Sonntag, 21. September 2008

Der Ochsenturm

Der heutige Ort Imsum vor der nördlichen Stadtgrenze Bremerhavens hieß bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Dingen. Imsum war der Name des Kirchspiels zu dem die Orte Dingen, Weddewarden und Lepstedt gehörten.


Aussicht vom Ochsenturm am 21.09.2008 bei Tagesanbruch

Hinter dem Deich nördlich von Imsum, steht auf einer Wurt der Ochsenturm mit seinem urigen Mauerwerk aus Findlingen, Feldsteinen und Ziegeln.



Infotafel im Erdgeschoss des Ochsenturms (Ausschnitt)

Der Ochsenturm ist der erhalten gebliebene Rest der ehemaligen Bartholomäuskirche zu Imsum, die 1218 erbaut baut worden ist und früher zwischen den Orten Dingen, Weddewarden und Lebstedt lag. Der Turm wurde erst 1413 errichtet. Er galt durch Jahrhunderte als Landmarke für die Weserschifffahrt. Deshalb ließ man ihn stehen als die Kirche im Jahre 1895 abgebrochen wurde.


Die Sage vom Ochsenturm

Über den Grund dafür, warum die Kirche so weit abseits am Deich, und so weit entfernt von den Gläubigen in Weddewarden und Dingen gebaut wurde, gibt es im Land Wursten eine alte Geschichte:

In alter Zeit entschied das Orakel zweier Ochsen, je einer aus Dingen und Weddewarden, den Streit der Gemeinden über den Bauplatz der gemeinsamen Kirche. Dort wo die zusammengebundenen Tiere hinlaufen würden sollte die neue Kirche gebaut werden. Die Einwohner jeder der beiden Gemeinden fütterten ihren Ochsen ordentlich, aber einen Tag vor dem Orakeltag mussten die Tiere hungern. Die Einwohner der beiden um den Bauplatz rivalisierenden Gemeinden dachten sich: Da, wo unser Ochse gefüttert worden ist, da wird er auch hinlaufen.

Als man die Tiere zusammengebunden hatte, feuerten alle Einwohner aus beiden Gemeinden die hungrigen Tiere lautstark an. Die Ochsen gerieten davon so in Panik, dass sie schnell das Weite suchten. Nachdem sie unterwegs eine ausgiebige Grasmahlzeit zu sich genommen hatten, legten sie sich wiederkäuend nieder. Das war dort hinter dem Deich, wo heute noch der Ochsenturm steht.

Im Land Wursten erzählt man sich diese Geschichte auf Plattdeutsch so:
As de Lü in Weddewarden un Dingen en Kark hebben wullt dar hebbt se sick frogt: Wo schall de nee Kark stohn? De ut Wedewarden wulln se bi sick hebben un de ut Dingen ok. Ober wokeen schall nu sein Willn hebben? Dor fragen se den Bischop un de vertell jem, se möten dat Urdeel Gott öberloten. In jedet Dorp schulln se een Ossen utsöken un twischen biede Dörper tohoplönen. Denn schulln de Ossen loopen un wo se sick henlegen deen, dar schall de Kark boot warrn, so wull dat de lebe Gott, sä de Bischop.

De Lü dacht sick nu, wo de Ossen foert wart, dar lopt se ok hen. De Weddewardener un de Dingener sochten sick twee starke Ossen ut un foern jem düchdig. Den Dag beför dat sowiet weer, mussen de Ossen nu hungern. Ji weet, worüm? As dat denn sowiet weer, dar wulln de Lü, dat se no ehr Dorp henlopen deen un se bölkten düchdig. Ober dormit mokten se de Ossen so weerig, dat se wiet weg lopen deen bit anne Werser. Dor hebbt se sick denn mö henleggt un dor is de Kark boot worrn.

Disse Geschicht vertelln se sick, ober so is dat woll nich ween. Wo de Kark henschull, dat hebbt se nich de Ossen öberloten. Weet ji, dat dar, wo hüde de Werser is, noch een Dorp weer un dat het Lebstedt heeten. Dat hett mit Weddewarden un Dingen tohoop to dat Imsumer Karkspeel hört. Imsum het bloß de Kark heten un de Hoff de to de Kark hört hett. Dat Dorp Imsum hett fröher Dingen heeten. So is dat ween.

Seit Lepstedt, westlich des Ochsenturms gelegen, bei einer Sturmflut verloren ging, verläuft der Deich direkt östlich der ehemaligen Kirche.

Als die alte Kirche aufgegeben wurde, einigte man sich ohne Ochsenorakel auf den Standort einer neuen Backsteingotik Kirche an der Straße von Weddewarden nach Imsum. Die Glocke aus dem Ochsenturm von 1455 wurde im Turm der neuen Kirche aufgehängt. Auch die gotische Bronzetaufe, zwei wertvolle Kelche aus dem 15. Jahrhundert und einige weitere Gegenstände zogen in das neue Gotteshaus um.

Kommentare:

Dr. Uwe Gleßmer hat gesagt…

Sehr geehrter Redaktor,
gern würde ich bei Ihnen anfragen, ob Ihnen bekannt ist, ob bzw. dass es eine Inschrift in einem Balken im Ochsentrum gibt "1930 Architekt Jäger" von dem mir erzählt worden ist. Exisiert ggf. eine weitere Überlieferung, von einer Renovierung 1930 (ggf. durch den Freiwilligen Arbeitsdienst)?
Ihnen vielen Dank für die interessanten Informationen zum Ochsenturm.
Dr. U. Gleßmer (www.huj-projekt.de)

juwi hat gesagt…

@Dr. Uwe Gleßmer: Nein, darüber ist mir leider nichts bekannt. Ich kann aber gerne danach Ausschau halten wenn ich einmal wieder zum Ochsenturm komme. Ich würde mich dann irgendwann im kommenden Jahr einmal mit Ihnen in Verbindung setzen. LG, J. Winkler

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