Donnerstag, 19. Mai 2011

"Kistner-Gelände" - eine unendliche Geschichte

Kalksandsteinwerk: Herausragendes Zeugnis Leher Industriekultur
Im Jahre 1904 eröffnete die Firma Kistner auf ihrem zwischen der Geeste und der Hafenstraße gelegenen Firmengelände ihr Kalksandsteinwerk. Damals waren Ziegel der gebräuchliche Baustoff. Der neue Kalksandstein war eine echte Innovation, und Kistner baute auf eigene Rechnung einige große Gründerzeithäuser als Referenzobjekte. Daraus entwickelte sich eine Erfolgsgeschichte, die zu einer Keimzelle für die Entwicklung im Süden des heutigen Bremerhavener Stadtteils Lehe wurde.

Noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts investierte die Firma in ihr Kalksandsteinwerk, um andere, zu der Zeit gebräuchliche Kalksandstein-Formate fertigen zu können. Als aber die Nachfrage nach immer größeren Formaten stieg, war das Ende der Kalksandsteinfabrik besiegelt. Sowohl aus Kostengründen, wie auch wegen des nicht mehr ausreichenden Platzes auf dem Gelände, wären weitere Investitionen nicht mehr wirtschaftlich gewesen. Ende März 2000 schloss mit dem Kalksandsteinwerk der letzte Industriebetrieb an der Leher Geesteschleife.

Was blieb, waren das Baugeschäft sowie der ursprünglich einmal als reiner Baumarkt konzipierte "Hobbymarkt" auf dem Gelände der Firma Kistner. Aufgrund der Konkurenz seitens der steigenden Anzahl größerer Baumärkte in Lehe, Geestemünde und in den Randgebieten Bremerhavens überlebte der "Hobbymarkt" das Ende des Kalksandsteinwerks nur knapp um zwei Jahre. Mit dem Konkurs ihres Bremerhavener Baugeschäfts endete Ende 2005 die Ära der Firma Kistner in Lehe. Der damalige Gesellschafter, Heinrich Kistner, begründete die Schließung des Bremerhavener Firmensitzes mit dem "ruinösen Wettbewerb" auf dem Bau.


Ein Industriedenkmal verfällt

Seitdem liegt das Kistner-Gelände brach. Da sich niemand mehr darum kümmerte nagte der "Zahn der Zeit" an den Gebäuden auf dem Gelände. Einzig die Gebäude des ehemaligen "Hobby Markts" und des "Pavillons" im Zufahrtsbereich an der Hafenstraße fanden noch Verwendung durch verschiedene Zwischennutzer.

Konzepte und Ideen zur Nutzung des Geländes wurden vor allem in Workshops und Arbeitsgruppen aus dem Kreis des Bürgerverins- und der Stadtteilkonferenz Lehe entwickelt. Unter den im Süden Lehes ansässigen Bürgern Brenerhavens gibt es sehr genaue Vorstellungen davon, wie die Zukunft des zentral gelegenen Geländes aussehen könnte.

Alle Anstrengungen, diese auch verwirklichen zu können, scheiterten jedoch an der Politik der Großen Koalition, die andere Pläne damit hatte. Ein Investor, der seine eigenen "Millionen" gleich mitgebracht hätte, scheiterte am Widerstand der CDU, die den Gebäudekomplex des Kalksandsteinwerks für die Unterbringung der seit Jahren eingelagerten Sammlung des ehemaligen "Nordseemuseums" nutzen wollte - ebenfalls eine unendliche Geschichte! - was aber letztlich an den klammen Kassen der Stadt und den Sparzwängen des Landes Bremen scheiterte.

