Dienstag, 10. August 2010

Das Märchen von der Atombrücke

Atomkraft? Nein Danke!Der von der Bundesregierung beschlossene "Nationale Aktionsplan für erneuerbare Energien" prognostiziert, dass die erneuerbaren Energieträger, deren Anteil an der Stromerzeugung 2009 bei 16,1% lag, 2020 einen Anteil von 38,6% erreichen werden.

Herr Röttgen (CDU, Bundesumweltminister) sagt, die Atomkraft solle nur so lange als "Brückentechnologie" herhalten, bis der Anteil der erneuerbaren Energieträger am Energiemix einen Anteil von 40 Prozent erreicht haben.

Der aktuelle "Nationale Aktionsplan für erneuerbare Energien" belegt, dass diese 40 Prozent im Jahr 2020 fast erreicht sein werden (Seite 15, Tabelle 3). Im Atomkonsenz wurde festgelegt, dass das letzte Atomkraftwerk im Jahr 2023 abgeschlatet wird. Wenn die Entwicklung der Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen von der schwarz-gelben Wespenkoalition nicht weiter behindert wird, kann anhand der Prognose des "Nationalen Aktionsplans für erneuerbare Energien" davon ausgegangen werden, dass der Anteil der erneuerbaren Energieträger bis dahin 40 Prozent oder mehr betragen wird.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) geht sogar davon aus, dass bis 2020 bereits 47 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland aus regenerativen Energiequellen gedeckt werden können. 2009 betrug der Anteil der Atomkraft an der Stromversorgung in Deutschland nur 22,6 Prozent. Dieser Anteil nähme bei fortgesetztem stetigen Ausbau der erneuerbaren Energien natürlich weiterhin kontinuierlich ab, wenn er nicht - wie von einigen Politikern der Wespenkoalition gefordert - durch eine unbegrenzte Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke blockiert würde. Der BEE kommt daher zu dem Schluss, die erneuerbaren Energien würden die von Herrn Röttgen formulierten Bedingungen für das Ende der Atomkraftwerke noch vor 2020 erfüllen. Damit könne und müsse es auch nach Lesart Herrn Röttgens beim im Atomkonsens vereinbarten Atomausstieg bleiben.

Auch die von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie "Klimaschutz: Plan B 2050" kommt zu dem Ergebnis, dass die erneuerbaren Energien die Atomkraft schon bis zum Jahr 2015 vollständig ersetzen können. Die sieben ältesten und gefährlichsten Atomkraftwerke sowie den Pannenreaktor in Krümmel könnte man sofort abschalten, ohne dass deshalb irgendwo die Lichter ausgingen.

In seiner Stellungnahme zur Energiepolitik der Bundesregierung vom Mai 2010 weist der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) auf den Seiten 75 bis 77 auf die technische Unvereinbarkeit der Atomkraftwerke mit den zukünftigen Anforderungen der Energieerzeugung hin:

"Eine Analyse historischer Daten zeigt, dass die Leistung von Grundlastkraftwerken (im Wesentlichen Kernkraftwerke und Braunkohlekraftwerke) in der Vergangenheit an Zeitpunkten mit starker Einspeisung von Windstrom nicht unter 46 % reduziert werden konnte (..). Neue Steinkohlekraftwerke können nach Angaben des Bundesverbandes Braunkohle (..) kurzzeitig bis zu einer Untergrenze von 25 % ihrer Nennlast heruntergeregelt werden.

Starke und häufig auftretende Leistungsänderungen von Atom- und Kohlekraftwerken haben jedoch für den Betreiber mindestens zwei negative Folgen: zum einen sinkt im Teillastbetrieb der Wirkungsgrad einer Anlage und damit erhöhen sich die spezifischen Kosten der Elektrizitätsproduktion, zum anderen führen häufige Leistungsänderungen zu Materialermüdung insbesondere von Bauteilen, die in den Erzeugungskreisläufen hohem Druck oder hohen Temperaturen ausgesetzt sind. Eine solche Betriebsweise mindert somit ihre zu erwartende Lebensdauer (..). Bei einem erheblichen Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten werden konventionelle Kraftwerke darüber hinaus zeitweise vollständig abgeschaltet werden müssen. Nach Abschaltungen sind Mindeststillstandszeiten einzuhalten, um thermische Spannungen zu verringern (..). Dies verringert die mögliche Jahresvolllaststundenzahl der Anlage weiter.

Eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken, wie sie derzeit von verschiedenen Seiten als notwendige Option dargestellt wird (..), würde die oben dargestellten Probleme unnötig verschärfen, denn Atomkraftwerke verfügen nicht über die im zukünftigen Energiesystem notwendigen Flexibilitätseigenschaften. Auch der Bau neuer Kohlekraftwerke für den Grundlastbereich ist weder eine für das System hilfreiche Ergänzung, noch werden entsprechende Investitionen auf Dauer die erwarteten ökonomischen Ergebnisse für die Investoren erzielen, da die bei der Planung der Kraftwerke unterstellten Betriebsstunden nicht mehr erreicht werden können. ...

... Aufgrund des Systemgegensatzes zwischen Kraftwerken, die technisch-ökonomisch auf Grundlast ausgelegt sind, und stark fluktuierenden regenerativen Energiequellen sind nach Einschätzung des SRU sowohl die diskutierte Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken als auch der geplante Neubau von erheblichen Kapazitäten von Kohlekraftwerken mit einer Übergangsstrategie auf eine vollständig regenerative Energieversorgung unvereinbar."

Die Behauptung einiger Politiker der Wespenkoalition, Atomkraftwerke seien eine "Brückentechnologie für den Übergang in das Zeitalter der regenerativen Energieerzeugung" ist also allein aus technologischer Sicht schon völliger Blödsinn. Das Gegenteil ist der Fall:

"Weder eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken noch der Bau neuer Kohlekraftwerke mit Kohlendioxidabscheidung und -speicherung sind notwendig. Anders ausgedrückt: Bereits der Bestand an konventionellen Kraftwerken (mit einem geringen Zubau an Gaskraftwerken) reicht als Brücke."

(Stellungnahme des SRU zur Energiepolitik der Bundesregierung, Seite 48.)


  • Meine dringende Empfehlung an Herrn Röttgen:

    Nehmen Sie ihre eigenen Prognosen und die Empfehlungen ihres Sachverständigenrats für Umweltfragen endlich ernst. Setzen Sie sich konsequent für die Verkürzung der Laufzeiten der Atomkraftwerke ein. Hören sie damit auf, ihren Koalitionskollegen bezüglich Laufzeitverlängerungen für die deutschen Atomkraftwerke nach dem Mund zu reden. Leisten Sie statt dessen Überzeugungsarbeit gegen den weiteren Betrieb von Atom- und fossil befeuerten Kraftwerken. Wenn Sie sich einmal ernsthaft damit auseinandersetzen, und eigene Recherchen betreiben, dann werden Sie in verschiedensten Quellen eine große Anzahl verfügbarer Sachargumente gegen diese veralteten Kraftwerkstechnologien finden. Setzen sie sich für den forcierten Ausbau einer dezentralen Energieerzeugung auf Grundlage eines breit gestreuten Mixes erneuerbarer Energieträger und für die zügige Errichtung eines intelligenten Energieverteilungsnetzes ein.




www.campact.de



(Quellen: TAZ vom 04.08.2010, Handelsblatt vom 30.07.2010, Süddeutsche Zeitung vom 12.02.2010 und vom 29.07.2010, SRUvom 05.05.2010 und Stellungnahme vom Mai 2010, Umweltbundesamt Climate Change 13/2009, Fraunhofer Institut für Energiesysteme vom Januar 2009, Greenpeace vom 27.08.2009, Nationaler Aktionsplan für erneuerbare Energie, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Wikipedia)

Montag, 9. August 2010

Über den Fluss


Bremerhaven's "Skyline" (von der Weserfähre aus gesehen)

Ich hatte gestern Mittag beschlossen, mich nicht von den sich drohend auftürmenden Gewitterwolken abschrecken zu lassen und bin mit der Weserfähre auf die andere Seite des Flusses gefahren. Ich hatte Glück: Es blieb trocken, und ich wurde mit einem für mich ungewohnten Blick auf das Panorama meiner Heimatstadt Bremerhaven belohnt. Als ich vor einigen Jahren einmal dort war gab es die Havenwelten mit dem Sail City Turm noch nicht, und die Stromkaje des Containerterminals hat mit der Fertigstellung des CT4 eine beeindruckende Länge erreicht.



