Dienstag, 18. Oktober 2011

Herbstgedanken

Herbstliche Eiche in der tiefstehenden Oktober-Nachmittagssonne
Ich sah den Wald sich färben,
Die Luft war grau und stumm;
Mir war betrübt zum Sterben,
Und wusst' es kaum, warum.

Durchs Feld vom Herbstgestäude
Hertrieb das dürre Laub;
Da dacht' ich: deine Freude
Ward so des Windes Raub.

Dein Lenz, der blütenvolle,
Dein reicher Sommer schwand;
An die gefrorne Scholle
Bist du nun festgebannt.

Da plötzlich floss ein klares
Getön in Lüften hoch:
Ein Wandervogel war es,
Der nach dem Süden zog.

Ach, wie der Schlag der Schwingen,
Das Lied ins Ohr mir kam,
Fühlt' ich's wie Trost mir dringen
Zum Herzen wundersam.

Es mahnt' aus heller Kehle
Mich ja der flücht'ge Gast:
Vergiss, o Menschenseele,
Nicht, das du Flügel hast.

Emanuel Geibel
(1815 - 1884)


Unwillkürlich mischen sich im Herbst zwischen die Freude über den reichlich gedeckten Tisch der Natur und die Farbenpracht der herbstlich gefärbten Laubbäume immer auch Gefühle von Wehmut und bevorstehendem Abschied. Anstatt weiter in die Zukunft zu scheuen fixieren sich die Gedanken auf die kommende dunkle Jahreszeit: Kahle Bäume, Totensonntag, Frost und kalte Wintertage ...

Wer sich jedoch nicht allzulange mit solchen Gedanken aufhält, der kann jetzt noch die schönen Herbsttage genießen - und der nächste Frühling kommt bestimmt.

All das kommt - wie ich finde - im Herbstgedicht von Emanuel Geibel wunderbar zum Ausdruck.

1 Kommentar:

Smilla hat gesagt…

Hallo Juwi
ein wunderschönes Gedicht hast du uns hier aufgetischt!! Merci...
Kannte eigentlich nur die letzten zwei Zeilen.
Da ich in den letzten Wochen immer etwas im Schuss bin und das Wetter einfach traumhaft ist, vergeude ich noch keine Gedanken an den kommenden Winter... so schlimm finde ich die "dunkle Jahreszeit" eigentlich gar nicht.... meine Sonnenbatterien sind gut geladen....
Wünsche dir einen sonnigen Tag!
♥-lich Brigitte

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