Freitag, 29. Januar 2010

Straßenbahn oder Bus?

Ein anonymer Schreiber (oder eine Schreiberin?) hinterließ zu meinem gestrigen Artikel zum Thema Klimaschutz einen anonymen Kommentar. Kommentare anonymer Schreiber, die sich nicht zu erkennen geben, veröffentliche ich grundsätzlich nicht (siehe Hinweise über dem Kommentareingabefeld).

Da es zum Thema Umweltfreundlichkeit von Bus und Straßenbahn aber vielleicht unterschiedliche Meinungen gibt, stelle ich die abgegebene Meinung hier einmal zur Diskussion:
  • Der (oder die?) Schreiber(in) meint (vermutlich mit Bezug auf die Straßenbahn), der Bus sei mit großem Abstand das umweltfreundlichste Mobil.

Leider gab er (oder sie?) keinen Hinweis darauf, wo man das gegebenenfalls nachlesen kann. Daher steht diese Aussage jetzt ebenso im Raum wie meine Meinung, die Straßenbahn sei dem Bus als innerstädtisches öffentliches Verkehrsmittel vorzuziehen. Im Folgenden stelle ich meine eigenenen Überlegungen dazu etwas detailierter dar.

Wenn ich im Unrecht bin, lasse ich mich auch gerne vom Gegenteil überzeugen. Das sollte aber mit sachlichen Argumenten und nicht aus der Anonymität heraus geschehen. Meine Leser und ich wissen gerne, mit wem wir diskutieren.


CO2-Emission pro Person auf einen Kilometer

Ich meine, bezogen auf die beförderte Personenzahl, wird ein (einzelner) voll besetzter Bus pro Person auf einen Kilometer sicherlich weniger CO2 emittieren, als ein (einzelner) mit nur einer Person besetzter Pkw. Möglicherweise lässt sich das aber so pauschal auch gar nicht darstellen, da die Spannweite der CO2-Emissionen pro Kilometer bei unterschiedlichen Pkw's je nach Größe und Typ recht groß ist. Ebenso ist auch das Fahrgastaufkommen im innerstädischen öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) abhängig von der Tageszeit unterschiedlich groß. Fakt ist aber erst einmal, dass Bus und Pkw mit fossilen Brennstoffen angetrieben werden, und damit schädlich für das Klima sind. Bei Dieselfahrzeugen (Bus) kommt noch ein Feinstaubproblem hinzu, das sich zwar mit Rußfiltern verringern aber nicht restlos beheben lässt.

Ich vermute, dass die CO2-Emissionen pro Kilometer, bezogen auf die beförderte Personenzahl, derzeit zwischen Bus und Straßenbahn nicht sehr unterschiedlich sein werden. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass die Straßenbahn diesbezüglich gegenüber dem Bus etwas im Vorteil sein wird, wenn man davon ausgeht, dass mit einem modernen Straßenbahnzug, bestehend aus Gelenktriebwagen und Gelenkanhänger, mehr Personen befördert werden können, wie mit einem Gelenkbus. Fakt ist aber, dass hinsichtlich der innerstädtischen Abgasbelastung der Straßenbahn gegenüber dem Bus der Vorrang zu geben ist.

Ebensowenig wie sich die Frage, woher man zuhause seinen elektrischen Strom bekommt, mit: "Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose." beantworten lässt, kommt natürlich auch der Strom für die Straßenbahn nicht einfach so aus der Oberleitung. Solange der Strom für den Betrieb der Straßenbahn in einem mit fossilen Energieträgern befeuerten Kraftwerk (Kohle, Erdgas, Erdöl) oder in einem Atomkraftwerk erzeugt wird, trifft die Aussage, eine Straßenbahn sei umweltfreundlicher als ein Bus, ausschließlich auf die Umweltsituation in der Stadt zu. Die durch den Betrieb der Straßenbahn verursachten Umweltbelastungen treten an einem anderen Ort auf, als in der Stadt.

Das gleiche gilt übrigens ebenso für die, im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung, in letzter Zeit gerne als Allheilmittel gehandelten Elektroantriebe für Pkw's.


