Donnerstag, 7. Juni 2012

Big Brother's SCHUFALab@HPI

Twitter-Splitter vom 07.06.2012

Am 1. April 2012 starteten das "Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam" (HPI) und die "SCHUFA Holding AG" (SCHUFA) ihr gemeinsames Projekt "Projektideen - SchufaLab@HPI".

Was der NDR darüber am 07.06.2012 auf seiner Internetseite berichtet ist leider alles andere als ein Aprilscherz.

Anfang dieser Woche hatten die SCHUFA und das HPI Recherchen von "NDR Info" bestätigt, denen zufolge sie ein "gemeinsames Web-Forschungsprojekt" gestartet hätten, bei dem es um die "Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web" gehe. In einer Pressemitteilung des HPI vom 04.06.2012 wird der interessierten Öffentlichkeit etwas mehr über "SCHUFALab@HPI" verraten (Zitat):
"Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) und die SCHUFA Holding AG haben ihre Zusammenarbeit im Bereich der technischen Datenverarbeitung mit dem Forschungsprojekt 'SCHUFALab@HPI' gestartet. Ziel des Projektes ist die Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web. Forschungsschwerpunkte sind einerseits die Validierung von Daten und anderseits Technologien zur Gewinnung von Daten. Bereits heute werden über das Web erfolgreich Daten gewonnen, beispielsweise bei Insolvenzverfahren oder Informationen aus dem Handelsregister.

Das Forschungsprojekt ist am HPI-Fachgebiet Informationssysteme von Prof. Dr. Felix Naumann angesiedelt. Die Wissenschaftler forschen in diesem Bereich über den effizienten, effektiven und sicheren Umgang mit großen Mengen heterogener Daten.

Der Leiter des Hasso-Plattner-Institutes, Prof. Dr. Christoph Meinel, hierzu: 'Mit der SCHUFA konnten wir ein renommiertes Unternehmen für ein gemeinsames Forschungsprojekt gewinnen, um gesellschaftlich und wirtschaftlich spannende Entwicklungen im Internet zu untersuchen.'

'In der Zusammenarbeit mit dem HPI wollen wir durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern' erklärte Peter Villa, Vorstand der SCHUFA Holding AG. 'Mit dem Forschungsprojekt wollen wir aber auch die unzähligen Mythen und Vermutungen rund um die Informationsquelle Web auf den wissenschaftlichen Prüfstand stellen', so Villa abschließend."


Worum es sich jedoch wirklich bei "SCHUFALab@HPI" geht, wird der interessierten Öffentlichkeit nicht verraten. Allerdings liegen dem NDR eigenen Angaben zufolge vertrauliche Dokumente vor. Darin sei von "Projektmöglichkeiten und Denkrichtungen" die Rede, bei denen es darum gehe, mit Crawling-Technologien - wie sie beispielsweise in Suchmaschinen wie "Google" zum Einsatz kommen - aus unzähligen Quellen im Internet gezielt Daten über Verbraucher zu sammeln. Durch den Abgleich von Daten, aus Netzwerken wie "Facebook", "Xing" oder "LinkedIn", aus dem Kurznachrichtendienst Twitter, aus Personensuchmaschinen wie "Yasni", aus Geodatendiensten wie "Google Street View", aus Mitarbeiterverzeichnissen von Unternehmen oder aus dem Autorenkatalog der "Deutschen Nationalbibliothek" könne man zum Beispiel die Kontakte der Mitglieder betrachten, um Beziehungen zwischen Personen zu untersuchen und hierbei Zusammenhänge mit der Kreditwürdigkeit der Verbraucher zu finden.


Grundlagenforschung
im rein wissenschaftlichen Ideenraum?


Aus Sicht des HPI handelt es sich dem Bericht des NDR zufolge bei "SCHUFALab@HPI" um Grundlagenforschung. Sämtliche im Rahmen des Projekts entwickelten Methoden und daraus resultierende Erkenntnisse würden als wissenschaftliche Beiträge öffentlich publiziert werden.

Vom Standpunkt der SCHUFA aus betrachtet, geht es lediglich um "erste technologische 'Denkrichtungen' in einem rein wissenschaftlichen 'Ideenraum'". das Unternehmen wolle mit dem Forschungsprojekt "einen aktiven Beitrag zur Meinungsbildung und Sensibilisierung leisten". Alle Projektideen entsprächen selbstverständlich dem juristischen und legalen Rahmen in Deutschland.


Knallharte wirtschaftliche Interessen

Die "SCHUFA Holding AG" wäre allerdings eine schlechte Aktiengesellschaft, wenn sie ihren Aktionären nicht erklären könnte, warum sie jährlich 200000 Euro in das Gemeinschaftsprojekt mit dem HPI investiert. Diesbezüglich zitiert der NDR Herrn Villa (SCHUFA, Vorstand) mit den Worten: "In der Zusammenarbeit mit dem HPI wollen wir durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern."

Dem Bericht des NDR ist zu entnehmen, dass dazu die Daten aus den Internet-Quellen mit den eigenen Verbraucherdaten der SCHUFA verknüpft und aus Business-Sicht bewertet werden sollen. Auf diese Weise solle ein Pool entstehen, der von der SCHUFA für existierende und künftige Produkte und Services eingesetzt werden kann.

In dem vertraulichen Papier heiße es allgemein, man wolle mit "SCHUFALab@HPI" die "Chancen und Bedrohungen für das Unternehmen identifizieren und bewerten". Demnach geht es der SCHUFA bei dem Gemeinschaftsprojekt mit dem HPI also nicht lediglich um "erste technologische Denkrichtungen" in einem "rein wissenschaftlichen Ideenraum", sondern um knallharte wirtschaftliche Interessen.

