Donnerstag, 18. Dezember 2008

Ein Leben für den Frieden

Wenn man als junger Mann mit einem Brief von Kreiswehrersatzamt in der Hand seinen Eltern erklärt, man beabsichtige die Teilnahme am Kriegs- dienst zu verweigern, und man bekommt dann zur Antwort: "Da kommst du ja doch nicht mit durch. Geh da man ruhig hin. Das hat noch niemandem geschadet.", dann ist man gezwungen fremde Menschen um Hilfe und Unterstützung zu bitten.

Auf diese Weise lernte ich damals Herrn Spohler kennen. Im Jahre 1957 hatte er die Bremerhavener Ortsgruppe der "Internationale der Kriegsdienstgegner" gegründet. Seit dem stand er zahlreichen jungen Männern als Berater bei der Verteidigung ihrer Rechte gegen den Zwang des Staates, sich gegen ihr Gewissen zur Anwendung von von Waffen für das Töten von Menschen und das Zerstören fremden Eigentums ausbilden zu lassen, zur Seite. Ich erhielt von ihm wichtige Hinweise auf mögliche Fallstricke und über die Gedankenwelt der Verhandlungsführer bei der mündlichen Anhörung zur Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgrün- den. Damit bewahrte er mich davor, dass ich völlig unvorbereitet von den Herren des "Prüfungsausschusses" überrumpelt werden konnte.

Davon abgesehen half Herr Spohler mir in meiner damaligen Situation aber auch schon allein dadurch, dass ich in ihm einen Menschen kennengelernt hatte, der sich die Zeit nahm, mir einfach nur zuhören, der mich ernst nahm, der mir aus seinem Leben und über seine Eindücke aus dem Zweiten Weltkrieg erzählte. Die Erlebnisse während des Bombenangriffs auf Bremerhaven im Jahre 1944 und vom Überleben in den Trümmern danach machten ihm bewusst, was der Einsatz von Kriegswaffen gegen Menschen bedeutet. Ähnliche Schilderungen von den Bombenangriffen des Jahres 1944 auf Bremerhaven kannte ich bereits aus Erzählungen meiner Mutter, die während dieses Kriegsjahres ihr "Pflichtjahr" auf einem Bauernhof in Sievern verbrachte. Es waren unter anderem auch die Erzählungen aus ihrer Kindheit und Jugend während der Nazi-Diktatur, die mich dazu veranlassten, den Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweiger aus Gewissensgründen zu stellen.

Die vielen Todesopfer in Bremerhaven und die Zerstörung seiner Heimat- stadt machten aus Herrn Spohler den überzeugten Pazifisten, den ich später kennen lernte. Als es nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1954
um die Wiederbewaffung Westdeutschlands ging, stellte er sich dem entgegen. Er vertrat öffentlich seinen Standpunkt, dass zur Abwendung der Gefahr neuer Kriege, die Grundlage der Kriege zerstört werden müsse.

Wie der folgende Leserbriefwechsel zeigt, machte Herr Spohler auch immer wieder die Leser der Bremerhavener Nordsee-Zeitung auf sein Anliegen aufmerksam:

Leserbrief in der Nordsee-Zeitung vom 15.10.1994:
Sind Soldaten Mörder?

Krieg ist meiner Ansicht nach großes Morden. Seine Opfer sind unschuldige Zivilpersonen und Soldaten. Selbstverständlich auch Soldaten: Denn das ist das eigentlich Unbegreifliche. Dass das größte Menschheitsverbrechen von grundanständigen, gutartigen Menschen ausgeführt wird. Diese sind durch Beeinflussung und Zwang zur aktiven Kriegsteilnahme getrieben worden. In der Kampfsituation: entweder du oder der andere, schießen sie aus Panik und Angst. Das militärische System bewirkt dann, dass der eigene Lebens- erhaltungswille zum Kampfantrieb wird, auf beiden Seiten, was eine Schutzfunktion des Schießens illusorisch macht. Gefallen, ein unzutreffendes Wort. Es wird absichtlich und gezielt getötet.

Die Tragik der Soldaten war immer wieder, zur aktiven Teilnahme am größten Menscheitsverbrechen missbraucht worden zu sein, verraten und verkauft. Das kann künftig nur verhindert werden, wenn sich die Menschen freihalten von militärischer Unterordnung und Waffenaus- bildung. Sie müssen sich ganz einfach gemäß der eigenen Natur verhalten, die in riesiger Überzahl frei ist vom Hang zu Mord und Totschlag. Mit den kläglichen Ausnahmen kann man keinen Krieg mehr machen.