Die Pläne des Investors, der seine Pläne auch der Stadtteilkonferenz Lehe vorgestellt hatte, wären denen der Leher sehr nahe gekommen und er war auch bereit, über alles weitere mit den Bürgern zu sprechen, falls die Sache konkreter geworden wäre. Der Investor, der unter anderem einen kleineren Frischemarkt an der Hafenstraße als Ankermieter vorgesehen hatte, machte seine geplante Investion davon abhängig, ob das Lieblingsprojekt Herrn Teisers (CDU, Bürgerneister und Kämmerer), "Kaufland auf dem Phillips-Field" verwirklicht werden würde oder nicht.

Der kleine Frischemarkt auf dem Kistner-Gelände hätte neben einem nur 500 Meter entfernt gelegenen Vollsortimenter "Kaufland" keine Chance gehabt. Herr Teiser und die Führung der Bremerhavener CDU nannten die seitens des Investors genannten Vorausetzungen für die Verwirklichung seiner Pläne "Erpressung". Ich nenne das "wirtschaftliche Vernunft". "Kaufland auf dem Phillips-Field" wäre dagegen, bezogen auf die Zukunft der Geschäfte in der Hafenstraße, alles andere als vernünftig!


Die Folgen der Politik ...

... der Großen Koalition während der zu Ende gehenden Legislaturperiode für die Hafenstraße und den Süden Lehes lassen sich wie folgt zusammenfassen:
  • Im Laufe der letzten vier Jahre waren die Gebäude auf dem Kistner-Gelände dem Verfall preisgegeben.
  •  Sicherungs- und Instandhaltungsmaßnahmen am vom Landesamt für Denkmalpflege als "hervorragendes Zeugnis Leher Industriekultur" eingestuften Kalksandsteinwerks fanden nicht statt.
  • Inzwischen sind das Gelände und die an dessen nördlicher Grenze verlaufende Werftstraße weiträumig abgesperrt.
  • Ein Frischemarkt als Nahversorger im südlichen Abschnitt der Hafenstraße fehlt nach wie vor
  • Pläne der CDU, das Kistner-Gelände an die holländische Ten Brinke Gruppe zu verkaufen, die alle Gebäude darauf - inklusive des Kalksandsteinwerks! - abreißen und auf dem Gelände ein Fachmarktzentrum errichten wollte, scheiterten am Widerstand der Leher Bürger
  • Nachdem die Basis der SPD sich wegen des Widerstands aus der Bevölkerung gegen den Verkauf des Phillips-Fields an die holländische Ten Brinke Gruppe ausgesprochen hatte, warf die CDU der SPD vor, sie spiele mit dem Bruch der Großen Koalition, sollte sie sich vom Lieblingsprojekt des Bürgermeisters verabschieden. Nur um des lieben Friedens willen einigte man sich letztlich darauf, das Projekt bis zum Ende der Legislaturperiode auf Eis zu legen. Herr Teiser kündigte kurz darauf an, er werde das Thema gleich zu Beginn der nächsten Legislaturperiode wieder auf die Tagesordnung setzen.
  • Kurz vor dem Ende der Legislaturperiode verkaufte die Große Koalition trotz heftiger Proteste aus der Bevölkerung, der Schausteller und seitens Bremerhavener Verbände zwei Drittel der Fläche des Bremerhavener Fest- und Veranstaltungsgeländes "Wilhelm-Kaisen-Platz" an die holländische Ten Brinke Gruppe, die dort einen "OBI-Baumarkt mit Gartencenter" ansiedeln wird.
  • Mit dem Verkauf bedroht die Große Koalition die Existenz des 200 Meter entfernt gelegenen Baumarkts "Max Bahr" sowie diejenige des 1000 Meter enfernten Baumarkts "Bauhaus" und dessen Gartencenter.
  • Aufgrund des im OBI-Baumarkt vorgesehen Back-Shops sind auch die Existenzen von vier Bäckern in der benachbarten Hafenstraße sowie diejenigen weiterer Geschäfte gefährdet, für die OBI mit seinen entsprechenden Fachabteilungen ein starker Konkurent sein wird.
  • Auch die Blumenhändler könnten wegen der Konkurenz des Gartencenters bald vom benachbarten Leher Wochenmarkt verschwunden sein.

