Montag, 11. Januar 2010

Parallele Welten: Die Herren der Lage

FriedenstaubeEin Filmbeitrag am 10.01.2010 im "Weltspiegel" zeigte einen Militärkonvoi aus Fahrzeugen mit Hubschrauber Geleitschutz, der im Süden Afghanistans unter Beteiligung von 900 Soldaten langsam über eine Strecke von zehn Kilometern durch Taliban-Gebiet fuhr. Am Ziel, einem neuen Vorposten, wurden Wasserflaschen entladen. Das war's. Die Kosten der Aktion laut "Weltspiegel": Weit über eine Million Dollar.

Wenn die internationale Schutztruppe einen solchen Aufwand treiben muss, nur um ein paar Flaschen Wasser zu transportieren, dann ist sie offensichtlich nicht Herr der Lage, und sollte ihren Auftritt in Afghanistan besser schnellstmöglich beenden.


Parallele Welten

Herr der Lage sind hingegen wohl eher die Taliban, die nach Darstellung des Filmbeitrags inzwischen unbehelligt eine Parallelverwaltung aufbauen konnten. Die Menschen, die das Vertrauen in die afghanische Regierung und die Schutztruppe verloren haben, wenden sich mit ihren Sorgen an die Taliban-Chefs. Diese kümmern sich um deren Belange und geben für die Anträge der Menschen eigene Formulare aus. Mit ihrer Unterschrift unter ihren Antrag erkennen die Menschen gleichzeitig den Herrschaftsanspruch der Taliban an.

Es existieren offensichtlich noch weitere "Paralleluniversen" in Afghanistan. Ein bedeutender Faktor sind laut "Weltspiegel" immer noch die Warlords. In einem anderen Abschnitt des Films wurde ein fünfunddreißigjähriger Warlord gezeigt der, ebenfalls im Süden Afghanistans, unbehelligt von der afghanischen Polizei und der internationalen Schutztruppe, ein Gebiet von der Größe des Landes Bremen beherrscht. Die 20000 in seinem Machtbereich lebenden Menschen müssen Geld oder einen Teil ihrer Ernte an ihn abführen. Der Warlord behauptete, als Gegenleistung sorge er für Ordnung - er, und nicht etwa die afghanischen Behörden, die Polizei oder die Schutztruppe. Da wird auch schon mal ein Kleinbauer von seinen Leuten mit Waffen bedroht, weil er gerade nicht über das nötige Geld für die "Steuern" verfügt. Hierzulande würde man einen solchen Vorgang "Schutzgelderpressung" nennen. Außerdem verdient der Warlord kräftig am Drogengeschäft. In Deutschland wird so etwas mit mehrjährigen Gefängnisstrafen geahndet.

Gezeigt wurde auch, wie die bewaffneten Leute des Warlords an Straßenkontrollpunkten Straßenbenutzungsgebühren von Autofahrern kassierten. Ein Polizist stand sozusagen als Deko-Artikel dabei. Zu sagen hatte er nichts. Dafür waren die bewaffneten Leute des Warlords zuständig. Er lasse jeden kontrollieren. Unbehelligt komme keiner an seinen Posten vorbei. Verbrecher und Gesindel hätten bei ihm keine Chance verkündete der Warlord. Auch die Fahrzeuge der internationalen Schutztruppe müssten zahlen. Dafür garantiere er, dass in seinem Herrschaftsbereich kein Talibankommando die ausländischen Schutztruppen überfalle. Pro Militärfahrzeug kassiere er 1300 Dollar. Für größere Fahrzeuge seien 2500 Dollar fällig. Bei 10 bis 50 Militärfahrzeugen pro Tag - wie einer seiner Leute sagte - käme da schnell ein schönes Sümmchen zustande. Der Kommentator des Filmbeitrags brachte es auf den Punkt: Wenn das der Wahrheit entspräche, dann wäre das die "Perversion des afghanischen Militär-Abenteuers". Statt die afghanische Bevölkerung vor den Taliban zu beschützen, ließe sich die Schutzmacht für Geld von den Verbündeten der Taliban vor deren Angriffen beschützen!


