Samstag, 15. Mai 2010

Ein Strohhalm für Karstädte


Bremerhaven, Nov. 2008: Vor Karstadt im Columbus-Center

Nachdem ich des Öfteren schon die ablehnende Haltung der Bremerhavener CDU gegen ein von den Bremerhavener Einzelhändlern und der IHK gefordertes Einzelhandelsgutachten für den Bremerhavener Einzelhandel und ihre Weigerung, etwas gegen den Wildwuchs der Supermärkte zu unternehmen, kritisiert habe, muss ich jetzt zur Abwechslung wohl einmal ein Lob aussprechen.

Das Einzelhandelsgutachten, das Herr Teiser (CDU, Bürgermeister und Kämmerer) seit Jahren blockiert hat, ist auch seit langem eine Forderung von Karstadt. Karstadt braucht verlässliche Aussagen der Politik, auf deren Grundlage über den Erhalt oder über die Aufgabe des Standorts Bremerhaven entschieden werden kann. Die Bremerhavener Karstadt-Filiale im Columbus-Center stand trotz der prekären Lage des Mutterkonzerns ursprünglich nicht zur Disposition. Angesichts der in den letzten Jahren explosionsartig steigenden Anzahl neuer Discounter und Supermärkte in Bremerhaven nahm jedoch die Zuversicht Karstadts in die Zukunft seines Standorts Bremerhaven ab.

Als es jetzt aber darum ging, dem Insolvenzplan des Insolvenzverwalters zum Erfolg zu verhelfen, war die CDU wohl sofort bereit, auf Einnahmen aus der Gewerbesteuer von Karstadt zu verzichten. Die Nordsee-Zeitung zitiert Herrn Teiser in ihrer Ausgabe vom 12.05.2010 mit den Worten: "Wir haben unsere Zustimmung seinerzeit sofort signalisiert." Ein entsprechender Beschluss sei vom Magistrat gefasst worden. "Es geht bei uns schließlich um mehr als 100 Arbeitsplätze in der Innenstadt." Ebenso wie Bremerhaven haben auch 79 weitere Städte einem befristeten Verzicht auf Gewerbesteuereinnahmen zugestimmt, um ihren Karstadt Filialen eine Chance zur Überwindung der Insolvenz zu ermöglichen. Zumindest in Bremerhaven geht es dabei eigentlich um noch viel mehr, als um den Erhalt der Arbeitsplätze. Eine so große leerstehende Ladenfläche direkt am Weg zwischen der Fußgängerzone und der "Glasbrücke" über den Alten Hafen zu den Havenwelten böte ein trostloses Bild in der direkten Nachbarschaft des touristischen Zentrums von Bremerhaven.

Es wäre schön, wenn Herr Teiser und die CDU zukünftig auch die Existenzsorgen um die bestehenden Arbeitsplätze im Bremerhavener Einzelhandel in den Stadtteilen ernst nähme, und ernsthafte Maßnahmen für deren Erhalt in Angriff nähme. Weitere neue Supermärkte sind diesbezüglich eher kontraproduktiv. Darüber hinaus gilt es, die beginnende Verödung der bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinein lebendigen Einkaufs und Geschäftszentren in Lehe und in Geestemünde aufzuhalten, bevor dort irreparable Schäden erstehen. Mit dem Wegfall von Einkaufsmöglichkeiten in direkter Nachbarschaft der Wohngebiete ginge dort nämlich auch ein Teil der Wohnqualität verloren, was in der Folge zu Wohnraum-Leerständen führen könnte.

Da 14 Städte bis zum 12. Mai ihre Zustimmung zum befristeten Verzicht auf Gewerbesteuereinnahmen noch verweigert hatten, war es bis dahin jedoch noch nicht sicher, ob die Zustimmung der 80 Städte ausreichen wird, um Karstadt aus der Bredouille zu helfen. Die Nordsee-Zeitung berichtete, es müsse eine 98-prozentige Zustimmung geben, damit der Insolvenzplan in Kraft treten kann. Auch diesen 14 Städten müsste doch eigentlich daran gelegen sein, großflächige Leerstände in ihren Zentren zu vermeiden. Mit ihrer Weigerung, ihren Karstadt-Filialen eine Zukunftsaussicht zu ermöglichen, in dem sie für einen überschaubaren Zeitraum auf Steuereinnahmen verzichten, riskieren sie den endgültigen Ausfall dieser Einnahmequelle und den Wegfall einer großen Zahl von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig entreißen sie anderen Städten mit Karstadt Kaufhäusern den letzten Strohhalm, an den sich diese sich noch klammern können, um dem gleichen Schicksal zu entgehen.


