Montag, 5. September 2011

Hat die Linke nicht am Ende recht?

Diese Frage stellte Herr Charles Moore - konservativer Publizist und offizieller Biograph Frau Thatchers (Großbritanien, ehemalige Premierministerin) - in einem Artikel im "Daily Telegraph".

Mit Bezug auf die Unruhen in England war am 21.06.2011 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) zu lesen, Herr Moore habe in einem der meistdiskutierten Kommentare der vorangegengenen Wochen in England geschrieben, dass es mehr als dreißig Jahre gedauert habe, bis er sich als Journalist die Frage stellte, ob die Linke nicht am Ende recht habe, bevor er jetzt gespürt habe, dass er sie stellen müsse.

Herr Moore habe diesen Kommentar vor den Unruhen geschrieben - ohne zu ahnen, wie bald darauf die aufgebrachten Massen in England ganze Straßenzuge in Schutt und Asche legen würden. Die FAZ zitiert ihn mit den Worten:
"Die Stärke der Analyse der Linken .. liegt darin, dass sie verstanden haben, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnumhang bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern. 'Globalisierung' zum Beispiel sollte ursprünglich nichts anderes bedeuten als weltweiter freier Handel. Jetzt heißt es, dass Banken die Gewinne internationalen Erfolgs an sich reißen und die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder Nation verteilen. Die Banken kommen nur noch 'nach Hause', wenn sie kein Geld mehr haben. Dann geben unsere Regierungen ihnen neues."

Den Artikel auf der Internetseite der FAZ lesen ...

Die Linken Großbritaniens haben eine andere Vergangenheit hinter sich als die Linke bei uns in Deutschland und sicher ist die Situation hierzulande eine andere als in England. Ich habe aber den Eindruck, dass auch bei uns immer mehr Menschen bewusst wird, dass ein "weiter wie bisher" eher früher als später in eine Sackgasse führen muss. Die Geschichte des ebenfalls gescheiterten "Kommunismus" à la Sowjetunion, dem immer noch viel zu viele der ehemaligen Profiteure des SED-Regimes der DDR in den Reihen der Linken Deutschlands hinterhertrauern, macht es für viele unserer Mitbürger unmöglich dieser Partei ihre Stimmen zu geben. Und trotzdem wird die Linke auch im Westen der Bundesrepublik Deutschland von Menschen gewählt, die den Glauben an die Versprechen der "bürgerlichen Parteien" und die Zukunft der ehemals "sozialen Marktwirtschaft", die immer deutlicher zu einer Neuauflage des "Raubtierkapitalismus" aus der Zeit der Industrialisierung mutiert, verloren haben.


Wertlose Werte

Ähnlich sah das auch Herr Teufel (CDU, Baden-Würtemberg, ehemaliger Ministerpräsident) in einer Rede vor der Seniorenunion. Er glaube, die Menschen müssten spüren, dass Wirtschaft kein Selbstzweck ist, sondern von Menschen für Menschen gemacht werde. Die FAZ zitiert ihn in einem Artikel vom 02.08.2011 mit den Worten:
"Wir bejahen einen Weltauftrag der Christen, Nächstenliebe und Solidarität für Arme und Randgruppen im eigenen Land und weltweit. Wir orientieren uns an der Wirklichkeit, am Gemeinwohl, an den Grundrechten des Menschen und den Grundwerten des Christentums. Die CDU hat nur zwei Möglichkeiten, aber nicht drei. Die CDU kann sich in Zukunft am 'C' orientieren, oder sie kann das 'C' aufgeben, aber es gibt keinen dritten Weg. Sie darf nicht das 'C' im Schilde führen, wenn sie sich nicht an ihm orientiert."

Die gesamte Rede auf der Internetseite der FAZ lesen ...

