Freitag, 15. Oktober 2010

Blog Action Day 2010 - Wasser


"Wasser sollte einen Marktwert haben" (Peter Brabeck, Nestlé Gruppe, Konzernchef)
Filmausschnitt aus "We Feed the World - Essen Global" von Erwin Wagenhofer


Der Anspruch auf sauberes Trinkwasser ist ein Menschenrecht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der UNO schätzt den Trinkwasserbedarf eines Erwachsenen auf zwei Liter und den eines Kindes auf einen Liter pro Tag.

Bei uns kommt das Trinkwasser aus der Wasserleitung. Wir sind daran gewöhnt, dass es unbegrenzt zur Verfügung steht, sobald wir den Wasserhahn aufdrehen. Kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, dass es vorher einen aufwändigen Aufbereitungs- und Reinigungsprozess durchlaufen hat. Aber auch wenn es so heißt: Tatsächlich getrunken wird in den Industrienationen der geringste Anteil des Trinkwassers.


Verschwendung und Mangel

Der größte Anteil unseres Trinkwasserverbrauchs geht beim Wäschewaschen oder bei der Körper-, Geschirr- oder Wohnungsreinigung drauf. Wir waschen damit unsere Autos und sprengen an heißen Tagen unseren gepflegten "englischen Rasen" - oder wir spülen es mehrmals täglich gedankenlos durch das Klo. In Deutschland verbraucht auf diese Weise jeder Bundesbürger durchschnittlich ungefähr 125 Liter Trinkwasser am Tag. Das lässt sich aber durchaus noch übertreffen. In Italien kommen die Leute im Schnitt auf einen Trinkwasserverbrauch von 800 Litern pro Tag und Einwohner.

In anderen Ländern gehen die Menschen bedeutend sorgsamer mit ihrem Trinkwasser um. Warum das so ist, kann man sehr gut nachvollziehen, wenn man einmal das "Klimahaus 8° Ost" in Bremerhaven besucht hat.


Klimahaus 8° Ost: Niger, 1:1 Ausschnitt aus der Wüste

Dort kommt man auf einer "Reise" rund um die Welt entlang des achten Längengrades auch nach Niger (Afrika). Etwa zwei Drittel der Staatsfläche Nigers besteht aus zur Sahara gehörenden Wüsten. Die südlichen und südöstlichen Landesteile liegen in der Sahelzone, dem "Ufer der Wüste", am nördlichen Rand der Trockensavanne. Seit dem Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts verwandelten mehrere Dürren das Land zunehmend in eine wüstenartige Landschaft. Das ist das Land der Tuareg, einem Nomadenvolk, das seit Jahrhunderten auf der Suche nach Nahrung für seine Tiere das Land durchstreift. Dort gibt es weder Wasserleitungen noch Wasserhähne.

Wasser ist jedoch in großen, fossilen Reservoirs unter der Sahara überall vorhanden. Man muss nur tief genug graben. Wer Wasser braucht, der geht zum Brunnen. Grundwasser findet man durchschnittlich in siebzig Metern Tiefe. Es kommt jedoch auch vor, dass man erst in einer Tiefe von 120 Metern auf Wasser stößt.


Klimahaus 8° Ost: Niger, Trinkwasserversorgung aus einem Brunnen

Wer im trocken-heißen Klima Nigers einen Brunnen gegraben und Wasser geholt hat, der hat schwere, körperliche Arbeit verrichtet. Entsprechend sorgsam wird er mit dem Wasser umgehen. Dabei würden wir bei uns in Deutschland das Brunnenwasser kaum als Trinkwasser bezeichnen. Aber die Tuareg in Niger haben kein anderes Wasser. Ein Zitat eines Tuareg-Mädchens im Klimahaus: "Manchnmal bin ich krank vor Bauchweh, weil das Wasser so schmutzig ist. Aber außer dem Wasser aus dem Brunnen haben wir keins. Also trinken wir es - auch wenn es uns krank macht."

Etwa drei Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In vielen Entwicklungsländern ist das die Hauptursache für die meisten Krankheiten und Todesfälle.


