Freitag, 12. Februar 2010

Neuer Name, neue Schule?


Lessingschule: Ein Teil der Fassade des alten Anbaus wurde stehen gelassen ...

Bei der Stadtteilkonferenz Lehe gestern Abend in der Mensa der Lessingschule gab es durchaus unterschiedliche Meinungen über das für und wider bezüglich eines neuen Namens für die Lessingschule.

Viele hatten eine ähnliche Meinung wie ich. Darüber hatte ich gestern bereits geschrieben. Anderen war es mehr oder weniger egal, welchen Namen die Schule zukünftig tragen wird. Ihnen ging es vorwiegend darum, welche Inhalte und Lernkonzepte innerhalb der Schule umgesetzt werden, als um den Namen, der "irgendwo draußen auf einem Schild neben der Tür steht".

Eine Mutter vertrat die Meinung, die Kinder, die dort zur Schule gehen werden, seien diejenigen, die sich später mit dem Namen der Schule identifizieren müssen. Die Erwachsenen dürften zwar ebenso wie die Kinder Vorschläge für einen Namen einreichen, es wäre jedoch falsch, wenn sie den Kindern einen Namen aufzwingen würden, mit dem diese ebensowenig anfangen können, wie mit "Lessing". Wenn die Entscheidungsfindung tatsächlich so gehandhabt werden würde, dann könnte auch ich mit einem neuen Namen für die Schule leben, denn dann wäre das für die Schülerinnen und Schüler ein hervorragendes Lehrbeispiel für gelebte Demokratie. Ich fürchte nur, dass niemand aus dem Stadtteil und keines der Kinder einen wirklichen Einfluss auf den neuen (oder alten) Namen haben wird, da die Entscheidung letztlich von den Politikern getroffen werden wird.


Nomen est Omen?


... und in die Fassade des neuen Anbaus integriert.

Im Laufe der Diskussion stellte sich heraus, dass neben dem Umbau des Schulkonzepts und der dafür notwendigen Umbauten im Altbau und dem Neubau eines Anbaus aufgrund politischer Vorgaben auch die Identität geändert werden sollte, da vor einigen Jahren Vorfälle innerhalb der Schulgemeinschaft negative Schlagzeilen in der Presse zur Folge hatten und seitdem auch der Name "Lessingschule" negativ besetzt sei.

Darüber, ob ein neuer Name für ein Gebäude, einen negativ besetzten Namen des gleichen Gebäudes "reinwaschen" kann, gab es ebenfalls unterschiedliche Ansichten. Überwiegend war jedoch die Meinung zu hören, dass eine Namensänderung allein nicht geignet ist, ein schlechtes Image abzulegen. Da gibt es zum Beispiel das schöne Beispiel des Atomkomplexes in der Nachbarschaft der Ortschaft Seascale an der irischen See in Nordengland, der einmal den Namen "Windscale" trug. Dort befindet sich neben Wiederaufbereitungsanlagen auch die älteste Plutoniumschmiede für die englische Atombombe. Da der Name "Windscale" aufgrund häufiger atomarer Störfälle und weiträumiger radioaktiver Verschmutzung der Umgebung und des Wassers in der irischen See irgendwann ebenfalls "negativ besetzt" war, benannte man die Anlage kurzerhand von "Windscale" in "Sellafield" um. Das schlechte Image einer atomaren Dreckschleuder haftet der Atomanlage jedoch trotz des neuen Namens weiterhin an, denn außer dem Namen hatte sich dort nichts weiter geändert.

Die Befürworter einer Namensänderung argumentierten jedoch auch eher anders herum. Die neben den auslaufenden Jahrgängen der "Lessingschule" eingeführte Integrierte Stadtteilschule (ISL) habe sich schnell einen guten Ruf erworben. Mit der Ausdehnung der ISL auf den gesamten Gebäudekomplex und den damit einhergehenden Um- und Neubaumaßnahmen, sei die bisherige Lessingschule mit Beginn des neuen Schuljahres etwas völlig neues. Das wolle man auch mit einem neuen Namen zum Ausdruck bringen und damit gleichzeitig verhindern, dass der neuen Schule erneut der alte Makel anhafte.

