Donnerstag, 12. April 2012

Eistau

Eistau - eine kurzweilige Antarktis-Kreuzfahrt
Herr Zeno ist Glaziologe, ein Eisforscher. In den Alpen muss er mit ansehen, wie "sein" Gletscher, der ihm einst von seinem Doktorvater anvertraut wurde, aufgrund der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung immer schneller dahinschwindet.

Als ihm bewusst wird, dass all seine akribischen Messungen das Sterben seines Gletschers nicht aufhalten können, heuert er als Lektor auf einem Antarktis-Kreuzfahrtschiff an.
Pünktlich um 19:30 Uhr ging es gestern Abend an Bord des "Kreuzfahrtschiffes". Eigentlich war es ja das Magazin des Stadttheaters Bremerhaven. Aber wenn man sich der Masse der anderen Passagiere anschloss, und diesen Umstand geflissentlich ignorierte, dann nahm man die im Magazin gestapelten Theaterutensilien mit völlig anderen Augen wahr: Alte Schränke, "schicke" Plastiksessel aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts und anders "Gerümpel" verwandelten sich in die noble Ausstattung eines modernen Kreuzfahrtschiffes. Beim Empfang wurde äußerst trockener, imaginärer Champagner in Plastik-Sektgläsern gereicht. Bevor es losgehen konnte mussten erst noch mithilfe eines Passagiers, der in die Pedalen eines alten Fahrrads trat, die Schiffsbatterien geladen werden. Dann wurden wir in das Auditorium im Unterdeck des Schiffes geleitet. Zur Begrüßung wurde auf das Highlight der Reise, einer Kunstaktion auf dem Eis der Antarktis hingewiesen: Die Passagiere würden ein riesiges SOS auf dem Eis bilden ...

Auf dem Schiff versucht Herr Zeno, die Passagiere für die Schönheit des Eises zu begeistern und ihnen bewusst zu machen, welche Folgen das Verhalten der Menschheit für die Natur hat. Nur wer erkennt, was er verlieren könnte und wer die Ursachen dafür kennt, wird seine Gewohnheiten ändern.

Aber auch damit hat er keinen Erfolg. Die Passagiere ignorieren ihn. Die Besatzung hat wichtigeres zu tun.
Es war schon äußerst skurril, einen der Herren, der an einer
uralten Nähmaschine mit Tretantrieb saß, dabei zu beobach-
ten, wie er, voll auf seine "Arbeit" konzentriert, aus dem
Buch "Eistau" herausgeschnittene Seiten und Postkarten
mit einem roten Faden auf DIN A4 Blätter nähte ...

Jedesmal, wenn Herr Zeno einen Vortrag beginnt, kommt garantiert irgendeine Bordbelustigung dazwischen, schwarze Albatrosse werden gesichtet, irgendwelche sonstigen Belanglosigkeiten lenken die Aufmerksamkeit der Passagiere von seinen Vorträgen ab oder die Besatzung erteilt ihren "Special Guests", den Wissenschaftlern des "Alfred-Wegener-Instituts für Polarforschung" (AWI), das Wort, die dem Herrn Zeno mit ihren Vorträgen die Show stehlen.
Die Dia-Vorträge der beiden Wissenschaftler des AWI unterstrichen die Gefährdung des Eises und der Natur der Polargebiete, für die Herr Zeno die Menschen an Bord zu sensibilisieren versuchte. Der erste Dia-Vortrag informierte die Passgiere über die verschiedenen Eissorten in der Antarktis. Erklärt wurden die verschiedenen Erscheinungsformen des Meereises und des mehrere tausend Meter starken Kontinentaleises, das an der dicksten Stelle zwischen 4000 und 5000 Meter stark ist. Im zweiten Dia-Vortrag ging es um die Geschichte des "modernen" Walfangs, der von Beginn an industriell geprägt war - auch schon zur Zeit des Kapitän Ahab in Herman Melville's Roman "Moby Dick", als die Wale noch mit der Handharpune von Ruderbooten aus gejagt wurden. Damals ging es um das Fett und das Öl, das aus den Tieren gewonnen und mit dem die industrielle Revolution geschmiert wurde. Später wurde das Walöl durch Mineralöle ersetzt ...

Als Herr Zeno sich immer heftiger über die Ignoranz der Passagiere erregt, wird er vom Kapitän auf die Brücke zitiert. Er verbietet ihm die die Menschen auf dem Schiff mit seinen Ausfällen zu behelligen. Sein Job sei es die Passagiere zur angekündigten Kunstaktion auf dem Eis zu animieren - sonst nichts.

Das macht er dann auch - allerdings nicht ganz ohne Hintergedanken. Als alle Passagiere und Besatzungsmitglieder von Bord sind, und im Rahmen der Kunstaktion ein riesiges SOS auf dem Eis bilden, kapert er das Schiff, und überlässt die ignoranten Menschen ihrem Schicksal im ewigen Eis ...



Als wir dann am Ende des Stücks "ausgesetzt im ewigen Eis" auf dem Hof des Magazins standen, war es inzwischen 21:30 Uhr geworden. Die zwei Stunden - ohne Pause dazwischen - waren wie im Fluge vergangen. "Eistau" lebte von den vielen skurilen Einfällen, schrägen "Bordbelustigungen" und davon, dass es nicht auf einer Theaterbühne stattfand, sondern inmitten des Publikums, das ebenfalls während des gesamten Abends irgendwie ständig in Bewegung war.

Wie ich gestern erfahren habe, wird es im Juni noch zwei weitere Vorstellungen geben, für die auch noch Karten zu haben sind. Mich hat der gestrige Abend neugierig auf den Roman von Ilija Trojanow gemacht, welcher der Inszenierung des Stadttheaters zugrunde liegt. Irgendwo wird es sicherlich noch ein vollständiges Exemplar zu kaufen geben, dass noch nicht dem nähwütigen Besatzungsmitglied des Antarktis-Kreuzfahrtschiffes zum Opfer gefallen ist.

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