Dienstag, 6. April 2010

Maßlos übertrieben

FriedenstaubeAm Samstag, dem 03.04.2010, berichtete die
Nordsee-Zeitung über den Krieg in Afghanistan.
In stundenlangen Kämpfen mit den Taliban
seien acht deutsche Soldaten verwundet und
drei getötet worden.

  • Zitat aus der Nordsee-Zeitung:
    "Noch nie hat die Bundeswehr in einem Gefecht derart schwere Verluste hinnehmen müssen, wie am Karfreitag im Unruhedistrikt Char Darah."
Die USA hatten in vielen Kämpfen der Kriege an denen sie seit dem zweiten Weltkrieg beteiligt waren in der Regel ein vielfaches an toten Soldaten zu beklagen. Das macht den Tod der drei deutschen Soldaten in Afghanistan nicht weniger schlimm, aber wenn Angehörige der US-Armee von "schweren Verlusten" reden, dann wissen sie worüber sie sprechen.

Für mein Empfinden wird hierbei erstens maßlos übertrieben und zweitens mit zweierlei Maß gerechnet:
  • Wenn bei einem Kampf im Krieg 3 deutsche Soldaten ums Leben kommen, dann herrscht bei der Bundesregierung tiefe Betroffenheit und große Trauer.
  • Als aber bei einem von der Bundeswehr in Afghanistan angeordneten Luftangriff auf zwei Tanklaster mehr als 140 Menschen verstümmelt und verbrannt wurden - darunter ein großer Teil der Bevölkerung eines afghanischen Dorfes - leugnete die Bundesregierung, dass sie deutsche Soldaten in den Krieg geschickt hatte, und versuchte über einen sehr langen Zeitraum zu vertuschen, dass dabei überhaupt Zivilisten umgebracht worden waren, bezweifelte öffentlich Hinweise der NATO auf die Zahl von mehr als 140 Toten, und wenn es ein paar Todesopfer gegeben habe, so handele es sich dabei lediglich um afghanische Terroristen!
Ich habe den Eindruck, dass diejenigen Politiker in der Bundesregierung, welche die Verantwortung dafür tragen, dass die Bundesrepublik Deutschland am Krieg in Afghanisten beteiligt ist, sich gedanklich immer noch in der Welt der Sandkastenspiele aufhalten. In der Realität des Krieges in Afghanistan sind sie jedenfalls scheinbar noch nicht wirklich angekommen. Oh ja, sie beklagen die Toten. Möglicherweise meinen sie es in dem Moment, in dem sie davon sprechen, sogar ehrlich. Aber schnell werden sie vom Alltag wieder eingeholt, und ebenso schnell lassen sie die Toten ruhen. Wenn ich dafür verantwortlich wäre, dann würde mich jeder einzelne der Toten in jeder Nacht bis an mein Lebensende im Schlaf heimsuchen. Dessen bin ich mir absolut sicher!

Ein Indiz für die Weltfremdheit der verantwortlichen Politiker ist die Tatsache, dass sie zwar inzwischen widerstrebend von "kriegsähnlichen" Situationen sprechen, in die deutsche Soldaten hin und wieder verwickelt seien, gleichzeitig aber den Grund für die Anwesenheit des deutschen Militärs in Afghanistan nach wie vor als "Ausbildungseinsatz" bezeichnen. Hin und wider ist auch noch einmal von Wiederaufbau, Straßen, Kindergärten oder Schulen die Rede - und dann ist die Fortführung des (Kriegs-)einsatzes wieder berechtigt, da die Taliban sonst endgültig gewonnen hätten! - Hallo?

Herr zu Guttenberg (CSU) nennt sich Bundesverteidigungsminister. Die Bundeswehr wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter Aufsicht der Besatzungsmächte zur Verteidigung des Hoheitsgebietes der Bundesrepublik Deutschland gegen den Angriff der Armee eines feindlichen Staates geschaffen - nicht, um irgendwo in Asien im Bürgerkrieg in eines fremden Landes mitzumischen, in dem vorher schon die Armee der östlichen Weltmacht UDSSR aufgerieben wurde, und an dem sich die Armee der westlichen Weltmacht USA bereits die Zähne ausgebissen hatte.

Die Damen und Herren in Berlin betonen ständig, Deutschland müsse bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Damit, dass sie deutsche Soldaten nach Afghanistan geschickt haben und deren Aufenthalt dort immer wieder verlängert haben, sind sie verantwortlich für jeden einzelnen toten Soldaten und für den Tod jedes Menschens in Afghanistan, der durch die Schuld deutscher Soldaten ums Leben kam! Wenn sie bereit wäre, sich ihrer Verantwortung zu stellen, dann würde die Bundesregierung die Soldaten umgehend aus Afghanistan abziehen. Dass in diesem Krieg nichts zu gewinnen ist, das sollte im Laufe der vergangenen Jahrzehnte eigentlich auch dem letzten Berufs-Ignoranten klar geworden sein.


Ach ja - bevor ich es vergesse ...