Nationalpark Wattenmeer: Blick über Schilffelder zur Außenweser

Vor dem Blexener Deich gibt es einen befestigten Weg, der vom Anleger der Weserfähre bis zum Segelflugplatz führt. Dort geht es auf die Deichkrone hinauf zu einem kleinen Platz mit Infotafeln über den Nationalpark Wattenmeer sowie zu markanten Geländepunkten auf der Bremerhavener Seite der Weser. Wenn man allerdings weiter in Richtung Westen fährt, geht das leider nur auf der Straße hinter dem Deich. Beim der nächsten Ortschaft, Volkers, gibt es allerdings noch einmal eine Treppe, die auf die 8,50 Meter hohe Deichkrone hinaufführt. Von dort oben hat man einen weiten Blick über das Deichvorland mit den ausgedehnten Schilffeldern im Nationalpark. In der Ferne sind dahinter das Watt und die in der Sonne glitzernde Wasserfläche der Außenweser zu sehen. Zu hören war nur das gelegentliche Blöken der auf dem Deich weidenden Schafe und das Rauschen Windes im Schilf. Wer gerade dringend mal etwas Ruhe braucht, der ist dort bestens aufgehoben ...


In der rechten Hälfte des Fotos ist am Horizont die Insel Langlütjen-II zu erkennen. Etwas weiter flussaufwärts liegt die Insel Langlütjen-I im Watt, die über einen Damm mit dem Festland verbunden ist. Beide Inseln wurden in der Zeit zwischen 1870 un 1876 künstlich aufgeschüttet und befestigt. Zwischen 1872 und 1879 entstanden auf der Bremerhavener Seite der Weser die ebenfalls künstlich aufgeschütteten Inseln Brinkamahof-I und Brinkamahof-II, die jedoch beide nicht mehr existieren. Die vor der Küste bei Weddewarden in der Weser liegende Insel "Brinkamahof-I" wurde im Jahre 2000 abgerissen und abgetragen, um der Erweiterung der Stromkaje des Bremerhavener Containerterminals Platz zu machen. Die mit Kanonen bewaffneten Forts auf den Inseln sollten die Schiffe feindlicher Kriegsflotten am Einlaufen in die Weser hindern.

Langlütjen-II erlangte während der Herrschaft der Nazis in der Region unter dem Namen "Teufelsinsel" traurige Berühmtheit. In der Zeit vom 9. September 1933 bis zum 25. Januar 1934 befand sich dort ein "Schutzhaft"-Lager der SA, in dem die Gestapo aus Bremen politische Gefangene aus dem bremischen KZ Mißler folterte. Die Schreie der Gefolterten sollen meilenweit zu hören gewesen sein, und wer sich der Insel unangemeldet näherte wurde ohne Vorwarnung beschossen. Heute befinden sich die ehemaligen Festungsinseln Langlütjen-I und -II in Privatbesitz. Über Brinkamahof finden sich einige interessante Texte und Fotos auf der privaten Homepage "Werften und Stadtgeschichte Bremerhavens".


(Quellen: Wikipedia, P. Müller)

Sonntag, 8. August 2010

34 Jahre ...


Foto: © R. Kalbreyer (ca. 1976)


Bremerhaven: Tanklager, Verbindungshafen und Lloyd-Werft (Aug. 2010)

... liegen ungefähr zwischen diesen beiden Fotos.


Das erste Foto hat mein Großvater aufgenommen. Sein Diamagazin war mit "1976" beschriftet. Wann genau er das Foto aufgenommen hat kann ich ihn leider nicht mehr fragen. Er starb 1998. Das untere Foto ist von mir. Es entstand im August 2010.

Links ist das Tanklager zu sehen, aus dem die Schiffe versorgt werden, die in die Bremerhavener Häfen kommen. Es befindet sich auf dem Gelände zwischen der Columbuskaje und dem Verbindungshafen. Rechts auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens ist die Einfahrt zum Kaiserdock-II auf dem Gelände der Lloyd-Werft zu sehen. Auf meinem Foto ist mittig im Hintergrund ein schwarz-weißer Frachter im "Dock III" der Lloyd-Werft zu sehen. das Schwimmdock liegt am anderen Ende des Werftgeländes.

Abgesehen von den Automodellen auf den beiden Fotos besteht der auffälligste Unterschied im Firmenlogo auf den Tanks des Tanklagers. Auf dem Foto meines Großvaters firmierte es noch unter "Esso". Ich kann nicht genau sagen, wann der Wechsel stattfand, aber es wird kurz nachdem das Foto entstand gewesen sein.

