Freitag, 11. November 2011

Streubomben Renaissance?

Mit offenen Karten - Streubomben (Arte vom 12.12.2009)

Die "Oslo-Konvention zur vollständigen Ächtung von Streumunition" verbietet deren Einsatz, Produktion, Lagerung, sowie den Export aller Typen von Streumunition. 111 der 193 UNO-Staaten haben die Konvention unterzeichnet und sich damit verpflichtet sämtliche Bestände zu vernichten und darüberhinaus Opfern bisheriger Einsätze von Streumunition zu unterstützen.

Dieser Erfolg gelang nicht zuletzt aufgrund des weltweiten öffentlicher Drucks für das Verbot dieser grausamen Munition. Streubomben verstreuen kleine "Bömbchen" über eine große Fläche. Eine große Anzahl dieser Minibomben sind Blindgänger, die nicht sofort explodieren. Noch Jahre später, wenn die Menschen zufällig bei der Arbeit auf dem Feld damit in Kontakt kommen, oder wenn Kinder sie beim Spielen finden, explodieren sie.

Die Organisation "Handicap International Deutschland" schreibt auf ihrer Internetseite, Streumunition habe bis heute etwa 100000 Opfer gefordert: 98 Prozent der bekannten Opfer seien Zivilisten, darunter 27 Prozent Kinder!

Auf Betreiben der USA, Chinas, Russlands sowie Indiens, Pakistans und Israels wurden die Verhandlungen über ein Zusatzprotokoll zur Streumunition jedoch auch nach Inkrafttreten der Oslo-Konvention im August 2010 fortgesetzt. Auf Betreiben dieser Staaten wird ab kommenden Montag, dem 14. November 2011, in Genf im Rahmen der UNO über Entwürfe für ein zweites Streumunitionsabkommen mit deutlich schwächeren Standards verhandelt.


Die perfide Perversität der Kriegsherren

Die im August 2010 in Kraft getretenen Oslo-Konvention droht damit untergraben zu werden. Das alleine hätte schon ausgereicht, um mich "auf die Palme" zu bringen. Wütend machte es mich, als ich lesen musste, dass auch die Bundesregierung an diesen Verhandlungen beteiligt ist - und das, obwohl Deutschland die Oslo-Konvention unterzeichnet und der Bundestag die Konvention im April 2009 einstimmig ratifiziert hat!
Ob da wohl wieder Geschäfte für
notleidende deutsche Waffenschmieden winken?

Auch Frankreich, Deutschland, Italien, Schweden und Großbritannien - alles Unterzeichner der "Oslo-Konvention zur vollständigen Ächtung von Streumunition" - unterstützen jetzt die USA, China und Russland die ein separates Abkommen anstreben, das den Einsatz von Streubomben ermöglichen soll. Das allein ist schon pervers! Getoppt würde das ganze noch, wenn es tatsächlich zum Abschluss eines internationalen Abkommens kommen sollte, das etwas erlaubt, was ein anderes Abkommen bereits verbietet.

Wie die TAZ in einem Artikel vom 08.11.2011 treffend schreibt, wäre das ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des humanitären Völkerrechts. Ich gehe da noch etwas weiter: Das würde diese wichtige Institution derart unglaubwürdig machen. dass es nicht lange dauern würde, bis sich niemand mehr an die Regeln des Völkerrechts gebunden fühlen würde.

Der TAZ zufolge verstößt Deutschland nach Auffassung von 13 Nichtregierungsorganisationen mit seiner Beteiligung an den Verhandlungen über ein zweites Streumunitions-Abkommen gegen seine Verpflichtungen aus der Oslo-Konvention. Demzufolge sei es die Pflicht der Bundesregierung, andere Staaten zur Unterzeichnung der Konvention zu "bewegen", nicht aber sie "zu unterstützen oder zu ermutigen, etwas zu unternehmen, was aufgrund der Konvention verboten ist".

Der Entwurf für das Zusatzprotokoll sähe vor, nicht sämtliche Typen von Streumunition zu verbieten. Verboten wäre lediglich die Nutzung der vor 1980 produzierten Bestände von Streumunition. Alle  Streumunition-Typen, die seit dem Ende des Kalten Krieges weltweit in Konflikten eingesetzt wurden, seien jedoch erst nach 1980 produziert worden. Zudem erlaube der Entwurf die fortlaufende Produktion und Verbreitung von Streumunition. Er enthalte keine konkreten Verpflichtungen zur Unterstützung der Opfer, zur Munitionsbeseitigung sowie zur Vernichtung der Munitionsbestände.