(Quelle: Nordsee-Zeitung vom 12.05.2010)

Freitag, 14. Mai 2010

Zwischennutzung statt Leerstand


Bremerhaven: Abriss des Hauses Bremerhavener Straße 3

Mit den Häusern Heinrichstraße 40 und Bremerhavener Straße 3 wurden jetzt die ersten beiden verwahrlosten Immobilien im Leher Ortsteil "Goethestraße" abgerissen, deren Verfall so weit fortgeschritten war, dass sie nicht mehr zu retten waren. Jetzt geht es darum, die entstandenen Lücken sinnvoll so mit Leben zu füllen, dass diese am Ende keinen schlimmeren Anblick bieten, als vorher die verfallenden Gebäude.

Abrissmaßnahmen im Leher Gründerzeitviertel "Goethestraße" müssen aber einzelne Notmaßnahmen bleiben. Es geht hier um nichts weniger, als um den den Erhalt des Stadtbildes im letzen Viertel Bremerhavens mit großflächigen komplett erhaltenen Blockrandbebauungen aus der Gründerzeit, welche die Bombenangriffe der alliierten Bomberflotten im Jahre 1944 nahezu unbeschadet überstanden haben. Gefragt sind daher Ideen für Konzepte, mit denen rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden können, mit denen die leerstehenden Immobilien auf kreative Weise wieder mit Leben gefüllt werden, auch wenn die Nachfrage regulärer Mieter oder Käufer hinter dem Angebot der leerstehenden Wohnungen zurückbleibt.

Um Wege aufzuzeigen, mit denen dies erreicht werden kann führen das Kultubüro Lehe und das Kulturpädagogische Netzwerk gemeinsam mit der Eigentümergemeinschaft Lehe e.V. (ESG-Lehe) am Mittwoch, dem 19. Mai, die öffentliche Veranstaltung "Beispiele für nachhaltige Gestaltung des städtischen Wandels durch Zwischennutzung" durch.

Mitglieder der "ZwischenZeitZentrale" (ZZZ) aus Bremen werden über temporäre Zwischennutzungsprojekte referieren, die ein ZZZ-Team seit mehreren Jahren in Bremen durchführt. Außerdem werden sie über die Tagung "2nd hand spaces: nachhaltige Gestaltung des städtischen Wandels durch Zwischennutzung" berichten, die bereits am 5. und am 6. Mai 2010 in Bremen stattgefunden hat.


Das Konzept der ZZZ

Leerstände und Brachflächen sind Möglichkeitsräume für Eigentümer und NutzerInnen und bieten Entwicklungspotentiale für das gesamte Quartier. Zwischennutzungen aktivieren Nischen im Stadtgefüge nach dem Prinzip „vergünstigter Raum gegen befristete Nutzung" und schaffen so ideale Bedingungen für kleine Unternehmen, Initiativen und Vereine. Die erschwingliche Miete verringert das finanzielle Risiko der Nutzer und vergrößert ihren Mut neue Ideen auszuprobieren.

Die Zahlungsarten von Zwischennutzern sind vielfältig: neben Mietzahlungen bringen sie ihre Arbeitskraft, Kreativität, ihre kulturellen Fertigkeiten und sozialen Netzwerke mit ein. Die Eigentümer erhalten wieder Einnahmen, ihre Immobilie wird gepflegt und bekommt eine neue positive Ausstrahlung.

Das gesamte Quartier wird durch das neue Angebot bereichert. Es werden weitere Projekte angezogen und eine Offenheit für Umnutzungen geschaffen. Häufig entstehen aus Zwischennutzungen nachhaltige Nutzungsperspektiven und die befristeten Nutzungsvereinbarungen werden in normale Mietverträge überführt.

Ungenutzte Flächen haben dagegen eine negative Ausstrahlungskraft, ziehen Vandalismus an und verursachen Kosten.


