Sonntag, 9. November 2008

Pogromnacht 1938 in Bremerhaven






Heute von 70 Jahren brannte die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Bremerhaven nieder. Daran erinnert dieser Gedenkstein in Bremerhaven an der Ludwigstraße, Ecke Schulstraße.



Der Stein trägt die Inschrift

Auf dem Grundstück
Schulstraße 5 stand
die Synagoge der
jüdischen Gemeinde.
Sie wurde unter
der Herrschaft der
Nationalsozialisten
am 9. Nov. 1938
in Brand gesetzt


(zum Vergrößern bitte auf das Foto klicken)

Aus Verzweiflung über die Ausweisung polnischer Juden aus dem Deutschen Reich, zu denen auch seine Familie gehörte, hatte der siebzehnjährige Herschel Grünspan am 7. November 1938 ein Attentat auf den Gesandtschaftssekretär Ernst von Rath in der deutschen Botschaft in Paris verübt. Der Gesandtschaftssekretär starb zwei Tage später, am 9. November 1938, an seinen Schussverletzungen. Angestiftet durch einen Hetzrede Goebbels', nahmen die in München versammelten Parteiführer die Nachricht vom Tode des Gesandtschaftssekretärs zum Anlass, gegen Mitternacht an ihre örtlichen Parteistellen Befehle zur sofortigen gewaltsamen Verfolgung der Juden auszugeben. Diesen Befehl übermittelte auch der Bremer Bürgermeister Böhmker, an den hiesigen Kreisleiter und Stadtrat Hugo Kühn im Hanseaten-Café in der Bürgermeister-Smidt-Straße, dem Stammlokal der SA Standarte 411, die dort gerade zur Erinnerung an den Putschversuch Hitlers vom 9. November 1923 den "Tag der Bewegung" feierte.

Der daraufhin von Hugo Kühn in das Café betellte Oberbrandmeister der Bremerhavener Feuerwehr, Heinrich Steiln, schaffte es den versammelten Nazigrößen nachzuweisen, dass es bei so vielen über das Stadtgebiet verteilten, gleichzeitig ausbrechenden Bränden unmöglich sei, den Brandschutz für die Stadt zu gewährleisten. Er forderte sie deshalb auf, von den beabsichtigten Brandstiftungen in acht bis zehn Wohn- und Geschäftshäusern und der Synagoge Abstand zu nehmen. Damit verhinderte er das Niederbrennen der Geschäftshäuser der Familien Schocken und Liepmann sowie der Villa der Familie Schocken in der Wurster Straße.

Beim Verlassen des Hanseaten-Cafés hörte Heinrich Steiln schon die Schaufensterscheiben des wenige Häuser weiter stehenden Kaufhauses Schocken klirren. Auf dem Rückweg zur Feuerwache wurde er Zeuge von der Zerstörung weiterer jüdischer Geschäfte.

Der Gastwirt Schrader musste Kreisleiter Kühn und Standartenführer Löber mit seinem Auto durch die Stadt fahren, um weitere SA-Leute in das Café zu beordern. Dabei fuhr Schrader Kühn auch zur Synagoge in der Schulstraße, deren wertvolles Inventar gerade von SA- und SS-Angehörigen geplündert wurde. Sturmführer Remmers zerrte den Synagogendiener Goldmann aus der Synagoge. Ein SA-Mann trug ein Radiogerät weg, das er für die Geschäftsräume der Standarte haben wollte. Dann setzten Kühn und Remmers mit dem Benzin aus dem Reservekanister von Schraders Auto die Synagoge in Brand.

Georg Hahnert war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Polizeimeister vom Dienst. Der Befehl, der ihn davon abgehalten hätte später in der Nacht den Kreisleiter Kühn, den Kreisamtsleiter Lehman sowie ungefähr 12 weitere SA-Männer vor dem Kaufhaus Schocken festzunehmen, weil davon ausging, dort habe eine Straftat stattgefunden, erreichte ihn erst mit Verspätung am 10. November 1938 durch einen Boten in einem verschlossenen Umschlag. Der Befehl des Generals der Deutschen Polizei in Berlin, Kurt Daluege lautete: "Am 10.11.1938 - 1.30 Uhr - werden im Deutschen Reich die Judengeschäfte spontan demoliert. Die Polizei verhält sich passiv und wendet sich ab. Wenn die Feuerwehr alarmiert wird, weil die Judenhäuser brennen, so bespritzt sie die Nachbarhäuser, dass diese nicht in Gefahr geraten."

