Freitag, 10. Juni 2011

Die Freiheit der Delfine


Hinnerk Weiler: Kleine Delfinshow

Wir waren mit der Segelyacht "Störtebeker" eines Freundes in Bremerhaven aufgebrochen und unterwegs in Richtung Mittelmeer. Er hatte in einem Hafen an der Südküste Spaniens einen Liegeplatz für seine Fahrtenyacht organisiert, um von dort aus während der folgenden Jahre im Urlaub Segeltörns entlang der Küste und zu den spanischen Inseln zu unternehmen.

Nach einem Zwischenstop in Dover (England) und der Fahrt durch den englischen Kanal waren wir auf der Biscaya unterwegs, als wir sie das erste Mal hörten. Am deutlichsten waren ihre Rufe zu vernehmen, wenn man sich unter Deck aufhielt. Ihre Klicks und "Echolot" Geräusche prallten auf den Stahlrumpf der "Störtebeker". Und plötzlich waren die Delfine da.

Sie schwammen längsseits nah am Rumpf des Schiffes. Unter Segeln liegt eine Segelyacht immer schräg im Wasser. Lee-seitig (Lee ist die windabgewandte Seite eines Schiffes) waren es vom Deck bis zur Wasseroberfläche manchmal nur zwischen rund 50 und wenigen Zentimetern vom Deck bis zur Wasseroberfläche. Die Tiere kamen bis auf ungefähr einen Meter an die Bordwand heran. Man hatte das Gefühl, sie berühren zu können.

Aus einigen wenigen Delfinen wurden schnell mehr. Sie überholten uns, kamen zurück ... - gelegentlich sprangen sie aus dem Wasser. Einige der Tiere machten sich einen Spaß daraus, uns zu überholen und vor dem Bug der "Störtebeker" auf die andere Seite des Schiffes zu wechseln. Die Tiere begleiteten uns auf beiden Seiten. oft kam es vor, dass zwei oder auch mehrere von ihnen gleichzeitig auf die Idee kamen, ihre Kunsttückchen vor dem Bug der Yacht vorzuführen. Sie kreuzten also nicht nur unseren Weg sondern gleichzeitig auch den ihrer Clanmitglieder. Es wirkte auf mich, wie die Choreographie eines Tanzes, die sie untereinander abgesprochen hatten. Nach allem, was ich inzwischen über Wale, ihr soziales Verhalten, und ihre familären Bindungen weiß, würde es mich nicht mehr wundern, wenn es tatsächlich so gewesen wäre.

Während der folgenden Tage bekamen wir - oft auch mehrmals - Besuch von den Delfinen, und auch wenn sie nicht in Sichtweite neben dem Schiff schwammen, konnten wir oft über längere Zeit ihren "Gespräche" zuhören, die sie untereinander führten. Als ihre Besuche auf unserem weiteren Weg entlang der portugisischen Küste dann eines Tages ausblieben, habe ich "unsere" Delfine irgendwie vermisst. Aber es ist die Freiheit der Delfine, zu kommen und zu gehen, wie es ihnen beliebt.

Damals bestand meine Fotoausrüstung lediglich aus einer Kleinbildkamera mit der ich Fotos auf Dia-Filmmaterial aufnahm. Das kleine Video stammt daher nicht von mir, aber die Delfine die darin zu sehen sind, wie sie um das Boot von Hinnerk Weiler herumschwimmen, kommen dem schon sehr nahe, wie ich sie erlebt habe.


Unschuldig im Knast

Später habe ich noch einmal in einem Delfinarium im Heidepark Soltau und im Nürnberger Zoo Delfine zu sehen bekommen. Aber das war nicht das gleiche, wie meine Erlebnisse mit den frei lebenden Delfinen in der Biscaya. In Freiheit durchstreifen sie weite Gebiete in ihrer dreidimensionallen Welt freien Wassers. Solange ihre kraftvollen Ortungsrufe nicht als Echo von irgendwelchen Hindernissen zu ihnen zurückreflektiert werden, verhallen sie in der Ferne des Meeres. In den engen Becken der Delfinarien muss dass für ihr hochsensibles Ortungssystem so etwas wie eine ständige Folter sein. Delfine in Gefangenschaft sitzen unschuldig im Knast ... - und das alles nur, um den Profit ihrer Gefängniswärter zu vermehren und die Sensationslust der Vergnügungssüchtigen zu befriedigen ...
  • Delfine gehören in die Freiheit.
    In einem Delfinarium haben sie nichts verloren!

Meine Erlebnisse mit den frei lebenden Delfinen, die inzwischen 21 Jahre zurückliegen, fielen mir spontan wieder ein, als ich heute Morgen die E-Mail öffnete, die das internationale demokratische Netzwerk AVAAZ über seinen Verteiler veröffentlicht hatte.

