Freitag, 8. Mai 2009

Aufstieg und Untergang der Käsebörse



Mein Großvater war mit Leib und Seele Kaufmann und außerdem so etwas wie ein "Käsefachmann". Er wuchs in Hamburg auf ,wo er nach seiner Schulzeit eine Ausbildung zum Lebensmittelkaufman absolvierte. In Hamburg lernte er auch meine Großmutter kennen. Die beiden hatten bereits eine kleine Tochter, als mein Großvater im Januar 1930 die Filiale "Käsebörse" seines Hamburger Arbeitgebers in Wesermünde (heute Bremerhaven) als Geschäftsführer übernahm. Der neue Arbeitsplatz machte einen Umzug der Familie nach Wesermünde notwendig. Kurz darauf wurde meine Mutter geboren. Die Familie wohnte in bescheidenen Verhältnissen in einer kleinen Einzimmerwohnung hinter dem Laden in der Hafenstraße.


Sprung in's kalte Wasser

Nach einiger Zeit musste der Hamburger Arbeitgeber meines Großvaters Konkurs anmelden. Meine Großeltern standen vor der Wahl, das Geschäft ganz zu übernehmen, oder arbeitslos zu werden. Sie entschieden sich dafür, den Laden zu übernehmen.

Der Neuanfang war wie ein Sprung in's kalte Wasser. Die erste Zeit der Selbstständigkeit war sehr schwer, da Mein Großvater so gut wie kein eigenes Kapital hatte. Durch den Konkurs hatten seine Lieferanten, die ja bis dahin die Lieferanten des Hamburger Kaufmanns waren, noch Forderungen, die durch den Konkurs nicht beglichen worden waren. In der ersten Zeit erhielt er die Ware auf Kredit. Die Kredite konnte er im Laufe der Zeit aus seinem Gewinn abzahlen.


Bessere Zeiten

Anschließend begann eine bessere Zeit für die Familie. Zum Haus gehörte damals ein Anbau mit Erdgeschoss und einer Etage. Als die Familie, die darin gewohnt hatte, ausgezogen war, konnten meine Großeltern mit ihren Kindern dort einziehen. Als sie es im Laufe der Zeit mit harter Arbeit und viel Glück zu etwas Wohlstand gebracht hatten, sah es so aus, als würde jetzt eine glückliche und sorgenfreie Zeit für sie beginnen ...


Krieg!

Aber dann begann der Zweite Weltkrieg, und irgendwann wurde auch mein Großvater von der Reichswehr zum Kriegsdienst eingezogen. Meine Großmutter stand jetzt mit ihren inzwischen drei Töchtern und dem Laden allein da. Sie musste das Geschäft führen, und gleichzeitig für ihre Mädchen da sein ...

Nachdem die Nazis und ihre Verbündeten Not, Elend und Tod über große Teile Europas und die Welt gebracht hatten, kam der Krieg auch nach Deutschland. Die Alliierten, die anfangs hauptsächlich die großen Rüstungszentren mit ihren Bomberflotten angegriffen hatten, begannen irgendwann mit ihrer "Zermürbungstaktik", indem sie auch die Wohngebiete der größeren Städte bombardierten. Diese Bombenangriffe forderten nach und nach unzählige Todesopfer unter der Zivilbevölkerung in den Städten Deutschlands.

Wesermünde war anfangs weitestgehend verschont geblieben. Es gab nur geringe Schäden aufgrund von Notabwürfen zu verzeichnen: Um Unfälle bei der Landung in England zu vermeiden, warfen die Bomberbesatzungen auf dem Rückflug von ihren Zielgebieten in Deutschland vereinzelte noch an Bord verbliebenen Bomben wahllos irgendwo über deutschem Gebiet ab. Im Jahre 1944 wurde dann auch die Stadt Wesermünde zum Zielgebiet der Bombenangriffe der Allierten, wobei der größte Teil des Stadtgebietes zerstört wurde.


Herbst 1944:
Trümmerwüste hinter dem Laden in der Hafenstraße


Bei einem dieser Angriffe wurde der Anbau mit der Wohnung hinter dem Laden in der Hafenstraße von einer Sprengbombe getroffen und stürzte ein. Das Haus mit dem Laden wurde nur leicht beschädigt. Meine Großmutter musste mit den drei Kindern wieder in die kleine Wohnung hinter dem Laden zurückziehen und konnte das Geschäft nicht mehr geöffnet halten.

Während der Zeit bis zur Rückkehr meines Großvaters nach dem Krieg hatte meine Großmutter die Ladenräume an die Obst- und Gemüsehandlung Dietzel vermietet, die vorher ihr Geschäft im Nachbarhaus hatte, das bei dem Bombenangriff von einer Brandbombe getroffen und völlig zerstört worden war.


Heute vor 64 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Kapitulation Nazideutschlands.

Wesermünde wurde jetzt von der US-Army verwaltet. 1947 wurde die Stadt in das Land Bremen eingegliedert und erhielt ihren neuen Namen Bremerhaven.

Nachdem mein Großvater aus dem Krieg zurückgekehrt war, wurde der Laden in der Hafenstraße als "Lebensmittel- und Delikatessengeschäft Robert Kalbreyer" wiedereröffnet. Die im Krieg zerstörte Käsebörse war Geschichte ...

Kommentare:

Leher Butjer/Weserkrabbe hat gesagt…

Sehr interessant zu lesen die Geschichte von der Käse-Börse. War das Geschäft da, wo später Hüsings Fleicherei drin war und noch später der zweite Laden meiner Eltern?

Machst Du bei Kistner mit und beim Leher Ratschlag?

lieben Gruss
Brigitte

juwi hat gesagt…

Brigitte: Der Laden meiner Großeltern war in der Hafenstraße 165, gegenüber vom Capitol, in dem Haus, in dem seit einigen Jahren der Juwelier "Goldschmiede" sein Geschäft hat. Es gab dort früher zwei Läden: Links war ein Tabakladen und rechts das Geschäft meiner Großeltern.

Elfe hat gesagt…

Das muss eine schwere Zeit gewesen sein, einfach unvorstellbar, was Menschen alles erleiden müssen. Von Zeitzeugen erzählt wird Geschichte richtig lebendig, ich lese gerne solche Biografien, man erfährt dann viel mehr als aus Geschichtsbüchern.
Danke Juwi für den interessanten Einblick in Eure Familiengeschichte.
Liebe Grüsse
Elfe

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