Dringende Petition

Das internationale demokratische Netzwerk AVAAZ schrieb in einer E-Mail an seinen Verteiler, Anträge der Oppositionsparteien im Bundestag mit denen sie die Bundesregierung aufgefordert hatten, ein Zusatzprotokoll zur Streumunition abzulehnen, seien gestern gescheitert. Es läge jetzt an uns Bürgern, den Druck zu verstärken um in Genf ein deutsches "Nein zu Streubomben" zu erwirken. AVAAZ hat eine internationale Petition initiiert und schreibt dazu: "Nur wenn wir jetzt überall auf der Welt Alarm schlagen können wir unsere Regierungen dazu bringen, diese tödliche Entscheidung zu blockieren."

Die Petition wird in Genf direkt an die Delegierten der Konferenz überreicht werden und hat folgenden Wortlaut:
"An alle Regierungschefs:


Als beunruhigte Bürger rufen wir Sie auf, Ihr Möglichstes zu tun um den Einsatz von Streubomben zu stoppen. Mehr als 100 Regierungen haben zugestimmt, diese wahllos tötenden Waffen zu verbieten. Die UN-Waffenkonvention, die in den kommenden Tagen verhandelt wird, muss sich diesem Verbot anschließen und sicherstellen, dass Streubomben umfassend geächtet und Kinder geschützt werden.


MfG"




AVAAZ bittet in seiner E-Mail darum, die Information über die Streubomben-Initiative der USA, Chinas und Russlands sowie über die internationale Petition möglichst umfassend zu verbreiten. Dieser Bitte schließe ich mich hiermit gerne an.

  • "Wir haben’s schonmal geschafft, lassen Sie’s uns noch einmal schaffen."(AVAAZ)


Kein Einzelschicksal

"Vor ein paar Jahren griff Ahmad in einem Park im Libanon, wo er seinen 5. Geburtstag feierte, nach einem glänzenden Stück Metall. Es war ein Streubomben-Blindgänger, der in seinen Händen explodierte und ihn vor den Augen seiner Familie qualvoll tötete."

(AVAAZ in einer E-Mail an den Verteiler vom 11.11.2011)


(Quellen: TAZ vom 08.11.2011, Handicap International Deutschland, AVAAZ)

Elfter Elfter Elf Elf Uhr Elf

Für alle, denen das bisher möglicherweise entgangen sein sollte, sei daran erinnert, dass heute ein ganz besonderer Tag ist: Heute ist der 11.11.11 - der Tag der "1" sozusagen.




Wie in jedem Jahr beginnt aber
für die Narren auch an diesem
denkwürdigen "elften Elften um
elf Uhr elf" wieder die fünfte
Jahreszeit. In diesen Zeiten,
in denen die eine Krise der
nächsten gnadenlos die Klinke
in die Hand drückt, ist nur noch
eines wirklich krisenfest:
Ein gesunder Sarkasmus.


Den werden die Narren in dieser Saison gut brauchen können, denn die Zeiger der Uhren stehen nicht erst auf fünf vor zwölf ... - nein: Es ist bereits elf vor elf! Davon spricht heut' zu euch der Fischkopp aus der Bütt:

Der kleine Mann zahlt kräftig drauf.
Für Banken geht die Rechnung auf.
Spekulanten werden reicher,
nur die Bürger werden bleicher.

Denn beim Blick auf rote Zahlen
könn' sie nicht wie die Bänker strahlen.
Den Bürgern schwillt vor Zorn die Stirn,
seh'n sie den Banken-Rettungsschirm

Doch Mutti schert nicht Bürgerqual,
denn Mutti ist das piep egal.


Sie hört nicht, wie die Zocker lachen.
Die lassen's diesmal kräftig krachen,
denn schlaue Zocker finden's schön
wenn Euro Staaten pleite gehn.

Was wachsen soll, das braucht Substanz
und keinen hohlen Firlefanz.
Nichts nützt die schönste Euro-Zahl,
denn nichts daran ist doch real.

Doch Mutti macht das gar nicht heiß
weil Mutti davon ja nichts weiß.


Die Moral von der Geschichte:
Moral ist nichts für Bösewichte.
Die scher'n sich da 'nen Teufel drum
und kuscheln mit der Mutti rum.