Eine Schutztruppe für
Erpresser, Drogendealer und Bertüger


Nachdem ich den Bericht gesehen hatte, fragte ich mich erneut, was die Bundeswehr überhaupt in Afghanistan zu suchen hat. Die afghanischen Warlords und die Taliban haben offensichtlich, zumindest in der im Film gezeigten Region, mehr "aufgebaut", als die "Schutztruppe" unter den sich verschärfenden Bedingungen überhaupt zu leisten in der Lage war. Das habe ich so drastisch bisher noch nicht gehört oder gesehen - nicht aus dem Süden Afghanistans und auch nicht aus dem Norden, wo die deutschen Soldaten stationiert sind. Wenn derartige Zustände im Süden Afghanistans der amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit bisher nicht bekannt waren, dann frage ich mich, was in möglichen "Paralleluniversen" des angeblich ehemals so sicheren Nordens nebenbei schon alles so falsch gelaufen ist, so dass sich die Sicherheitslage dort inzwischen immer mehr verschlechtern konnte.

Dafür, dass Taliban und Warlords quasi "legal" die Bevölkerung ausplündern, ohne selbst etwas dafür zu leisten und den Drogenanbau und -handel weiter am Laufen halten, dessen Erlöse die Taliban und möglicherweise auch die Terroristen stärken, und dessen Produkte in Amerika und in Europa Menschen in die Sucht treiben, sollte kein deutscher Soldat in Afghanistan sterben müssen. Wenn deutsche Soldaten dann auch noch afghanische Zivilisten erschießen, weil sie aus Angst um ihr Leben Frauen und Kinder für Terroristen halten, dann trägt das zusätzlich dazu bei, die afghanische Bevölkerung in die Arme der Warlords und Taliban zu treiben.

Dass der offizielle, vom Westen gestützte Präsident Afghanistans, Herr Karsai, nicht viel besser ist, als die Warlords oder die Dorfchefs der Taliban haben die Vorgänge um die Präsidentenwahl im letzten Jahr gezeigt. Auch dabei wurde offensichtlich kräftig geschmiert und betrogen.


"Jenseits des Rechts"

Der naive Glaube deutscher Politiker, es sei den "Aufbauhelfern in Uniform" möglich, das Land unter der ständigen Gefahr für ihr eigenes Leben wieder aufzubauen, ist nichts als eine eine gefährliche Illusion. Der Einfluss der Terroristen und der Taliban ist unter diesen Umständen nicht aus der Welt zu schaffen. Diesem Land ist so nicht zu helfen. Aus dem Untergrund heimtückisch zuschlagende Terroristen können auch mit der technisch hochgerüstetsten Armee nicht besiegt werden. Kein afghanischer Soldat hat jemals deutsches Territorium oder deutsche Bürger angegriffen. Stattdessen haben deutsche Soldaten afghanische Zivilisten erschossen.

Hinzu kommt, dass sich der Kampfeineinsatz deutscher Soldaten ohnehin jenseits des Rechts abspielt. Jedenfalls kommt Herr Deiseroth in einem Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom 26.11.2009 zu diesem Schluss, den er mit sehr vielen guten Gründe belegt. Ein weiteres Indiz dafür, dass der Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan nicht mit rechten Dingen zugehen kann, ist für mich die Art und Weise, in der Herr Jung (CDU, ehemaliger Verteidigungsminister) jahrelang versuchte, uns für dumm zu verkaufen, indem er die Wahrheit über den deutschen Militäreinsatz vor der Öffentlichkeit meinte vertuschen zu können, und dass die Wahrheit über die vielen zivilen Opfer bei dem von einem deutschen Offizier angeforderten Luftangriff auf zwei Tanklaster sowie die Motive für den Angriff nur scheibchenweise zugegeben wurden.

Deshalb wird es höchste Zeit, dass die deutschen Soldaten aus Afghanistan abgezogen werden - bevor Deutschland noch mehr Schuld auf sich lädt.


(Quelle: ARD Weltspiegel vom 10.01.2010, Frankfurter Rundschau vom 26.11.2009)

Kommentare:

kelly hat gesagt…

mit grossen augen hab ich den gleichen beitrag verfolgt, ungläubig...
leider realität!

Dr. No hat gesagt…

Wieder einmal ein sehr lesenswerter Post aus deiner Feder.

Es ist wirklich nur noch pervers: Wir töten Unschuldige, um einen korrupten Wahlbetrüger im Amt zu halten. Wir prangern das herrschende mittelalterliche Wertesystem an, zahlen aber selbst Blutgeld. Wir schwafeln von Demokratie und Menschenrechten, lassen aber zu, dass Frauen und Mädchen längst wieder auf dem niederen Status angelangt sind, den sie vorher such schon hatten.

Und bei all dem haben die "Freiheits-Truppen" so viel zu melden wie der Klassenbeste auf einem x-beliebigen Schulhof, der regelmäßig sein Kakaogeld an den Pausenhoframbo abliefern muss. Man möchte nur noch spucken, so lange, bis nichts mehr rauskommt.

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