In Deutschland genutzte Energieträger

Die Energieerzeugung in Deutschland besteht laut "scinexx Das Wissensmagazin" derzeit aus einem Mix fossiler und erneuerbarer Energieträger, der seit etwa 15 Jahren annähernd konstant ist. Der Anteil erneuerbarer Energien daran beträgt demnach 7,4 Prozent. Deshalb wäre der Betrieb einer Straßenbahn grundsätzlich auch unter dem Gesichtspunkt "Energieerzeugung" immerhin noch etwas umweltfreundlicher, als der eines Busses. Inzwischen ist es wohl unstrittig, dass die Treibhausgasemissionen innerhalb kürzester Zeit der Vergangenheit angehören müssen. Wenn es der Menschheit gelingen soll, wenigstens noch die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern, wäre die Einrichtung bzw. der Weiterbetrieb einer Straßenbahn aus meiner Sicht mittelfristig eine gute Investition in die Zukunft.


Energie-Effizienz

Dieselmotoren (Busse) haben einen Wirkungsgrad von bis zu 45 Prozent während Elektromotoren (Straßenbahn) je nach Leistung Wirkungsgrade von 60 bis hin zu 98 Prozent erreichen.

Der elektrische Strom für den Betrieb einer Straßenbahn wird heute noch überwiegend in Kohle- oder Atomkraftwerken erzeugt. Mit der bei der Verbrennung der fossilen Energieträger bzw. der Atomspaltung anfallenden Wärme werden Dampfturbinen angetrieben, die ihrerseits Stromgeneratoren antreiben, mit denen der elektrische Strom erzeugt wird. Kohlekraftwerke weisen Wirkungsgrade zwischen etwa 30 und 50 Prozent auf und Atomkraftwerke von ca. 34 Prozent. Nach Abzug des Eigenbedarfs haben die Stromgeneratoren einen Wirkungsgrad von nahezu 100 Prozent. Ein von einem Kohle- oder Atomkraftwerk angetrieben Stromgenerator setzt also ungefähr 30 bis 50 Prozent der in den fossilen bzw. radioaktiven Energieträgern enthaltenen Energie in elektrischen Strom um.

Auch Wasser- oder Windkraftwerke erzeugen Strom durch den Antrieb von Stromgeneratoren. Mit einem Windkraftwerk können theoretisch bis zu 59,3 Prozent der im Wind enthaltenen Energie genutzt werden. Real werden diese Werte jedoch noch nicht erreicht. Wasserkraftwerke können bis zu 90 Prozent der nutzbaren Wasserkraft in elektrischen Strom umwandeln. Im Gegensatz zu fossilen- und radioaktiven Energieträgern tragen die Energieträger Wind und Wasser nicht zur Klimaerwärmung bei und es entsteht bei ihrer Nutzung kein gefährlicher, jahrmillionenlang strahlender Atommüll. Außerdem stehen sie im Gegensatz zu den fossilen und radioaktiven Energieträgern nahezu unbegrenzt zur Verfügung.

Beim Transport des in einem Kraftwerk erzeugten elektrischen Stroms zum Verbraucher (u.a. Straßenbahn) entstehen Leitungs- sowie weitere elektrische Verluste. Dies gilt jedoch gleichermaßen für die Energie aus allen genannten Kraftwerken.


Der Straßenbahn gehört die Zukunft

Absolut betrachtet ist die Energieausnutzung eines in einem Bus eingebauten Dieselmotors also etwas größer, als die eines in einer Straßenbahn eingebauten Elektromotors. Bei der Betrachtung der aktuellen CO2-Emissionen pro Person auf einen Kilometer wird sich das aufgrund der höheren Beförderungskapazität der Straßenbahn gegenüber dem Bus jedoch wieder relativieren.

Mit Blick auf das aufgrund der notwendigen Maßnahmen gegen die drohende Klimakatastrophe mittelfristige Ende der Verbrennungsmotoren mit fossilen Brennstoffen und der dazu notwendigen stetigen Erhöhung des Anteils regenerativer Energieträger am Energiemix, werden die Vorteile der Straßenbahn gegenüber dem Bus mittelfristig an Boden gewinnen.

Seit 2002 gibt es ein Gutachten, das die Einführung einer Stadtbahn für Bremerhaven und Cuxhaven unter Einbeziehung des ländlichen Umlands nach dem Karlsruher Modell empfiehlt. Darin geht es um ein Verkehrskonzept aus einer intelligenten Verknüpfung verschiedener Verkehrssysteme und -wege, die eine komfortable Anbindung des ländlichen Umlandes an die Stadtzentren ermöglicht. Weitere Informationen hierzu gibt es auf den "Bremerhaven-Seiten" von Heiko Jacobs.


