Sonntag, 5. Juni 2011

Jetzt doch: Stufenweiser Atomausstieg

Atomkraft? Nein Danke!Am 03.06.2010 hatten die Ministerpräsidenten der Länder Frau Merkel (CDU, Bundeskanzlerin) dazu bewegen können, von ihrem ursprünglichen Plan abzuweichen, in den Jahren 2021/22 alle verbleibenden Atomkraftwerke auf einen Schlag stillzulegen. Statt dessen soll es jetzt doch einen stufenweisen Ausstieg aus der Nuzung der Atomenergie geben. Ab 2015 sollen die Atomkraftwerke jeweils zu einem festgelegten Datum stillgelegt werden. Die drei Neuesten sollen 2022 abgeschaltet werden.

Ein "abgeschaltetes" Atomkraftwerk soll jedoch weiterhin für den Fall von Stromengpässen als sogenannte Kaltreserve in Bereitschaft gehalten werden. Nicht nur aus meiner Sicht ist das völliger Blödsinn. Es dauert mehrere Tage, bis ein Atomkraftwerk nach einem längeren Stillstand wieder Strom erzeugen kann. Um es überhaupt in Bereitschaft halten zu können, sind jährlich 50 Millionen Euro notwendig. Unter diesen Voraussetzungen wären moderne, effiziente Gas-Blockheizkraftwerke mit Sicherheit eine besser geeignete "Kaltreserve" für die Zeit während der Energiewende.

Herr Oppermann (SPD, parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion) hält den neuen Zeitplan für einen großen Erfolg der SPD und der Anti-Atom-Bewegung und sieht eine Chance für einen Energiekonsens. Ich kann schlecht ausmachen, wie groß der Anteil der SPD an dem sich abzeichnenden Teilerfolg ist. Wenn es denn tatsächlich so kommen sollte, dann ist das aus meiner Sicht zwar immer noch besser als gar nichts, aber ein "großer" Erfolg wäre es meines Erachtens nur dann gewesen, wenn als Ende für den Zeitraum des Atomausstiegs 2015/17 ins Auge gefasst worden wäre. Und so grausam die Vorstellung auch ist: Ohne den Super-GAU in der japanischen Atomkraftanlage "Fukushima-I" würde die schwarz-gelbe Bundesregierung wohl immer noch an der - aufgrund der massenhaften Proteste bestenfalls vielleicht etwas modifizierten - Laufzeitverlängerung festhalten.


Der "volkswirtschaftliche Nutzen"

Die ernsthafte Auseinandersetzung mit entsprechenden Studien von Umweltschutzorganisationen scheitert aber wohl wieder einmal am schnöden Mammon. Herrn Pfeiffer (wirtschaftspolitischer Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag) jedenfalls geht das jetzt alles zu schnell. Dadurch entfalle der ursprünglich gerechnete volkswirtschaftliche Nutzen von rund 30 Milliarden Euro an vertraglichen Abschöpfungen und aus der Brennelementesteuer.

Keinen Gedanken verschwendet der Herr Pfeiffer jedoch daran, welchen volkswirtschaftlichen Schaden ein möglicher Super-GAU in einem deutschen Atomkraftwerk verursachen würde. Sein volkswirtschaftlicher Nutzen stünde dazu jedenfalls in keinem Verhältnis! Den ohnehin noch enstehenden zusätzlichen volkswirtschaftlichen Schaden durch die fortgesetzte Atommüllproduktion, sowie die Kosten für die Atommülltransporte und die Lagerung der strahlenden Hinterlassenschaften für Millionen von Jahren hat der Herr Pfeiffer in seiner Rechnung wohl ebenfalls nicht berücksichtigt. Es sind diese Leute, die auch weiterhin so skrupellos sind, unsere Heimat, unser Eigentum, unsere Gesundheit und unser Leben auf dem Altar der Atomkraft zu opfern, denen wir es zu verdanken haben würden, falls uns am Ende doch noch eines der deutschen Atomkraftwerke um die Ohren fliegen sollte.

Herr Kelber (SPD, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion) fordert, der Atomausstieg müsse durch einen Staatsvertrag oder durch eine Klausel im Grundgesetz, um den Atomausstieg unumkehrbar gemacht werden. Nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre, wäre das auch aus meiner Sicht dringend notwendig.