Wenn das nichts nützt, dann drohn sie barsch,
und alles kriecht in ihren A..ch!
Der Bürger fasst sich an die Stirn:
"Noch größer wird der Rettungsschirm.

Wenn Mutti weiter Wähler quält,
wird Mutti demnächst abgewählt."

Ahoi!

© Jürgen Winkler


Aus juwi's karnevalistischer Mottenkiste:
  • 2011: Elfter Elfter Elf Elf Uhr Elf
  • 2011: Peter Struwel in der Bütt
    2010: Der Röttgen und der Mappus
  • 2009: Der "Teutsche Michel" in der Bütt
  • 2008: Die fünfte Jahreszeit in Bremerhaven

Donnerstag, 10. November 2011

Parkraumgerangel


Der Wilhelm-Kaisen-Platz im Februar 2009 ...


... und im Juli 2011 (Bildmitte bis rechts: OBI-Baustelle)

Am letzten Sonntag hatten sich 3280 Menschen in der Bremerhavener Stadthalle ein Basketball-Spiel angesehen. Noch während der letzten Spielminuten kamen 3300 Eishockeyfans hinzu, die sich ein Spiel in der neuen, neben der Stadthalle gelegenen "Eisarena Bremerhaven" ansehen wollten.

Bis vor noch nicht allzulanger Zeit wäre das noch kein Problem gewesen. Aber jetzt - der Großen Koalition aus SPD und CDU (Legislaturperiode 2007 bis 2011) sei Dank - baut OBI auf dem größten Teil des Wilhelm-Kaisen-Platzes, auf dem früher einmal die Besucher der Stadthalle und des Eisstadions parkten, einen Großen Baumarkt mit Gartencenter. Dabei ist der neue Baumarkt in direkter Nachbarschaft zu den Baumärkten "Max Bahr" (200 Meter) und "Bauhaus mit Gartencenter" (1000 Meter) so überflüssig, wie ein Kropf.

Wie die Nordsee-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 07.11.2011 schrieb, sei es auf den kostenlosen Parkplätzen schnell eng geworden. Die Zeitung zitiert Herrn Reske (Parkordner) mit den Worten: "Die Situation ist beschissen." Viele Auto stünden direkt vor dem Eingang im Halteverbot, der holprige Teil hinter der Halle sei komplett vollgeparkt. Die Baustelle für den neuen Baumarkt nehme einfach zu viel Platz in Anspruch. Frau Motz (Eishockeyfan) habe gesagt, sie habe um einen Parkplatz kämpfen müssen. Die Vorfreude auf das Spiel sei verdorben und im schlimmsten Fall könnten die neuen Verhältnisse auch dem Sport in der Stadt schaden - Zitat: "Es ist eine Katastrophe, ein absolutes Chaos. ..Für viele Fans ist das sicher ein Grund, sich in Zukunft die Spiele nicht mehr im Stadion anzusehen."


Wenn die Folgen der Politik der Großen Koalition in der vorhergehenden Stadtverordnetenversammlung schon jetzt derart drastisch zu spüren sind, dann fragen sich viele Bürger Bremerhavens wohl zu recht, wie das denn noch funktionieren soll, wenn der Baumarkt erst fertig ist und auch dessen Kundenparkplätze noch zusätzlichen Platz beanspruchen werden.

Wenigstens hat die neue Koalition aus SPD und Grünen dem damaligen Lieblingsprojekt "Kaufland auf dem Phillips-Field" auf der dem neuen Baumarkt gegenüberliegenden Seite der Melchior-Schwoon-Straße, wie in ihrer Koalitionsvereinbarung vereinbat, einen Riegel vorgeschoben. Ob es ihr außerdem gelingen wird, den Discounter-, Bau- und Supermarkt Wildwuchs mit stadtplanerischen Mitteln zu unterbinden, bleibt abzuwarten.

(Quelle: Nordsee-Zeitung vom 07.11.2011)

Mittwoch, 9. November 2011

Dächer von Altbauten müssen gedämmt sein

Heute Abend findet in Bremerhaven eine Veranstaltung statt, die für die meisten Eigentümer von Altbauten von höchstem Interesse sein könnte. 

