Montag, 7. Dezember 2009

Eisbär in Not


© Jens Koßmagk: Eisbär Knut (Zoologischer Garten Berlin, März 2007)

Ein armer, völlig entkräfteter Eisbär, der einsam und von aller Welt verlassen im weiten, eisfreien arktischen Ozean von der letzten, inzwischen schon lange geschmolzenen Eisscholle über hunderte von Seemeilen dem rettenden Ufer des Festlands, das er irgendwo hinter dem Horizont vermutet, entgegenschwimmt ...

  • Wer würde diesem armen, niedlichen Tier nicht helfen wollen?


Liebe Kinder,

Es war einmal ein Strom-Produzent. Der war in Wirklichkeit ein Zauberer - einer von der guten Sorte, wie er stets selbstbewusst von sich behauptete. Er baute in vielen deutschen Städten seine Infotische auf, und sammelte Unterschriften von den Menschen, die beim Wochenend-Einkauf gerade zufällig an einem seiner Infotische vorbei kamen. Jede Unterschrift ließ einen Quadratkilometer des Wassers im arktischen Ozean zu Eis gefrieren. Bald konnte der arme, völlig entkräftete Eisbär auf das neue Eis des jetzt wieder zugefrorenen arktischen Ozeans klettern. Fröhlich und leichten Fußes lief er weiter in Richtung Festland. Bald kam er auch schon am ersten Eisloch vorbei, in dem sich dutzende fetter Fische versammelt hatten, um seinen Hunger zu stillen, denn zum Essen hatte der Eisbär seit dem letzten Sommer schon nichts mehr finden können. Und alle Menschen, die dem jetzt wieder glücklichen, satt gefressenen Eisbären geholfen hatten, erhielten von dem zauberhaften Strom-Produzenten zum Dank einen kleinen niedlichen Plüsch Eisbären geschenkt ...
  • Wie: Das wäre zu schön um wahr zu sein?

Ich merke schon: Ihr seid inzwischen wohl doch schon zu groß geworden, und glaubt nicht mehr so recht an das, was in Märchenbüchern geschrieben steht. Ihr habt natürlich recht. Der Zauberer mit seinen Infotischen war selbstverständlich kein guter Zauberer, sondern ein böser. Wahr ist aber, das ein großer, international organisierter Energiekonzern in vielen deutschen Städten eine Werbekampagne durchgeführt hatte, bei der er die Passanten mit dem Märchen von der Rettung des Eisbären zum Unterzeichnen seiner Unterschriftenlisten verführte. Wahr ist auch, dass die Leute als Dank für ihre Unterschrift einen kleinen, niedlichen Plüsch Eisbären erhielten. Und es stimmt natürlich auch, dass der arktische Ozean nicht aufgrund der vielen Unterschriften wieder zugefroren ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die zugefrorene Wasserfläche rund um den Nordpol nimmt von Jahr zu Jahr weiter ab. Der böse Zauberer hatte nämlich gelogen, und die Leute haben gar nicht gewusst, wofür sie eigentlich unterschrieben hatten:
  • des bösen Zauberers Forderung Nr. 1:
    Treibhausgase lassen die Pole schmelzen. Retten sie den Eisbären in Not.

    Der böse Zauberer sagt: "Entecken Sie, was Ihre Unterschrift für das Klima tun kann. Auf (pieeep).de/Klimaunterschrift.", und fordert weltweit einheitliche Preise für den CO2-Ausstoß. Das hört sich zwar nicht schlecht an, ist aber weniger als die halbe Wahrheit. Der böse Zauberer verschweigt den Leuten nämlich, dass bereits die - eigentlich noch viel zu tief angesetzten - Forderungen der europäischen Umweltpolitik verlangen, dass auch die Energiekonzerne künftig sämtliche Verschmutzungsrechte auf dem europäischen Markt ersteigern sollen. Bisher zahlen sie nur ein Fünftel der tatsächlichen Kosten. Die restlichen 80 Prozent bekommen sie kostenlos.

    Der böse Zauberer wird natürlich richtig ärgerlich, wenn er die Verschmutzungsrechte zu 100 Prozent aus eigener Tasche ersteigern soll. Das würde seinen Gewinn ja um 80 Prozent schmälern. Um das zu verhindern fordert er weltweit einheitliche Preise (die natürlich -bitteschön- nicht zu hoch angesetzt sein sollten). Für den Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe wäre das aber ein herber Rückschritt.

    Herr Töpfer (CDU, ehemaliger Bundesumweltminister) sagte dazu: "Unterschiedliches muss unterschiedlich behandelt werden. Wenn ein Afrikaner pro Kopf und Jahr 0,3 Tonnen CO2 emittiert, wir aber über zehn, dann kann man das nicht gleich behandeln. Wenn man das tut, ist man ungerecht."