Wasser ist Leben



Klimahaus 8° Ost: Niger, Projektion über der "Wüste"

Nur 48 Millionen Kubikkilometer (3,5 %) des auf der Erde verfügbaren Wassers ist Süßwasser. Dampfförmig steigt Wasser aus den Meeren in die Atmosphäre auf. Das Salz bleibt dabei im Meer zurück, und das Wasser umkreist als Wolken unseren Planeten. Flüssige oder gefrorene Niederschläge über den Landflächen der Erde ergänzen den Süßwasservorrat in den Seen. Über fließende Gewässer verteilt sich das Niederschlagswasser über das Land und tränkt den Boden im Bereich von Bächen und Flüssen, auf dem unsere Nahrungspflanzen wachsen. Ein Teil des Niederschlags versickert im Boden und ergänzt dort die Grundwasservorräte, die mit 68,7 Prozent den mit Abstand größten Teil des in flüssiger Form vorliegenden Süßwassers bilden. Lediglich 0,9 Prozent des Süßwassers kommen als Oberflächenwasser vor.


Die Brunnenvergifter der Neuzeit

Große Mengen des verfügbaren Süßwassers werden in den Industrienationen für industrielle Produktionsprozesse und für die Kühlung von Großkraftwerken gebraucht. Anschließend sind sie mit Schadstoffen belastet. Selbst die Landwirtschaft in den Industriestaaten trägt industrielle Züge. Um die Produktion zu steigern, wird kräftig gedüngt und mit Herbiziden und Pestiziden wird auch nicht gespart. Mit dem Regen gelangen die Schadstoffe in die Flüsse und tragen so ebenfalls zur Verunreinigung des verfügbaren Süßwassers bei.

Der Baikalsee in Sibirien (Russland) ist mit 1642 Metern der tiefste und mit mehr als 25 Millionen Jahren der älteste Süßwassersee der Erde. Sein Wasser ist ein wichtiges Trinkwasser Reservoir. Das hielt die kommunistische Regierung der Sowjet Union aber nicht davon ab, an seinem Ufer Papierfabriken zu bauen, in denen die Bäume der umliegenden Wälder verarbeitet wurden. Die giftigen Abwässer aus der Papierproduktion gelangten ungereinigt in den Baikal.

Ich könnte wahrscheinlich nahezu endlos mit der Aufzählung von Verschmutzungen potentiellen Trinkwassers im großen Maßstab fortfahren. Um zu zeigen, dass der als Trinkwasser nutzbare Anteil des Süßwassers dadurch erheblich vermindert wird, soll das hier aber erst einmal ausreichen. Die Brunnenvergifter des Industriezeitalters vermehren damit ungestraft ihren Gewinn. Die Brunnenvergifter des Mittelalters wurden gnadenlos verfolgt (wobei der Volkszorn allerdings wohl oft Unschuldige traf, wenn er sich pauschal gegen Minderheiten richtete - und auch unter den Industrieunternehmen gibt es sicherlich sowohl schwarze Schafe, wie auch positive Vorbilder).


Das Schmelzen der Gletscher

Es sind jedoch nicht nur die Wasserverschmutzer, die kräftig dazu beitragen, dass auch in den Industrienationen das Trinkwasser eines Tages möglicherweise nicht mehr unbegrenzt aus den Wasserhähnen strömt. Mit 24,4 Millionen Kubikkilometern - das sind 1,77 Prozent des gesamten auf der Erde verfügbaren Wassers - ist das meiste Süßwasser im Polareis, in Gletschern und in Permafrostböden gebunden.


Klimahaus 8° Ost: Schweiz, Gletscher

Das erste Etappenziel der "Reise" entlang des achten Längengrades im Bremerhavener "Klimahaus 8° Ost" ist Isenthal in der Schweiz. Dort erfährt man unter anderem, dass der rapide Anstieg der mittleren globalen Temperatur ein immer schnelleres Abschmelzen der Gletscher in den Hochgebirgen bewirkt. Die Gletscher haben aber eine wichtige Regelfunktion: Sie halten die Niederschläge zurück, so dass diese erst langsam und zeitverzögert als Schmelzwasser das Land bewässern anstatt sofort zu Tal zu rauschen. Gletscherwasser ist die wichtigste natürliche Süßwasserreserve in den Hochgebirgen. Das endgültige Verschwinden der Gletscher hätte verheerende Folgen für die Menschen im Gebirge und deren Umwelt.