Die Energieeinsparverordnung (EnEV) schreibt für eine ganze Reihe von Altbauten gesetzlich vor, dass die Dächer bzw. die obersten Geschossdecken über den beheizten Räumen gedämmt werden müssen. Die Frist dafür läuft zum Jahresende 2011 ab. Werden die Auflagen nicht erfüllt, kann unter Umständen auch ein Bußgeld verhängt werden. Unter welchen Gesichtspunkten möglicherweise der eigene Altbau betroffen sein könnte, erfährt man heute Abend beim "Modernisierungsstammtisch" der Eigentümerstandortgemeinschaft Lehe (ESG-Lehe), zu dem alle Interessierten Haus- und Wohnungseigentümer herzlich eingeladen sind.

  • Veranstaltung

    "Dach Dämmen ist Pflicht bis 31.12.2011"

    • Am 09.11.2011
    • Um 19:00 Uhr

      im Seniorentreffpunkt "Kogge"

      Goethestraße 23

    Referent: Bernhard Schaardt


Dienstag, 8. November 2011

Yasuni-Nationalpark in Gefahr

Die internationale Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe ist die drängendste Aufgabe der gesamten Menschheit. Sollte es nicht rechtzeitig gelingen, den Anstieg der globalen mittleren Temperatur unterhalb der 2007 im IPCC-Klimabericht genannten "maximal plus 2 Grad Celsius" Marke zu stablisieren, dann würden Vorgänge in der Natur in Gang gesetzt werden, die mit menschlich/technischen Mitteln nicht beherrschbar sein werden.

Der rapide Rückgang der großen Gletscher, des arktischen Meereises und der daraus folgende Anstieg des Meeresspiegels sind erst der Anfang. Sollten die weltweiten Permafrostböden tauen, zum Beispiel diejenigen  Sibiriens, und sich in gigantische Sumpflandschaften verwandeln, dann würden Unmengen klimaschädliches Methangas, das durch Faulprozesse in Sumpfgebieten freigesetzt wird, die Athmosphäre zusätzlich aufheizen.

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, liegt unter anderem an der Freisetzung klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) bei der Verbrennung fossiler Energieträger, in denen das Gas vorher chemisch gebunden war. Erdöl, aus dem Benzin und Diesel für den Antrieb von fahrzeugen hergestellt wird, ist ein solcher fossiler Energieträger.

Pflanzen nehmem CO2 aus der Luft auf, speichern den Kohlenstoffanteil in ihren Zellen und geben Sauerstoff an die Luft zurück. Tiere, zu denen auch wir Menschen gehören, nehmen Sauerstoff aus der Luft auf und geben CO2 an die Luft zurück. Solange das Gleichgewicht nicht gestört ist funktioniert dieser Kreislauf, ohne dass sich überschüssiges CO2 in der Atmosphäre anreichern kann. Eine Ursache, die zur Anreicherung von überschüssigem CO2 in der Atmosphäre beigetragen hat, ist die weltweite, unkontrollierte Abholzung großer Waldflächen. Es ist daher von existentieller Bedeutung für die gesamte Menschheit, dass die noch existierenden Waldgebiete in ihrem Bestand geschützt werden.


Öl unter dem Regenwald

Im Regenwald Ecuadors liegt der artenreiche "Yasuni-Nationalpark".
- und darunter liegt ein Ölfeld -

Doch anstatt - wie es "normalerweise" geschehen wäre - den Wald einfach zugunsten kurzfristiger Gewinne abzuholzen, entschieden Ecuador und die UNO, den Park zur Bohrverbotszone zu erklären - sofern andere Länder sich an Ecuadors wirtschaftlicher Entwicklung beteiligen.

In einer E-Mail an seinen Verteiler berichtete das internationale demokratische Netzwerk AVAAZ, Frau Merkel (CDU, Bundeskanzlerin) und der Bundestag hätten versprochen, das Projekt zu unterstützen. Die für derartige Projekte benötigten Gelder lägen bereit. Herr Niebel (FDP, Entwicklungsminister) blockiere jedoch die Freigabe.

Die endgültige Entscheidung liegt jetzt beim Haushaltsausschuss, der am kommenden Donnerstag zusammentritt. Er könnte beschließen, die Gelder für den "Yasuni-Nationalpark" freizugeben damit zum Schutz eines der wertvollsten Gebiete der Erde beitragen und Deutschlands Führungsrolle beim weltweiten Klimaschutz wiederzubeleben.