Ich habe keine schnell wirkende Universallösung gegen die seit dem Beginn des vorhergeneden Jahrhunderts in immer kürzeren Abständen auftretenden Wirtschaftskrisen, von deren Strudeln immer mehr Staaten ergriffen werden. Aber ich bin schon vor vielen Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass immer mehr (wirtschaftliches) Wachstum nur solange funktionieren kann, wie eine reale Substanz vorhanden ist, von der die wachsenden Wirtschaften zehren können.

Diese "Substanz" war bereits vor langer Zeit aufgebraucht. Den imaginären Zahlen der internationalen Finanzwelt liegen schon lange keine realen Werte mehr zugrunde. Ein Unternehmen, dass heute an der Börse noch "hoch im Kurs" steht, kann schon morgen "nichts mehr Wert" sein. Die realen Werte seiner Immobilien, seiner Produktionsanlagen, seiner Produkte und die Leistung der in dem Unternehmen arbeitenden Menschen spielen heute keine Rolle mehr. Es sind die Zocker und die Spekulanten, die im Hintergrund die Fäden ziehen, und der "Wert" der Unternehmen bemisst sich nach dem Geschick der "Spieler" - und dem Glück der Zocker, sowie deren jeweiliger Abgebrühtheit und psychologischer Konstitution.


Die Welt ist aus dem Gleichgewicht

Die Welt "funktioniert" jedoch nicht auf der Grundlage von immer mehr Wachstum, sondern nach dem Prinzip des Gleichgewichts. Wer etwas nimmt, der muss dafür immer etwas zurückgeben. Wer erntet, der muss auch säen. Wer die Resourcen der Erde hemmungslos ausbeutet und verschwendet, der wird irgendwann nichts mehr vorfinden, was er noch an sich reißen könnte. Wenn einer auf immer mehr Wachstum basierenden Wirtschaft keine realen Werte mehr zugrunde liegen, dann beruht ihr Wachstum auf der Ausbeutung der Wirtschaften und gesellschaftlichen Strukturen anderer Staaten.

In der Folge werden immer weniger Menschen immer reicher, während immer mehr Menschen verarmen und an die Grenzen ihrer wirtschaftlichen Existenz gedrängt werden. Das bekommen auch bei uns immer mehr Menschen am eigenen Leibe zu spüren, die sich nur noch mit mehreren Jobs und/oder Hartz-IV Mitteln gerade mal so auf den Beinen halten können.

Wenn neuerdings auch noch Nahrungsmittel in den Tanks der Fahrzeugen der reichen Industrienationen verheizt werden oder zu Spekulationsobjekten an den internationalen Börsen verkommen, dann bedeutet das heute schon für viele Menschen, dass sie darüber hinaus an die Grenzen ihrer physischen Existenz gedrängt werden. In einigen Regionen der Welt haben die Menschen nicht mehr genug zu essen und müssen verhungern. Gleichzeitig landen in den Ländern der sogenannten "Ersten Welt" täglich tonnenweise Nahrungsmittel auf dem Müll. Sonntags gehen die Bürger dieser Länder in die Kirche und beten aus lauter Gewohnheit: "... und unser täglich Brot gib uns heute." und ihre Politiker verkünden großzügige Hilfszusagen für die Menschen in den Hungerregionen der Welt, an die sie sich später oft nicht mehr erinnern wollen. Die existenzielle Grundlage menschlichen Lebens gerät immer mehr aus dem Gleichgewicht.

  • Ich denke, ein Ausweg aus dem Weg in die Sackgasse kann letztlich nur weltweit mit einer völlig anderen - wie auch immer konzipierten - Wirtschaftsform und einer Gesellschaftsordnung gelingen, die nicht mehr auf imaginären Zahlen irgendwelcher substanzlosen Währungen beruht, sondern auf dem natürlichen Gleichgewicht der materiellen Resourcen unseres Planeten Erde. - Und: Die "Globalisierung" unseres Planeten hat nur dann eine Zukunft, wenn sie auf einem fairen Handel und einem konsequenten "Miteinander" der Nationen und ihrer Menschen basiert.