Die SA verhaftete fast alle männlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde und misshandelte sie. Am 10. November 1938 wurden sie mit Viehwaggons in das Konzentrationslager Sachsenhausen transportiert und erst nach mehreren Wochen entlassen. Die SA wütete noch zwei weitere Tage gegen das Eigentum jüdischer Mitbürger. Am 6. Mai 1939 schrieb der Oberbürgermeister der Stadt Bremerhaven an den regierenden Bürgermeister in Bremen: "Das Verfahren zur Erfassung jüdischer Gewerbebetriebe ist abgeschlossen ... Es besteht kein jüdisches Geschäft mehr in Bremerhaven."

Dem "Verfahren zur Erfassung jüdischer Gewerbebetriebe" fielen zum Opfer:
  • Kaufhaus Schocken in der Bürgermeister-Smidt-Straße,
  • "Orienthaus" Dagobert Kahn
  • Geschäft Rosenheim
  • Geschäft Katzenstein
  • Geschäft Brodersen & Peters
  • Villa der Familie Schocken
  • Kaufhaus Schocken in der Georgstraße
  • Spielwarenladen Ahronheim
  • Konfektionsgeschäft Liepmann,
  • Wohnhaus des Viehhändlers Seeligmann
  • Praxis und Wohnung des Arztes Dr. Burchhard Goldmann
  • Viehhandelsfirma Adolf und Kurt Wulff

Neben der durch Brandstifftung zerstörten Synagoge wurde auch die Kapelle auf dem jüdischen Friedhof an der Kreuzberger Straße zerstört und die Gräber geschändet.

Auf Veranlassung der amerikanischen Militärregierung mussten deutsche Dienststellen im November 1945 damit beginnen, die Vorgänge um die Verbrechen der "Reichskristallnacht" von 1938 aufklären. Die Kripo ermittelte 106 Tatverdächtige, von denen 38 Personen angeklagt wurden. Die Gerichtsverhandlung in Bremerhaven begann am 10. Februar 1948. Lediglich einer der Angeklagten gestand seine Taten ein. Andere logen zum Teil selbst angesichts drückender Beweise so dreist, dass das Gericht deren Verhalten als strafverschärfend wertete. Am 6. März 1938 verurteilte das Schwurgericht 27 Angeklagte zu Strafen zwischen drei Monaten Gefängnis und mehr als 6 Jahren Zuchthaus. Elf Angeklagte wurden freigesprochen. Die Haupttäter konnten nicht mehr belangt werden, da sie vorher entweder eines natürlichen Todes gestorben oder im Krieg umgekommen waren.



Villa Schocken an der Wurster Straße in Bremerhaven

An die Familie Schocken erinnert heute noch der Name des Seniorenpflegeheims der AWO an der Wurster Straße, das in dem ehemaligen Wohnhaus der Familie untergebracht ist. Die Einrichtung trägt den Namen Pflegeheim "Villa Schocken". Joseph Schocken hatte die Villa 1932 gekauft. Er starb bereits zwei Jahre später im Jahre 1934. Seine Ehefrau Jeanette hätte möglicherweise nach der Pogromnacht, ebenso wie andere Mitglieder der Familie auch, noch aus Deutschland fliehen können. Sie bleib jedoch, weil sie für ihre erwachsene, schwerkranke Tochter Edith sorgen wollte. Die beiden Frauen wurden am 17. November 1941 gemeinsam mit anderen Bremerhavener und Bremer Juden in das Ghetto von Minsk deportiert, wo sie später von den Nazis umgebracht wurden.


Quellen:
- Harry Gabcke, "Bremerhaven in zwei Jahrhunderten", Band 2.
- Werfen & Stadtgeschichte Bremerhavens

1 Kommentar:

juwi hat gesagt…

@Arnold: Besten Dank für den Hinweis.

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