Freitag, 27. April 2012

Ausnahmegenehmigung für Bienenkiller

Man mag es manchmal kaum glauben, wenn man über Jahre hinweg beobachten muss, dass Chemiekonzerne sich nahezu unbehelligt eine "Goldenen Nase" verdienen, indem sie die Vielfalt des Lebens auf der Erde dezimieren und unsere natürlichen Nahrungsgrundlagen vernichten.

Der Deutschlandfunk erinnert in einem Beitrag vom 24.04.2012 - wieder einmal(!) - an das damals mysteriöse Bienensterben im Raum Freiburg, dem im Frühjahr 2008 Tausende Bienenvölker zum Opfer fielen. Nicht erst seit heute weiß man, dass die Bienen zusammen mit dem Nektar das Neonicotinoid "Clothianidin" aufgenommen hatten, das auf die Blütenpflanzen gelangt war. Inzwischen häufen sich Studien, denenzufolge bereits Kleinstmengen dieser Pestizide den Insekten Schaden zufügen können.

So hatten zum Beispiel französiche Biologen Bienenvölker mit kleinsten Mengen des ebenfalls zu den Neonicotinoiden gehörenden Insektengifts "Thiamethoxam" gefüttert, das unter anderem auf Raps-Feldern eingesetzt wird. Herr Dr. Mickaël Henry (Biologe, Institut National de la Recherche Agronomique in Avignon, Frankreich) sagte in dem Bericht des Deutschlandfunks (Zitat): "Wir haben mit kleinsten Dosen des Insektengifts gearbeitet, verglichen mit den Mengen, die normalerweise Bienen töten. Wir haben herausgefunden, dass das Mittel das Verhalten der Bienen verändert. Thiamethoxam verwirrt die Sammelbienen, sodass sie sich verirren. Füttert man Bienen mit dieser schwachen Insektizid-Dosis, ist für sie das Risiko zwei bis drei mal größer, auf dem Weg zurück zum Stock zu verschwinden, als für Bienen, die nicht damit in Kontakt gekommen sind."


Ausnahmegenehmigung

Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 10.04.2012 zufolge darf das Pflanzenschutzmittel Clothianidin auf deutschen Äckern "für eine begrenzte Zeit" wieder verwendet werden. Mit dem Gift solle dem Drahtwurm zu Leibe gerückt werden, der die Maiswurzeln zerfrisst. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) habe für den Zeitraum von Mitte März bis Mitte Juli eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

In Anbetracht der durch Studien nachgewiesenermaßen möglichen Folgen für Bienenvölker und ihre wildlebenden Verwandten ist das allein schon ein Skandal. Das Sahnehäubchen ist aber die Erklärung eines Sprechers des BVL die in dem Bericht der Süddeutschen Zeitung wiedergegeben wird. Der Sprecher habe das "hohe Giftpotential" des Wirkstoffes bestätigt, aber man habe sorgfältig zwischen Nutzen und Schaden abgewogen. Schließlich sei nur ein halbes Prozent der gesamten Mais-Anbaufläche betroffen. Die mit einer Reihe von Auflagen verknüpften Ausnahmen seien für die Bundesländer Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein erteilt worden.
  • Und jetzt kommt's:
    • Sämtliche Imker im Umkreis von 60(!) Metern würden gewarnt werden.
    • Sie sollen ihre Bienenvölker beobachten.
Ich bin kein Imker. Aber dass Bienen bei der Nahrungssuche erheblich weitere Strecken fliegen, als 60 Meter, ist mir aus dem Sachkunde-Unterricht in der Grundschule noch gut in Erinnerung geblieben. Und wenn die Imker ihre Bienenvölker beobachten und hinterher feststellen, dass nichts mehr da ist, was sie noch beobachten könnten, dann ist den Bienen damit irgendwie auch nicht wirklich geholfen.

Auf der Internetseite des Imkers Karl-Heinz Graf ist sehr gut dargestellt, wie Bienen ihren Artgenossen Informationen darüber weitergeben, in welche Richtung und wie weit sie fliegen müssen, um ergiebige Nahrungsquellen zu finden. Dort ist von Entfernungen zwischen Bienenstock und Nahrungsquelle von bis zu 10 Kilometern die Rede.


Mehr als nur Honig

Wie das internationale demokratische Netzwerk AVAAZ in einer E.Mail an seinen Verteiler treffend bemerkt, machen Bienen nicht nur Honig. Honigbienen, Hummeln etc. sind entscheidend für die Existenz der Blütenpflanzen. Würden diese aussterben, weil es keine Bienen mehr gäbe, die sie bestäuben würden, dann wäre davon letztlich mehr als ein Drittel des Nahrungsangebots in vielen Ländern der Welt betroffen. Wenn für den kurzfristigen Schutz gigantischer Mais-Monokulturen am Ende zusammen mit dem Drahtwurm und den Bienen auch die gesamte Palette unserer Früchte, Gemüse, Kräuter, Blumen etc. ausgerottet werden würde, dann würde auch die Ernährung und die Gesundheit zahlreicher Menschen auf dem Spiel stehen.

