Montag, 7. Juni 2010

Die Geeste - Von der Achgelisbrücke zur Geestebrücke


Von der Achgelisbrücke entlang der Geeste bis zur alten Geestebrücke


Die fünfte Etappe meines Pfingstspaziergangs beginnt auf dem Geestedeich an der Stresemannstraße. Auf dem Deich stehend schweift der Blick vom Stadtteil Lehe mit der Pauluskirche und dem Schwoonschen Wasserturm über Schilffelder, und die Gärten am gegenüberliegenden Ufer bis zur Achgelisbrücke. Von dort geht es entlang des rechten Geesteufers zur alten Geestbrücke.

Beim Gang über die Achgelisbrücke kommen links am gegenüberliegenden Geesteufer die Reihenhäuser des Kapitänsviertels in Sicht. Rechterhand erstreckt sich das Kleingartengebiet Geesthelle. Die Achgelisbrücke ist eine ehemalige Eisenbahnbrücke, über die bis zum Konkurs der Rickmers Werft im Jahre 1986 noch Versorgungsgüter für den Schiffbau transportiert wurden. Über die ursprüngliche Brücke an dieser Stelle führte die Stichbahn vom Ende der Bahnstrecke zwischen der Stadt Bremen und der Ortschaft Geestemünde in das alte Bremerhaven, das damals nur aus dem Alten Hafen mit einigen Häusern darum herum bestand.


Das Gelände der ehemaligen Rickmers-Werft

Das Kapitänsviertel ist ein Neubaugebiet auf dem ehemaligen Gelände der Rickmers-Werft, dessen Straßen nach Namen von Kapitänen benannt sind, die einmal die Großsegler führten, die bei Rickmers gebaut worden waren. Am Kapitänsviertel vorbei geht es weiter auf dem Wanderweg entlang des rechten Geesteufers. Die Gebäude auf dem Gelände zwischen der Stresemannstraße und dem gegenüberliegenden Ufer bis kurz vor der alten Geestebrücke gehören zur Marineschule.

Rechts voraus sind jetzt die ehemalige Ausrüstungskaje und in der Kurve des Geestebogens die Reste des Längshelgens der Rickmers-Werft zu erkennen. Das weiße Hochhaus links im Bild steht am Freigebiet. Das 1956 fertiggestellt Gebäude ist das erste Hochhaus, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Bremerhaven gebaut wurde. Das roten Backsteingebäude rechts davon ist der Neubau des Arbeitsamtes - heutzutage, wo wir ja alle scheinbar etwas vornehmer geworden sind, heißt es "Arbeistagentur". Am Schicksal der Arbeitslosen hat sich damit allerdings gar nichts geändert. Bremerhavener, die angesichts der mit dem Werftensterben und dem Niedergang der Hochseefischerei sprunghaft angestiegenen, und seitdem auf hohem Niveau stagnierenden Arbeitslosenzahl zum Sarkasmus neigten, meinten damals, der Standort für den Neubau des Arbeitsamtes auf dem Gelände der ehemaligen Werft sei gut gewählt: Die arbeitslos gewordenen Werftarbeiter bräuchten sich nicht erst an neue Wege gewöhnen ...

Nach einer kurzen Wegstrecke kommt rechts im Geestebogen der ehemalige Werftkran der Rickmers Werft in Sicht. Er ist neben der ehemaligen Ausrüstungskaje, den Resten der Helgenanlage und dem historischen Werfttor am Freigebiet einer der letzten Zeugen aus der Blütezeit der Bremerhavener Werftindustrie. Die bauhistorisch wertvolle Schiffbauhalle des Heidelberger Architekts Egon Eiermann fiel dem Neubau des Arbeitsamtes zum Opfer - und mit ihm ein Stahbaubetrieb samt seinen 140 Arbeitsplätzen, der bis dahin in der ehemaligen Werfthalle untergebracht war. Der Architekt hatte im Jahre 1942 mit der Planung für Bau der Schiffbauhalle begonnen. Bekannt wurde er unter anderem durch den Bau der deutschen Botschaft in Washington und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche neben der Ruine der bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche am Kurfürstendamm in Berlin.


Nach dem Passieren des Werftkrans liegen die Steganlagen eines Kanuvereins und eines Sportbootvereins am Weg. Rechts des Weges sind die drei Hochhäuser an der Deichstraße zu sehen. Am gegenüberliegenden Geesteufer erstreckt sich weiterhin das Gelände der Marineschule.


Das Gelände der ehemaligen Tecklenborg Werft

Früher gab es dort auf Geestemünder Gebiet einmal eine weitere, in weiten Teilen der Welt bekannte Werft: Die Tecklenborg-Werft, deren Gründung auf den Bau einer Schiffswerft im Jahre 1841 auf Bremer Gebiet in der Nachbarschaft der dort bereits existierenden Rickmers-Werft zurückging.

1843 übernahm Herr Franz Tecklenborg den Betrieb und holte seinen Bruder Johann Carl als Schiffszimmerbaas in das Unternehmen. Dieser übernahm zwei Jahre darauf den Mietvertrag und führte den Betrieb unter dem Namen "Joh. C. Tecklenborg" weiter. Als die auf der Werft "Joh. C. Tecklenborg" gebauten Schiffe größer wurden, begann die Suche nach einem Gelände für den Bau eines großen Trockendocks. Da es auf der Bremer Seite der Geeste dafür nicht mehr genug Platz gab, pachtete Herr Tecklenborg 1852 ein passendes Gelände in Geestemünde. Ein Jahr später nahm die Tecklenborg-Werft links der Geeste ihren Betrieb auf.