Das Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung erwähnte einen Tag später noch (sozusagen nebenbei), dass die Bundeswehr während der schweren Kämpfe irrtümlich fünf afghanische Soldaten getötet hat. Die Bundeswehr bedauere den "Zwischenfall" und habe eine Untersuchung angekündigt ...

Außerdem ist der Nordsee-Zeitung vom 03.04.2010 noch zu entnehmen, dass seit 2002 inzwischen 39 Soldaten in Afghanistan ums Leben kamen. Das ist ein Bruchteil der afghanischen Todesopfer, für die die Bundesrepublik Deutschland und ihre in Afghanistan stationierten Soldaten verantwortlich sind.

Wenn also schon im Zusammenhang mit der Bundeswehr in Afghanistan von "schweren Verlusten" die Rede sein kann, dann ja wohl zu allererst bezüglich der Verluste an Menschenleben unter der afghanischen Zivilbevölkerung.

Kommentare:

Detlef Kolze hat gesagt…

Sehr erfreulich, dass sich Juwi immer wieder mit nachdenklichen und kritische Äußerungen am weltweiten Netz-Gebrabbel beteiligt. Interessant übrigens, dass der Bremerhavener Jürgen Reents (seit langer Zeit Chefredakteur der Berliner Tageszeitung "Neues Deutschland") in einem Standpunkt von heute (6. April 2010) ganz ähnlich argumentiert. Auch Reents verweist u.a. auf die sehr unterschiedliche Darstellung der Opfer deutscher und afghanischer Nationalität. Nachzulesen ist der Text unter "http://www.neues-deutschland.de/artikel/168486.standpunkt.html".
Juwi, weiter so!
Detlef Kolze

juwi hat gesagt…

@Detlef: Danke für die Lorbeeren - und danke für den Link! Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass es noch weitere Menschen gibt, die Kriegslügen und Propaganda durchschauen und das auch sagen.

Der Geestendorfer hat gesagt…

Hallo Jürgen,

ob nun drei deutsche Soldaten von Terroristen getötet werden, oder 140 afghanische Menschen bei einem Kriegseinsatz umkommen oder schwer verletzt werden; es ist sinnlos diese Menschenleben gegeneinander aufzurechnen. Da gebe ich Dir Recht. Damit unsere Soldatinnen und Soldaten nicht weiter zu Mördern werden, muss die Bundeswehr so schnell wie möglich raus aus Afghanistan. Der Schröder (Bundeskanzler a. D.) und der Fischer (Außenminister a. D.) besaßen vor acht Jahren kein Rückgrat, um einfach nein zu sagen, als der Bush (US-Präsident a. D.) Truppen für den Afghanistankrieg verlangte. Deutschland hat leider seine Unschuld verloren. Wären wir 1990, nach der Wiedervereinigung , aus der NATO ausgetreten, wär die Bundeswehr bloß eine Verteidigungsarmee geblieben. Jetzt, 20 Jahre später, ist dieses für mich immer noch aktuell. Aber da findet man bei den Schwarzen, den Sozis, den Blaugelben und den grünen Ökos keine Mehrheit. Also werden unsere Frauen und Männer in Afghanistan weiter verheizt oder zu potenziellen Mördern (siehe das Schicksal des Soldaten Klein).

Holger

juwi hat gesagt…

@Holger: den Soldaten wird während ihrer Ausbildung doch in allen Einzelheiten beigebracht, wie sie mit möglichst wenig Munition möglichst viele Menschen umbringen können. Die bekommen auch frühzeitig ihre Hundemarke ausgehändigt, und es wird ihnen auch erklärt, dass die eine Hälfte davon an der Kette um dem Hals der Leiche verbleibt, und die andere Hälfte an die Kriegsverwaltung geschickt wird, damit diese die Angehörigen des toten Soldaten über dessen Ableben informiert. Da sollte also eigentlich allen Beteiligten klar sein, dass Morden ind Sterben im Krieg nicht einseitig verteilt sind. Aber die Politiker sind ja nicht beteiligt. Die sorgen ja nur dafür, dass Deutschland "Verantwortung übernimmt". Früher wurde den Deutschen wenigstens noch die ehrliche Frage gestellt: Wollt ihr den totalen Krieg? Dazu sind die Damen und Herren in Berlin heutzutage zu feige! Außerdem könnten sie ja die falsche Antwort auf ihre Frage erhalten.

Dr. No hat gesagt…

Da lässt sich doch bestimmt ein Algorithmus zur Gegenrechnung des Werts von Menschenleben erstellen. Etwa 1 Bundeswehrsoldat = 10 afghanische Soldaten = 80 normalsterbliche Afghanen oder so... einfach widerwärtig.

Und dann freuen sich alle, dass Guttenberg endlich mal das Wort "Krieg" in den Mund genommen hat. "Umgangssprachlich" - lachhaft! Eine weitere sinnfreie Worthülse. Und während in den PR-Büros der Ministerien eifrig an Pressemeldungen in Kolonialkrieg-Neusprech gefeilt wird, sterben jeden Tag weitere Leute - in unserem Namen.