Auch  Herr Hederer (Deutscher Berufs- und Erwerbs Imker Bund) wendet sich gegen industrielle Monokulturen. "Der Westen" zitiert ihn in einem Bericht vom 23.04.2012 mit den Worten: "Neurotoxische Gifte müssen aus der Umwelt raus!" Der Einsatz von Clothianidin müsse nicht sein. Der Drahtwurm lasse sich auch auf natürliche Weise über eine veränderte Fruchtfolge auf den Äckern bekämpfen.
  • Ein "Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit", das weder die Verbraucher noch die Sicherheit unserer Lebensmittel schützt, verdient diesen Namen nicht! Ehrlicherweise sollte es in "Bundesamt für Verbraucherverdummung zum Schutz der profitorentierten Interessen der Chemie- und Pharmaindustie (BVSCP)" umbenannt werden.

Aufgrund neuer Erkenntnisse hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im Mai 2008 noch die - zunächst vorläufige - Aussetzung der Zulassung von acht Pflanzenschutzmitteln angeordnet. Damals stand "Clothianidin" auf Platz vier der zehn umsatzstärksten Produkte des Chemie- und Pharmakonzerns "Bayer", der den Bienenkiller, der 2004 in Deutschland unter dem Produktnamen Poncho zugelassen wurde, gemeinsam mit "Takeda Chemical Industries" entwickelt hatte.

Im Januar 2011 hatte AVAAZ die Entscheidungsträger in der EU und der USA mit einer Petition dazu aufgefordert, die Verwendung von Neonicotinoiden zu verbieten, um die Gefahr der Vernichtung unserer gesamten Nahrungskette abzuwenden. Die Petition wurde von mehr als 1,2 Millionen Unterzeichnern unterstützt.


Petition an die Aktionäre

Jetzt wendet sich eine neue Petition von AVAAZ an die Aktionäre des "Bayer"-Konzerns. Sie lautet:
"An die Aktionäre von Bayer:
Wir rufen sie dazu auf, für ein Ende der Produktion und des Verkaufs von Neonicotinoid-Pestiziden zu stimmen bis neue unabhängige Studien zeigen, dass sie unschädlich sind. Das katastrophale Bienensterben könnte unsere gesamte Nahrungskette in Gefahr bringen. Wenn Sie nun umgehend handeln, können die Bienen vor dem Aussterben bewahrt werden."


Leider kommt die erst am 24.04.2012 verfasste Petition reichlich spät. Eine Abstimmung der Bayer-Aktionäre über einen Antrag gegen die giftigen Chemikalien steht für heute auf der Tagesordnung der Jahreshauptversammlung der Bayer-AG. Da ich die E-Mail von AVAAZ erst heute Morgen erhalten habe, konnte ich meinen Artikel zum Thema auch erst nach Feierabend fertigstellen.

Trotzdem ist jeder weitere Verbraucher, der sich der Petition anschließt, ein Signal an den Konzern und seine Aktionäre, dass "der gute Ruf" und damit die Gewinne des Konzerns und die Dividenden der Aktionäre auf dem Spiel stehen. - Und es ist eine Ohrfeige für das BVL, das, anstatt seinen Aufgaben "Verbraucherschutz" und Sicherstellung der "Lebensmittelsicherheit" nachzukommen, lieber den Profit der Chemie Konzerne und der Agrarindustrie schützt.


Zum Weiterlesen


(Quellen:, Deutschlandfunk vom 24.04.2012, Der Westen vom 23.04.2012, Süddeutsche Zeitung vom 10.04.2012, Spiegel vpm 30.03.2012, Stern vom 30.03.2012, Hamburger Abendblatt vom 30.03.2012, n-tv vom 30.03.2012, Südostschweiz.ch vom 29.03.2012, Die Zeit vom 29.03.2012, Süddeutsche Zeitung vom 18.06.2008 , AVAAZ, Wikipedia)

Kommentare:

Frau Momo hat gesagt…

Da hab ich doch mal schnell unterschrieben. Danke für den Hinweis.

hansehase hat gesagt…

Ich bin auch dabei, hab schon ne Menge zu dem Thema gehört und in meinem Umfeld hab ich einen Ex-Imker, der schon mit den VaroaMilben reichlich zu tun hatte und so hab ich schon einen kleinen Einblick in die schwere Arbeit der Imker und weiß um die Bedeutung der kleinen HausTiere. Hab auch unterschrieben, da es doch nicht sein kann und darf, daß die Industrie um kurzfristigen Profits willen weiter tonnenweise Schädikalien verkauft.
Liebe Grüße von der anderen See vom Wolf aus der schönsten Hansestadt am Ryck.

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