Mittwoch, 7. Oktober 2009

Laub fegen


Laubfall (Bremen 2004, Ortstraße)

In der Stadt gibt es Leute, die haben keinen Garten. Das liegt daran, dass es für die zahlreichen Menschen, die dort wohnen, zu wenig gartentaugliche Flächen zwischen den Straßen und Häusern gibt. Wenn die Leute, die keinen Garten haben, an einem schönen Sommertag einmal im Grünen sitzen wollen, dann gehen sie in den Park. Der Vorteil dabei ist, dass sie sich keine Gedanken um die Gartenarbeit machen brauchen. Das übernehmen andere für sie. Der Nachteil an einem schönen Sommertag im Park ist aber, dass alle anderen Leute, die keinen Garten besitzen, ebenfalls in großer Anzahl in den Park strömen, und dass sie genau dort im Grünen sitzen wollen, wo man eigentlich gerade selbst seine Picknickdecke ausbreiten wollte.

Es gibt aber auch Leute in der Stadt, die glückliche Besitzer eines kleinen Gartens sind. Entweder haben sie ein kleines Grundstück in einem Schrebergartenverein gepachtet, oder sie sind vielleicht in der glücklichen Lage, über einen kleinen Stadtgarten im Hinterhof ihrer Wohnung verfügen zu können. Wenn diese Leute an einem schönen Sommertag einmal im Grünen sitzen wollen, dann gehen sie einfach in ihren Garten. Der Vorteil dabei ist, dass sie in ihrem Garten gelegentlich auch einmal Freunde zu sich einladen und frisch gegrillte Bratwürste essen können, und das kein Fremder sich jemals auf genau den Quadratmeter Rasen setzen wird, auf dem sie sich gerade selbst niederlassen wollten. Der Nachteil an ihrem eigenen Garten ist jedoch, dass sie die Sache mit der Gartenarbeit in ihre eigenen Hände nehmen müssen. Es wird allerdings kaum jemanden unter ihnen geben, der das zugeben wird. Sie sagen grundsätzlich, Gartenarbeit sei ihr Hobby.

Besonders nachteilig ist ein eigener Garten um diese Jahreszeit - jedenfalls dann, wenn jemand stolzer Besitzer eines gut gepflegten englischen Rasens ist. Das Laub, das um diese Jahreszeit tonnenweise von den Ästen der Bäume rieselt, und dann zielstrebig in Richtung des kurzgeschorenen Grüns segelt, hat die eigentümliche Angewohnheit, das genau dann zu tun, wenn fünf Minuten später eine dieser typischen Herbstwetterlagen mit Unmengen von Regen und heftigen Stürmen einsetzt, welche ihrerseits die eigentümliche Angewohnheit haben, unbeirrt tagelang anhalten zu müssen. Das nasse Laub, gespickt mit vom Sturm abgebrochenen Ästen, das tagelang die Gelegenheit wahrgenommen hatte, mit dem ehemals gut gepflegten englischen Rasen eine innige, matschige Verbindung einzugehen, verwandelt einen bisherigen Hobbygärtner schnell in einen ganz gewöhnlichen Gartenarbeiter. Dann heißt es Laub fegen, Laub fegen und abermals Laub fegen. Das geht solange, bis auch das letzte kurzgeschorene Hälmchen des lädierten englischen Rasens restlos freigelegt ist. Dann, aber erst dann, erscheint vielleicht wieder ein leichtes Lächeln um den Mund dieses herbstgeplagten Zeitgenossen. Wenn dieser Gartenbesitzer (der nach geschaffter Arbeit allerdings nur noch dazu in der Lage ist, wieder etwas hoffnungsvoller auf seinen, allerdings zur Zeit noch schrecklich versumpften, ehemals englischen Rasen zu schauen) nebenbei auch noch Augen für seine Umgebung hätte, und sein Blick auf die Äste der rings umherstehenden Bäume treffen würde, dann könnten ihm die unzähligen Blätter daran, mit ihren welken Gesichtern und dem fiesen Grinsen darin, unmöglich entgehen.

Sobald der vom Laubfegen völlig erschöpfte Gartenbesitzer vor dem laufenden Fernsehgerät in seinem Sessel eingenickt ist, springen tausende welke Blätter, die bis dahin ungeduldig auf ihren Ästen in den Startlöchern gesessen hatten, wie auf Kommando von den Bäumen und landen - na wo schon - zielstrebig auf dem inzwischen ohnehin schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogenen Sumpfrasen.


Copyright:
© Jürgen Winkler

Kommentare:

Elfe hat gesagt…

Oh je Juwi, diese Gartenbesitzer haben mein Mitgefühl, na gut das ist halt einfach die andere Seite der Medaille, gell. Ich bin denen echt dankbar, wenn sie sich keinen Laubstaubsauger anschaffen, wieder so ein ein lärmiges Ding, jetzt wo endlich die Rasenmäher schweigen *grins*.

Also wir hatten heute nochmals einen Sommertag, sage und schreibe 25 Grad C, dank warmer Luft aus Afrika. Doch ab morgen ist es vorbei mit dem milden Herbstwetter, die Kältfront ist im Anrücken.

Dann hoffe ich für alle Laubrecher und -recherinnen, dass so ein irrer Herbststurm alle Blätter wegträgt, vielleicht in Nachbars Garten oder gleich hinaus auf die hohe See?

Liebe Grüsse in den Abend
Elfe

Dr. No hat gesagt…

Also, ich bin ja froh, wenn meine Nachbarn Laub fegen würden, statt es mit Hilfe eines Laubbläsers bei ohrenbetäubendem Lärm zusammenzublasen...

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