Herr Frost (ISL, Leiter) stellte dar, dass die neue Schulleitung bereits bei ihrer Einstellung von politischer Seite die Vorgabe erhielt, einen neuen Namen für die Schule zu finden. Weiterhin berichtete er, während der drei Jahre, in denen die ersten Schülerinnen und Schüler jetzt schon in der ISL unterrichtet wurden, sei der "Arbeitsname" Integrierte Stadtteilschule Lehe den Schülern bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Würde man sie heute vor die Wahl stellen, ob die Schule weiterhin "Lessingschule" oder "Integrierte Stadtteilschule Lehe" heißen solle, dann würden sie sich seiner Meinung nach mit Sicherheit mehrheitlich für "Integrierte Stadtteilschule Lehe" entscheiden.

Mit Beginn des neuen Schuljahres 2010/2011 soll die Schule mit dem Konzept "integrierte Stadtteilschule" endgültig ihre Arbeit in den Räumen der Lessingschule und dem neuen Anbau aufnehmen. Bis dahin soll auch der Name für die Schule feststehen. Vor der endgültigen Festlegung wird die Schulleitung über die zur Auswahl stehenden Namen informieren. Ich lasse mich einmal überraschen, ob darunter dann auch die Vorschläge der Schülerinnen und Schüler zu finden sein werden, und ob es wirklich zu einer demokratischen Entscheidung der betroffenen Schülerinnen, Schüler und der Bürger des Stadtteils kommen wird.

Kommentare:

Leher Butjer/Weserkrabbe hat gesagt…

Hallo Jürgen, ich finde, man kann auch alles totdiskutieren und mir geht es langsam auf den Wecker, wenn man für alles und jedes neue Namen finden muß. Und, dass die Kinder immer und überall auch mitentscheiden sollen, finde ich auch nicht unbedingt notwendig. Man kann auch alles übertreiben. Demnächst haben sie dann noch das Recht, auch den Lehrer selbst aussuchen zu können und wenn ihnen der nicht passt, ihn dann auch wieder auszumustern. Geht mir alles zu weit und dazu stehe ich. Nix für ungut ich weiß, dass Du da anders denkst.
lieben Gruß
Brigitte