Dass eine
klimaneutrale Straßenbahn bereits heute erfolgreich machbar ist, zeigt das herausragende Beispiel der Stadt Würzburg.
  • Aus meiner Sicht ist das ein vorbildliches Konzept für
    den Weg zu einer klimafreundlichen Stadt, und somit
    unbedingt ein nachahmenswertes Beispiel für eine
    zukünftige "Klimastadt Bremerhaven".


(Update 30.01.2010, Text "Der Straßenbahn gehört die Zukunft": Stadtbahn Bremerhaven-Cuxhaven und Umland, Klimaneutrale Straßenbahn in Würzburg)

(Quellen:
scinexx Das Wissensmagazin vom 20.03.2009, Energieinfo, Wikipedia, Bremerhaven Seiten, LifePR, Karlsruher Modell)


Kommentare:

Helmut hat gesagt…

Hallo Jürgen,
ich wohne im Umland von Karlsruhe und fahre fast ausschließlich mit der Bahn in die Stadt. Positiv finde ich das Würzburger Modell, das man in Karlsruhe sicher nachahmen könnte. Ich werde mich mal schlau machen, woher die KVV ihren Strom bezieht. Danke für deinen sehr informativen Eintrag.
Herzliche Grüße
Helmut

juwi hat gesagt…

@Helmut: Im Grunde genommen kannst du dich bei dem anonymen Kommentarschreiber bedanken. Ohne seine Behauptung, der Bus sei das "umweltfreundlichste Mobil", hätte ich den Artikel kaum geschrieben. Ich denke, mittelfristig wird sich die (CO2-neutral betriebene!) Straßenbahn in Anbetracht der drohenden Klimakatastrophe durchsetzen müssen - nicht nur in Karlsruhe und Umgebung. Denkbar wären natürlich auch elektrisch betriebene Busse. Wenn ein Buss jedoch die schweren Akkus zusätzlich zu den Fahrgästen transportieren soll, dann kostet das zusätzliche Energie, wodurch die bei Akkus ohnehin geringe Reichweite noch weiter eingeschränkt wird. Das gleiche gilt in ähnlicher Weise für elektrisch angetriebene Pkw's.

Lucki hat gesagt…

Hola juwi,
der Bus ist gegenüber der Bahn um die Hälfte sparsamer bei durchschnittlicher Belegung. Sitzen aber nur 5 Leute im Bus, dann ist der PKW mit einer Person schon im Vorteil.
Quelle:http://www.co2-emissionen-vergleichen.de/verkehr/CO2-PKW-Bus-Bahn.html
Ich sehe das noch etwas anders. Man muss nicht pro Person rechnen, sondern den gesamten Ausstoß. Ich nehme mal einen Vergleich aus dem Sport: dem Ball ist es egal, wer ihn tritt;-)
LG Lucki

juwi hat gesagt…

@Lucki: Das ist eine interessante Seite. Danke für den Link. Allerdings ist dort von der "Eisen"-Bahn (Zug) im Vergleich mit einem Reisebus die Rede. Ich hatte Straßenbahn und Linienbus betrachtet. Züge fahren im Gegensatz zur elektrisch betriebenen Straßenbahn auch mit Dieselmotor. Hinzu kommt, dass die Züge sicher nicht zu jeder Tageszeit voll ausgelastet sind, ein Reisebus hingegen in der Regel schon. - Übrigens denke ich schon, dass man die CO2-Emissionen pro Person betrachten muss. Mit deiner Aussage: "Sitzen aber nur 5 Leute im Bus, dann ist der PKW mit einer Person schon im Vorteil." hast du ja auch auf "pro Person" Bezug genommen, und auf der Seite "CO2-Vergleich: Flugzeug, PKW, Bus, Bahn" wird ebenso verfahren. Anders lassen sich die verschiedenen Verkehrsmittel auch kaum miteinander vergleichen. - Wenn die Maßnahmen der Industriestaaten gegen die Klimaerwärmung erfolg haben sollen, dann sehe ich keine andere Möglichkeit, als den Verkehr so schnell wie möglich komplett zu elektrifizieren, und dass wir möglichst viele Wege mit ÖPNV zurückzulegen. Das macht allerdings nur dann Sinn, solange die Energie dafür CO2-frei und ohne Atomstrom erzeugt wird. Wie am Ende meines Artikels erwähnt, zeigt die Stadt Würzburg heute schon, wie das geht.

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