Um ihn zu einer positiven Entscheidung zu bewegen, hat AVAAZ eine Petition initiiert, die den Haushaltsausschuss und Herrn Niebel auffordert, die Gelder zur Verfügung zu stellen, um den Regenwald vor der Zerstörung zu bewahren und so - ganz nebenbei - dafür zu sorgen, dass das Öl dort bleibt, wo es keinen Schaden anrichten kann: Unter der Erde!

Der Text der Petition lautet:
"An die Mitglieder des Haushaltsausschuss des Bundetags und Entwicklungsminister Niebel:


Als besorgte Bürger rufen wir Sie dazu auf, Ecuadors Yasuni-Nationalpark durch die Einzahlung in seinen Schutz-Fonds vor der Zerstörung durch Ölbohrungen zu retten. Deutschlands Beitrag hilft, das wertvolle ökologische Erbe der Welt zu bewahren und demonstriert Führungsverhalten beim weltweiten Bemühen für den Schutz von Gegenden mit hoher Artenvielfalt.

MfG"


Jeder, der das möchte, kann die Petition auf der Internetseite von AVAAZ online unterzeichnen.


(Quellen: SOS-Yasuni vom 19.10.2011, TAZ vom 18.10.2011, Zeit vom 06.10.2011, TAZ vom 15.09.2011, Zeit vom 20.06.2011, Der Standard vom 03.02.2010Offizielle Yasuni-Seite der UNDP [leider nur auf Englisch], Regenwald.org - Leben statt Öl , AVAAZ, Wikipedia)

Castor-(Informations)-Blockade

Annahme verweigert: Atommüll zurück zum Absender (Berlin 18. September 2010)
Noch drei Wochen bis zum geplanten Start des Atommülltransports im französichen La Hague: Der private Betreiber des Atommülllagers "Gorleben" verweigerte den politischen Kontroll-Organen den Zugang zum Atommülllager. Das niedersächsische Umweltministerium verweigert mit der Absage seiner Teilnahme an der Sitzung des Umweltausschusses des Bundestages die Aufklärung drängender Fragen des bundespolitischen Kontroll-Organs ...

Wenn schon den atompolitischen Kontrollorganen auf Bundesebene der Zugang zu dem Anlagen, die sie zu kontrollieren haben, sowie die Offenlegung aller relevanten Dokumente und Daten verweigert wird, wie bitte schön, sollen diese dann wohl ihrer Aufgabe gerecht werden? Und wen wundert es angesichts derart massiver Informationsblockaden noch, dass wir Bürger von den Atomkonzernen und ihren politischen Handlangern über viele Jahrzehnte hinweg für dumm verkauft werden konnten?
  • Der private Betreiber des Atommülllagers "Gorleben" hatte mehreren Bundestagsabgeordneten den Zugang verweigert. Diese wandten sich daraufhin an Herrn Lammert (Bundestagspräsident) und baten ihn um eine Klarstellung hinsichtlich der Befugnisse von Bundestagsabgeordneten in der Ausübung ihrer Kontrollfunktion ...
  • Am Wochenende übte Herr Sander (FDP, Niedersachsen, Umweltminister) öffentlich Kritik am für Ende November geplanten Castor-Transport von der Atommüll-Aufbereitungsanlage bei La Hague (Frankreich) in das Atommülllager bei Gorleben, den er sieben Tage zuvor mithilfe schöngerechneter Messwerte aus seinem Minsiterium selbst genehmigt hatte. Jetzt sucht er nach Schuldigen und meint wohl, in Herr Röttgen (CDU, Bundesumweltminister) einen nützlichen Sündenbock für den Bockmist gefunden zu haben, den sein eigenes Ministerium kurz zuvor verursacht hat.
  • Jetzt hat das für die Castor-Genehmigung zuständige Umweltministerium des Landes Niedersachsen kurzfristig seine Teilnahme an der kommenden Sitzung des Umweltausschusses des Bundestages abgesagt. Soll der Umweltausschuss doch selbst sehen, woher er die für seine Arbeit notwendigen Informationen bekommt. Na schön: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Damit wären dann ja wohl alle Klarheiten beseitigt.