Veranstaltung
  • Beispiele für nachhaltige Gestaltung des städtischen Wandels durch Zwischennutzung

    am 19. Mai
    um 19 Uhr
    in der "Theo"
    Lutherstraße 7


Mittwoch, 12. Mai 2010

Das neue Bremerhavener Wahlrecht

Am Montag, 17. Mai 2010, findet um 18 Uhr die nächste Stadtteilkonferenz Lehe statt - dieses Mal in den Räumlichkeiten des Bürgersenders "Weser TV" in derHafenstraße 156.

Vor ca. 2 Jahren haben ungefähr 65000 Bürger und Bürgerinnen in einem Volksbegehren eine Wahlrechtsänderung gefordert. Im nächsten Jahr werden wir in Bremerhaven unsere neue Stadtverordnetenversammlung auf Grundlage des geänderten Wahlrechts wählen.


In der Sendung des "Weser TV" wird die Stadtteilkonferenz Lehe mit den Gästen
  • Tim Weber
    Referent des Vereins „MEHR DEMOKRATIE“ e.V
  • Artur Beneken (SPD)
    Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung (STVV),
  • Paul Bödeker (CDU)
    Fraktionssprecher in der STVV und Bürgerschaftsabgeordneter
  • Dr. Ulf Eversberg (Bündnis 90/ Die Grünen)
    Fraktionssprecher in der STVV
  • Mark Ella (FDP)
    Fraktionssprecher in der STVV und Bürgerschaftsabgeordneter

über die Änderungen, Ursachen und mögliche Auswirkungen des neuen Wahlrechts diskutieren.


(Quelle: Einladungsschreiben der Stadtteilkonferenz Lehe vom 10.05.2010)

Montag, 10. Mai 2010

Jahrmarkt und Deutsch-Amerikanisches Volksfest


Impressionen vom Bremerhavener Frühjahrsmarkt 2010

Was in anderen Gegenden Deutschlands Kirmes, Volksfest oder Rummel heißt, das nennt sich in Bremerhaven Jahrmarkt. Jahrmärkte gibt es hier zwei Mal im Jahr: Anfang des Jahres den Bremerhavener Fühjahrsmarkt und den Bremerhavener Freimarkt im Spätsommer. Der Jahrmarkt findet seit Jahrzehnten auf dem Bremerhavener Festplatz, dem Wilhelm-Kaisen-Platz, in Lehe statt. Das Video zeigt Impressionen vom diesjährigen Frühjahrsmarkt, der am letzten Wochenende zu Ende ging.


Erinnerungen an das Deutsch-Amerikanische Volksfest

Zur Zeit des Kalten Krieges, als die US-Army noch in Bremerhaven stationiert war, veranstalteten die Amerikaner während des Freimarkts auf dem gegenüberliegenden "Phillips-Field", dem Sportplatz der US-Army, zeitgleich in jedem Jahr das Deutsch-Amerikanische Volksfest.

Mitten auf dem Platz stand eine Tanzfläche, auf der die "Port Promenaders" amerikanischen Square Dance vorführten.

Am westlichen Ende des Rasens wurde der "Red Dog Saloon", das Festzelt der Amerikaner, aufgebaut. Darin herrschte regelmäßig großes Gedränge, und es gab Live Musik von örtlichen Rock, Pop und Soul Bands.

Entlang der Rennlaufbahn um das Phillips-Field waren Buden und Stände aufgebaut. Zu den alljährlich heiß begehrten kulinarischen Spezialitäten gehörten das amerikanische Fürst-Pückler-Eis und der Hamburger-Stand. Das Eis verkauften die Amerikaner - ohne es erst lange in Eiswaffeln oder Becher umzufüllen - in großen Papp-Verpackungen für einen "Appel und 'n Ei".

Der Hamburger-Stand auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest war damals die einzige Möglichkeit in Bremerhaven, einmal im Jahr einen (oder mehrere) Hamburger zu essen. So etwas wie "das etwas andere Restaurant" mit dem großen gelben "M"-Logo war - zumindest in Bremerhaven - noch nicht erfunden, und die Hamburger die es dort und in in diversen anderen Hamburger-Restaurants heute zu kaufen gibt sind ohnehin nur ein müder Abklatsch von denen, die man bei den Amerikanern bekam.