Bominflot entstand 1967, mitten im Kalten Krieg, als deutsch-russisches Joint Venture. Das war die Zeit, als viele Leute noch Angst hatten, die Russen könnten in der Bundesrepublik Deutschland einmaschieren, falls der Westen nicht kräftig mit Atomraketen nachrüsten sollte. Das wiederum veranlasste dann die Russen, ihre Atomraketen noch etwas näher an die deutsch-deutsche Grenze zu verlegen, woraufhin dann der Westen sich wieder zum Nachrüsten genötigt sah. Oder war es umgekehrt?

Jedenfalls auf rein geschäftlicher Seite funktionierte die Zusammenarbeit zwischen "Ostblock"- und "NATO"-Staaten schon damals recht gut und sowjetische Kreuzfahrtschiffe der "Black Sea Shipping Company", wie zum Beispiel die "Odessa", waren regelmäßige Gäste an der Columbuskaje. Es kam immer wieder einmal vor, dass mich jemand im Zusammenhang mit meiner Kriegsdienstverweigerung fragte, ob es mir denn egal wäre, wenn die Russen kämen. Ich habe dann - mit diskretem Hinweis auf "Bominflot" - immer zurück gefragt, ob der oder die Betreffende denn noch nicht gemerkt habe, dass die Russen doch schon lange da waren.

Die "Odessa" wurde später nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion leider vom Pech verfolgt. Die "Black Sea Shipping Company", die früher sowjetisches Staatseigentum war, ging 1995 pleite. Im Mai 2001 berichtete der Spiegel unter dem Titel "Ende einer Luxusreise" noch einmal über das von italienischen Behörden beschlagnahmte, damals seit sechs Jahren in Neapel aufliegende Schiff. Es sollte versteigert werden. 2007 wurde die ehemalige "Odessa" - inzwischen trug sie den Namen "Sydney" - in Bangla Desh abgewrackt.

Das ehemalige deutsch-russische Joint Venture, ist heute ein deutsches Unternehmen mit Sitz im Hamburg, das ebenso wie in Bremerhaven, auch in vielen weiteren Häfen der Welt vertreten ist.

(Quellen: Bominflot, Spiegel vom 30.05.2001, Text zu bei Ebay angebotener Postkarte der "Odessa")

Samstag, 7. August 2010

Das Lächeln der Mona Lisa ...


Bremerhaven, Columbuskaje: MS "Mona Lisa"

... strahlte den Besuchern der Columbuskaje in Bremerhaven heute vom Schornstein des 1966 auf der schottischen Werft John Brown & Co. Ltd., Clydebank, unter dem Namen "Kungsholm" vom Stapel gelaufenen Kreutzfahrtschiffs "Mona Lisa" entgegen. Das Schiff war in der Zeit von 08:00 bis 18:00 Uhr zu Gast an der Bremerhavener Columbuskaje, um Passagiere für eine 25 tägige Grönland-Kreuzfahrt an Bord zu nehmen.

Nachdem die "Kungsholm" einige Jahre lang von einer schwedischen Reederei eingesetzt worden war, fuhr sie im Laufe der Zeit unter unterschiedlichen Namen für verschiedene Reedereien und Reiseunternehmen. 2008 wurde das Schiff in "Mona Lisa" umbenannt und fährt seit dem unter der Flagge derBahamas (Heimathafen Nassau) für "Lord Nelson Reisen".

Die Tage der inzwischen 44 Jahre alten "Mona Lisa" scheinen jedoch gezählt. Verschärfte Sicherheits- und Brandschutzbestimmungen der SOLAS werden den weiteren Betrieb als Kreuzfahrtschiff nach dem Ende der Sommersaison 2010 ohne erneute Modernisierungsmaßnahmen wohl nicht mehr ermöglichen. Eine Initiative aus Schweden bemüht sich derzeit, die "Mona Lisa" als Hotel, Restaurant und Museum in Göteborg aufzulegen.

(Quelle: Wikipedia, Schiffsspotter)

Freitag, 6. August 2010

Sakineh Mohammadi Ashtiani

Am 14. Juli hatte ich schon einmal über die Verurteilung der Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani zum Tod durch Steinigung berichtet. Sie wurde verurteilt, weil Sie angeblich ein Verhältnis mit einem anderen Mann gehabt haben soll - Jahre nachdem ihr Mann gestorben war.