Marco hat gesagt…

Vielen Dank für dein Statement. Inzwischen kommt mir der Art und Weise der Politik mit Afghanistan umzugehen so richtig das Grausen. Der neue (ab 1. Mai) Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus findet z.B. man müsse unseren Soldaten Kampfpanzer geben weil:

"Wer in das Kanonenrohr eines 'Leopard 2' schaut, überlegt es sich zweimal, ob er eine deutsche Patrouille angreift""

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687487,00.html

Das ist so agressiv, chauvinistisch und dumm, dass ich gar nicht weiss wie ich das einordnen soll. Es ist die puire Arrogranz die da rausspricht: Die ungebildeten Afghanen, die können ja mal schauen wie sie mit einem Deutschen Panzer fertig werden.

Komm schon buddy, heb die Waffe auf...

P.S. Die Afghanen sind mit russichen Panzern und Hubschraubern fertig geworden.

Frank Frenzel hat gesagt…

Unsere Volksvertreter (woher nehmen die sich eigentlich das Recht, sich so zu nennen???) haben acht Jahre gebraucht, um das Afghanistan-Desaster vom "Stabilisierungseinsatz" über "kriegsähnliche Zustände" zum "Krieg umgangssprachlich" zu machen ... ja, wo leben wir denn? Werden wir von Narren und Kaspern regiert ... oder gar von Psychopaten? Dieser unsägliche Krieg wurde von Rot-Grün beschlossen und wird von Schwarz-Gelb fortgesetzt ... und alle zusammen wollen uns noch immer weismachen, dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt wird. Für wie blöd halten die uns eigentlich? Aber ... so war es ja schon immer: Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Wirklich schade, dass ich nich so viel essen kann, wie ich kotzen möchte. Und die Militärs fordern jetzt Kampfhubschrauber und panzerbrechende Munition ... irgendwie muss man ja den Afghanen Frieden und Demokratie beibringen können ... wenn da nur nicht Präsident Karsai überlegen würde, sich mit den Taliban zu verbünden... In diesem Sinne: Gute Nacht, Deutschland!

Helmut hat gesagt…

Hallo Jürgen,
aus dem sicheren Berlin kann man problemlos platte Sprüche machen. Dahin verirrt sich KEINE Kugel.
Die Rechtslage ist nicht so eindeutig, wie es "unsere" Volksvertreter gerne hätten.
Kennst du den Unterschied zwischen einem Schnürsenkelverteter nd einem Volksvertreter? Na, ganz einfach der Schnürsenkelvertreter vertritt KEINE Schnürsenkl. Er verkauft sie.

juwi hat gesagt…

@Dr. No: Wenn irgend jemand von den Politikern in Berlin mir gegenüber einmal behaupten sollte, dass die Menschen in Afghanistan in MEINEM NAMEN umgebracht werden, dann bringe ich den dafür vor Gericht!

@Marco: Das willst du von Millitärs anderes erwarten? Die haben nur gelernt, wie man wildfremde Menschen umbringt, und Werte zerstört, die andere Menschen, zum Teil über viele Generationen, aufgebaut haben. Diesbezüglich ist der Unterschied zwischen Terroristen und Militärs auch eigentlich nicht so besonders groß. Und damit die Soldaten das, was sie gelernt haben, auch umsetzen können, brauchen die jede Menge Panzer und Hubschrauber. - Und was die Taliban angeht: Die werden auch mit deutschen Panzern und Hubschraubern fertig.

@Frank: Wenn die Wespen in deiner Nachbarschaft auf "das Volk", welches sie vorgeben zu vertreten, hören würden, dann wären keine deutschen Soldaten mehr in Afghanistan. Wir, das Volk, sagen, was wir denken. Nachlesen kann man das in Blogs, Foren, Leserbriefen oder in Meinungsumfragen. Demnach fordern mehr als zwei Drittel von uns den sofortigen Abzug aus Afghanistan. Wir, das Volk, sind in der Lage, uns anhand der genannten und weiterer Quellen zu informieren. So blöd, wie "die" denken, sind wir nämlich nicht - die Wespen selbst sind dazu offensichtlich nicht in der Lage. Wenn die also nicht einmal lesen oder zuhören können: Wie wollen die denn dann ernsthafte Probleme lösen? Sie sollten deshalb, geschlossen zurücktreten und den Weg für Neuwahlen frei machen.

@Helmut: Die Antwort auf deine Quizfrage hat mich jetzt aber nicht wirklich beruhigt. Ich kann nämlich den von dir genannten Unterschied zwischen unseren Volksvertretern und einem Schnürsenkelvertreter nicht erkennen.

Helmut hat gesagt…

http://www.nachdenkseiten.de/?p=5109#more-5109
Hallo Jürgen, ich hab noch einen spannenden Artikel gefunden bei Nachdenkseiten.

juwi hat gesagt…

@Helmut: Danke für den Hinweis. Aber eigentlich geht es mir, nachdem ich die "Anlage 2" gelesen habe, noch schlechter, als nach der Antwort auf deine Quizfrage. So langsam wird mir übel. Ich glaub' ich schließe mich bald Frank an - auch wenn nur noch Galle kommt ...

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