundstrahlung von 0,13 µSv/h eine Äquivalentdosis von 1,52 µSv/h, der Menschen im Abstand von zwei Metern von den Castoren ausgesetzt wären. Bereits dieser Wert läge um das 15-fache über dem Grenzwert für die Äquivalentdosis pro Stunde.

Wenn nach die Auskunft der Teams des CastorTickers "richtigeren" Daten, die gestern Abend als "aktualisierte Messwerte" bekanntgegeben wurden, zutreffen sollten, dann wäre der Grenzwert für die Äquivalentdosis pro Stunde (0,1µSv) in zwei Metern Abstand vom Castor-Transport mit 36,73 µSv/h (CastorTicker von gestern Abend) um das 367-fache(!) überschritten. (Da für die gestern Abend bekanntgegebenen Daten keine Hintergrundstrahlung angegeben wurde, habe ich hilfsweise den oben genannten Mittelwert pro Stunde für Deutschland abgezogen.)

Aber wie auch immer: Mit Blick auf die Sicherheit des Zug-Begleitpersonals sowie derjenigen der zur Sicherung des Transports eingesetzten Polizistinnen und Polizisten sind die bekannt gewordenen Messdaten in jedem Fall besorgniserregend. Da die Strahlung mit größeren Abständen zur Strahlenquelle abnimmt, ist es auf jeden Fall eine gute Idee, auf einen ausreichenden Abstand von den Castoren zu achten.

Wenn der Gewerkschaft der Polizei seitens der verantwortlichen Politiker zugesichert worden ist, die Sicherheitskräfte seien keiner Strahlung ausgesetzt, dann war das wohl gelogen. Schade eigentlich, dass die politischen Handlanger der Atomkonzerne die Einsatzkräfte der Polizei in Gorleben wieder einmal in eine unerträglich Zwangslage manövrieren. Wäre die Polizei nicht gezwungen, "auf der anderen Seite" zu stehen, dann wären wir ein gutes Team. Sollten die besorgniserregenden Messdaten bestätigt werden, dann hoffe ich auf ein gehöriges Nachspiel für die für die Genehmigung des Castor-Transports verantwortlichen Politiker und deren Zuarbeiter. Trotz der auch dieses Mal anlässlich der Proteste gegen den Atommüll-Transport wieder zu erwartenden Reibereien würde ich es begrüßen, wenn die Organisationen der Atomkraftgegner und die Interessenvertreter der Polizei dann an einem Strang ziehen würden.


Entgegen der Behauptungen aus dem Französischen Innenministerium von gestern Abend, der Castor-Zug würde noch in der Nacht weiterfahren, standen die 11 Castoren heute Morgen um 7 Uhr immernoch in Rémilly (Frankreich, Lothringen, ca. 20 km süd-östlich von Metz).


Inzwischen ist auch der TAZ-LiveTicker online

Gorleben Castor 2011
- 39 Stunden seit Valognes -


(Quellen: CastorTicker, Wikipedia)

Kommentare:

Frau Momo hat gesagt…

Kerstin Rudek (BI Lüchow-Dannenberg):

»Wer noch Kinder bekommen möchte, sollte desertieren und weglaufen – das raten wir jedem einzelnen Polizisten mit Blick auf die Strahlung aus den Castoren.«

Es könnte morgen wohl doch ungemütlich werden, nicht nur wettertechnisch. Die Polizei rüstet ordentlich auf:

"Immer mehr AtomkraftgegnerInnen bereiten sich auf die Proteste vor. Die Polizei plant den massiven Einsatz von Pfefferspray."

Anonym hat gesagt…

Ein Physiker

Guten Tag,

es ist nicht ganz so schlimm: Die genannten 1mSv pro Jahr sind ein Jahresgrenzwert - den man nicht auf Stunden herunterrechnen kann. Schliesslich laufen die gleichen Polizisten nicht 365 Tage im Jahr neben dem Castor her.

Wenn Ihr so rechnen wolltet, würden wir alle im Augenblick der Röntgenaufnahme tot umfallen, weil wir da kurzzeitig einer Riesenstrahlenbelastung ausgesetzt sind.

Nehmen wir die 1,52µSv/h und rechnen eine 8-Stunden Schicht eines Polizisten, kommen wir auf etwa 0,012mSv. Demnach wäre ein Transport pro Woche lässig drin, ohne irgendwas zu überschreiten.

Noch ein Vergleich: Angenommen, unser Polizist ist Raucher. Je nach Marke, Rauchgewohnheiten und Filter setzt er sich damit zusätzlichen 10-50mSv im Jahr aus, oder 5,4µSv pro Stunde, wenn er ein Päckchen am Tag raucht. Der rauchende Polizist erhält also aufgrund des Rauchens beim Castortransport zusätzlich die vierfache Dosis dessen ab, was vom CASTOR Behälter kommt.

Nur zur Info.

juwi hat gesagt…

@Physiker: Du hast natürlich Recht, wenn du sagst, dass dein Polizist nicht das ganze Jahr lang neben dem Castor herläuft. Da ich aber inzwischen sicher bin, dass der Messwert vom Abend des gleichen Tages (37 µSv/h, Abstand 2 Meter) der plausible Wert ist, sieht die Angelegenheit schon nicht mehr so "harmlos" aus, wie du sie darzulegen versuchst. Ich denke, da kann man sehr wohl von besorgniserregend sprechen. Da Radioaktivität aber auch dann Gewebeschäden hervorrufen kann, wenn die geltenden Grenzwerte eingehalten werden, kann man zwar lange über Grenzwerte, Wichtungsfaktoren etc. diskutieren, aber sicherer wird der Umgang mit radioaktiven Stoffen dadurch mit Sicherheit nicht.

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