Vor dem Genuss seines Hamburgers musste man allerdings erst einmal ein festgelegtes Ritual durchlaufen. Man stellte sich an das Ende der Menschenschlange und wartete geduldig, bis man endlich die Kasse an dem einen Ende des Hamburger-Stands erreichte. Dort angekommen erhielt man einen Pappteller mit einem dieser typisch amerikanischen weichen Brötchen darauf, auf deren einer Hälfte ein gigantischer, auf dem Grill zubereiteter Hamburger lag. Damit ging man dann weiter in der Schlange entlang des äußerst reichhaltigen Zutatenbuffets, und belegte seinen Hamburger phantasievoll entsprechend seines persönlichen Geschmacks. Mengenmäßig gab es - abgesehen von der Größe des Papptellers und dem Fassungsvermögen des Hamburgerbrötchens - keinerlei Limit.

Auch in den letzten Jahren des Deutsch-Amerikanischen Volksfestes, als die Hamburger-Restaurants in Mode gekommen waren, wurden die Schlangen am Hamburger-Stand nicht kürzer. Die Hamburger der Amerikaner waren eben konkurenzlos.

Nebenbei tönten die ganze Zeit die Rufe der Betreiber einer Glücksspielbude über das Phillips-Field: "Chuck a Luck, Chuck a Luck, Chuck-a-Chuck-a-Chuck a Luck". Ich habe dort nie mitgespielt, sondern immer nur zugeschaut, wie die Leute ihre Münzen auf eine große Holzplatte warfen, und ab und zu eine Handvoll Münzen zurück erhielten.

Eine Kuriosität unter den Buden war jene, die den Namen "Dunk the Victim in the Water" trug. Ins deutsche übersetzt verbirgt sich dahinter die Aufforderung, "das Opfer im Wasser zu versenken". Das "Opfer" war ein US-Soldat, der auf einem Ende einer Wippe saß. Das andere Ende der Wippe war mit der Mechanik einer Zielscheibe verbunden und unter dem "Opfer" befand sich ein hoher Swimming Pool. Die Leute kauften Bälle, die sie möglichst kraftvoll gegen die Zielscheibe warfen, um damit die Arretierung des Endes der Wippe auf der Seite der Zielscheibe zu lösen. Während die Ballwerfer, oft vergeblich, versuchten das "Opfer" zu versenken, begleitete dieses die Fehlwürfe seiner "Henker" mit mit lautem Hohn und Spott. Gelang es jemandem, das "Opfer" im Swimmingpool zu versenken, dann folgten Spott und lautes Gejohle aus der Menge der umstehenden Ballwerfer.

Ich habe die armen "Opfer" oft bedauert, wenn sie an kühleren Tagen nach einer Versenkung nass und nur mit einer Badehose bekleidet frierend auf ihrem Ende der Wippe saßen und auf den nächsten erfolgreichen Treffer warteten.

Ich weine den Zeiten des Kalten Krieges bestimmt keine Träne nach, aber das Deutsch-Amerikanische Volksfest war Kult.

Sonntag, 9. Mai 2010

Katerstimmung im Wespennest

Seit gestern abend ist die Episode der scharz-gelben Herrschaft der Wespenkoalition in Nordrhein-Westfahlen Vergangenheit. Die Bürger haben zurückgestochen. Auch damit, dass im Bundesrat alles so einfach durchgewinkt werden kann, ist es jetzt erst einmal wieder vorbei.

  • Das macht Hoffnung:
    Der klimaschädliche Bau neuer Kohlekraftwerke, der Irrsinn, die deutschen Atomkraftwerke mindestens weitere 30 Jahre lang zu betreiben, der steuerpolitische Blindflug der FDP und die u.a. auch daraus resultierende Überlastung der Städte und Gemeinden - all das bedarf in der nächsten Zeit in vielen Fällen der Zustimmung der Oppositionsparteien im Bundesrat.

Gestern Abend antwortete Herr Westerwelle auf die Frage, ob das schlechte Abschneiden der FDP bei den Landtagswahlen nicht auch seine Niederlage sei, man gewinne gemeinsam, und man verlöre gemeinsam. Damit hat er zwar ohne Zweifel recht, doch beantwortete das in keiner Weise die an ihn gestellte Frage. Bisher trat er in der Öffentlichkeit immer sehr dominant auf. Die Kritik der Bürger an seinem atompolitischen Kurs oder seiner Steuerpolitik in Zeiten leerer Kassen, die Begünstigungspolitik gegenüber seiner Partei wohlgesonnenen Gruppierungen und Teilen der Wirtschaft oder seine Diffamierungskampagnen gegen die schwächsten unserer Gesellschaft, scherten ihn herzlich wenig.