    Der böse Zauberer sagt: "Entecken Sie, was Ihre Unterschrift für das Klima tun kann. Auf (pieeep).de/Klimaunterschrift.", und fordert weltweit einheitliche Preise für die CO2-Emissionen. Das hört sich zwar nicht schlecht an, ist aber weniger als die halbe Wahrheit. Der böse Zauberer verschweigt den Leuten nämlich, dass bereits die (eigentlich noch viel zu tief angesetzten) Forderungen der europäischen Umweltpolitik verlangen, dass auch die Energiekonzerne künftig sämtliche Verschmutzungsrechte auf dem europäischen Markt ersteigern sollen. Bisher zahlen sie nur ein Fünftel der tatsächlichen Kosten. Die restlichen 80 Prozent bekommen sie kostenlos.

    Der böse Zauberer wird natürlich richtig ärgerlich, wenn er die Verschmutzungsrechte zu 100 Prozent aus eigener Tasche ersteigern soll. Das würde seinen Gewinn ja um 80 Prozent schmälern. Um das zu verhindern fordert er weltweit einheitliche Preise (die natürlich -bitteschön- nicht zu hoch angesetzt sein sollten). Klimapolitisch wäre das ein herber Rückschritt.

    Herr Töpfer (CDU, ehemaliger Bundesumweltminister) sagte dazu: "Unterschiedliches muss unterschiedlich behandelt werden. Wenn ein Afrikaner pro Kopf und Jahr 0,3 Tonnen CO2 emittiert, wir aber über zehn, dann kann man das nicht gleich behandeln. Wenn man das tut, ist man ungerecht."
Der böse Zauberer betreibt vier Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland. Braunkohle ist der klimaschädlichste fossile Energieträger. Greenpeace hat die Unternehmensangaben zu den Kraftwerksemissionen der vier großen Stromanbieter in Deutschland miteinander verglichen. Das Ergebnis: Der böse Zauberer wird den Ausstoß von Klimagasen in den nächsten Jahren nicht senken, sondern statt dessen um insgesamt 18 Millionen Tonnen jährlich steigern. Laut Greenpeace emittiert er bei der Erzeugung seiner Energie 890 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde Strom: "Kein Energieanbieter bietet so klimaschädlichen Strom an wie ..." der böse Zauberer. Laut Umweltbundesamt sind das 300 Gramm Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde Strom mehr als der Durchschnitt in Deutschland. Und das, obwohl er zur Erzeugung seines Stroms in Deutschland auch noch Atomkraftwerke bereibt, mit denen er wegen Pannen und Sicherheitsmängeln schon äußerst dumm aufgefallen war. Dabei soll gerade der Atomstrom doch die CO2-Emissionen senken - das behauptet jedenfalls der böse Zauberer.


  • des bösen Zauberers Forderung Nr. 2:
    Mehr Förderung aus Steuergeldern für neue Klimaschutztechnologien

    Nach Auskunft von Greenpeace will der böse Zauberer zehn Milliarden Euro für die CO2-Abscheidetechnik haben. Das wäre dann Geld von dir und mir und dem gesamten Rest der Bundesbürger. Dann müsste er nämlich die Beseitigung seines klimaschädigenden Drecks in seinen Kraftwerken und die Entwicklung der dafür notwendigen Abscheidetechnik nicht aus seiner eigenen Tasche bezahlen. Dass die Leute sich mit ihrer Unterschrift damit einverstanden erklären, die Müllgebühren für den bösen Zauberer zu übernehmen, und anschließend auch noch teuer für seinen Strom zu bezahlen, dass verschweigt der böse Zauberer ihnen aber lieber. Ist ja klar: Die hätten das ja sonst nie unterschrieben!

  • des bösen Zauberers Forderung Nr. 3:
    Klimaschutz auf der Verbraucherseite.

    So so:
    Da fordert also gerade dieser böse Zauberer, der sich selbst einen Dreck um seinen eigenen Dreck kümmert, von uns Verbrauchern umweltbewussteres Verhalten.

    Ob der Herr Steiner (Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP, Direktor) das wohl unterschreiben würde?: "Im Augenblick würde ich es als Privatmann nicht unterschreiben, weil ich glaube, dass die Forderungen, die ja mit der Klimapolitik insgesamt verbunden sind, weitergehen müssen. Das wäre in der Tat ein Schritt weg von einem Klimaabkommen in Kopenhagen 2009."

