Samstag, 11. Juni 2011

Tiere im Zoo

Der kleine - aber feine - "Zoo am Meer" nach dem Umbau von oben gesehen
In einem Kommentar zu meinem gestrigen Artikel über Wildfänge frei lebender Delfine stellte sich jemand die Frage, ob es generell falsch ist, Tiere in Zoos zu halten. Da eine umfassende Antwort den Rahmen eines Kommentars gesprengt hätte, gibt's die jetzt etwas ausführlicher hier.

Tiere in Zoos, zumindest in den deutschen und in denen vieler anderer Länder, sind in der Regel keine Wildfänge, sondern die bereits in Gefangenschaft geboren Nachkommen von Zootieren. Ausnahmen sind hierzulande vom Zoll beschlagnahmte exotische Tiere, die, wenn sich ihre Herkunft nicht mehr einwandfrei nachweisen lässt, in Zoos untergebracht werden. Auf diese Weise ist zum Beispiel auch der Waran im Eingangsbereich zum Etappenziel Kamerun der "Reise" im "Klimahaus 8° Ost" nach Bremerhaven gekommen. Dass "von Amts wegen" auf "artgerechte Tierhaltung" geachtet wird, hat ja zum Beispiel auch zum Totalumbau unseres kleinen "Zoo am Meer" (der in den Köpfen vieler Bremerhavener übrigens immer noch "Tiergrotten" heißt) geführt.

Ob "artgerechte Tierhaltung" immer auch an den Bedürfnissen der Tiere gemessen wird, sei dahingestellt. Im Falle der sogenannten "Nutztiere" gibt es ja genug schlechte Beispiele dafür, dass das Tierschutzgesetz eher die Interessen der Tierhalter schützt, als diejenigen der Tiere. Eigentlich müsste das Gesetz im Falle dieser Tiere richtiger "Tierfoltergesetz" heißen. Wenn man die Bezeichnung "Tierschutzgesetz" ernstnehmen würde, und gleichzeitig die vielfach qualvollen Lebensbedingungen der Tiere, von denen wir uns ernähren, zugunsten des Profits ihrer Halter aufrechterhalten will, dann müsste es für diese Tiere eigentlich konsequenterweise ein eigenes "Nutztierhalterschutzgesetz" geben. Aber das ist wieder eine andere Geschichte ...


Eisbären in den Bremerhavener "Tiergrotten": Artgerechte Tierhaltung früher ...
Die Kritiken einiger Zoobesucher, die unseren "Zoo am Meer" noch als den alten Zeiten kennen, zeigen, dass "artgerechte Tierhaltung" bei vielen Menschen, die nur ihr persönliches Vergnügen befriedigen wollen, nicht unbedingt gut ankommt. Nischen, in die sich die Tiere zur Wahrung ihrer Privatsphäre zurückziehen können, sind etwas, an das sich die Leute erst einmal gewöhnen werden müssen. Würde man sie fragen, ob es ihnen gefallen würde, wenn man sie den ganzen Tag lang angaffen würden, dann würde man in der Regel wohl bestenfalls verständnislose Gegenfragen in Verbindung mit einem Hinweis auf das viele Eintrittsgeld, für das sie eine entsprechende "Gegenleistung" seitens der Tiere erwarten, zur Antwort bekommen.

Wenn ich gelegentlich in die Tiergrotten gehe, dann nehme ich mir immer viel Zeit mit. Bisher habe ich auf diese Weise immer noch alle Tiere zu sehen bekommen (und aufgrund meiner intensiven Beobachtungen einiges über sie hinzugelernt), wo andere Leute nur leere Gehege gesehen haben. Wenn ich derartige Äußerungen höre, dann spreche ich die Leute gelegentlich darauf an, und versuche ihnen den Grund dafür klar zu machen. Die Reaktionen sind dann immer zweigeteilt. Aber ich denke, dass ich auch schon einige Menschen von meinem Standpunkt überzeugen konnte.


... und heute (Eisbärgehege im Bremerhavener "Zoo am Meer" nach dem Umbau 2005)
Ein Argument für die Haltung von Tieren in Zoos ist die Erhaltung vom Aussterben bedrohter Arten. Um Inzuchten zu vermeiden, sind diese Tiere oft in anderen Zoos zu Besuch, um die genetische Vielfalt ihrer Nachkommen zu erhalten. Wenn man so will, übernehmen die Zoos damit die Funktion einer Art moderner "Arche Noah". Es könnte ja immerhin sein, dass irgendwann einmal die Möglichkeit besteht, sie wieder auszuwildern. Das würde aber in jedem Fall immer eine ausreichende Zahl von Individuen voraussetzen. Unter Umständen müssten sich für einen solchen Auswilderungsversuch also alle Zoos der Welt von den entsprechenden Tieren trennen.

Da die Bedrohung vieler Arten aber auf die Vernichtung ihrer natürlichen Lebensräume zurückzuführen ist, habe ich so meine Zweifel, ob Auswilderungen in einer fernen Zukunft in allen Fällen möglich sein werden. Vernünftiger wäre es deshalb meiner Ansicht nach, die Lebensräume bedrohter Tierarten zu erhalten und die gefährdeten Tiere vor den Nachstellungen von Wilderern zu schützen. Letztlich käme das auch wieder den Menschen, und unter Klimaschutz-Gesichtspunkten, dem gesamten Planeten Erde zugute.

Wie schwierig der Schutz des Lebensraums von Tieren aber ist wird deutlich, wenn man sich dessen bewusst ist, dass die Gier nach dem schnellen Profit selbst vor unseren nächsten Verwandten, zum Beispiel den Orang Utans auf Borneo und Sumatra, nicht halt macht. "Orang Utan" bedeutet in der Sprache der malaiischen Ureinwohner soviel wie "Waldmensch". Wenn man den wahren Namen dieser Tiere also wörtlich nähme, dann müsste man im Zusammenhang mit der Vernichtung ihres Lebensraums, dem Regenwald, von Völkermord sprechen.


Zum weiterlesen:

Unser kleiner Zoo am Meer

Auch die "Weserkrabbe" hatte sich kürzlich damit beschäftigt

(Quellen:  Nordsee-Zeitung vom 29.04.2011, Nordwestdeutsche Zeitung vom 28.04.2011, Focus vom 26.01.2011, Menschenaffen.info, Borneo Urang-Utan-Hilfe, Wikipedia Orang-Utan und Europäisches Erhaltungszuchtprogramm, Tiergarten Schönbrunn Erhaltungszucht, Zoll Artenschutz, Broschüre "Artenschutz ..."und "Private Einfuhren")

Kommentare:

Der Geestendorfer hat gesagt…

Hallo Jürgen,

vielen Dank für Deinen Artikel. Die meisten Tiere im Zoo sind ja keine Tiere aus der Wildnis mehr. Unsere Tiergrotten und der Zoo in Jaderberg erfüllen wohl den Standart für artgerechte Tierhaltung.

Tschüss
Holger

kellerlanplayer hat gesagt…

Ich hab mir über die moralischen Bedenken die man beim Zoobesuch hat. auch mal Gedanken gemacht.

Natürlich wird man ein Tier nie Artgerecht halten können, trotzdem sind Zoos meiner Meinung nach wichtig, um auch den Kindern zu zeigen, was auf der Welt eigentlich schützenswert ist.

Dein Arche-Noah Argument stimmt zwar, aber das könnte man auch in Nationalparks gewährleisten können (da wäre aber dann wieder die Frage der Finanzierung.)

Eine eindeutige Antwort auf die Frage Zoobesuch gut oder schlecht, wird es denke ich nie geben.

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