Die von der Bundesregierung gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger beschlossenen Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke ist nicht nur eine Frage der unverantwortlichen Gefährdung der heute in unserem Land lebenden Menschen sowie der nachfolgenden Generationen. Mit ihrem Beschluss vom Sonntag, 5. Sptember 2010, fördert die Bundesregierung auch Menschrechtsverletzungen in den Uranabbaugebieten in vielen Ländern der Welt!In einer am 29.08.2010 auf ihrem Weltkongress in Basel (Schweiz) verabschiedeten Resolution zur Ächtung des Uranabbaus und der Produktion von Yellowcake (Uranoxid) haben die "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) auf die systematische Verletzung von Menschenrechten im Zusammenhang mit dem Abbau von Uran und der Yellowcake-Produktion aufmerksam gemacht.
Das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung, auf den Schutz der Menschenwürde und auf sauberes Wasser sind nach Ansicht der Ärzte nur einige der Menschenrechte, die durch Uranabbau und seine Weiterverarbeitung verletzt werden. Beides wird in der Resolution als „unverantwortlich“ und „ernsthafte Bedrohung für Gesundheit und Umwelt“ beschrieben.
Zuvor hatten indigene Völker aus allen Kontinenten der Welt auf dem Vorkongress "
Sacred Lands, Poisoned Peoples" (Heiliges Land, Vergiftete Völker) eine eigene Erklärung an den IPPNW verabschiedet, deren deutsche Übersetzung ich im folgenden im Wortlaut wiedergebe:
In der heutigen Zeit, in der die Zerstörung von Mutter Erde und der Gesundheit der Menschen durch die Erschließung nuklearer Ressourcen immer weiter zunimmt, haben sich Repräsentanten indigener Völker auf dem Vorkongress "Sacred Lands, Poisoned Peoples" getroffen und sich über ihren Widerstand gegen Uranabbau ausgetauscht. Von Kanada und den USA bis Niger, Mali, Namibia, Tansania und Malawi, von Russland und Deutschland, über Australien bis Brasilien und Indien – Völker aus der ganzen Welt, die sich mit den Folgen dieser tödlichen Industrie konfrontiert sehen, haben sich hier zusammengefunden.
Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Generationen indigener Völker sind überdurchschnittlich betroffen von Uranabbau, Atomwaffen und der Atomindustrie. Die nukleare Produktionskette führt zu einer radioaktiven Verseuchung der Menschen, des Landes, der Luft und des Wassers. Sie bedroht unsere Existenz und die zukünftiger Generationen. Uranabbau, die Weiterentwicklung von Atomenergie und internationale Abkommen, die die nukleare Produktionskette fördern, verletzten Menschenrechte und das Recht von Mutter Erde auf eine unversehrte Natur. Sie gefährden unser Überleben und unser Recht auf eine eigene Spiritualität, die ohne eine intakte Umwelt nicht gelebt werden kann.
Die gefährlichen gesundheitlichen Auswirkungen radioaktiver Strahlung beginnen mit dem Abbau von Uran. Wir bekräftigen hiermit die Erklärung des World Uranium Hearing in Salzburg, 1992, dass Uran und seine radioaktiven Zerfallsprodukte in der Erde verbleiben müssen. Und wir erklären unsere Solidarität mit all jenen, die für ein Ende des Uranabbaus und seiner Weiterverarbeitung sowie gegen den unverantwortlichen Umgang mit radioaktivem Abfall, Atomenergie und Atomwaffen eintreten.
Wir setzen uns voll und ganz ein für eine atomfreie Zukunft für alle Völker.
