Sonntag, 24. Januar 2010

Für eine realistischen Rückzugsperspektive ...

Friedenstaube
... aus Afghanistan, müsse das deutsche Kontingent von 4500 Soldaten um 1500 auf dann 6000 Soldaten erhöht werden. Das berichtet die Nordsee-Zeitung auf der Titelseite ihrer Ausgabe vom 23.01.2010.


Aha, so ist das also: Um 4500 Soldaten, die man angeblich "noch nicht" nach Hause zurückholen kann, vielleicht später irgendwann einmal zurückholen zu können, müssen zuerst einmal 1500 zusätzliche deutsche Soldaten in den Krieg - äh, in die kriegsähnliche Situation - geschickt werden. Das hätten hohe Angehörige des Verteidigungsministeriums "hinter vorgehaltener Hand" erklärt. Das hört sich jetzt aber irgendwie konspirativ an, und muss wohl mal wieder etwas mit der Logik des Krieges zu tun haben - und die muss man als normal denkender Mensch ja nicht unbedingt immer verstehen können. Möglicherweise spricht man im Bundesverteidigungsministerium aber auch deshalb "hinter vorgehaltener Hand", weil man dort immer noch lieber Krieg spielt, als darüber zu sprechen - und wenn es sich doch einmal nicht vermeiden lässt, dann vermeidet man es tunlichst, das zutreffende Wort für die Tatsache zu verwenden, über die man nicht so gerne spricht.

Offiziell habe ein Sprecher des Verteidigungsministeriums die von den "hohen Angehörigen" des gleichen Ministeriums "hinter vorgehaltener Hand" abgegebene Erklärung dementiert, während der Chef ebendieses Ministeriums, Herr zu Guttenberg (CSU, Bundesvertreidigungsminister) kurz vor der internationalen Afghanistan-Konferenz am kommenden Donnerstag in London nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur das Bundestagsmandat auf 6000 Soldaten ausweiten lassen wolle.

Mit Verlaub:
  • Ich glaube, die Bundesregierung will uns bezüglich der deutschen Rolle im Afghanistan Krieg erneut für dumm verkaufen!
Wenn der Chef des Verteidigungsministeriums am Montag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ankündigte, er wolle noch vor der Konferenz in London "eine konkrete Zahl für eine mögliche Aufstockung des deutschen Truppenanteils" vorstellen, dann ist es ja wohl mehr als albern, wenn ein Sprecher des Verteidigungsministeriums die offizielle Ankündigung seines Chefs offiziell dementiert.

Nach Aufunft der Nordsee-Zeitung vom 23.01.2010 habe Herr zu Guttenberg außerdem angekündigt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte künftig nicht mehr vorwiegend innerhalb der deutschen Lager, sondern im Lande ausgebildet werden sollen. Damit solle "Präsenz in der Fläche" gezeigt werden, um offensiver zu kämpfen (NZ: "... nicht nur, um offensiver zu kämpfen, sondern ..."). Außerdem solle so erreicht werden, dass die Ausbildung für die afghanische Armee und die afghanischen Polizeikräfte mit dem Schutz für die afghanische Bevölkerung in Einklang gebracht werden (das kann man auch in einem gestern erschienenen Artikel der Online Ausgabe der "Frankfurter Rundschau" nachlesen; beide Zeitungen geben als Quelle für ihre Informationen die Deutsche Presse-Agentur an).

Da wird sich die afghanische Bevölkerung aber freuen, wenn die Taliban und die Terroristen ihre Angriffe nicht mehr wie bisher im wesentlichen auf lokale deutsche Militäreinrichtungen konzentrieren werden, sondern die dann "in der Fläche" präsenten deutschen Soldaten mitten in den Dörfern und Städten angreifen. Zu den bisher "aus Versehen" von deutschen Soldaten erschossenen, gesprengten und verbrannten afghanischen Zivilisten, könnten dann sehr schnell weitere zivile afghanische Todesopfer hinzukommen, die bei Angriffen auf deutsches Militär möglicherweise gemeinsam mit deutschen Soldaten sterben. Möglicherweise wird man dann auch im Zusammenhang mit angegriffenen und in Kämpfe verwickelten deutschen Soldaten des öfteren den Ausdruck "Kollateralschaden" hören oder lesen.

Und wenn es dann mit dem Rückzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan trotz der Erhöhung der jetzt dort stationierten 4500 auf 6000 Soldaten nicht klappen sollte dann wird sich sicherlich ein Weg finden lassen, das Kontingent auf - sagen wir mal - 10000 Soldaten zu erhöhen. Sollte sich in der Folge herausstellen, dass das dann immer noch nicht für einen Rückzug der Deutschen Armee aus Afghanistan reicht, dann wird man sicher der militärischen Logik "unsere deutschen Soldaten dürfen ja nicht umsonst gestorben sein" folgend auch noch Kontingente von 15000, 20000 oder mehr Soldaten durchdrücken können.

Es scheint bald so, als lege die Bundesregierung es darauf an, die Erfahrungen Russlands in Afghanistan, oder die Erfahrungen der USA in Vietnam an den Leibern der eigenen Soldaten wiederholen zu wollen - auch gegen den Willen von derzeit 71 Prozent der deutschen Bevölkerung (ARD-DeutschlandTrend vom 8. Januar 2010, "Unterstützung für Afghanistan-Einsatz sinkt weiter"). Bei der Abwägung, ob "Handeln nach dem mehrheitlichen Willen der Bundesbürger" oder "Einschleimen bei unseren Freunden" höher zu bewerten sei, hat der Deutsche Volkssouverän in den Augen der Politiker offensichtlich ganz schlechte Karten.


(Quellen: Nordsee-Zeitung vom 23.01.2010, FR-Online vom 23.01.2010, ARD-DeutschlandTrend, Wikipedia)

Kommentare:

Sisyphos hat gesagt…

Afghanistan wird enden wie Vietnam. Einen geordneten Rückzug wird es nicht geben. Wenn überhaupt, dann eine Art Flucht, nach der das land sich selbst überlassen bleibt. Oder wohl eher eine dauernde Besetzung (zumindest mittelfristig).
Wenn man sieht, wie die derzeitige Regierung "regiert", bleibt wohl jedweder Optimismus auf der Strecke. Afghanistan wird uns noch lange begleiten.

kelly hat gesagt…

moin nach brhv.,
tja mitunter hilft ein wenig nachhilfe:
hagen rether im jahresrückblick!
die bekommen alles heraus...
olympiaboykott moskaus, weil die russen in afghanistan waren.
von entwicklungshilfe ist doch wohl keine rede mehr.
lg kelly

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