Effiziente Nutzung der Energie

Herr Seehofer (CSU, Bayern, Ministerpräsident), bis vor kurzem noch eiserner Verfechter der Atomkraft, weil andernfalls in Deutschland ja die Lichter ausgehen würden, verspricht den Bürgern plötzlich, beim stufenweisen Atomausstieg seien keinerlei Versorgungsengpässe zu befürchten. Voraussetzung sei jedoch eine Verdoppelung des Anteils der Stromerzeugung aus regenerativen Energiequellen. Er halte das aber für absolut realisierbar. Na also: Es geht doch. Das nenne ich mal eine saubere 180 Grad Wende. Damit kommt sogar der Herr Seehofer plötzlich dem ziemlich nahe, was Umweltschutzorganisationen schon vor langer Zeit festgestellt haben.

Nicht zu unterschätzen sind aber auch die Einsparpotentiale. So sagte Herr Weiger (BUND, Gründungsmitglied) bei der Abschlusskundgebung der Demonstration am 28.05.2011 in Bremen, allein für den Stand-by-Betrieb elektrischer Geräte werde in Deutschland die Leistung von zwei Atomkraftwerken gebraucht.

Auch mit Leuchtmitteln, die nur einen Bruchteil der Energie herkömmlicher Glühlampen brauchen, lässt sich noch eine große Menge Energie einsparen. Berechnungen der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffezienz zufolge wäre es möglich, alle deutschen Atomkraftwerke bei voller Ausschöpfung der Energieeffizienz zu ersetzen.

Alle dafür notwendigen Maßnahmen würden sich bis 2020 amortisieren. Das deckt sich mit dem, was auch Herr Liese (CDU, Europaabgeordneter) in einem Interview der ZDF heute Nachrichten vom 03.06.2011 gesagt hat. In dem Interview hatte er auch darauf hingewiesen, dass in Europa mehr als 20 Prozent der Energie aufgrund schlechter Isolierung von Gebäuden verloren geht. Daher begrüße er es sehr, dass die Ethikkommission im Zusammenhang mit dem Atomausstieg auch auf diese Misstände hingewiesen habe.

Publik-Forum - Strom ohne Atom


(Quellen: ARD Tagesschau vom 04.06.2011, ZDF heute vom 03.06.2011 Bericht 1 und Bericht 2)

Kommentare:

Der Geestendorfer hat gesagt…

Hallo Jürgen,

das wird noch eine harte Arbeit, der Atomausstieg in Deutschland. Hier ist die deutsche Wirtschaft gefragt, die Umstellung auf regenerative in den nächsten Jahren reibungslos durchzuziehen. Vor allem müssen die Stromnetze ausgebaut werden, damit die saubere Energie gleichmäßig in Deutschland verteilt wird. Es wäre fatal, wenn wir Atomstrom aus Tschechien oder Frankreich brauchen.

Gruß Holger

PS: Am Sonntag war ich beim Musikfest im Bürgerpark. Es war wieder ein tolles Erlebnis.

Wolfgang aus Greifswald hat gesagt…

Strom wird teurer! Klingt doof - ist aber so. AtomAusstieg braucht zwei StandBeine. Alternative Energieerzeugung: Es wird sich nicht vermeiden lassen, daß Windkraft-Anlagen neu errichtet und aufgrund der dezentralen Strukturen eben mehr FreiLeitungen gebaut werden müssen und wir alle, die ohne AtomStrom leben wollen, müssen eben vermehrt diese Baulichkeiten auch vor der eignen Haustür tolerieren. Die andere Seite ist das Sparen von Energie, wo auchKleinVieh schon Mist macht. StandbyBetrieb von allem möglichen Gerät können wir mit schaltsteckdosenleisten verhindern. Selbst meine WaschMaschine genehmigt sich im ausgeschalteten Zustand 7Watt. Als würde eine Energiesparlampe mit 60Watt-Äquivalent ständig brennen. Und mein Computer- Arbeitsplatz zu Hause zieht bei runtergefahrenem Rechner aber Rechenr, Bildschirm, Drucker, ext. Pladden, WLAN-Router, KabelModem mal eben 70Watt, von denen nixxx zu sehen ist. Also Rechner runterfahren und Steckerleiste ausschalten! Wenn das alle machen, läßt sich schonmal ein KernKraftwerk zusätzlich außer Dienst stellen. Zur Zeit sind ja eh 7 Kraftwerke vom Netz und trotzdem geht noch alles. Die Bahn fährt auch noch und die großen DatenFriedhöfe im Internet haben noch Saft. Mittlerweile sind wir ja schon soweit vom elektrischen Strom abhängig, daß wir ohne nichtmal mehr die Haustür aufkriegen(jedenfalls nicht die von Supermärkten und anderen öffentlichen Gebäuden)
Wir werden auch in D-Land wieder lernen, mit WENIGER auszukommen.
GLGr aus der regennassen Stadt am regennassen Meer vom Wolfgang.