Angesichts internationaler Proteste forderte die Justiz Irans die Gerichte auf, von Steinigungsurteilen abzusehen. Die Gerichte sind daran jedoch nicht zwingend gebunden und vor allem in der Provinz setzen sich die Richter immer wieder darüber hinweg. Sakineh Mohammadi Ashtiani ist aserbaidschanischer Abstammung und konnte aufgrund unzureichender Kenntnisse der iranischen Sprache den Vorgängen während ihres Prozesses vor Gerichts nicht ausreichend folgen. Ihre beiden Kinder starteten eine Kampagne zur Rettung ihrer Mutter und erreichten internationale Aufmerksamkeit. Unter anderem unterzeichneten 557000 Mitglieder des internationalen demokratischen Netzwerks AVAAZ eine Petition gegen die fortgesetzten Steinigungen im Iran und für die Aufhebung des Todesurteils gegen Sakineh Mohammadi Ashtiani - und es werden immer noch mehr.

Internationaler Druck auf die Regierung Irans führte zur Aussetzung der Steinigung - das Todesurteil besteht jedoch weiterhin.

Seit das Schicksal Sakineh Mohammadi Ashtiani's weltweit bekannt wurde, erhöht sich der Druck im Iran. Das Regime droht mit der Festnahme ihrer Kinder, ihr Anwalt, Mohammad Mostafaei, ist auf der Flucht und seine Frau und sein Schwager wurden festgenommen. Der englische "Guardian" berichtete am 04.08.2010, Mohammad Mostafaei sei nach seiner Flucht über die türkische Grenze der illegaler Einreise beschuldigt und von der türkischen Polizei festgenommen worden. Die iranischen Behörden hätte dem jetzigen Anwalt Sakineh Mohammadi Ashtiani's, Houtan Kian, mitgeteilt seine Klientin solle möglicherweise gehängt werden. Abschließend solle darüber in der nächsten Woche entschieden werden.

Heute bitten die Aktivisten von AVAAZ mit einer erneuten E-Mail um Unterstützung zur Finanzierung einer Plakat-Kampagne in Brasilien und in der Türkei. Die letzen Hoffnungen zur Umwandlung des Todesurteils schienen jetzt auf den Regierungen dieser beiden Staaten zu liegen, die laut AVAAZ genug Einfluss auf die Führung Irans haben könnten, um das Regime zum Einlenken zu bewegen. Brasilien hat bereits angeboten Sakineh Mohammadi Ashtiani Asyl zu gewähren. Doch das Regime bleibt hart, und lehnt das Asylangebot Brasiliens rigoros ab.


Nach Informationen von Amnesty International hatte Sakineh Mohammadi Ashtiani während der Verhöre vor Beginn des Verfahrens ein Geständnis abgelegt, zu dem sie gezwungen worden zu sei. Dieses habe sie zu einem späteren Zeitpunkt widerrufen und bestritten, "Ehebruch" begangen zu haben. Zwei der fünf Richter hätten sie unter Hinweis darauf, dass sie bereits ausgepeitscht worden sei, und dass in dem Verfahren der nötige Nachweis über den "Ehebruch" nicht erbracht worden sei, für unschuldig erklärt.

Die anderen drei Richter, einschließlich des Vorsitzenden, hätten sie jedoch auf Grundlage der "Erkenntnisse des Richters" für schuldig erklärt. Die "Erkenntnisse des Richters" seien eine Bestimmung im iranischen Strafrecht, derzufolge Richter nach eigenem Ermessen entscheiden können, ob sie eine angeklagte Person für schuldig befinden, selbst wenn für einen Schuldspruch keine eindeutigen und zwingenden Beweise vorlägen. Da drei der fünf Richter Sakineh Mohammadi Ashtiani für schuldig erklärt hatten, wurde sie zum Tod durch Steinigung verurteilt.