Für mich sind das alles genug Gründe, meine fünf Stimmen an andere Parteien zu vergeben, als ausgerechnet an die CDU oder die SPD!


Eine kleine Chronologie
  • 13. Dezember 2007
    Investoren schlagen ein Projekt mit Lebensmittel-Nahversorger, kleineren Läden, kulturellen Einrichtungen etc. vor - Die CDU lehnt deren Konzept kategorisch ab.
  • 18. Dezember 2007
    Null-Dialogbereitschaft seitens der CDU: Wieviel Ignoranz halten die Leher eigentlich noch aus?
  • 7. Februar 2008
    Grundschul-Mathematik - OB Schulz beauftragt die BIS, Verhandlungen mit dem Kistner Investor zu führen.
  • 19. Mai 2008
    "Drei Säulenprogramm" der CDU für Lehe zusammengebrochen: Das "Nordsee-Museum auf Kistner-Gelände" ist aufgrund des gescheiterten Finanzierungskonzepts vom Tisch.
  • 16. Oktober 2008
    Die Stadtteilkonferenz Lehe diskutiert mit Politikern der SPD, der FDP  und der Grünen. Auch die CDU war eingeladen worden, aber leider war - wieder einmal - keiner ihrer Vertreter erschienen.
  • 25. November 2008
    Am Samstag hing es noch ...
    Ein Banner, mit dem die Leher die Entwicklung des Kistner-Geländes nach ihren Vortsellungen fordern verschwindet über Nacht.
  • 1. April 2009
    Politik à la CDU - Ein Baudenkmal, Bauklötze und "selektiver Ansiedlungsstopp"
  • 9. Mai 2009
    Kistner gehört den Lehern ...
    Gedankenaustausch Leher Bürger am Kistner-Gelände
  • 28. Mai 2009
    Es werden weiter Fakten geschaffen!
    "Kaufland nach der Wahl noch möglich"
  • 6. September 2009
    Kistner-Gelände: Ausschreibung beschlossen ...

    ... aber auch das war wieder nur eine weitere Episode der unendlichen Geschichte um die verweigerte Entwicklung des Kistner-Geländes zum Wohl und unter Mitwirkung der Bürger in der Nachbarschaft ihres dem weiteren Verfall preisgegebenen "Zeugnisses Leher Industriekultur".

Aber egal wem auch immer ihr eure Stimmen gebt:
Macht von eurem Stimmrecht Gebrauch!


Jede nicht abgegebene Stimme nützt denen, die den Verfall des Kistner-Geländes und den Verkauf des Wilhelm-Kaisen-Platzes zu verantworten haben, und die auch noch das Phillips-Field an die Holländer verscherbeln werden, sofern sie dazu die Gelegenheit erhalten. Außerdem würden die rechtsextremen Gruppierungen vom äußersten Rechten Rand des politischen Spektrums von jeder nicht abgegebenen Stimme profitieren.


Jede Stimme zählt: Wählen Gehen!


(Quellen: Nordsee-Zeitung vom 18.02.2000 und vom 17.11.2005, sowie verlinkte Artikel aus "juwi's welt")

1 Kommentar:

Elfe hat gesagt…

Hallo lieber Juwi

Dein Aufruf an die alten Menschen weiter unten, wählen zu gehen, ist berechtigt. Viele denken sich wahrscheinlich, jetzt sollen die Jungen bestimmten.

Also ich gehe immer wählen, allerdings bin ich froh, kann man das seit Jahren auch schriftlich erledigen. Wenn ich immer persönlich erscheinen müsste, weiss ich nicht ob ich nicht doch hin und wieder kneifen würde.

Allerdings haben wir auch viel anzustimmen bei uns, manchmal beinahe zu viel. Doch lieber viel als gar nicht.
Liebe Grüsse in den Abend und schönes Wochenende
Elfe

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