Nach den Eismassen des Nord- und des Südpols liegt die drittgrößte Eismasse der Welt in den Hochlagen des Himalaya. Im Unterschied zu den Eismassen an den Polen leben von den im Eis des Himalayas gebundenen Süßwassereserven jedoch mehr als zwei Millarden Menschen. Allein der Indus, Ganges und der Brahmaputra werden zu 80% vom Schmelzwasser aus dem Himalaya gespeist. Würde deren "Quelle" versiegen, dann brächen in Indien zum Beispiel die landwirtschaftlichen Bewässerungssysteme zusammen und es käme zu Engpässen bei der Trinkwasserversorgung. Einem der fruchtbarsten und bevölkerungsreichsten Länder der Erde würde eine beispiellose Katastrophe drohen: Mit dem Verschwinden der Gletscher würden sich die landwirtschaftlichen Flächen in Dürregebiete verwandeln.


Das Eis in den Herzen der Menschen schmelzen

Und es sind nicht nur die Gletscher, die schmelzen: Auch die polaren Eismassen sind davon betroffen - bisher vor allem diejenigen in der Arktis. Der seit Jahren beobachtete Eisflächenverlust des Polarmeeres nimmt inzwischen besorgniserregende Ausmaße an, und auch das Festlandeis Grönlands beginnt zu schmelzen. Beim "Kirchentag am Meer" im Mai 2009 erzählte Angaangaq, ein Schamane aus Grönland, die Geschichte, wie die jungen Jäger aus seinem Volk den Beginn der Klimaveränderung bemerkten.
  • Die Jäger zogen zum Großen Eis - Angaangaq benutzte den Ausdruck "Big Ice" - um dort zu jagen. Wie sie es immer taten, baten sie den Schöpfer mit einer Zeremonie um eine gute Jagd, als sie an der Wand des Großen Eises angekommen waren. Bei diesem Mal war es das erste Mal, dass sie, als sie an der Wand des Großen Eises entlang nach oben schauten, Wasser daraus herausfließen sahen. Das war im Jahre 1963. Als sie mit Nahrung von der Jagd zurückgekehrt waren, erzählten sie den Ältesten von ihrer Entdeckung. Angaangaq sagte, das Dorf der Jäger läge nicht weit entfernt von der amerikanischen Millitärbasis in Grönland, und die Ältesten vermuteten, die Jäger hätten dort wohl zuviel Bier getrunken. Sie meinten, der Bericht der Jäger beruhe auf Phantasien aus ihrem Alkoholrausch und schenkten den Worten der jungen Jäger keinen Glauben.

    Im Herbst des gleichen Jahres gingen die Ältesten selbst jagen. Als sie ihre Zeremonie am Fuße der Wand des Großen Eises feierten, wurden dann auch sie Zeuge davon, wie das Wasser aus dem Eis floss ...

Darin, dass der Klimawandel menschengemacht ist, besteht international spätestens seit dem IPCC Klimareport 2007 weitgehende Übereinstimmung. Nach dem Stand von Wissenschaft und Forschung besteht auch Einigkeit darüber, welche langfristigen Folgen das für die Menschheit haben wird, wenn nicht innerhalb kürzester Zeit auf die Klimaänderung reagiert wird. Aber die Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln, und die Aufgabe liebgewonnener Bequemlichkeiten zugunsten der Erhaltung der Lebensgrundlagen für die Zukunft aller noch folgenden Generationen sind zwei Paar Schuhe. Dafür gibt es bei uns ein bekanntes Sprichwort: "Der Geist ist willig - allein, das Fleisch ist schwach." Angaangaq hat das so ausgedrückt: "Es ist leicher das Große Eis Grönlands zu schmelzen, als das Eis in den Herzen der Menschen."

Und das trifft nicht nur sinnbildlich auf den fahrlässigen Umgang der Nationen der Welt mit dem Klimawandel zu, der mit dem katastrophalen Ausgang des Weltklimagipfels in Kopenhagen deutlich wurde, sondern ebenso auch auf die großen Worte und Gesten im Zusammenhang mit der Festschreibung des Menschenrechts auf sauberes Trinkwasser einerseits, und dessen schleppende Umsetzung durch die Weltgemeinschaft andererseits.

