Dienstag, 12. Oktober 2010

Liu Xiaobo

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Liu Xiaobo

Der chinesische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Liu Xiaobo wurde am 28.12.1955 in Changchun (China) geboren. Während der Kulturrevolution von 1969 bis 1973 schickte man ihn zusammen mit seinen Eltern in die Volkskommune Dashizhai (Innere Mongolei). Im November 1976 bekam er Arbeit bei einer Baufirma in Changchun.

Nachdem er von 1977 bis 1982 an der Jilin-Universität Literatur studiert hatte, wechselte er an die Pädagogische Universität Peking. Dort schloss er sein Studium 1988 mit dem Doktortitel in Literatur ab. Auf eine dreimonatige Einladung an die Universität Oslo im Jahre 1988, folgten Aufenthalte an der University of Hawaii und der Columbia University.


Studentenproteste

Im Jahr darauf beteiligte Liu Xiaobo sich an den Studentenprotesten auf dem "Platz des himmlischen Friedens" in Peking, die in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 von den chinesischen Machthabern mit dem "Tian’anmen-Massaker" blutig beendet wurden. Durch sein besonnenes Handeln bewahrte er dabei viele Studenten vor sinnloser Selbstopferung.

Im Anschluss an die Niederschlagung der Studentenproteste wurde er festgenommen und verlor seine Arbeit. Nach seiner Inhaftierung von 1989 bis 1991 beteiligte er sich an der Demokratiebewegung und schrieb. Seine Arbeiten konnte er jedoch nur noch im Ausland veröffentlichen.

Auf eine sechsmonatige Haft im Jahre 1995 folgte in den Jahren von 1996 bis 1999 der Versuch einer "Umerziehung durch Arbeit". Nach seiner Entlassung lebte er als freier Schriftsteller in Peking und wurde im November 2003 zum Präsidenten des chinesischen PEN-Clubs gewählt.


Einsatz für die Menschenrechte

Im Dezember 2008 unterstützte er zusammen mit 302 anderen Intellektuellen das im Internet veröffentlichte Bürgerrechtsmanifest "Charta 08" zum Internationalen Tag der Menschenrechte. Zwei Tage vor dem 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde er in seiner Wohnung in Peking wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" festgenommen und im Dezember 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua habe er gestanden, Gerüchte verbreitet und die chinesische Regierung diffamiert zu haben.

Die scharfe Kritik der EU und der USA und die damit verbundene Aufforderung an die chinesischen Machthaber, Liu Xiaobo sofort frei zu lassen, bezeichneten diese als Einmischung in innere Angelegenheiten Chinas. Zuvor hatte der Rat der Europäischen Union China aufgefordert, Liu Xiaobo im Rahmen der in der Verfassung der Volksrepublik China garantierten Rechte zur freien Meinungsäußerung sowie des 1998 von China unterzeichneten Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte unverzüglich freizulassen und die strafrechtliche Verfolgung einzustellen.


Friedensnobelpreis

Am 8. Oktober 2010 gab das Nobelpreis-Komitee bekannt, dass Liu Xiaobo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird. Als Begründung wurde sein "langer und gewaltloser Kampf für fundamentale Menschenrechte in China" angegeben.

Amnesty International begrüßte die Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo. Herr Pleiter(AI Deutschland, China-Experte) sagte: "Liu Xiaobo hat den Friedensnobelpreis mehr als verdient. Er steht stellvertretend für all diejenigen, die sich in China für die Menschenrechte einsetzen."

Am 10. Oktober erhielt Liu Xiaobos Frau, Liu Xia, die Genehmigung, ihren Mann in der Haft zu besuchen. Liu Xia berichtete anschließend, ihr Mann widme den Nobelpreis den Opfern des Tian’anmen-Massakers von 1989. Seit ihrer Rückkehr nach Peking steht sie unter Hausarrest. China schreckt offenbar auch vor Sippenhaft nicht zurück.


Zensur

Chinas Machthaber versuchen alles, um die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo zu vertuschen. So wurden zum Beispiel Internetzugänge erschwert und ausländische Fernsehsendungen über Liu Xiaobo gestört. Das staatliche chinesische Fernsehen und chinesische Zeitungen umschrieben die Tatsache, dass der Bürgerrechtler Liu Xiaobo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, mit der knappen Meldung, ein inhaftierter Krimineller habe einen Preis bekommen. Die chinesische Zensur funktioniert innerhalb der "Volksrepublik" so gut, dass der Mann, der seit Jahrzehnten für Bürgerrechte und Demokratie kämpft, und dafür nun schon zum dritten Mal im Gefängnis sitzt, für die meisten Chinesen ein Unbekannter ist. In einem Artikel der Tagesschau vom 11.10.2010 ist zu lesen, lediglich die chinesische Online-Zeitung "Business Times" habe einen ausführlichen Bericht über das Leben Liu Xiaobos gebracht. Die Webseite der Zeitung sei daraufhin umgehend von den Zensoren blockiert worden.