Für die Opposition im Bundestag erklärten Herr Miersch (SPD, Bundestagsfraktion, umweltpolitischer Sprecher), Frau Steiner (Bündnis90/Grüne, Bundestagsfraktion, umweltpolitische Sprecherin) und Herr Lenkert (die LINKE, Bundestagsfraktion, Obmann) in einer gemeinsamen Pressemitteilung vom 07.11.2011, Zitat:
"Wir halten es für einen Skandal, dass sich Herr Sander einerseits öffentlich gegen weitere Castor-Transporte ausspricht, andererseits aber sein eigenes Haus weiterhin eine völlige Informationsblockade an den Tag legt. Nachdem wir schon vor Ort in Gorleben abgewiesen wurden, verweigert sich das Ministerium in Niedersachsen nun auch dem Umweltausschuss als Kontrollorgan in Sachen Reaktorsicherheit. Was gibt es zu verbergen?"


Interessenskonflikte

Wie es in der Pressemitteilung weiter heißt, habe auch nach der mittlerweile erteilten Genehmigung für den nächsten Castor-Transport in das Atommülllager "Gorleben" bisher nicht geklärt werden können, auf welcher Grundlage die für die Genehmigung des Atommülltransports herangezogenen Messwerte berechnet worden sind und wie ein genehmigungsfähiger Wert erreicht werden konnte. Zwischenzeitlich gebe es auch von dritter Seite Kritik an den verwendeten Messverfahren. Gemeint sind vermutlich die "Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg" (BI) und die Umweltschutzorganisation "Greenpeace" mit ihrer Anzeige gegen die "Gesellschaft für Nuklear-Service" (GNS) und Herrn Sander.

Von dem für kommenden Mittwoch angesetzten Bericht hätten sich die Abgeordneten Klarheit über die Faktenlage versprochen, heißt es in der Pressemitteilung. Seitdem "Greenpeace" seine Analyse der Messdaten veröffentlicht hat, dürfte es dem Umweltministerium des Landes Niedersachsen allerdings wohl schwer fallen zu belegen, aufgrund welcher Fakten es zur Genehmigung des Transports kam.
  • Die GNS, die sich mehrheitlich im Besitz der Atomkonzerne "E.ON", "RWE" und "Vattenfall Europe" befindet, ist die Muttergesellschaft der "Brennelementlager Gorleben GmbH", die das Transportbehälterlager, das Abfalllager und die Pilot-Konditionierungsanlage auf dem Gelände des Atommülllagers "Gorleben" betreibt. Das als "Erkundungsbergwerk" getarnte "End"-Lager für hochradioaktiven Atommüll wird von der "DBE mbH" betrieben, die zu 75 Prozent ebenfalls der GNS gehört.

    Den restlichen Anteil in Höhe von 25 Prozent hält die bundeseigene "Energiewerke Nord GmbH", die auch das Atommülllager in der Lubminer Heide an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns betreibt. Das hatte in der Weihnachtszeit 2010 als Ziel für einen Castor-Transport aus der Atommüllaufbereitungsanlage Cadarache (Frankreich) für Schlagzeilen gesorgt, obwohl es ausdrücklich nur für den Atommüll aus dem Rückbau der DDR-Atomkraftwerke Lubmin und Greifswald, sowie die "Zwischen"-Lagerung des Atommülls aus dem Versuchsatomkraftwerk "Rheinsberg" in Brandenburg vorgesehen ist.

    Wenn man sich einmal vergegenwärtigt, wie eng die Interessen der Atomkonzerne mit denen der Politiker hier miteinander verflochten sind, dann muss man sich eigentlich über gar nichts mehr wundern.

Der besorgte Bürger, Michel und die Obrigkeit

Um ihren Aufgaben trotzdem noch gerecht werden zu können, haben die Fraktionen von "SPD", "Bündnis90/Grüne" und "Die Linke" jetzt das Bundesumweltministerium als übergeordnete Behörde in den Umweltausschuss geladen. Da fragt sich der besorgte Bürger nun allerdings, ob der Herr Röttgen bzw. seine Vertreter aus dem Bundesumweltministerium wohl auskunftsfreudiger sein werden, als das niedersächsische Umweltministerium. Es wäre ja ein leichtes für das Bundesumweltministerium, sich hinter dem Umweltministerium in Hannover zu verstecken.

Hätte es nicht während all der Jahre die unermüdlichen Recherchen privat organisierter Initiativen und Organisationen gegeben, dann würden offenbar selbst den politischen Kontrollorganen die entscheidenen Hinweise fehlen, aufgrund derer sie ihre Fragen an die politisch Verantwortlichen überhaupt erst formulieren können. Wofür sind "die da oben" - unsere sogenannten "Volksbetrügervertreter" - eigentlich einmal gewählt worden? Der brave deutsche Michel würde jetzt sicherlich antworten: "Natürlich dafür, dass sie ihre Pflichten gewissenhaft erfüllen, die Interessen der Bürger im Land vertreten und Schaden von ihnen wenden. Oder so ähnlich." (Artikel 64 und 56 GG, Amtseid.)