juwi hat gesagt…

@Brigitte: Dass ich zu den Plänen, eine Schule umzubenennen, nachdem sie während ihres 105-jährigen Bestehens immer den gleichen Namen getragen hatte, eine andere Meinung habe, habe ich bereits gesagt, und ich habe erfahren, dass viele Mitbürger, ebenso wie du, darin mit mir übereinstimmen. Ich weiß aber auch, dass es dazu andere Meinungen gibt. Die Argumente einiger Mitbürger für eine Umbenennung habe ich während der Stadtteilkonferenz gehört, und diejenigen der in meinem Artikel angesprochenen Mutter kann ich auch durchaus nachvollziehen. Einige Befürworter für eine Umbenennung haben erkennen lassen, dass sie keine gebürtigen Bremerhavener sind, und somit auch einen anderen Bezug zur Lessingschule haben, als die ehemaligen Lessingschüler unter uns, deren Eltern schon auf der Lessingschule zur Schule gegangen sind, und deren Kinder später einen großen Teil ihrer Schulzeit ebenfalls auf der Lessingschule verbracht haben. Grundsätzlich bin ich dafür, unsere Kinder möglichst früh an familiären und gesellschaftlichen Entscheidungen zu beteiligen. Auch wenn die politische Wirklichkeit in Bremerhaven oft anders aussieht: Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft. Wenn wir unseren Kindern im täglichen Umgang mit ihnen ständig "Diktatur" vorleben, dann können kleine Menschen niemals zu großen Demokraten heranwachsen, die für ihre Freiheit eintreten, ihre Meinungen mit sachlichen Argumenten verteidigen, aber auch bereit sind, auf die Argumente anderer Menschen einzugehen und mit ihnen Kompromisse zu schließen. Ebenso, wie im Arbeitsleben der Arbeitgeber die Richtung für sein Unternehmen vorgibt, geben im Schulalltag die Schulleitung und die Lehrer Richtung und Inhalt des Unterrichts vor. Darüber gibt es wohl keinerlei Meinungsverschiedenheiten in unserer Gesellschaft. Genau so, wie im Betrieb jedoch auch die Arbeitnehmer an Entscheidungen beteiligt werden, haben auch die Schüler ein Recht darauf, an den Entscheidungen, die ihre Schule betreffen, und die über den reinen Unterricht hinausgehen, mitzuwirken. Wenn sie dabei lernen, dass ihre Meinungen berücksichtigt werden, sfern sie die Mehrheit repräsentieren, dann lernen sie etwas sehr wichtiges für ihr späteres Leben. Ein gutes Beispiel für gelebte Demokratie gibt es im Zusammenhang mit der katholischen Edith-Stein-Schule in Bremerhaven-Mitte. Das Bistum Hildesheim wollte die Schule vor einigen Jahren schließen. Die Schüler und ihre Eltern haben sich dagegen gewehrt und sind unter anderem auch mit mehreren Bussen nach Hildesheim gefahren, wo sie in einem großen Demonstrationszug durch die Stadt zum Dom zogen. Die Teilnahme an einer Demonstration war damals auch für die meisten Eltern eine völlig neue Erfahrung. Die Entscheidung des Bistums, die Schule zu schließen, hätte auch bestehen bleiben können. Das wäre dann eine diktatorische Entscheidung unter unternehmerischen Gesichtspunkten gewesen, die nur den damaligen Standpunkt des Bistums Hildesheim berücksichtigt hätte. Weitere Gespräche zwischen der Schulleitung, den Eltern und Schülern und Vertretern des Bistums führten dann aber dazu, dass eine gemeinsame Lösung für die bestehenden finanziellen Probleme gefunden wurde. Das war und ist ein Bremerhavener Schul-Beispiel (im wahrsten Sinne des Wortes) für demokratische Mitbestimmung. Dass die politische Wirklichkeit in Bremerhaven leider eine andere ist, wissen wir beide - glaube ich - am besten.

juwi hat gesagt…

hallo wir suchen einen namen für unsere schule vieleicht können sie uns einen tipp geben

lg saskia

@Saskia:
In unseren privaten Blogs unterhalten wir uns eigentlich alle per "du". Aber zu deiner Frage: Wie du vielleicht beim Lesen meines Artikels gemerkt haben wirst, ist es gar nicht so einfach, für eine alte Schule einen neuen Namen zu finden. Ich persönlich würde das nur machen, wenn der bisherige Name geschichtlich negativ belastet wäre. Die ehemalige Lessingschule heißt jetzt übrigens nach langem hin und her "Schule am Ernst-Reuter-Platz" - irgendwie nicht sehr originell. Aber die Schüler und Lehrer haben das so entschieden, und die Politiker haben letztlich doch zugestimmt. Ich denke, auch ihr solltet euch selbst Gedenken um einen neuen Namen machen. Schließlich habt ihr als Schüler ja eine persönliche Beziehung zu eurer Schule. Als Außenstehender wüsste ich nicht so recht, welcher Name dazu passen würde. Eher ungewöhnlich ist der Name einer neuen katholischen Schule in Bremerhaven, weil das Wort "Schule" darin gar nicht vorkommt. Die Schule heißt "Stella Maris". Laut Wikipedia heißen die lateinischen Worte übersetzt "Stern des Meeres". Das sei ein schmückender Titel für Maria, die Mutter Jesu. Unter dem Namen "Meerstern" sei sie die Schutzpatronin der Seeleute. Der Name verbindet also die Seefahrt, die eng mit Bremerhaven verbunden ist, mit dem katholischen Glauben.

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