Die Glückwünsche an Liu Xiaobo aus dem Ausland erreichten nicht einmal Xiaobos Frau. Sowohl chinesische Bürger als auch ausländische Journalisten werden von den Bewachern abgewiesen. So auch Herr Sharp (EU, Diplomat), der ein Glückwunschschreiben von Herrn Barroso (EU, Kommissionspräsident) überbringen wollte. Herr Sharp sagte am 11.10.2010 in den "Tagesthemen" der ARD: "Wir dürfen die Wohnanlage ohne Einladung nicht betreten. Uns wurde gesagt, dass wir erst jemanden drinnen anrufen müssen, der uns dann am Tor abholt. Aber wir können Liu Xia nicht kontaktieren, weil ihr Telefon abgeschaltet wurde."

Ich glaube, man muss wohl schon mit den Eigenschaften eines guten Diplomaten ausgestattet sein, um angesichts dieses plump-dreisten Umgangs des chinesischen Überwachungsstaates mit der internationalen Weltöffentlichkeit nach außen hin einen völlig ruhigen Eindruck erwecken zu können.



Zitate:
  • "Wenn ein Mann zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wird, nur weil er seine Meinung gesagt hat, ist es unmöglich für das Komitee, ihm den Preis nicht zu verleihen."

    Thorbjoern Jagland, Präsident des norwegischen Nobelpreiskomitees.
  • "Die Verleihung des Preises an Liu Xiaobo ist Ansporn und Mahnung, die Arbeit von Menschenrechtsverteidigern weltweit zu unterstützen und in unserem Eintreten für Meinungsfreiheit nicht nachzulassen."

    Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP).
  • "Die Bundesregierung wünscht sich, dass er aus der Haft freikommt und den Preis selber in Empfang nehmen kann."

    Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung.
  • "Liu Xiaobo hat den Friedensnobelpreis mehr als verdient. Er steht stellvertretend für all diejenigen, die sich in China für die Menschenrechte einsetzen."

    Amnesty International, deutsche Sektion.
  • "Eine schallende Ohrfeige für Chinas Machthaber."

    Ulrich Delius, Asienreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker.
  • "Die Entscheidung des norwegischen Komitees ist von historischer Tragweite für all diejenigen, die sich für das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit in China engagieren."

    Die Journalistenvereinigung „Reporter ohne Grenzen".
  • "Das ist ein Appell an Chinas Demokratisierung."

    Cui Weiping, Professorin an der Pekinger Filmakademie und Mitunterzeichnerin des Demokratie-Manifests „Charta O8".
  • "Die Auszeichnung Liu Xiaobos ist ein Sieg für die chinesische Demokratiebewegung."

    Zhang Xianling, Mitbegründerin der „Tian’anmen-Mütter", die einen Sohn bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 auf dem Tian’anmen-Platz in Peking verlor.
  • "Liu Xiaobo ist ein Verbrecher, der chinesische Gesetze verletzt hat. Liu die Auszeichnung zu geben, widerspricht den Prinzipien des Friedensnobelpreises."

    Ma Zhaoxu, Sprecher des chinesischen Außenministeriums.
  • "Es ist kein Geheimnis, dass China gesagt hat, dass ein solcher Preis seine Konsequenzen haben werde. Aber wir haben die ganze Zeit betont, dass das es eine klare Trennung zwischen dem unabhängigen Nobelkomitee und der norwegischen Regierung gibt."

    Jonas Gahr Stoere, norwegischer Außenminister, zu möglichen Reaktionen Chinas.
  • "Artikel 35 von Chinas Verfassung hält fest, dass 'die Bürger Chinas Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit sowie das Recht auf Prozessionen und Demonstrationen genießen'."

    Auszug aus der Begründung für den Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo

Zum Weiterlesen:

(Quellen: AI vom 24.06.2009 und vom 08.10.2010, Spiegel vom 08.10.2010, FAZ vom 08.10.2010, Tagesschau vom 08.10.2010 und vom 11.10.2010, Welt vom 11.10.2010, TAZ vom 11.10.2010, Wikipedia)

Kommentare:

Martin Winter hat gesagt…

Schöner Blog! Ich habe auch was Schönes: http://erguotou.wordpress.com/2010/11/30/liu-xiaobo-bio-bibliography/

Martin Winter, Wien

juwi hat gesagt…

@Martin Winter: Danke für den Buchtipp (Biographie von liu Xiaobo) in deinem Blog. Es scheint, als seist du ein Wanderer zwischen den Welten "China" und "Österreich". Willkommen auch in "juwi's welt".

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