Na ja:
Das Klimaabkommen in Kopenhagen 2009 ist ja schließlich auch genau das, was der böse Zauberer und seine Kollegen mit der Unterschriftenkampagne und anderen fiesen Tricks verhindern wollen. Leider sieht es zur Zeit danach aus, als könnte dem weltweiten Zirkel der bösen Zauberer das auch gelingen. Anfang Dezember 2008 hatten bereits 170000 Menschen dafür unterschrieben, dass der böse Zauberer für die Klimaschäden, die er anrichtet, weniger zahlen muss, dass er mehr Subventionen bekommt und dass sie das Klima gefälligst selbst schützen sollen.


So, liebe Kinder, jetzt wollen wir das Märchenbuch aber lieber erst einmal wieder in das Bücherregal zurückstellen.

Wenn ihr mehr über die Hintergründe zu dieser Geschichte wissen wollt: Die Leute vom SWR haben darüber einen Film gedreht, der am 1. Dezember 2008, also ziemlich genau vor einem Jahr, von der ARD in ihrer Sendung "Report Mainz" gezeigt wurde.

Wer möchte kann sich den Film im Internet ansehen:
Ein weiteres Märchen über den bösen Zauberer findet ihr hier in "juwi's welt":


"Oh, der ist aber süss. Guck mal Winny."
(Eine Frau zu einem kleinen Jungen, der einen der
Plüsch Eisbären vom bösen Zauberer im Arm hält)





- Noch 5 Tage bis Kopenhagen -
tcktcktck - The World Wants a Real Deal


Count-Down für das Leben auf dem Planeten Erde:
  • 5 Eisbär in Not


(Quelle: SWR, Report Mainz vom 01.12.2008)

Kommentare:

Helmut hat gesagt…

Tja und eben lese ich auf Nachdenkseiten, daß "Arbeiterführer" Jürgen Rüttgers per Gesetztesänderung den Abriss des Eon-Kohlekarftwerkes verhindern will.
Das ist doch wirklich der Hammer..

juwi hat gesagt…

@Helmut: Danke für den Hinweis. Ich habe heute nicht sehr viel Zeit übrig und hätte das sonst glatt übersehen. Ich bin fassungslos: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wenn ein Gesetz - letztlich ist es eines zum Schutz der Welt vor der drohenden Klimakatastrophe - die CO2-Emissionen eines Energiekonzerns verhindern würde, dann wird mal eben genau dieses Gesetz geändert oder ersatzlos gestrichen, damit der Konzern seine Dreckschleuder zu Ende bauen kann? Die Wespen wollen wohl bei uns italienische Verhältnisse à la Berlusconi einführen. Die denken wohl mal wieder nach dem Motto "Nach uns die Sintflut" - und wir Bewohner der Nordseeküste können die dann irgendwann ausbaden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn das Klima noch weiter aus dem Gleichgewicht gerät, dann steigt der Meeresspiegel so weit, dass kein Deich die Fluten mehr halten kann. Aber vielleicht ist ja genau das der Plan: Ein Seehafen in Gelsenkirchen. Das schafft Arbeitsplätze. Vorsichtig ausgedrückt: Das, was bei den Wespen umweltpolitisch abläuft, macht mich alles sehr wütend!

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Lieber Jürgen!
Ich mag das Elend gar nicht sehen, weißt Du?!
Ich habe so oft von wütenden Eisbären geträumt, die mich verfolgen. Sie haben wohl auch allen Grund dazu wütend zu sein!!!

...und solche Leute wissen, wie man "zaubert", ohne Frage. Nur wir haben es vergessen. Wir sollten uns mal dran erinnern. Dann sähe die Welt sicher viel besser aus.
Sei lieb gegrüßt
Rosi

juwi hat gesagt…

@Rosi: Das Zaubermittel der "Bösen Zauberer" ist das Geld. Davon benötigt man allerdings eine ganze Menge, bevor man damit zaubern kann. Das Zaubermittel der "Guten Zauberer" ist die Einigkeit. Dass dieses Zaubermittel Mauern einreißen kann, haben Menschen aus der ehemaligen DDR damals eindrucksvoll gezeigt. Leider ist dieses Zaubermittel nicht so leicht zu aktivieren, wie das der "Bösen Zauberer", die genug davon in ihren Schubladen haben. Aber es ist unsere einzige Chance, wenn das Leben auf der Erde noch eine Zukunft haben soll. Eines steht fest: Wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Dieser Kampf ist ein Kampf, der nur mit friedlichen Mitteln gewonnen werden kann. Und es ist ein Kampf an zwei Fronten: Auf der einen Seite stehen die "Bösen Zauberer" und auf der anderen Seite stehen unser Frust über die eigene Ohnmacht, unsere inneren Schweinehunde und die Trägheit der Masse.

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