In der Vorstellung vieler Naturvölker ist der Boden, in dem ihre Ahnen ruhen, heiliges Land. Sie begreifen die Erde als die gemeinsame Mutter aller Lebewesen. Dieses Bild von der Welt, in der wir leben, entspricht auch meiner Vorstellung: Alle Menschen, zusammen mit allen Tieren und Pflanzen - mit allem, was lebt - sind abhängig von einem intakten Lebensraum auf der Oberfläche, im Boden und im Wasser unseres gemeinsamen Planeten Erde. Das Gefüge des Lebens auf der Erde ist äußerts komplex. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn wir nicht sorgsam mit der Erde umgehen, und unsere Lebensgrundlagen mit unserer egoistischen Gier nach "immer mehr" weiterhin in dem Umfang gefährden und zerstören wie in den letzten 150 Jahren, dann wird die Menschheit nicht einfach nur kollektiven Selbstmord begehen, sondern wir zerstören damit ebenfalls die Grundlage für alles Leben auf der Erde. Selbst wenn "
das Leben" auf der Erde "
überleben" sollte: Die Welt wäre nicht mehr die Welt, wie unsere Vorfahren und wir sie kannten.
In einer Presseerklärung der IPPNW kommen stellvertretend drei Vertreter indigener Völker zu Wort:
- Nordamerika
"Uranabbau hinterlässt ein giftiges Erbe, lange nachdem die Bergbauunternehmen den Betrieb einstellen und gegangen sind. Das Gift der Radioaktivität bleibt in unserem Boden und in unserem Wasser, es schadet unserer Gesundheit und es verletzt Mutter Erde. Wir solidarisieren uns mit allen, die von dieser gefährlichen Industrie konfrontiert werden, und wir sagen: Stopp! Lasst das Uran in der Erde."
Charmaine White Face
(Delegierte der Tetuwan Sioux Nation, USA)
- Afrika
"Auf unserem Land gibt es zwei Uranminen und 130 Schürfrechte zur Erkundung von potentiellen Abbaustätten. Was wird uns die Zukunft bringen? Wir wurden ohne jegliche Entschädigung von unserem Land vertrieben. Wir wollen nicht, dass diese Abbaufirmen hierher kommen, unser Land vergiften und unsere Lebensweise zerstören."
Azara Jalawi
(Vize-Präsidentin der Koordination für die Zivilgesellschaft in Arlit, Niger)
- Australien
"Mein Volk muss mit Uranabbau und Atomwaffentests in unserem eigenen Territorium leben. Wir spüren die zerstörerischen Folgen der Radioaktivität am eigenen Leib, und wir beobachten, wie unser Land langfristige Schäden davonträgt. Zusammen mit unseren indigenen Freunden und Unterstützern aus der ganzen Welt sagen wir Nein zu Uran und Radioaktivität. Laßt es in der Erde!"
Rebecca Bear-Wingfield
(Stellvertretende Vorsitzende der Australian Nuclear Free Alliance (ANFA), und Mitglied des Ältestenrats der Arabunna, Kokatha und Kupa Pita Kungka Tjuta, Australien)
Ich schließe mich den Forderungen dieser Menschen anDer Super-GAU, der sich 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl ereignete, wurde weltweit bekannt. Auch wenn die damals Verantwortlichen alle Mühe gaben: Diese menschengemachte Umweltkatastrophe ließ sich nicht vertuschen. Dieses "Tschernobyl" war das erste, das einer Industiegesellschaft, einer Anhängerin der Nutzung der Atomkraft, zum Verhängnis wurde. Aber von den vielen weiteren "Tschernobyls" im Zusammenhang mit dem Abbau und der Weiterverarbeitung des auch für die "Laufzeitverlängerung" notwendigen Rohstoffs für die Brennstäbe erfährt kaum jemand etwas. Und es sind oft die Ureinwohner ferner Kontinente und Länder, deren Kultur in von der
westlichen Zivilisation abgeschirmten Gebieten überlebte, die aber das Pech haben, zufällig über Uranlagerstätten zu wohnen, und die deshalb zu Opfern der Atombombe und der sogenannten "friedlichen Nutzung der Atomenergie" in den energiehungrigen Industriegesellschaften wurden.
Inzwischen weiß ich es besser. Ob die Atomkraft in der Atombombe oder im Atomkraftwerk zum Einsatz kommt:
Die Nutzung der Atomenergie ist niemals friedlich!- Sie tötet Arbeiter im Uranbergbau.
