Dienstag, 5. April 2011

Da strahlt der Verbraucher

Atomkraft? Nein Danke!Seit einigen Tagen hört man immer mal wieder, die EU habe die Grenzwerte für radioaktiv belastete Lebensmittel erhöht. Die Politiker vermieden es anfangs, das Thema unnötigerweise publik zu machen. Warum den schlafende Hunde wecken?

Jetzt aber, wo die Kunde nun einmal in der Welt ist, werden sie nicht mehr müde, immer wieder zu versichern, der Anteil der Lebensmittel-Importe aus Japan sei so verschwindend gering, dass Radioaktivität in Lebensmitteln natürlich überhaupt gar kein Problem darstellt. Außerdem seien ja schließlich auch schärfere Vorschriften für die Kontrolle beim Import japanischer Lebensmittel in Kraft getreten.

Seitens der EU heißt es gar, die Grenzwerte seien in Wahrheit überhaupt nicht erhöht worden. Vielmehr würden diese bereits seit 1987 gelten und seien in der Verordnung "EURATOM No. 3954/87" geregelt.

Die "EURATOM No. 3954/87" wurde Ende 1987 aufgrund des Super-GAUs im Atomkraftwerk "Tschernobyl" erlassen, um in Zeiten "atomarer Krisenfälle" die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicher stellen zu können. Parallel dazu beschloss die EU eine Regelung als Handlungsgrundlage für den Fall zukünftiger Atomkatastrophen. Nun wird ja die Versorgung mit radioaktiv unbedenklichen Lebensmitteln seit dem Erdbeben, dem Tsunami und dem darauf folgenden Super-GAU in der Atomkraftanlage "Fukushima 1" offenbar tatsächlich immer mehr zu einem Problem in Japan. Allerdings ist Japan kein Mitgliedsstaat der EU und hat außerdem seine eigenen Vorschriften für den Fall einer atomaren Krise erlassen. Da infolge der dreifachen Katastrophe in Japan bisher kein radioaktiver Notstand in den EU-Ländern ausgebrochen, und auch die Lebensmittelversorgung dadurch nicht gefärdet ist, hätte die "EURATOM No. 3954/87" also eigentlich gar nicht in Kraft gesetzt werden müssen.

Seit der radioaktiven Kontaminierung der Umgebung der Atomanlage "Fukushima 1" gelten in Japan höhere Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln. Der Grenzwert für radioaktives Cäsium in der Milch liegt in Japan jetzt beispielsweise bei 200 Becquerel (Bq)/kg und bei 500 Bq/kg im Fleisch. Die entsprechenden Grenzwerte in der EU betragen seit Inkraftsetzen der "EURATOM No. 3954/87" 1000 Bq/kg in der Milch und 1250 Bq/kg im Fleisch. Für radiaoktives Jod gelten in Japan 300 Bq/kg in der Milch und für Plutonium sind es 1 Bq/kg. In Europa darf die mit radioaktivem Jod kontaminierte Milch mit 500 Bq/kg strahlen und für Plutonium sind sogar 20 Bq/kg erlaubt ...

Wer jetzt beim Lesen gerade gleich mal kurz die Differenzen zwischen den japanischen- und den EU-Grenzwerten überschlagen hat, der wird schnell gemerkt haben, dass die EU-Länder trotz schärfster Kontrollen bei der Einfuhr von Lebensmitteln die Rettung in der Not für die von der Atomkatastrophe gebeutelten Landwirte in Japan sein könnten. Spinat aus der Umgebung von Fukushima beispielsweise, der in Japan aufgrund der dort geltenden Grenzwerte auf dem Müll landen würde, ließe sich in Europa aufgrund höherer Grenzwerte unter Umständen noch prima absetzen. Wenn die Verbraucher hierzulande dafür dann außerdem nur die Hälfte berappen müssten, wie für den heimischen Spinat, dann bliebe für die japanischen Landwirte am Ende immer noch mehr übrig, als wenn sie ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse als Atommüll entsorgen müssten. Und der Verbraucher hätte, wenn er sich hauptsächlich von japanischem Spinat ernähren würde, am Ende des Monats ein fettes Plus in der Haushaltskasse.

Sind das nicht tolle Aussichten? Ja, da strahlt der Verbraucher!

Und wie drückte Herr Dersee (strahlentelex, Herausgeber)
es doch gleich am 29. März 2011 in der TAZ so schön aus?
  • "Die EU will macht das nicht, um den Handel nicht zu stören. .. Die EU ist schließlich eine Gemeinschaft, die den Handel fördern soll und nicht die Gesundheit."

25  Jahre  Tschernobyl


(Quellen: Tagesschau vom 30.03.2011, TAZ vom 29.03.2011, RP online vom 29.03.2011, Focus vom 26.03.2011, Strahlentelex)

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