Mittwoch, 25. April 2012

Die Verfallszeit atomarer Super-GAUs

"1986, SuperGAU von Tschernobyl" (Ausschnitt aus der ZDF-Doku-Serie "100 Jahre")

In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986, gegen 1 Uhr 24, passierte das, was nach damals allgemein vertretener Ansicht "höchstens einmal in hunderttausend Jahren" passieren kann: Ein Atomkraftwerk explodierte.

Die Explosion des Reaktors Nr. 4 des Atomkraftwerks "Tschernobyl" war so stark, dass die 1000 Tonnen schwere Decke des Reaktorblocks abgesprengt und durch die Luft geschleudert wurde. Die Radioaktivität von 400 Hiroshimabomben wurde freigesetzt. Das Video ist ein Beitrag aus der ZDF-Dokumentarserie "100 Jahre". Es fasst die Ereignisse im April des Jahres 1986 zusammen und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen.

Dummerweise war der Super-GAU gleich zu Beginn des von den Statistikern prognostizierten Zeitraums eingetreten - und nicht erst nach 99999 Jahren, 11 Monaten und 30 Tagen. Wer von uns damals der Meinung war, dass mit der Atomexplosion das Ende der Atomkraft gekommen sei, der wurde schnell eines Besseren belehrt. So etwas passiert nämlich nur in der Sowjetunion, hieß es - minderwertige Technik eben: Das überfordere jede Statistik. Bei uns, in den technisch perfekten Ländern des Westens, könne "so etwas" niemals passieren. Dort stünden schließlich die sichersten Atomkraftwerke der Welt ...

"Tschernobyl" verschwand aus den Zeitungen und aus den Nachrichten - verdrängt und vergessen. Die Jahre gingen ins Land ...

Im März des letzten Jahres, ein knappes viertel Jahrhundert nach dem Super-GAU von "Tschernobyl" explodierten infolge eines Erdbebens vor der japanischen Pazifikküste mehrere Reaktoren des Atomkraftwerks "Fukuschima-I" - und immernoch befinden wir uns ganz zu Beginn der magischen "hunderttausend Jahre". - Und die Welt erlebte bereits ihren zweiten atomaren Super-GAU - dieses Mal in einem Hochtechnologieland: In Japan, einem "Land des technisch perfekten Westens" !


Die Verfallszeit von Super-GAUs ...

Tschernobyl: Radioaktiv kontaminierte Gebiete in der Ukraine, Weißrussland und Russland (cc: BY-SA, by Sting)
... verringert sich rapide. Heute - 26 Jahre nach "Tschernobyl" und ein Jahr nach "Fukushima" - deklarieren Großbritanien, Frankreich, Tschechien und Polen die Atomkraft, die bereits weite Landstriche der Ukraine, Weisrusslands, Russlands und Japans in radioaktive Wüsten verwandelt und hunderttausende Menschen obdachlos gemacht hat, sowie zigtausenden Menschen Siechtum und einen qualvollen Tod bescherte, zur "emissionsarmen" Technologie. Die vier Länder forden von der EU, dass sie die Atomkraft mit der Nutzung regenerativer Energiequellen auf eine Stufe stellen, und somit als subventionsfähig einstufen soll.

Fukushima: Radioaktiv kontaminierte Gebiete in Japan sowie des Wassers des Pazifik (Public Domain, by Nuclear Incident Team DoE)
Das ist einfach nicht zu fassen. Auf welchem Planeten leben die? Man könnte meinen, die Regierungen dieser vier Länder seien scharf auf die zweifelhafte Ehre, den dritten Super-GAU in der Geschichte der Menschheit präsentieren zu dürfen. Mit Vernunft hat das jedenfalls nichts zu tun - eher schon mit bodenloser Ignoranz und maßloser Selbstherrlichkeit.


Konsequent ...

Die vier Atomsüchtigen sollten sich lieber ein Beispiel an Österreich nehmen. Österreichs einziges Atomkraftwerk, das bereits fertiggestellte Atomkraftwerk "Zwentendorf", ist aufgrund einer Volksabstimmung im Jahre 1978 nie in Betrieb gegangen. In Anbetracht der Atomkatastrophe von Fukushima hat Österreich darüberhinaus jetzt beschlossen, ab 2015 auch keinen im Ausland produzierten Atomstrom mehr einzukaufen. Das nenne ich konsequent.


... inkonsequent

Konsequent inkonsequent ist es dagegen, wenn sich die wespenfarbene Bundesregierung den "Atomausstieg" als ihre ureigenste Erfindung auf die Fahnen schreibt - was ohnehin schon an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist - und nebenbei klammheimlich den Neubau von Atomkraftwerken im Ausland mit Hermesbürgschaften fördert (z.B. in Brasilen, Atomkraftwerk "Angra-III"). Da passt auch das herumgeeiere Herrn Oettingers (CDU, EU-Energiekommissar) in Sachen EU-Atomsubvention wunderbar ins Bild:
  • Am Morgen des 13.04.2012 berichtete die "Augsburger Allgemeine" auf ihrer Internetseite (Zitat): "Mehrere europäische Staaten wollen laut einem Zeitungsbericht die Atomkraft weiter ausbauen und dafür Fördergelder von der EU. Energiekommissar Oettinger ist bereit zur Diskussion."
  • Ebenfalls am 13.04.2012 meldeten die ZDF-heute Nachrichten (Zitat): "EU-Energiekommissar Oettinger hat sich gegen Subventionen für die Atomenergie ausgesprochen. Dem stehe er 'zurückhaltend gegenüber', erklärte Oettinger in Brüssel. Zuvor hatten mehrere Nachbarländer eine EU-Förderung der Atomkraft gefordert."

Demnach wäre der Herr Energiekommissar Oettinger also bereit "zu einer 'zurückhaltenden' Diskussion". Eine klare Ablehnung von EU-Subventionen für Atomkraftwerke hört sich anders an! Wer jetzt das dringende Bedürfnis verspürt, Herrn Oettinger aufzufordern, dass er der Forderung Großbritaniens, Frankreichs, Tschechiens und Polens eine Abfuhr erteilen soll, der findet dazu auf der Internetseite des "Umweltinstituts München" und derjenigen des Anti-Atom-Netzwerks ".ausgestrahlt" die passende Gelegenheit.





(Quellen: TAZ vom 22.04.2012, Augsburger Allgemeine vom 13.04.2012, ZDF-heute vom 13.04.2012, AKW Zwentendorf, .ausgestrahlt, Umweltinstitut München)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen



Eigene Meinungen, konstruktive Kritik, Anregungen etc. sind jederzeit willkommen.

Nettikette
Bitte achtet auf den »guten« Ton.
Beschimpfungen und ähnliches werden im Papierkorb veröffentlicht.


Anonyme Kommentare:
Wenn ihr "Anonym" bei "Kommentar schreiben als" auswählt, dann lasst mich und die anderen Leser bitte wissen, wer ihr seid.

Um faire Diskussionen zu gewährleisten, werde ich Kommentare ohne "Identität" in Form einer E-Mail-Adresse, einem Namen oder zumindest einem Nicknamen nicht veröffentlichen!

Zum Schutz vor Spammern müssen die Kommentare erst von mir freigeschaltet werden. Ich bitte dafür um euer Verständnis.

Kommentar veröffentlichen