Berühmte auf der Werft entstandene Viermastbarken und Fünfmaster, wie die "Padua" oder die 1895 vom Stapel gelaufene "Preußen", trugen den Namen der Werft um die Welt. Damals warb der Slogan: "Kaptein, si ohne Sorg’, din Schip is baut bi Tecklenborg." für die Zuverlässigkeit und Schnelligkeit der bei Tecklenborg gebauten Großsegler.

Ende 1926 fusionierten die Vulcan-Werke in Hamburg, die "Joh. C. Tecklenborg A.G." in Wesermünde die Actien-Gesellschaft „Weser“ in Bremen zur "Deutschen Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft" (Deschimag), deren Verwaltung in Bremen angesiedelt war. Die Deschimag war der erste Großkonzern der deutschen Schiffbauindustrie. Unter ihrem Dach bestanden mit der Actien-Gesellschaft „Weser“ und der Tecklenborg-Werft zwei Unternehmen, vergleichbarer Größe die beide vergleichbare Schiffe bauten. Außerdem gab es mit Seebeck in Wesermünde und Tecklenborg in Geestemünde zwei Werften am gleichen Standort. Daher beschloss der Vorstand der Deschimag, die Schließung der Tecklenborg-Werft.

Im Juni 1926 lief bei Tecklenborg als letzte frachtfahrende Viermastbark die "Padua" vom Stapel. Die "Padua" ist noch immer im Dienst und fährt heute unter dem Namen "Krusenstern" unter russischer Flagge. Das letzte auf der ehemaligen Tecklenborg Werft gebaute Schiff war ein Jahr später das Schulschiff "Deutschland", das im Bremer Ortsteil Vegesack seinen letzten Liegeplatz gefunden hat.

1934 ging das Gelände der ehemaligen Tecklenborg-Werft in den Besitz der Marine über. Die verbliebenen Werftanlagen wurden demontiert und 1935 begann der Bau der Marineschule. Das ehemalige Verwaltungsgebäude der "Joh. C. Tecklenborg A.G." auf dem Gelände der Marineschule hatte sowohl das Ende der Werft wie auch den Zweiten Weltkrieg überstanden. 1971 wurde es abgerissen. Bis vor wenigen Jahren war der Name der ehemaligen Tecklenborg-Werft noch an einem der Marinegebäude am Ufer der Geeste zu lesen, das dann aber ebenfalls abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde.


Auf dem weiteren Weg folgt nach kurzer Zeit am rechten Geesteufer die Bootshalle des "City Port". Sportbootbesitzer nutzen die Halle als Winterlager für ihre Boote, die im Herbst mit einem Gabelstapler aus dem Wasser gehoben und in einem Regalsystem in der Halle eingelagert werden. Auf dem Gelände des "City Port" gibt es außerdem einen Waschplatz für die Reinigung des Unterwasserbereichs der Boote sowie am Ufer der Geeste eine Tankstelle.

Im Anschluss an das Gelände der Marineschule folgt zwischen dem gegenüberliegenden Ufer der Geeste und der Claussenstraße das Grundstück einer siebenstöckigen, langgestreckten Wohnanlage mit dem Namen "Haus Tecklenborg", deren Name an den ehemaligen Werftstandort an dieser Stelle erinnert. Am Ufer vor dem Gebäude ist noch eine alte Dockeinfahrt der Werft erhalten geblieben.

Voraus überquert die Fährstraße die Geeste auf der alten Geestebrücke. Der Name der Straße erinnert daran, dass hier bis 1857 eine Prahmfähre die einzige Verbindung zwischen den Gemeinden Geestemünde auf hannoverschem Gebiet links der Geeste und Bremerhaven auf der rechten Seite des Flusses auf Bremer Gebiet war. Seit dem erleichterte an dieser Stelle eine zweiflügelige Drehbrücke den wachsenden Verkehr zwischen Geestemünde und Bremerhaven. Die erste Geestebrücke besaß noch keine Gitterkonstruktion. Sie erwies sich bereits nach 47 Jahren als zu klein und ihre Tragfähigkeit war angesichts größer werdender Fahrzeuge nicht mehr ausreichend. Im Jahre 1904 wurde sie durch die heutige einflügelige Drehbrücke mit Gitterkonstruktion ersetzt.

Die Geeste

(Quellen: Zeit Online vom 18.08.1989, Wikipedia, Harry Gabcke - "Bremerhaven in zwei Jahrhunderten 1827-1918")

1 Kommentar:

kelly hat gesagt…

hallo juwi,
soviel informationen, einfach klasse.
wenn ich das nächste mal über die achgelisbrücke fahre, sehe ich die geeste mit ganz anderen augen.
vor einigen jahren auf dem weg zu meinem arbeitsplatz, bin ich oft über die brücke gegangen. die parkplätze am ufer waren aber immer hochwassergefährdet und ein risiko.
auf ein wiedersehen mit der krusenstern freue ich mich immer wieder, ob sie zur sail kommt?
es wird zeit bei mir einen link für das ereignis des jahres zu setzen.
lg kelly

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