An einer anderen Stelle des Grundgesetzes (GG), im Im Artikel 21, ist zu lesen, dass die Parteien - also auch die darin organisierten Politiker! - bei der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken. Davon, dass sie den Willen des Volkes ignorieren und ihm dafür mit perfiden Methoden ihren eigenen Willen - und den der Atomkonzerne - aufzwingen sollen, steht dort nichts geschrieben. Für alle "Nicht-Michel" gibt es am 26.11.2011 im Wendland eine gute Gelegenheit, die wespenfarbene Bundesregierung und die Landesregierung in Hannover wieder einmal daran zu erinnern.


Gorleben Castor 2011


(Quellen: Gemeinsame Pressemitteilung der Bundestagsfraktionen der SPD, Bündnis90/Grüne und die LINKE vom 07.11.2011, Pressemitteilung des BMU vom 10.11.1999, Wikipedia)

Montag, 7. November 2011

Ein klein wenig schizophren

Vielleicht...? (Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg 2011)

Man höre und staune: Auf der Titelseite des Bremerhavener Sonntagsjournals war gestern überraschenderweise zu lesen, Widerstand gegen weitere Castor-Transporte in das Atommülllager bei Gorleben rege sich jetzt auch im wespenfarbenen Lager.

Beim Weiterlesen mochte ich zunächst kaum glauben, was Herr Sander (FDP, Niedersachsen, Umweltminister) gesagt haben soll. Das Sonntagsjournal zitiert ihn mit den Worten: "Der nächste Castor-Transport ist politisch absolut falsch und wird uns in der neuen Diskussion um einen wirklich guten Standort für ein atomares Endlager erheblich belasten. Das Beste wäre ein Castor-Moratorium." Doch auch das "Bündnis gegen den Castor 2011" berichtet auf seiner Internetseite darüber und ergänzt das Zitat des Herrn Sander aus dem Sonntagsjpournal: "Für eine vorurteilsfreie Erkundung Gorlebens und die Suche nach anderen Standorten brauchen wir endlich Ruhe und keine neuen Transporte."

Dabei ist es gerade einmal sieben Tage her, seit er grünes Licht für den Ende November 2011 geplanten Castor-Transport aus der Atommüllaufbereitungsanlage bei La Hague (Frankreich) gegeben hatte.
Ist das nicht ein klein wenig schizophren?

Oder sind Herr Sander und sein Ministerium
etwa plötzlich zu Atomkraftgegnern mutiert?

Ich glaube kaum. Ich denke, Herr Sander und seine wespenfarbenen Mitstreiter versuchen sich vielmehr hinter bundespolitischen Zwängen zu verstecken. Ähnlich sieht das auch die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI). Die TAZ zitierte am 06.11.2011 einen Sprecher der BI mit den Worten: "Erst rechnet das Umweltministerium die Strahlenwerte in Gorleben herunter, um den vorerst letzten Transport aus La Hague annehmen zu können, und jetzt weint Sander Krokodilstränen."

Zu diesem falschen Spiel passt auch die Kritik Herrn Sanders an Herrn Röttgen (CDU, Bundesumweltminister). Herr Sanders wirft seinem Kollegen vor, er habe noch immer keinen Entwurf für ein "Endlagergesetz" vorgelegt, weshalb der Atommüll weiterhin durch die gesamte Bundesrepublik nach Niedersachsen gefahren werde, obwohl die Entsorgung des Atommülls eine gesamtstaatliche Aufgabe sei.

Aha: Jetzt ist also Herr Röttgen schuld daran, dass das niedersächsische Umweltministerium die Transportgenehmigung für den Atommüll aus La Hague mit mathematischen Taschenspielertricks und unglaubwürdigen Messberichten ermöglicht hat. Herr Röttgen ist atompolitisch mit Sicherheit kein Unschuldsengel, aber die auf dubiose Zahlenspielereien gestützte Transportgenehmigung liegt ganz allein der Verantwortung des Herrn Sander und seines Ministeriums in Hannover.