Da hat Herr Westerwelle es doch richtig gut, wenn er sich jetzt hinter seiner Partei und der gesamten Bundesregierung verstecken kann.

Das Wahlergebnis sei ein Warnschuss - auch für die Bundesregierung, verkündete Herr Westerwelle gestern Abend gleich mehrmals. Dieser sei gehört worden. - Allerdings ließ Herr Westerwelle nicht wirklich erkennen, dass er auch meinte, was er da sagte. Ich hatte eher den Eindruck, er sei vielleicht etwas irritiert. Die wichtigste Aufgabe der FDP sei es jetzt, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen.

Ich habe zu wenig Informationen darüber, mit welchem landespolitischen Programm die FDP zu Wahl angetreten war. Aber zumindest auf bundespolitischer Ebene war doch eigentlich bereits lange vor dem gestrigen Wahltag klar zu erkennen, dass Herr Westerwelle und seine Partei das Vertrauen der Bundesbürger schon längst verspielt hatten. Die monatlichen Umfragen von ARD und ZDF belegen diesen Trend. Es wäre also Zeit genug gewesen, auf die Bürger zu hören, und den bundespolitischen Kurs der FDP zu korrigieren.

Angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise beharrt die FDP jedoch wie ein trotzköpfiges kleines Kind auf ihren Steuersenkungen. Gegen den deutlich erkennbaren Willen der Bürger hält sie ebenfalls an ihrem radikalen Umbau der Gesundheit und längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke fest. Für all dies steht seit der letzten Bundestagswahl insbesondere Herr Westerwelle. Sollte die FDP tatsächlich die Absicht haben, "das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen", dann sollte sie neben Korrekturen an wesentlichen Teilen ihres Regierungsprogramms vielleicht auch ernsthaft über einen neuen Parteivorsitzenden nachdenken.


Vorläufiges amtliches Wahlergebnis

Die FDP kann zwar in Nordrhein-Westfahlen mit 6,7 Prozent eine leichte Verbesserung ihres Stimmenanteils verzeichnen, bleibt damit aber deutlich hinter ihren Zugewinnen bei der Bundestagswahl zurück. Ihr Ziel, ein zweistelliges Ergebnis zu erreichen, konnte sie nicht erreichen. Im künftigen Landtag wird sie mit 13 Sitzen vertreten sein. Für ihren ehemaligen Koalitionspartner CDU ist das Ergebnis der Landtagswahl ein verheerender Erdrutsch. Sie verlor 10% gegenüber dem Ergebnis der vorhergehenden Landtagswahl, und damit ihr schlechtestes Wahlergebnis in Nordrhein-Westfahlen überhaupt.

Frau Kraft (SPD, Spitzenkandidatin) war gestern Abend anfangs zwar noch guter Hoffnung, dass sie zusammen mit den Grünen die zukünftige Regierung in Nordrhein-Westfahlen stellen könne, doch nach dem Ergebnis des vorläufigen amtlichen Wahlergebnisses, fehlt der SPD und den Grünen dafür ein Sitz im Landtag. Auch die SPD musste Verluste an ihrem Stimmenanteil hinnehmen. Mit jeweils 67 Sitzen werden SPD und CDU im gleich stark im neuen Landtag vertreten sein.

Die eigentlichen Gewinner der Landtagswahl in Nordrhein-Westfahlen sind aber die Grünen, deren Stimmenanteil sich von 6,2 auf 12,1 Prozent nahezu verdoppelte. Mit ihrem besten Wahlergebnis, das sie bisher dort erreichen konnten, errangen die Grünen 23 Sitze im neuen Landtag.

Mit 5,6 Prozent und 11 Sitzen ist seit gestern Abend auch die Linkspartei im Landtag von Nordrhein-Westfalen vertreten.


Konstellationen

Sowohl die Vertreter der Grünen, als auch diejenigen der SPD hatten noch gestern Abend erkennen lassen, dass sie am liebsten eine Rot-Grüne Landesregierung bilden würden. Dafür reicht es jetzt nicht mehr. Beide ließen erkennen, dass ihnen an einem wirklichen Politikwechsel in Nordrhein-Westfahlen gelegen ist. Das werden sie jedoch wohl nur erreichen, wenn sie sich auf Gespräche mit der Linken einlassen. Diese Partei ist den meisten "etablierten" Politikern aller anderen Parteien zwar irgendwie lästig, aber "ignorieren" geht wohl auch nicht mehr. Die anderen Parteien werden sich also wohl oder übel aktiv mit der Linken auseinandersetzen müssen. Dazu gehören auch Sondierungsgespräche, wenn es um die Bildung neuer Regierungskoalitionen geht. Angesichts wachsender Stimmenanteile der Linken wird man diese jedenfalls künftig ebenso zu Kenntnis nehmen müssen, wie die FDP.