Aus meiner Sicht geht es den Machthabern in Iran - zumindest in diesem Fall - gar nicht mehr um Gerechtigkeit, sondern lediglich darum, zusammen mit Sakineh Mohammadi Ashtiani auch die Hintergründe zu beseitigen, die zu ihrer Verurteilung geführt haben. Immerhin ist von Folter und erpressten Geständnissen die Rede und davon, dass die Angeklagte gar nicht verstehen konnte, was da in den Gerichtsverhandlungen überhaupt um sie herum vorging. Mein Eindruck: Wenn es darum geht, das System und seine Helfershelfer zu schützen, dann ist ein Menschenleben im "Gottesstaat" Iran nicht sehr viel wert - und das Leben einer Frau schon gar nichts. Die geplante AVAAZ-Plakatkampagne in der Türkei und in Brasilien erscheint mir vor diesem Hintergrund wie der verzweifelte Griff nach dem rettenden Strohhalm. Aber wer weiß: Vielleicht ist der Strohhalm ja in diesem Falle tragfähiger als im allgemeinen angenommen ...


Zum Weiterlesen:

Julias Blog


(Quellen: AVAAZ, Amnesty International - Sakineh Mohammadi Ashtiani und Angehörige des Anwalts von Sakineh inhaftiert, Spiegel Online vom 02.08.2010 und vom 03.08.2010, Welt Online vom 02.08.2010, The Guardian vom 04.08.2010 [englisch], Neue Züricher Zeitung vom 04.08.2010)

Blaue Stunde am Hafen


Bremerhaven: Neuer Hafen

Noch ist alles ruhig. Die Sportboote liegen still an den Stegen der Marina. Nur in vereinzelten Fenstern ist schon Licht zu sehen. Die Sterne verblassen am Nachthimmel dessen Farbe langsam in ein tiefes Blau übergeht. Ein hellerer Schimmer aus Osten kündigt bereits den baldigen Sonnenaufgang an.

Dann ist es nicht mehr lange hin, bis die Stadt erwacht ...

Ich liebe diese ruhigen Momente, bevor die Hektik des Tages mich einholt, und der Arbeitsalltag wieder mein Denken beherrscht.


Mit der Ruhe am Neuen Hafen wird allerdings es bald vorübergehend vorbei sein. In der Zeit vom 25. bis zum 29. August erwarten wir internationalen Besuch zur "Sail Bremerhaven 2010". Dann sind wieder die großen Rahsegler sowie viele kleinere Traditionssegler aus aller Welt bei uns zu Gast.

Donnerstag, 5. August 2010

Atomwolf im Schafspelz

Atomkraft? Nein Danke!In einem Spiegel Online Artikel von gestern offenbart sich die gesamte Naivität der die Bundesrepublik Deutschland regierenden schwarz-gelben Wespenkoalition im Umgang mit der Folgen der "friedlichen" Nutzung der Atomenergie. - Oder sind die vielleicht gar nicht so naiv, wie sie ihre vermeintlich willenlosen Stimmdrohnen glauben machen wollen?

Stecken die Wespen wohlmöglich alle mit der Atomlobby unter einer Decke? Ausgerechnet der frühere Atommanager Herr Thomauske soll nämlich bei den Vorarbeiten zur weiteren Erkundung Gorlebens mitwirken und eine entscheidende Sicherheitsanalyse für das geplante Endlager in Gorleben mitverfassen. Das Ministerium Herrn Röttgens (CDU, Bundesumweltminister) ist der Auftraggeber der Arbeiten und hält das für unproblematisch: Es gebe eben nicht mehr so viele Experten zum Thema. Herr Thomauske sei ein "anerkannter Fachmann".


Der "Experte"

Davon einmal abgesehen, dass es weltweit kein Atommüll Endlager gibt, und somit auch keinen Experten auf diesem Gebiet, ist der Experte, der uns da vom Umweltministerium untergeschoben werden soll, nach meinem Kenntnisstand bestenfalls ein Atomwolf im Schafspelz.

Herr Thomauske ist promovierter Physiker und war viele Jahre lang beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beschäftigt. Dort war er als Abteilungsleiter einer der entscheidenden Akteure bei der Bearbeitung von Genehmigungen von Atomanlagen. In dieser Position war er sowohl mit dem Endlager "Schacht Konrad" als auch mit Zwischenlagern an den Atomkraftwerken befasst.