"Sentosa" ist eine Insel vor der Küste Singapurs. Der ehemalige britische Militärstützpunkt wurde seit Beginn der siebzieger Jahre des letzten Jahrhunderts in ein Naherholungsgebiet mit vielen Vergnügungsattraktionen für die Bevölkerung Singapurs umgebaut, und ist heute ein Anziehungspunkt für Touristen aus der ganzen Welt.

Eine der Attraktionen ist die "Dolphin Lagoon", ein Delfinarium, das neben täglichen Shows, seinen Besuchern auch anbietet, zu den Delfinen ins Wasser zu gehen. Die Tiere für das Delfinarium sind Wildfänge. Nach Angaben von AVAAZ werden die Delfine dabei in flaches Wasser getrieben, wo nahezu die Hälfte der Tiere ertrinkt oder an Verletzungen stirbt, bevor es überhaupt gelingt, sie gefangen zu nehmen. Nicht ohne Grund haben deshalb viele Nationen die Jagd auf frei lebende Delfine verboten.

Sollten die Betreiber von "Sentosa" die jetzt bei Samoa gefangenen 25 Delphine unbehelligt in Gefangenschaft halten können, wird AVAAZ zufolge die Hälfte von ihnen in den ersten zwei Jahren sterben, und es wäre quasi eine Legitimation für die weithin verbotene Praxis, freilebende Delfine zu fangen.

AVAAZ hat deshalb eine Online Aktion initiiert, um die Betreiber des Vergnügungsparks auf Sentosa zu zwingen, die gefangenen Delfine freizulassen und bei der Gelegenheit auch zu versuchen, die Fangindustrie in die Knie zu zwingen. AVAAZ schreibt, der renommierte Delfin-Experte Ric O’Barry habe angeboten, die überlebenden Delfine wieder auszuwildern. Für diese Tiere wäre das eine Chance auf ein zweites Leben.

Vor zwei Jahren mussten die Betreiber des zu den Vergnügungsanlagen auf Sentosa gehörenden Aquariums aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit bereits die Pläne für eine Walhai-Ausstellung aufgeben - weil dadurch ihr "Guter Ruf" bedroht war. Mit der Petition besteht die Chance, dass wir das gleiche für die Delfine - deren Intelligenz mit der von uns Menschen verbleichbar ist - erreichen können und das unsere gemeinsamen Stimmen zu einem Wendepunkt im Kampf gegen den globalen Handel mit freilebenden Delfinen und anderen Kleinwalen führen.

Die Petition hat folgenden Wortlaut:
An den Freizeitpark Resorts World Sentosa

Wir rufen Sie auf, alle Wild-Delfine in Gefangenschaft freizulassen. Stoppen Sie den Kauf von Delfinen aus Wildfängen und unterstützen Sie die weltweiten Bemühungen gegen die Jagd und Gefangenschaft von Wild-Delfinen.


Sobald sie von 500000 Menschen unterzeichnet worden ist, soll die Petition an die an den Betreiber des Delphinariums "Resorts World Sentosa" und die Medien übergeben werden.

Wer sich darüberhinaus für das Familienleben von Kleinwalen interessiert, dem empfehle ich das autobiographische Buch "Die Sinfonie der Wale" von Alexandra Morton.


(Quellen: Süddeutsche Zeitung vom 01.10.2009, Wikipedia Delfine | Luv und Lee | Sentosa, Raincoast Resarch [engl.])

Kommentare:

Smilla hat gesagt…

Whou wunderschön!! Habe auch schon wilde Delfine gesehen und kann das Glück das du empfunden haben musst gut verstehen!!
Merci! Habe eben auch unterschrieben... und mein Mari auch!
Wünsche dir schöne Pfingsttage!
Brigitte

Der Geestendorfer hat gesagt…

Hallo Jürgen,

Deine Schilderung über die "Freiheit der Delfine" hat bei mir sofort in meinem "Kopfkino" die richtigen Bilder gebracht. Das muss ja ein fazinierender Segeltörn gewesen sein. Erst nach Deinem Bericht habe ich mir das Video angeschaut. Und es sah genau so aus wie in meinen Gedanken.

Ich muss gestehen, gestern war ich im Tierpark Jaderberg. Mit meinen neuen Photoapparat (10 x optischer Zoom) schoss ich einige Portraitphotos von den armen eingesperrten Tieren. Dein Bericht machte nachdenklich. Dürfen wir wirklich wilde Tiere in Zoos einsperren? Meine im Blog ausgestellten Photos sehe ich nun mit anderen Augen.

Tschüss
Holger

juwi hat gesagt…

@Smilla: Einer aus unserer Crew, der erst von Dover aus mitgesegelt war, ist die ganze Zeit seekrank gewesen, und er war froh, als er beim zweiten Zwischenstopp in Porto "endlich von Bord" gegen konte. Aber selbst ihn hat es nicht in der Koje gehalten, wenn er die Delfine hörte.

@Holger: Auf deinen Kommentar bin ich heute in einem Artikel über Tierhaltung in Zoos eingegangen. Ich denke, du brauchst kein schlechtes Gewissen wegen deines Besuchs im Zoo Jaderberg zu haben.

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