Zur Umsetzung dieser Interessen will sie Daten aus sozialen und beruflichen Netzwerken, Kurznachrichtendiensten, Personensuchmaschinen, etc. mit ihren bisher gespeicherten Daten von 66 Millionen Verbrauchern verknüpfen. Diese Daten stammen von Banken, Sparkassen, Händlern, Telekomfirmen und Versicherungen, die diese über ihre Kunden und deren Zahlungsverpflichtungen im Austausch gegen Bonitätsauskünfte an die SCHUFA weitergegeben haben.

Erkenntnisse aus Datensammlungen in sozialen Netzwerken mittels Bildung von "Facebook/Xing/Twitter-Profilen" könnten durch Aufforderung zum "joinen" mit danach impliziter Auslesung von Adressen - insbesondere Adressänderungen - und der Suche und Bewertung von Personen- bzw. Kontaktverknüpfungen gewonnen werden.

Einem auf der Internetseite des NDR wiedergegebenen Auszug aus dem vertraulichen Papier ist zu entnehmen, dass diesbezügliche Experimente am HPI aber nur beschränkt möglich wären. Und weiter:
  • Eventuell ließen sich diese aber unter einem anderem account-Namen durchführen.
Bei der Polizei oder bei staatlichen Sicherheitsdiensten fällt so etwas wohl in die Rubrik "Verdeckte Ermittlung".


Eine völlig neue Dimension
  • Der NDR zitiert Herrn Weichert (Schleswig-Holstein, Landesdatenschutzbeauftragter) mit den Worten: "Hinter einem solchen Forschungsprojekt steckt immer eine Absicht. Sollte die Schufa die gewonnenen Daten tatsächlich einsetzen, wäre das eine völlig neue Dimension." Herr Weichert zweifle daran, dass eine Umsetzung der Projektideen rechtlich überhaupt haltbar sei. Besonders problematisch sei, "dass Informationen, die beiläufig ins Netz gestellt worden sind, systematisiert werden sollen. Dass diese Informationen dann ganz offensichtlich - das ist die Aufgabe der Schufa - für Bonitätsbewertungszwecke genutzt werden sollen. Entsprechende Praktiken kennen wir aus den USA."
  • Auch Frau Castelló (Verbraucherzentrale Hamburg) nannte das Schufa-Projekt eine "Grenzüberschreitung" (Zitat): "Wenn diese sehr privaten und persönlichen Datensammlungen wie Facebook von der Schufa zusammengeführt und ausgenutzt werden, dann wird es hochgefährlich. .. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Das heißt, es gibt jemanden, der die Forschung bezahlt, und natürlich werden sich dessen Interessen auch im Ergebnis widerspiegeln. Selbst wenn das Gesamtergebnis vielleicht nicht so ist, wie die Schufa sich das gedacht hat, kann sie daraus eine Menge lernen."
Die Bundesregierung hat die SCHUFA inzwischen vor der Ausforschung sozialer Netzwerke wie Facebook etc. gewarnt. Der Spiegel zitiert heute zum beispiel Frau Leutheusser-Schnarrenberger (FDP, Justizministerin) mit den Worten: "Es darf nicht sein, dass Facebook-Freunde und Vorlieben dazu führen, dass man zum Beispiel keinen Handy-Vertrag abschließen kann."


(Quelle: NDR Info vom 07.06.2012 mit weiteren Informationen, Reuters vom 07.06.2012, Spiegel vom 07.06.2012, TAZ vom 07.06.2012, Süddeutsche Zeitung vom 07.06.2012, Pressemitteilung der SCHUFA vom 05.06.2012, Pressemitteilung des HPI vom 04.06.2012)

Kommentare:

Frau Momo hat gesagt…

Dann wollen wir uns auch mal schnell noch für die kleine 18 Meter Motoryacht für unseren Karibik Urlaub bedanken und uns entschuldigen, das es letztes Jahr Weihnachten von uns nur mickrige 27 Goldbarren für Dich als Geschenk gab. Aber Du weißt ja, unsere Immobilien in Marbella und auf Kreta sind im Moment von der Immobilienkrise arg gebeutelt.
Wir investieren jetzt in Immobilien mit steigendem Wert auf einer trendigen Insel mitten in der Elbe.

Helmut hat gesagt…

Ich habe überhaupt NICHTS gegen die Schufa-Schnüffeleien bei Furzbuch. Den Hype um dieses angeblich "soziale Netzwerk" ist für mich eh unverständlich. Liegt vielleicht auch daran, daß ich für solchen Schwachsinn viel zu alt bin. Ich bin bei Furbuch NICHT vertreten, kommt ja aus USA und denen ihren Mist boykottiere ich schon immer...

juwi hat gesagt…

@Helmut: Ich habe grundsätzlich etwas gegen jegliche Schnüffelei - insbesondere dann, wenn das ganze in Richtung "verdeckte Ermittlung eines privaten Finanzdienstleisters" geht. Im Übrigen haben SCHUFA und HPI es ja nicht nur auf Facebook-Nutzer abgesehen, sondern quasi gleich auf alles, was das Internet freiwillig und unfreiwillig über jeden so hergibt, der einen Web-Browser benutzt.

Helmut hat gesagt…

@juwi: Ich gebe zu, daß ich mich dafür nicht so sehr interessiert habe. Die Geschichte ging durch die Medien und erst da habe ich mitbekommen, daß das HPI von einem ehemaligen Gründungsmitglied des Walldorfer Softwarekonzerns SAP ins Leben gerufen wurde. Und die haben ja NUR GUTES im Sinn.
Ein Schelm wer böses denkt.

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