Hugo Spohler


Leserbrief in der Nordsee-Zeitung vom 30.01.1995
Kritik eines Generals

Sind Soldaten Mörder? Doch wohl nicht alle. Schon gar nicht die Bundeswehrsoldaten. Allerdings könnten sie zum Töten gezwungen werden. Wodurch? Durch unser demokratisch gewähltes Parlament im Fall einer Verteidigung. Deshalb begrüße ich die sicher etwas überzogene öffentliche Stellungnahme zum Urteil des Verfassungs- gerichts, die Generalmajor Schultze Rhonhof in klare Worte gefasst hat. Höchste Gerichte aus der Nazizeit mit heute geltenden zu vergleichen, ist sicher unsinnig und wohl auch anders gemeint.

Der General ist vor allem auch moralisch für seine 23.000 Soldaten verantwortlich. Diese Verantwortung hat er lobenswerterweise ohne Rücksicht auf seine Person deutlich gemacht. Tucholskys Zitat: Soldaten sind Mörder, zeitkritisch von ihm geschrieben, führt zu Missverständnissen. Frust der Betroffenen ist das Ergebnis. Unser Sohn leistet wie viele andere seinen Wehrdienst in der Bundeswehr. Ihn möchten meine Frau und ich entschieden davor bewahren, irgendwann als Mörder bezeichnet zu werden. Bundeswehrwaffen sind keine Spielzeuge. Sie sind im ernsten Verteidigungsfall Tötungswerk- zeuge. Dennoch ist unsere Bundeswehr ein wichtiger Bestandteil mühsam erkämpfter Demokratie in unserem Land. Die Soldaten dieser Verteidigungseinheiten als Mörder anzusehen, ist daher mehr als absurd.

Fritz Bürckel


Leserbrief in der Nordsee-Zeitung vom 07.02.1995
Trick mit der Verteidigung

Der Leserbriefautor Kritik eines Generals verwahrte sich zu Recht dagegen, dass sein Sohn (Soldat) als Mörder bezeichnet wird. Er schreibt, die Bundeswehr Waffen seien Tötungswerkzeuge im Verteidigungsfall. Und daran liegt es: Überall gibt es nur Verteidi- gungsminister, alle verteidigen bzw. verteidigten nur, die Amerikaner in Vietnam, die Sowjets in Afghanistan, die Kroaten, die Serben, die Bosnier. Auch die Russen jetzt in Tschetschenien. Dort verteidigen sie nach Auffassung ihrer (Ver)Führer die Einheit Russlands. In Wahrheit töten, verbrennen und zerstören sie alle nur.

Die russischen Soldaten vor Grosny, von denen viele den mörderischen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt haben, sind sicherlich auch deswegen kriegsmüde. Weil sie sich darauf besinnen, selber weiss Gott keine Mörder zu sein und doch zum Morden gezwungen zu werden. Und da ist die Hoffnung auf die Zukunft, daß sie frei sind von Mördereigenschaften und sich folglich weigern werden, am großen Morden des Krieges teilzunehmen.

Hugo Spohler

Für seinen langjährigen Einsatz für den Frieden überreichten die Bremer- havener Grünen Herrn Spohler im Jahre 1989 als erstem Preisträger den Harry-Bohnsack-Gedächtnispreis.

1987 wurde das Recht auf Kriegsdienstverweigerung durch die UNO-Voll- versammlung als internationales Menschenrecht anerkannt. Wie wir alle wissen, ist die Welt jedoch bis heute nicht friedlicher geworden. Wenn
aber wenigstens einige wenige winzige Maschen im weltumspannenden Friedensnetz geknüpft werden konnten, wenn die Menschen, denen er in ihrer Not zur Seite stand, ihre und seine Ideen zur Schaffung einer friedlicheren Welt weitertragen, dann ist das unter anderem auf den unermüdlichen Einsatz von Herrn Spohler zurückzuführen.

Gestern habe ich erfahren, dass Hugo Spohler am 12. Dezember 2008
im Alter von 81 Jahren gestorben ist.


(Quellen: Wikipedia, Bündnis 90 / Die Grünen Bremerhaven)

Kommentare:

Elfe hat gesagt…

Hallo Juwi

Solche Menschen braucht es, die sich immer wieder neu für den Frieden einsetzen und die Gräuel des Krieges aufzeigen. Wie junges Leben zerstört wird, liest man auch von den jungen Soldaten die im Irak kämpften, nicht nur die, die getötet wurden, nein auch die die wieder nach Hause kommen, sie sind nach diesen Einsätzen oft physisch und psychisch schwer geschädigt.

Doch ob wir ohne ohne Armee auskommen heutzutage, ich weiss es nicht, keiner traut dem anderen, zuerst müssten alle Waffen zerstört werden und Frieden von innen heraus gelernt werden, ein langer, langer Weg.

Liebe Grüsse
Elfe

Elias hat gesagt…

Ich freue mich, dass du an dieser Stelle auf Hugo Spohler aufmerksam machst. Auch mich hat er gut beraten. Vielen Generationen von KDVlern hat er mit seiner menschlichen Art sehr geholfen.

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