Mittwoch, 9. März 2011

Auf wackeligem Boden

Atomkraft? Nein Danke!Der Untergrund, auf dem die Atomkraftanlage "Neckarwestheim" gebaut wurde, besteht aus äußerst instabilem Kalkgestein. Wasser spült immer neue Hohlräume aus und gefährdet damit die Standsicherheit der gesamten Atomkraftanlage.

Befürchtungen, es könne zu einem spontanen Einsturz der Atomkraftanlage "Neckarwestheim" kommen, sind gar nicht so weit hergeholt. Genauer gesagt liegt der Grund für derartige Bedenken lediglich etwa vier bis fünf Kilometer von der Anlage entfernt auf einem Acker bei Besigheim. Im Jahre 2002 sackte der Boden dort ohne Vorwarnung ein, und hinterließ ein 18 Meter tiefes Loch. Bereits sieben Jahre zuvor hatte sich der Kühlturm des Blocks "Neckarwestheim 2" um 14 Zentimeter gesenkt und musste aufwändig stabilisiert werden.

Die Ursachen dafür verdeutlicht ein Zitat aus einem Artikel auf der Internetseite der Universität Stuttgart, Institut für Geologie und Paläontologie:
"Unter dem Kühlturm des Kernkraftwerks Neckarwestheim II wurden an zugänglicher Stelle Absenkungsbeträge von 14 cm gemessen und bei Bohrungen metertiefe Hohlräume angetroffen. Die horizontale Erstreckung der Hohlräume ist nicht bekannt. Das Kernkraftwerk Neckarwestheim steht 6-8 m unter dem Niveau des nahe vorbeifließenden Neckars in einem ehemaligen Steinbruchgelände. Es ist auf tektonisch intensiv zerrüttetem Muschelkalk- Fels gebaut, unter dem mächtige korrodierte Gipsschichten und tektonisch aufgepreßter noch frischer Anhydrit liegen. Pro Sekunde müssen 120 bis 170 Liter Grundwasser abgepumt werden, damit der Standort nicht zum See wird und Bauteile nicht unter Auftriebskräfte geraten. Dabei werden pro Jahr 700 bis 1000 Kubikmeter Gips direkt unter dem Standortbereich aufgelöst.

Erfahrungsgemäß greift die Subrosion bevorzugt in den tektonischen Zerrüttungszonen an, es kommt zur Ausbildung von Höhlen. Die intensivsten Zerrüttungszonen verlaufen zwischen Maschinenhaus und Notspeisegebäude einerseits und dem Reaktorgebäude andererseits. Es ist seit langem bekannt, daß besonders entlang von Neckar, Enz und Main in jüngster geologischer Vergangenheit vergleichbare Hohlräume in analogen Schichten immer wieder eingebrochen sind."

(aus: "Geologie von Baden-Württemberg, Teil 1", basierend auf dem Artikel "Landschaftsgeschichte - Landesplanung", erschienen in "Wechselwirkungen"- Jahrbuch 1990 der Universität Stuttgart, S. 13-20, das 1991 veröffentlicht wurde).

Mit einem Antrag im Landtag Baden-Würtembergs forderten die Grünen am 09.06.1999, der Landtag solle die Landesregierung aufforden zu berichten, wie diese die Risiken des Untergrunds unter dem Standort des Atomkraftwerks "Neckarwestheim" bewertet:
"Bei der Behandlung des Antrag 11/6610 im Umweltausschuss bezog der damalige
Ausschussvorsitzende ausführlich Stellung. Im Protokoll heißt es dazu u.a.:

„Bei einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss über den geologischen Untergrund in Neckarwestheim vor fünf Jahren sei seine Frage an die Sachverständigen, ob sie nach den zwischenzeitlich gewonnenen Erkenntnissen dort noch einmal einen Standort für ein Kernkraftwerk zulassen würden, klar mit Nein beantwortet worden. Der tektonische Untergrund sei hierfür zu untergeordnet und unübersichtlich. Auch die von der Regierung beauftragten Gutachter Smoltczyk & Partner hätten festgestellt, dass die aktuellen Gebirgsspannungen in dem zerrissenen Gelände nicht gemessen werden können, und hätten auf eine Messung verzichtet.