Zwar wird schon versucht, das Problem mit Hilfe von Entwicklungsprojekten in den Griff zu bekommen. Bei mehr als zwei Dritteln der Betroffenen kommt diese Hilfe jedoch gar nicht an. Dafür gibt es viele Ursachen. Auf europäischer Ebene ist zum Beispiel die Bindung der Förderung der Entwicklungshilfe an private Wasserversorgungsunternehmen ein Grund dafür. Hilfe zur Selbsthilfe oder genossenschaftliche Lösungen werden nicht gefördert. Aus meiner Sicht müsste aber gerade hier angesetzt werden. Die bisherige Praxis wird nur zu neuen Abhängigkeiten von den Geberländern führen. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass weniger Geld für die weltweit gesicherte Wasserversorgung zur Verfügung gestellt werden, als es die großen Worte der Politiker vermuten lassen, so dass die verügbaren finanziellen Mittel nur für einige wenige Projekte ausreichen.


Die Macht internationaler Konzerne

"Wasser ist natürlich das wichtigste Rohmaterial, das wir heute noch auf der Welt haben.

Es geht darum, ob wir die normale Wasserversorgung der Bevölkerung privatisieren oder nicht.

Und da gibt es zwei verschiedene Anschauungen.

Die eine Anschauung, extrem würde ich sagen, wird von einigen von den NGOs vertreten, die darauf pochen, dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird. Das heißt, als Mensch sollten sie einfach recht haben, um Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung, ja?

Und die andere, die sagt: Wasser ist ein Lebensmittel. So wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben. Ich persönlich glaube, es ist besser, man gibt einem Lebensmittel einen Wert, so dass wir alle bewusst sind, dass das etwas kostet, und dann anschließend versucht, dass man mehr spezifisch für diesen Teil der Bevölkerung, der keinen Zugang zu diesem Wasser hat, dass man dann dort etwas spezifischerer eingreift, und da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten - also ...!"

Peter Brabeck (Nestlé Gruppe, Konzernchef)
in "
We feed the World - Essen Global"
(Dokumentarfilm von Erwin Wagenhofer
aus dem Jahre 2005)

Der Nestlé Konzern ist weltweit der größte Abfüller von Trinkwasser.


In einem der vorhergehenden Abschnitte des Films wird der Anbau von genmanipuliertem Soja eines der weltgrößten Produzenten und Vertreibers genmanipulierter Nahrungsmitteln in Brasilien gezeigt, dessen Anbauflächen große Teile des Amazonas-Regenwaldes zum Opfer fielen. Im Kontrast dazu ist im gleichen Abschnitt eine mittellose Kleinbauernfamilie zu sehen, die lehmiges Wasser aus einer Regenpfütze schöpft. Diese Familie gehört dem Viertel der Bevölkerung Brasiliens an, das unter chronischem Wasser- und Nahrungsmangel leidet, während das genmanipulierte Soja nach Europa transportiert wird, um es in Österreich an Geflügel zu verfüttern.

Nachdem ich vorher diese Szene des Films gesehen hatte, die mich ahnen ließ, was der fehlende Zugang zu sauberem Trinkwasser bedeutet, empfand ich die oben zitierte Aussage Herrn Brabecks im Schlussteil von "We feed the World" einfach nur abstoßend und abscheulich!



Klimahaus 8° Ost: Zentrale Aussage in der gesamten Ausstellung


15. Oktober 2010
Blog Action Day
~ Wasser ~


(Quellen: Klimahaus 8° Ost in Bremerhaven, Wikipedia-Erdoberfläche-, Menschenrecht-, Trinkwasser-, Wasser-, Niger-, Tuareg-Baikalsee, Klaus Bednarz - Die Ballade vom Baikalsee, Henrike Strack - Aktuelle und zukünftige Entwicklung der Gletscher des Himalaya, Angaangaq - Das Eis im Herzen der Menschen schmelzen)

Kommentare:

Mrs Khatri hat gesagt…

Hallo Juwi,
bin durch die Google-Alerts auf dein Blog gestoßen. Toller Artikel!
Grüße,
Mrs Khatri

Klaus-Peter Baumgardt hat gesagt…

Ein wirklich umfassender Artikel, den hoffentlich Viele lesen. Habe hier
http://fressnet.de/blog/?p=3298
darauf hingewiesen.

LG

Klaus-Peter

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