juwi hat gesagt…

@Holger: Die "deutsche Wirtschaft" wäre diesbezüglich schon seit langem "gefragt" gewesen. Die haben das alles aber bisher geschickt verpennt. Deshalb wäre jetzt die Politik "gefragt", entsprechende Vorgaben zu machen. Derzeit sieht es aber so aus, als würden die Politiker solche Vorgaben ebenso geschickt verpennen wollen. Und deshalb sind wir Bürger weiterhin "gefragt", die Augen offen zu halten, und gegebenenfalls auch wieder den Mund aufzumachen.

@Wolfgang: Klar wird der Strom teurer werden. Ob das auch später noch so sein muss, sei dahingestellt. Jetzt geht es jedenfalls erst einmal darum, dass die Atomkraftwerke schnellstens vom Netz gehen, und die Energiewende innerhalb kürzester Zeit umgesetzt wird. Meine Hoffnung ist, dass andere Länder nachziehen, wenn wir beweisen können, dass Klimaschutz ohne Atomenergie machbar und finanzierbar ist. Für Investitionen in die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder bin ich gerne bereit, auf anderes zu verzichten. Und es sind ja die gleichen Politiker, die zur Zeit der "Laufzeitverlängerung" damit gedroht haben, der Strom würde teurer, die uns jetzt damit beruhigen wollen, dass es ja nur 35 Euro pro Jahr und vierköpfigem Haushalt wären. Würde jeder Haushalt 5 Euro pro Monat mehr zahlen müssen, dann wären das 60 Euro pro Jahr. Würde man die Differenz von 25 Euro pro Haushalt als zweckgebundenen Abgabe für den Ausbau der Netze kassieren, um neue Stromleitungen unterirdisch zu verlegen, dann ließe sich damit schon einmal viel Ärger vermeiden. Ich kann die Leute gut verstehen, die sich dagegen wehren, wenn man ihnen eine Hochspannungstrasse über ihre Grundstücke hängen will. | Mir ist auch bewusst, dass es Familien gibt, für die selbst 35 bis 60 Euro pro Jahr sehr viel Geld sind, und die eher ihren alten Kühlschrank behalten, bevor sie einen Kredit für einen sparsameren Neuen aufnehmen. Ich wäre sofort damit einverstanden, wenn diesen Familien Zuschüsse für Investitionen in effiziente Geräte gezahlt und die Beteiligung an Umlagen zur Finanzierung des Ausbaus der Netze erlassen werden - selbst wenn es für uns "Normalverdiener" und für die "Besserverdiener" noch etwas teurer würde. Das müsste dann nur entsprechend des Einkommens prozentual geregelt werden. Und nur mal so nebenbei bemerkt: Als es um die "Verschrottungsprämie" ging, die für den Klimaschutz absolut nichts gebracht hat, war die Finanzierung schließlich auch "kein Thema". | Deinen Anmerkungen bezüglich effizienterer Nutzung der Energie und der damit möglichen Einsparpotentiale habe ich nichts hinzuzufügen. Mir geht das alles aber nicht schnell genug: Solange es bei "2022" bleibt, werde ich weiterhin gegen die als "Atomausstieg" getarnte Laufzeitverlängerung kämpfen. | Bei uns hat's vorgestern gewittert. Gestern war's aber wieder trocken von oben.

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