(Quelle: FAZ vom 21.08.2011, FAZ vom 02.08.2011)

Kommentare:

Elfe hat gesagt…

Hallo Juwi

Zum Thema "immer mehr Wachstum" gibt es ein interessantes Video, jetzt auch auf Deutsch übersetzt, es spricht zwar die amerikanischen Verhältnisse an, doch bei uns ist es wohl beinahe genauso.
http://vimeo.com/2416832

Über Mrs. Thatchers Politik war ich damals entsetzt, und das von einer Frau, wo frau irgendwie anderes erwartet hätte. Tony Blair als Sozialdemokrat hat leider auch eine ähnliche Schiene gefahren.

Im Oktober sind bei uns auch Wahlen, mal sehen wie das kommt.
Liebe Grüsse
Elfe

Helmut hat gesagt…

Lieber Jürgen,
das ist schon längerer Zeit bekannt, daß die Linke recht hat. Deshalb wähle ich sie ja auch. Die uns regierende FDJ Tussi hat nach der Lehman Pleite gerufen: Wir werden ALLES tun, daß sich so etwas NICHT wiederholen kann. Auf diese Umsetzung warte ich heute NOCH. Am 11.09.2001 starben fast 3000 Menschen im World Trade Center. Am 11. September 1973 starben fast 5000 Menschen in Chile im Bombenhagel der US Armee. Wurde da so viel "Theater gemacht? Übrigens der damalige Befehlshaber wurde NIEMALS angeklagt. Seltsam NICHT wahr !!!
Er war ein geschätzter Politiker mit deutschen Wurzeln.
Die Gutmenschen denken kollektiv am Sonntag an diesen Tag. Ich enthalte mich.
Salut
Helmut

juwi hat gesagt…

@Elfe: Vielen Dank für den Link zu dem Video. Auch wenn es, wie du sagst, amerikanische Verhältnisse anspricht, so lässt es sich doch auch auf unseren gesamten Planeten übertragen. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch, dass die von den europäischen Einwanderern als "Wilde" diskreminierten indigenen Ureinwohner Nordamerikas schon damals ganz genau wussten, dass ihr Leben und die Zukunft ihrer Nachkommen nur im Einklang mit den vielfältig vernetzten Vorgängen in ihrer Umwelt möglich ist. Hätten unsere ausgewanderten Vorfahren damals auf die "Wilden" gehört und von ihnen gelernt, dann sähe die Welt heute mit Sicherheit anders aus.

@Helmut: Nicht nur Chile; wenn man die unschuldigen Opfer US-amerikanischer Interventionen, angefangen mit der indigenen Urbevölkerung Nordamerikas, über Hiroshima und Nagasaki, Korea, Vietnam, ... bis hin zum Irak und Afghanistan zusammenzählt, dann wird man wohl feststellen, dass die USA keinen Grund hat, mit dem nackten Finger auf die Greueltaten anderer Staaten zu zeigen. Auch wenn es die Flugzeuge der Luftwaffe Chiles waren, die den Präsidentenpalast Salvador Allendes am 11. September 1973 bombardierten, sehe ich die Rolle der USA und ihre Einmischung in Chile in einem ähnlichen Licht, wie die Niederschlagung der Freiheitsbewegungen in Ungarn, in der DDR oder in Tschechien durch die damalige Sowjetunion. Trotzdem halte ich es nicht für richtig, die Opfer der einen gegen diejenigen der anderen aufzuzählen. Jedes einzelne Opfer willkürlicher staatlicher Gewalt ist ein Opfer zu viel. | Was die Umsetzungen früherer Versprechen der guten Frau Merkel und ihrer Kollegen angeht, werden wir darauf wohl noch lange warten können. Schade eigentlich, dass es für uns Bürger keine Möglichkeit gibt, mehrfach wortbrüchig gewordenen Regierungen, oder solchen, deren Politik sich gegen die mehrheitliche Fordeungen der Bürger richtet, offiziell das Misstrauen auszusprechen.

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