Auch einer schwarz-grünen Koalition würde ein Sitz im Landtag fehlen. Der von den Grünen angestrebte Politikwechsel wäre damit allerdings wohl kaum möglich. Allerdings fehlt einer solchen Anfangskonstellation ohnehin die dritte Partei im Bunde. Die FDP als Mehrheitsbeschaffer kommt für die Grünen nicht in Frage und die Linken sind der CDU ein Dorn im Auge.

Denkbar wäre natürlich auch eine Große Koalition aus SPD und CDU. Aufgrund des gleichen Anzahl der Sitze im neuen Landtag wäre der Streit darüber, ob es künftig eine Ministerpräsidentin Kraft oder weiterhin einen Ministerpräsidenten Rüttgers in Nordrhein-Westfahlen geben soll, wohl schon vorprogrammiert. Auch scheint es weitere landespolitische Differenzen zwischen SPD und CDU zu geben, und die Mehrheit im Bundesrat gewönne die CDU mit einer Großen Koalition in Nordrhein-Westfahlen auch nicht zurück. Bei Meinungsverschiedenheiten müssten sich die Vertreter der Landesregierung im Bundesrat der Stimme enthalten.

Wie auch immer: Es bleibt wohl noch für einige Zeit spannend in Nordrhein-Westfahlen.


(Quelle: ARD-Tagesschau vom 10.05.2010)

Für Lehe bleibt nur ein Trostpflaster


Bremerhaven, Lehe: "Post- und Sparkasse" in der Hafenstraße

Nachdem die Post ihre Filiale in Lehe geschlossen hat, der nachfolgende Paket-Service seinen Paket-Service eingestellt hat, verlässt jetzt - voraussichtlich 2012 - auch noch der dritte "Bewohner", die Arbeitnehmerkammer, das "Post- und Sparkassengebäude" in der Hafenstraße. Schön, dass uns wenigstens noch die Sparkasse erhalten bleibt.

Wie Herr Lübben in der Nordsee-Zeitung gestern richtig bemerkte, werden die Besucher der Wirtschafts- und Sozialakademie der Arbeitnehmerkammer (Wisoak), die nebenbei auch in den umliegenden Geschäften ihre Besorgungen erledigten, in der Hafenstraße bitter fehlen. Von dem Trostpflaster, das die Kulturveranstaltungen weiterhin im Capitol-Gebäude in der Hafenstraße stattfinden sollen, haben die Geschäfte in der Hafenstraße überhaupt nichts. Kultur findet bekanntlich in den abendlichen Freizeitstunden statt. Dann haben die Geschäfte geschlossen.

Die Nordsee-Zeitung berichtet in ihrer Auagabe von gestern, die Arbeitnehmerkammer werde in einen Neubau im Gebiet der Havenwelten am Neuen Hafen umziehen. Dort verlange die Umgebung eine hochwertige Architektur. Vor drei Jahren sei für einen solchen Neubau ein Kostenrahmen von ca. 5 Millionen Euro veranschlagt worden. Aber die Arbeitnehmerkammer hat's ja wohl übrig. Dank der Zwangsmitgliedschaft der Arbeitnehmer, mit deren Zwangsbeiträgen der neue repräsentative Tempel am Neuen Hafen finanziert wird, kann sie ja auf eine ständig sprudelnde Einnahmequelle zurückgreifen.

Mit Verantwortung für den Bremerhavener Stadtteil Lehe hat der Umzugsplan absolut gar nichts zu tun. Daran ändert auch das vorgeschobene Kultur-Trostpflaster nichts, mit dem die Arbeitnehmerkammer sich aus der Verantwortung für Lehe stehlen will.