Vom BfS wechselte er 2003 in den Atombereich bei Vattenfall und war dort als Energiemanager Leiter von Zwischenlagern an den Atomkraftwerken des Energiekonzerns, denen er zuvor als Abteilungsleiter im BfS die Genehmigung erteilt hatte. In seinen Zuständigkeistbereich bei seinem vorherigen Arbeitgeber BfS war auch die Erarbeitung von Genehmigungsunterlagen für die Vattenfallreaktoren gefallen. Die TAZ berichtete am 17.07.2007, Herr Thomauske habe nach über zehnjähriger BfS-Praxis als einer der ausgebufftesten deutschen Genehmigungsprofis gegolten und zitierte einen seiner ehemaligen Kolegen vom BfS mit den Worten: "Damit hat sich die Industrie mal eben das gesamte Insiderwissen des Amts eingekauft." Nach schweren Fehlern beim Krisenmanagement im Zusammenhang mit dem Trafobrand im Atomreaktor Krümmel vor drei Jahren musste Herr Thomauske seinen Posten bei Vattenfall räumen. Der Konzern warf ihm vor, nach den Störfällen 2007 in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel die Atomaufsicht und die Öffentlichkeit zu spät und unvollständig über die Hintergründe der Störfälle informiert zu haben.

Seit Ende 2008 lehrt Herr Thomauske im Fachbereich "Nuklearer Brennstoffkreislauf an der Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik" an der Technischen Hochschule Aachen. Sein Lehrstuhl an der Hochschule wird vom Energiekonzern RWE gesponsert. Und die Stromkonzerne drängen - mit Verweis auf den Betrag von rund anderthalb Milliarden Euro, der bereits für die bisherigen Untersuchungen in Gorleben im Salz versenkt wurde - auf den Bau eines nuklearen Endlagers.


Das blinde Vertrauen

Wenn hierzulande ein Name im Zusammenhang mit dem Ausdruck "Experte" genannt wird, dann werden die Worte und Handlungen des Betreffenden in der Regel nicht in Zweifel gezogen. Das Zauberwort "Experte" funktioniert wie eine Art Schutzschild oder Tarnmantel ... - und es funktioniert bisher im Allgemeinen ausgesprochen wirkungsvoll.

Das blinde Vertrauen in die "Experten" hat sich für die von deren Fehleinschätzungen Betroffenen Menschen schon oft gerächt. Die Folgen all dieser Fehleinschätzungen, auch wenn sie sich für den Einzelnen davon Betroffenen noch so katastrophal auswirkten, waren aber nichts gegen die verheerenden Folgen einer möglichen Reaktorkatastrophe oder die mögliche Verseuchung der Biosphäre und des Grundwassers mit radioaktiven Partikeln aus dem Müll der Atomkraftwerke.

Wie der Super-GAU, der sich 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl ereignete, der Welt drastisch vor Augen führte, verbrennen die Folgen des unverantwortlichen Umgangs mit dem atomaren Feuer ganze Landstriche, machen sie auf lange Sicht unbewohnbar und haben Auswirkungen auf große Teile ganzer Kontinente und deren Bewohner. Den für die fortbestehende Bedrohung Verantwortlichen öffnete diese menschengemachte Katastrophe allerdings nicht die Augen: Die haben nur Augen für die Maximierung der Gewinne ihrer Atomkonzerne.

Es waren die "Experten" und die Lobby der Atomwirtschaft, die mit ihren GUTachten und mit ihren PERFIDEN VERSPRECHUNGEN, sowie mit ihren Vertuschungsversuchen, ihren Betrügereien und mit ihren Lügen das Desaster um die Endlagerung im Salzbergwerk "Asse-II" zu verantworten haben! Diese Art von "Experten" hat bei weiteren sicherheitsrelevanten Aufgaben im Zusammenhang mit der Atomenergie und deren Folgen NICHTS mehr ZU SUCHEN! Es gibt mit Sicherheit noch genügend fachkundige Wissenschaftler in Deutschland, denen keinerlei Verbindung zur Atomlobby nachgesagt werden kann, und denen man die Aufgabe, Handlungsrichtlinien für den Umgang mit den Folgen der "friedlichen" Nutzung der Atomkraft zu erarbeiten und festzulegen, übertragen kann.