Der Landtag müsse sich auch künftig mit dem Absacken des Kühlturms beschäftigen. Über Zahlenwerte für das Absacken habe der Gutachter keine konkreten Angaben gemacht, sondern lediglich ausgeführt, es bleibe immer im Bereich des Unbedenklichen. Nachdem aber der Untergrund nach wie vor von starken Gipsbänken durchsetzt sei, die durch das von den Löwensteiner Bergen heruntergespülte Wasser ausgeschwemmt würden, entstünden zusätzliche Hohlräume. Er hoffe, dass nicht in den nächsten fünf Jahren die Fundation des Kühlturms breche. Die Biegespannungen, die gegenwärtig in der Platte vorherrschten, gingen bereits weit über das zulässige Maß hinaus und könnten auch durch nachträgliche Betonspritzen nicht abgefangen werden.“
(Drs. 11/7082, S. 71)"

(aus: Landtag Baden-Württemberg, 12. Wahlperiode, Drucksache 12/4113, Seiten 2-3)

Trotz der beiden genannten, die grundlegende Sicherheit der Atomkraftanlage betreffenden Vorfälle, trotz des Artikels der Universität Stuttgart, und trotz der in der Anfrage der Grünen genannten Stellungnahme, stufte die Landesregierung einen bei einer Bohrung entdeckten 1800 Kubikmeter großen Hohlraum im Untergrund des Reaktorgeländes lediglich als "begrenzten Sonderfall" ein, der keine Gefahr darstelle. In einem Anflug von Sarkasmuss könnte man da fast schon sagen, auf die Umsetzung des seit 2007 vom Land Baden-Würtemberg verschleppten Antrags der EnBW auf sicherheitstechnische Nachrüstungen des Reaktorblocks "Neckarwestheim 1" käme es dann wohl auch nicht mehr an.


Neckarwestheim - ein potentieller GAU

Aus meiner Sicht wäre das, zusammen mit den in "Geologie von Baden-Württemberg" genannten Fakten, ein potentieller Unfall der Stufe 6 oder 7 auf der INES Skala (Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, engl.: International Nuclear Event Scale), der präventiv die umgehende Abschaltung der Atonkraftanlage "Neckarwestheim", deren schnellstmöglichen Rückbau, sowie eine grundlegende Bodensanierung zur Folge haben müsste, um die zukünftige Verbreitung radioaktiver Kontaminierungen durch in den Steinbruch eindringendes Grundwasser sicher ausschließen zu können.

Die Verlängerung der Betriebserlaubnis für die Atomkraftwerke "Neckarwestheim-1" und -2 seitens der wespenfarbenen Bundesregierung bis ca. 2019/2020, das ignorante Sicherheitsbewusstsein des Umweltministeriums des Landes Baden-Würtemberg - allen voran der Herr Mappus (CDU, Ministerpräsident) und die Frau Gönner (CDU, Baden-Würtemberg, Landesumweltministerin) - ist ein unverantwortliches Spiel mit dem atomaren Feuer.
  • Weil die Mehrheit der Menschen in unserem Land dieses gefährliche Spiel nicht mehr mitspielen wollen, geht eine große Anzahl von ihnen am nächsten Samstag zwischen dem Atomkraftwerk "Neckarwestheim" und der baden-würtembergischen Landeshauptstadt Stuttgart auf die Straße.


Zum Weiterlesen:

Atomausstieg in die Hand nehmen!


(Quellen: Stuttgarter Nachrichten vom 08.03.2003, Institut für Geologie und Paläontologie, Landtag Baden-Württemberg, 12. Wahlperiode, Drucksache 12/4113, Wikipedia)

Kommentare:

Der Geestendorfer hat gesagt…

Hallo Jürgen,

das ist ja ein Ding mit dem AKW Neckarwestheim. Wieder ein Grund, dass die Restlaufzeiten nicht verlängert werden dürfen. Dieses AKW müsste sofort abgeschaltet werden. Ich frage mich aber auch: "Ist unser AKW Esenshamm noch sicher?" Das steht schließlich in der "Wesermarsch". Und Marschboden ist ja nun auch nicht so fest.

Gruß
Holger

juwi hat gesagt…

@Holger: Ich habe gerade noch einen Artikel veröffentlicht, der bauartbedingte Mängel der Druckwasserreaktoren der zweiten Generation aufzeigt, zu denen auch das Atomkraftwerk "Unterweser" gehört. Wirklich "sicher" war das Ding nie! Aber das gute an unserer Marsch ist ja - im Gegensatz zum Kalkgestein unter der Atomanlage "Neckarwestheim" - dass es hier zu keinen spontanen Bodeneinbrüchen kommen wird, und ich vermute mal, die werden ordentlich Pfähle gerammt haben, bevor sie den Atommeiler darauf gesetzt haben. Was ich aber zum Beispiel nicht erleben möchte, dass ist eine Sturmflut wie die von 1962 mit Deichbrüchen zwischen Dedesdorf und Brake - allein schon wegen des Atommülls, der dort lagert.

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