Nebenbei bemerkt:

Über die Hochwertigkeit der Architektur der Gebäude der Time Ports, die dort bereits gebaut wurden, lässt sich sicher trefflich streiten. In meinen Augen sind das nichts als simple, quaderförmige Klötze. Hochwertige Architektur ist für mich das Auswandererhaus, das Klimahaus oder der Sail City Turm, und vielleicht auch noch die Wohngebäude hinter dem Weserdeich auf der gegenüberliegenden Seite des Neuen Hafens. Sollte aufgrund des Umzugs der Arbeitnehmerkammer auf der Ostseite des Neuen Hafens jetzt für (mindestens!) 5 Millionen Euro ein weiterer solcher einfallsloser Protz-Klotz entstehen, dann wäre das alles doppelt schmerzlich.

In meinen Augen ist der beschlossene Umzug ohnehin die reine Geldverschwendung. Wenn ich die Chance hätte, aus diesem Verein auszutreten, dann hätte ich noch gestern die Kündigung meiner Mitgliedschaft verfasst und abgeschickt!


(Quelle: Nordsee-Zeitung vom 08.05.2010)

Samstag, 8. Mai 2010

Das Gespensterschiff

FriedenstaubeHeute vor 65 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Für die damalige Stadt Wesermünde, die seit 1947 den Namen Bremerhaven trägt, kam das Kriegsende ein gutes Jahr zu spät. Noch im Spätsommer und im Herbst 1944 wurde der größte Teile der bis dahin weitestgehend intakt gebliebenen Stadt bei Bombenangriffen der alliierten Bomberflotten zerstört.

Aber mit dem Krieg, mit dem die Nazis Europa und große Teile Asiens ins Unglück geführt hatten, endete auch die Terrorherrschaft der Nazis gegen die eigene Bevölkerung. Für diesen Staatsterror steht in Bremerhaven beispielhaft das sogenannte "Gespensterschiff", ein ehemaliges Minensuchboot, das ursprünglich an der Ostseite des Neuen Hafens festgemacht war, und dort der Marine-SA ab 1933 als Quartier und "Vernehmungsbüro" diente. Politische Gefangene, die nicht geständig waren, viele von ihnen, weil sie gar nichts zu gestehen hatten, wurden dort mit Gummiknüppeln, Stahlruten, Nagelstöcken und Fäusten bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert. Bevor sie von ihren Peinigern entlassen wurden, mussten sie schriftlich bestätigen, dass sie nicht misshandelt worden waren.

Die Schreie der Opfer sollen jedoch so laut gewesen sein, dass es zu Protesten aus der Bevölkerung gegen die Lärmbelästigung – nicht gegen die Folter! – kam. Die SA verlegte das "Gespensterschiff" deshalb etwas weiter weg von den Wohngebieten an die Westseite des Alten Hafens, ungefähr dorthin, wo heute das "Klimahaus 8° Ost" steht. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel am Betriebsgebäude der Doppelbrücke über den Verbindungskanal zwischen Altem- und Neuem Hafen an das Gespensterschiff ...


Wenn ich die Erzählungen "der Alten" höre, die damals als Kinder und Jugendliche die Bombennächte in den Luftschutzkellern erlebt haben, die Freunde und Familienangehörige verloren haben, die erlebt haben, wie ihre Heimat den Bomben zum Opfer fiel, die mitbekommen haben, wie Menschen verfolgt, gequält und umgebracht wurden und die selbst nicht wagten, dagegen zu protestierten, weil sie um ihre persönliche Sicherheit besorgt waren, dann kann ich es nicht verstehen, wie es angehen kann, dass die Kinder und Enkel der Kriegsgenerationen von damals heute schon wieder bereit sind, in einem Krieg irgendwo in Asien wildfremde Menschen umzubringen oder selbst zu sterben. Vor allem aber kann ich es nicht nachvollziehen, dass die Menschen auch heute schon wieder nicht wagen, gegen diesen Wahnsinn zu protestieren. Das folgende erschütternde Zitat ist ein Kommentar einer Mutter, deren Sohn gerade in der Grundausbildung bei der Bundeswehr war, zu einem Artikel über die Trauerfeier anlässlich des Todes dreier deutscher Soldaten in Afghanistan im Blog "Cappuccino & Meer":

"So denken viele, doch man traut sich nicht, seine Meinung laut zu sagen. ... Wenn ich an die armen Angehörigen denke, wird mir übel, ich mag nicht daran denken, wenn mein Sohn ... Nee, das ist zu grausam. ..."


(Quelle: Cappuccino & Meer vom 9. April 2010, Nordsee-Zeitung vom 14.05.2008)