Der gesunde Menschenverstand

Mehr als das ist ohnehin nicht möglich: Es gibt KEINE SICHERE Möglichkeit, hochradioaktiven Atommüll, dessen Radionuklide teilweise Halbwertzeiten von Zigtausenden, Millionen oder gar Milliarden von Jahren aufweisen, ENDzulagern. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Und die Sicherheitsbeteuerungen im Zusammenhang mit der 42 Jahre kurzen Geschichte des "Versuchsendlagers Asse-II" liefern den Beweis dafür. Kein heute lebender Mensch aus den Reihen der Atomindustrie und ihrer politischen Handlanger, der heute - ohne sich ernsthaft mit den Folgen seines Handelns auseinanderzusetzen - das stetige Wachsen des strahlenden Atommüllberges billigend in Kauf nimmt, kann zur Verantwortung herangezogen werden, wenn das Salz bei Gorleben oder die geologischen Strukturen der Erdkruste in irgendwelchen Felsformationen sich anders verhalten, als es die Wissenschaftler heute annehmen, und unsere Nachfahren deshalb in vielleicht 150000 oder in 1,2 Millionen Jahren durch den radioaktiven Wohlstandsmüll der deutschen Wirtschaftswundergenerationen geschädigt werden. Folglich ist der Betrieb von Atomkraftwerken VERANTWORTUNGSLOS und deshalb umgehend einzustellen!

Der gesunde Menschenverstand sagt einem übrigens auch, dass der Salzstock bei Gorleben KEINE, und SCHON GAR NICHT die EINZIGE Option, für ein SICHERES ENDlager ist. Die Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg warnt bereits seit Jahrzehnten vor Mängeln des Salzstocks bei Gorleben. Im Salzstock eingeschlossene Wasserblasen, sowie verschiedenen Formationen des Minerals Anhydrit, das den Gorlebener Salzstock von oben nach unten durchziehe, sowie bekannte Laugenzuflüsse seien eine potentielle Gefahr. Auch aus Wassereinschlüssen seien bereits hunderte Kubikmeter Salzlauge ausgetreten, bevor der weitere Ausbau des Endlagerbergwerks Gorleben im Juni 2000 durch ein Moratorium gestoppt wurde.

Einem Bericht der TAZ vom 10.03.2009 zufolge wurde das vom BfS bestätigt. Asse lässt grüßen. Der Geologe Herr Appel befasse sich seit drei Jahrzehnten mit dem Salzstock bei Gorleben. Die TAZ zitiert ihn in ihrem Bericht mit den Worten: "Im Salzbergbau ist Anhydrit als potenziell wasserführende Schicht gefürchtet." Anhydrit sei ein Mineral aus Calciumsulfat, das härter und spröder sei als Salz. Anhydritschichten könnten Wasserspeicher und Wasserleiter sein. Das sei eine Gefahr. In einem späteren Endlager Gorleben würde sich die Rissbildung verstärken. Schließlich brächten die Hohlräume des Bergwerks und die Hitze des hochradioaktiven Mülls den Salzstock unmerklich in Bewegung.


Die Atomsau

Die ReGIERungen desjenigen Bundeslandes, das aufgrund seiner mit Abstand höchsten Konzentration an Atomkraftwerken in seinen Grenzen den größten Anteil zu der atomaren Sauerei beiträgt ,wehrt sich seit Beginn der Diskussion um die Entsorgung der gefährlichen, strahlenden Hinterlassenschaften der deutschen Atomkraftwerke mit Händen und Füßen gegen die Standortsuche für Atommüll-ENDlager im Fels der schönen bayerischen Berge: "Den Gewinn den gierigen Bayern - den höchst gefährlich strahlenden Müll der Atommüllkippe der Nation: Gorleben." Das ist das Motto des heimtückischen Geschäftsmodells der Atomwirtschaft und der Atompolitik ihrer politischen Handlanger.


Keine willenlosen Stimmdrohnen ...

... sind diejenigen, die aus Sorge um die Sicherheit der Menschen in Deutschland und diejenige ihrer Nachfahren seit jeher gegen die Nutzung der Atomenergie in Deutschland kämpfen. Sie kritisieren die Auftragsvergabe an Herrn Thomauske aufs schärfste. Der Spiegel zitiert zum Beispiel Herrn Ehmke (Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Sprecher) mit den Worten: "Der Filz erreicht unter Bundesumweltminister Norbert Röttgen eine neue Qualität. Unsere Einschätzung, wie wir die Einbindung von Atom- und Gorleben-Befürwortern bewerten, schwankt zwischen scham- und skrupellos." Floskeln wie "Transparenz", "Ergebnisoffenheit" und "Bürgerbeteiligung" würden durch derartige Personalentscheidungen konterkariert.
  • Dieser Einschätzung schließe ich mich an:
    Hier soll offensichtlich der Atombock zum Gärtner gemacht werden!


(Quellen: TAZ vom 17.07.2007 und vom 10.03.2009, Spiegel Online vom 04.08.2010, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg vom 09.05.2009)