Mittwoch, 9. Juni 2010

Von Sparern und von Selbstbedienern

Alle reden von der Notwendigkeit, Geld einzusparen. Die Bundesregierung redet nicht nur davon. Sie hat auch gleich ein Sparpaket geschnürt, wobei sie wieder einmal kräftig bei denen zulangt, die sich bald nicht einmal mehr ein Hungertuch leisten können, an dem sie noch nagen könnten: Hartz-IV-Abhängigen wird das Elterngeld und die Beiträge für die Altersvorsorge gestrichen. Außerdem werden die Zuschläge abgeschafft, die den Übergang vom Arbeitslosengeld-I abfedern sollen. Weg damit: Die wehren sich ja nicht. Wie denn auch ...

Und was machen die Abgeordneten des Landtags in Niedersachsen? Die sparen beim Sparen und langen noch mal ordentlich zu! Gestern beschlossen sie - bevor es ernst wird mit dem Sparen - schnell noch mal eben, ihre Diäten zum 1. Januar 2011 um 405 Euro auf 6000 Euro monatlich anzuheben.

Die Hannoversche Allgemeine vom 08.06.2010 zitierte Herrn Wulff (CDU, Niedersachsen, Ministerpräsident sowie Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten) dazu mit den Worten: "Die Abgeordneten sind wichtiger denn je, vor allem in der Vermittlung schwieriger Entscheidungen. Vor dem Hintergrund der Arbeitsbelastung sollte der Beruf nicht immer unattraktiver werden." Auch den Abgeordneten stehe regelmäßig eine angemessene Erhöhung zu.

Na, da sollte der Herr Wulff mal die Mitarbeiter in den Pflegeberufen, im Einzelhandel, in den Krankenhäusern, im Öffentlichen Dienst etc. fragen, ob die denn auch alle regelmäßig eine "angemessene Erhöhung" erhalten. Das sind nämlich auch alles Berufe, die vor dem Hintergrund der Arbeitsbelastung, unchristlicher Arbeitszeiten und einer miesen Bezahlung immer unattraktiver werden, ohne die aber in unserem Lande so einiges zusammenbrechen würde. Auf alle diese Menschen kommen angesichts der finanziellen Lage Deutschlands harte Zeiten zu. Ich könnte mir deshalb gut vorstellen, dass Herrn Wulff die Antworten nicht gefallen würden, die er von diesen und vielen anderen Menschen zu hören bekäme. Er sollte sich und seine Kollegen also lieber nicht für wichtiger halten, als sie es sind.
  • Nebenbei bemerkt:
    Auch Landtagsabgeordnete können von ihrem Arbeitgeber, dem Volkssouverän "Bundesbürger", bei der Landtagswahl entlassen werden, wenn dieser mit der Arbeit seiner "Volksvertreter" nicht mehr zufrieden ist. Im Gegensatz zu normalsterblichen Arbeitslosen brauchen ehemalige Abgeordnete sich allerdings in der Regel (bisher jedenfalls) keine Gedanken über die anschließende Finanzierung ihres Lebensunterhalts zu machen. Dafür sorgen sie - ebenso wie für die Erhöhung ihrer Diäten - schon selbst.

Nachtrag:

Es gibt sie noch, die kritischen Journalisten, die über das schreiben, was unsere Gesellschaft unter Umständen zerreißen könnte, wenn niemand etwas dagegen sagt. Diesen Kommentar, den Monika Kappus von der Frankfurter Rundschau gestern zum Sparpaket der Bundesregierung geschrieben hat, wollte ich euch auf keinen Fall vorenthalten!


(Quellen: Hannoversche Allgemeine vom 08.06.2010 - Bericht 1 und Bericht 2)

Kommentare:

Wolfgang aus Greifswald hat gesagt…

Letztendlich ist es leider völlig wurscht, wer "da oben" am Ruder steht. Es war zu allen Zeiten wirkungsvoller, unten die 5Mark-Stücke einzusammeln. Masse macht Kasse. Kamele gehen eben nicht durch ein Nadelöhr. Selbst RotGrün hat es geschafft, die "VonUntenNachOben"- Verteilung mit der Agenda 2010 zu forcieren. Und wenn in D-Land der "soziale Frieden" kippt, wird sich das in einem der nächsten Wahlergebnisse äußern. Extreme auf beiden Seiten des Spektrums werden Raum gewinnen. Die jüngste NRW-Wahl hat es ja schon gezeigt: die Linke, diese sauberen SED- Kommunisten - getarnt mit ein paar WASG-Leuten reiten in den D'dorfer LandTag ein. Jetzt erkennen Frau Kraft und Co, daß mit so welchen kein Regieren geht. Hier im NordOsten ist das SparProgramm von SchwarzGelb Öl auf die Lampen der Kommunisten und der Nazis. Der VolksZorn entlädt sich genau in die beiden Richtungen. Der soziale Friede ist doch schon am Kippen, wenn hierzulande BürgerBüros der demokratischen Parteien angegriffen werden, Schmierereien auf Wänden und Türen, eingeworfene Fensterscheiben, demolierte Autos. Wieviel fehlt denn noch, bis auch Menschen gelyncht werden? Ist es da ein Wunder, wenn die demokratischen Parteien das Land dem stalinistischen/faschistoiden Mob überlassen? Denke ich an Deutschland in der Nacht... Das "SparBuch" ist auch ganz geschickt zu einer Zeit veröffentlicht worden, wo das halbe Land eh nur schwarzweißrundes Leder im Kopp hat. Während der Fussi-WM können die noch Dinge in die Umlaufbahn schicken, die die Leute erst merken, wenn König Fußball wieder zu regieren aufgehört hat.
LGr. aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang

juwi hat gesagt…

@Wolfgang: Was das Timing mit dem Fußball angeht, kann ich dir nur zustimmen. Ich werde Augen und Ohren jedenfalls weiter offen halten. Die NeoNazis gewinnen überall da an Raum, wo sie ignoriert oder unterschätzt werden, und die Linken da, wo sie den kleinen Leuten volle Taschen versprechen. Über die Mittel, die sie dafür einsetzen wollen (Umverteilung von oben nach unten, Verstaatlichung von Teilen der Wirtschaft) lässt sich sicher genausogut streiten, wie über die Umverteilungsaktionen der FDP. Die steht nämlich inzwischen auch bald auf meiner Liste der extremen Parteien. Und auch darin gebe ich dir recht: Solange das Volk, also der Auftraggeber für die in seinem Dienste stehenden Politiker (zumindest auf dem Papier ist das so!), nicht deutlich sagt, wo gespart und wo gefördert werden soll, machen "die da oben" was sie wollen. - Also wird es Zeit, das der Volkssouverän mal wieder auf die Straße geht, und laut sagt, was da gerade aus dem Ruder läuft. Vielleicht hören "die da oben" dann endlich ja einmal auf das, was das Volk will. - Fragt sich nur, ob "das Volk" sich dazu aufraffen kann: Das ist in diesem Lande nämlich eine ziemlich träge Masse!

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