"Aus vertraglichen Gründen"

Auch Frau Flachsbarth (CDU, Bezirkschefin der CDU in Hannover, Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Gorleben-Untersuchungsausschussses des Bundestages) versteckt sich hinter politischen Floskeln. Sowohl das gestrige Sonntagsjournal, als auch die "Hannoversche Allgemeine" vom 05.11.2011 berichten, Frau Flachsbarth habe gesagt, der bevorstehende Atommülltransport aus La Hague nach Gorleben sei aus "vertraglichen Gründen" nicht zu verhindern. Der vertragliche Rahmen für die Rücknahme der Castoren im November lasse sich kurzfristig nicht mehr ändern.


Man hat immer eine Wahl

Die internationale Umweltschutzorganisation "Greenpeace" hat vorgerechnet und stichhaltig begründet, warum die Daten, mit denen das Umweltministerium des Landes Niedersachsen hantiert, fehlerhaft sind und der Jahresgrenzwert am Atommülllager "Gorleben" mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon ohne den erneuten Atommülltransport überschritten werden. Aufgrund dieser berechtigten Bedenken hätte Herr Sander den Castor-Transport im November stoppen können.
  • Er hat eine andere Wahl getroffen:
    Er hat den Transport genehmigt.

Man hat immer eine Wahl. Und was die Wahl ihres atompolitischen Schlingerkurses betrifft war die CDU während der laufenden Legislaturperiode ja nun wirklich nicht gerade zimperlich. Schließlich sind es doch gerade die CDU, die CSU und die FDP, die keinerlei Skrupel gezeigt haben, gleich mehrere Verträge aufzukündigen bzw. zu "ignorieren". Da käme es auf die "Aussetzung" eines weiteren Vertrags doch nun wirklich nicht mehr an.

Frau Merkel (CDU, Bundeskanzlerin) und die Minister der Bundesregierung haben einmal geschworen, "Schaden vom deutschen Volk abzuwenden". Mit dem erneuten Atommülltransport nach Gorleben und der zu erwartenden Überschreitung der Grenzwerte am Atommülllager nehmen sie bewusst die Gefährdung der Gesundheit und des Lebens der dortigen Bevölkerung in Kauf ... - oder betrachtet die wespenfarbene Bundesregierung die Wendländer etwa nicht als Bürger des Deutschen Volkes?

Aufgrund der zu erwartenden Überschreitung des Jahresgrenzwertes wäre die Bundesregierung meines Erachtens in der Pflicht gewesen, das von Herrn Sander angeregte "Transpotmoratorium" zu verhängen und die Genehmigung für den Atommülltransport nach Gorleben zu widerrufen.
  • Sie hat eine andere Wahl getroffen:
    Sie wird den Transport nicht absagen.

Inzwischen sollte wohl auch dem letzten klar geworden sein, dass "Gorleben" von Beginn an ein politischer Fehler war. Das belegen eine große Anzahl im Laufe der Jahre bekanntgewordener Dokumente.

Das Lügengebäude bezüglich der angeblichen Eignung des Salzstocks als Lager für hochradioaktiven Atommüll ist inzwischen weitgehend in sich zusammengebrochen. Daran ändert auch der als "weitere Erkundung" getarnte Ausbau zum Atommüll-"End"-Lager nichts.

Sinn und Zweck des Festhaltens an "Gorleben" ist einzig und allein der für den weiteren Betrieb der verbliebenen neun Atomkraftwerke notwendige "Entsorgungsnachweis". Würde die Bundesregierung die Arbeiten am unterirdischen Atommülllager im Salz bei Gorleben beenden, dann könnte sie nicht einmal mehr auf dem Papier ein Atommüll-"End"-Lager vorzuweisen und müsste die restlichen Atommeiler umgehend stilllegen.
  • Ich kann zwischen "Resignation" und "Protest" wählen. Auch ich habe meine Wahl getroffen: Ich werde so lange gegen diesen atomaren Irrsinn protestieren, bis das letzte deutsche Atomkraftwerk endgültig und unwiderruflich stillgelegt worden ist und bis es einen breiten gesellschaftlichen Konsens über den weiteren Umgang mit dem Atommüll gibt.


Gorleben Castor 2011

(Quellen: Bremerhavener Sonntagsjournal vom 06.11.2011, Bündnis gegen den Castor 2011 vom 06.11.2011, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, TAZ vom 06.11.2011, Hannoversche Allgemeine vom 05.11.2011)