- Sie vertreibt indigene Völker aus dem Land ihrer Vorfahren und zerstört ihre Kultur.
- Sie hinterlässt auf unabsehbare Zeit verstrahlte Landschaften.
- Sie machte die Bewohner der Pazifikatolle Bikini oder Muroroa zu Opfern der Atombombe im kalten Krieg
- Sie tötet noch immer Menschen aus der Umgebung Tschernobyls
- Sie untergräbt die Demokratie in unserem Land
- Sie bedroht den sozialen Frieden in Deutschland
Jeder, der den "
Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft" fordert macht sich daran mitschuldig. An vielen der Millionen Euro, die Tag für Tag von einem deutschen Atomkraftwerk in die Kassen der Atomkonzerne gespült werden, klebt das Blut verstrahlter, an Krebs erkrankter Menschen in den Uranabbaugebieten Australiens, Afrikas oder Amerikas. Wer genauer wissen möchte, was ich damit meine, dem empfehle ich den Dokumentafilm "Uranium? - is it a country?" (Uran? - Ist das ein Land?), der auf der Internetseite der Initiative "
Nuking the Climate - Strahlendes Klima" zu sehen ist. Der Film zeigt die gravierenden Risiken für Mensch und Umwelt, die beim Uranabbau entstehen. Die Spurensuche nach der Herkunft des Rohstoffs Uran für unsere Atomkraftwerke führt nach Australien, wo weltweit die größten Uranvorkommen lagern.
Lediglich ein kleiner Vorgeschmack darauf, was uns in unserem eigenen Land noch erwarten kann, sind die Ereignisse um das marode Atommülllager im Salzstock "Asse-II". Anstatt nach alternativen Lagerstätten für den Atommüll zu suchen, wird weiterhin ausschließlich in Gorleben "erkundet" - wiederum im Salz - und die grundlegende Erkenntnis, dass es nirgendwo auf diesem Planeten eine über Millionen von Jahren sichere Lagerstätte für hochradioaktiven Atommüll gibt, ist bis zu den verantwortlichen Politikern immer noch nicht vorgedrungen. Obwohl niemand weiß, wohin mit dem ohnehin schon angehäuften riesigen Atommüllberg, will die derzeitige Bundesregierung noch Unmengen weiteren Atommülls produzieren. Das ohnehin schon unlösbare Problem wird dadurch um keinen Deut lösbarer!
Diese Bundesregierung fährt den völlig überladen Atommüllwagen sehenden Auges mit Höchstgeschwindigkeit gegen die Wand!Wenn die Bundesregierung die Atomkraftwerke weiterhin in Betrieb halten will, um mit dem Geld der Atomkonzerne den Haushalt zu finanzieren, dann macht sie das mit schmutzigem Geld! Sie finanziert unseren Wohlstand mit der Zerstörung weiter Landstriche in fernen Ländern, mit der Vertreibung ganzer Völker aus ihren angestammten Lebensräumen und nimmt die mögliche Zerstörung unser eigenen Landes, sowie unserer eigenen Lebensgrundlagen, billigend in Kauf.
Ich werde diese Welt am Ende meiner Reise durch das Leben irgendwann wieder verlassen. Das heißt, ich persönlich werde (hoffentlich) nicht mehr von den Folgen der Fehler, die derzeit in unserem Land und weltweit begangen werden, betroffen sein. Mir ist jedoch sehr daran gelegen, dass die existenziellen Grundlagen für das Leben meiner Kinder und Kindeskinder, und das aller noch nachfolgenden Generationen aller Lebewesen auf unserem gemeinsamen Planeten, noch lange nachdem ich am Ende meines Weges angekommen sein werde, Bestand haben werden.
Deshalb: Schluss jetzt! - Atomkraftwerke abschalten!
(Quellen: IPPNW, TAZ vom 05.09.2010, nuking the climate)