Dienstag, 15. Juni 2010

Eine neue Lücke im Gedächtnis der Stadt


Bremerhaven (Mai 2010): Kiesanlage und Betonwerk am Neuen Hafen

"Alles was Sie an historischer Substanz vernichten,
ist für das Gedächtnis der Stadt verloren."

Diese eindringliche Warnung hatte der Freiraumplaner Tilman Latz an führende Politiker der Stadt Bremerhaven im Rahmen eines Stadtgesprächs über die Zukunft am Alten und Neuen Hafen im Januar 2010 gerichtet. Neben Herrn Latz hatten sich damals auch weitere Fachleute dafür ausgesprochen, den fast 50 Jahre alten Kran der Kies-Anlage am Nordende des Neuen Hafens als Industriedenkmal zu erhalten. Herr Schulz (SPD, Oberbürgermeister) hatte daraufhin versprochen, sich für den Erhalt der Krananlage einzusetzen.

Am 11.06.2010 berichtete die Nordsee-Zeitung, Herr Schulz habe den Stadtverordneten am 10.06.2010 im vertraulichen Teil der Stadtverordnetenversammlung mitgeteilt, bei einem Grundstücksverkauf würde die Stadt 250000 Euro weniger einnehmen und für die Sanierung des Verladekrans würde mit weiteren 200 000 Euro zu rechnen sein. Weiterhin müssten Gutachter bezahlt, die Gleise auf der Kaje neu gebaut und jedes Jahr rund 50000 Euro für den Unterhalt kalkuliert werden.

Wie diese Zahlen zustande kommen kann ich leider nicht nachvollziehen. Ich bezweifle jedoch, dass tatsächlich jährlich 50000 Euro für den Unterhalt des Krans aufgebracht werden müssten. Wenn alle paar Jahre einmal Rost zu entfernen ist und die betroffenen Stellen neue Farbe brauchen, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass dabei solche Summen zustande kommen. Schließlich soll der Kran ja nicht mehr betrieben werden und ist es ja auch möglich, andere Industriedenkmäler zu erhalten, wie zum Beispiel den Rickmerskran, dessen Instandhaltung sicherlich auch nicht ohne finanzielle Mittel möglich ist.

Währendessen ist von dem ehemaligen Betonwerk auf dem Gelände schon kaum noch etwas zu sehen. Bereits Ende Juni soll die letzte Industriefläche am Neuen Hafen dem Erdboden gleich gemacht worden sein. Im letzten Monat konnte ich noch beobachten, wie dort Beton produziert wurde und auf der Anlage Betrieb herrschte.

Ich hoffe jedenfalls, dass mit der Krananlage nicht auch noch das letzte Stück des authentischen Hafenflairs im Gebiet der "Havenwelten" in der Schrottpresse landet. Sollte sich die bekannte rigorose Abrissmentalität der Bremerhavener Politiker, mit der es in der Vergangenheit schon so manche leidvolle Erfahrung in dieser Stadt gab, auch am Neuen Hafen bis zum bitteren Ende durchsetzen, dann werden sich die Touristen irgendwann fragen, wo denn in dieser alten Hafenstadt noch das typische Hafen-Flair zu finden ist, das sie bei ihren Besuch der Bremerhavener "Havenwelten" zu erleben hofften.

Auch der ehemalige Betreiber der Kies-Anlage und des Betonwerks wäre erfreut, wenn wenigstens der Kran erhalten bliebe. 1964 sei auf dem Gelände Bremerhavens erstes Betonwerk entstanden. Die Anlage sei damals an einem günstigen Standort errichtet worden. Das träfe auch auf die Stadt Bremerhaven zu, der dadurch, dass der Beton auf der Kaje gemischt werden konnte, 15000 Lkw-Touren erspart geblieben seinen.

In meinem Video ist die Kies-Anlage wohl das letzte Mal in Aktion zu sehen. Möglicherweise war es ja so eine Art Vorahnung, als mir eines Morgens im Mai der Gedanke kam, den Betrieb auf der Kies-Anlage im Video festzuhalten. Man kann ja schließlich nie wissen, wie schnell die nächste typisch Bremerhavener Einrichtung im Dunkel der Geschichte verschwindet ... - Damit, dass diese Ahnung so schnell zur Realität werden würde, hatte ich vor einem Monat allerdings noch nicht gerechnet. Zu sehen sind der Kran beim Entladen eines Binnenschiffes, die Förderbandanlage und jede Menge Betonmischer-Verkehr: Arbeitsalltag eben ... - bis vor kurzem jedenfalls.

Mit dem Ende des letzten Industriebetriebs hat der Neue Hafen seine ursprüngliche Funktion verloren. Was bleibt ist eine große rechteckige Wasserfläche, eine Marina sowie die Traditionssegler der "Schiffergilde" und die Oldtimer der "Schiffahrts-Compagnie Bremerhaven".


(Quelle: Nordsee-Zeitung vom 26.01. und vom 11.06.2010)

1 Kommentar:

Helmut hat gesagt…

Lieber Jürgen,
in unserer kleinen Stadt haben sich engagierte Bürger zusammen gefunden und das Aktiosbündnis "Gemeinsam für Gochsheim" gegründet. Ziel ist es, auf freiwilliger Basis und unentgeltlich etwas zu tun von dem alle Einwohner profitieren. Sicher in einer Stadt wie Bremerhaven ist ein solches Vorhaben schwerer zu realisieren, als auf dem Land.
Danke für deinen sehr ausführlichen Kommentar.
Liebe Grüße
Helmut

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