Mittwoch, 7. Juli 2010

Gründe, gegen die Pflicht zu Töten

FriedenstaubeHerr zu Guttenberg (CSU, Verteidigungsminister) hat es zurzeit mal wieder nicht leicht. Eigentlich ist er ja ein Anhänger der "Wehrpflicht", also der Zwangsverpflichtung junger Männer zum Kriegsdienst. Andererseits ist er aber auch den Sparzwängen der Bundesregierung unterworfen. Deshalb denkt er seit einiger Zeit laut darüber nach, sich von dem finanziellen Klotz am Bein (nämlich der auch von ihm befürworteten "Wehrpflicht") zu trennen.

Jetzt hagelt es Kritik von seinen schwarzen Koalitionskollegen - nur die Gelben stimmen seinen Plänen uneingeschränkt zu. Unterstützung aus der schwarzen Abteilung findet er allerdings auch bei Frau Merkel (CDU, Bundeskanzlerin), eigentlich auch eine Anhängerin der "Wehrpflicht", die jedoch bekannt gab, sie wolle sich einer Debatte über die Zukunft der "Wehrpflicht" nicht verschließen. Ihr Verteidigungsminister dürfe und solle über alles nachdenken.


Die Schatten der Vergangenheit

Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb am 12.06.2010, Herr Kauder (CDU, Unionsfraktion im Bundestag, Vorsitzender) sei überzeugt davon, dass die "Wehrpflicht" erhalten bleiben müsse. Wohin es führen könne, wenn das Band zwischen Armee und Zivilgesellschaft nicht vorhanden wäre, das habe man in unserer Geschichte mehrmals sehen können.
  • Mit Verlaub, Herr Kauder:

    Insbesondere in unsrer jüngeren Vergangenheit hat man anhand zweier Weltkriege mindestens zwei Mal vor allem eines sehen können: Nämlich wohin es führt, wenn eine deutsche Regierung ihre Armee für etwas anderes einsetzt, als für die Verteidigung ihres Territoriums gegen den Angriff der Armee eines anderen Staates.

    Im Übrigen sprechen Sie von der Armee der Weimarer Republik und ihren deutschen (im weitesten Sinne) Vorgänger-Armeen. Die Armee des Deutschen Reiches nach dem Ende des Kaiserreiches war eine andere als die "Bundeswehr", sie hatte eine andere Vorgeschichte und sie ist in einem völlig anderen weltpolitischen Umfeld zu sehen. In der Armee der Weimarer Republik versahen von Beginn an weiterhin Offiziere und Soldaten der konservativen Armee des Kaiserreichs ihren Dienst.

    Die Armee der Weimarer Republik unterstützte einerseits den Kampf gegen linke Gruppen, war aber andererseits im März 1920 nicht bereit, gegen die rechten Putschisten um Herrn Kapp (überwiegend aktive oder ehemalige Angehörige des deutschen Heeres und Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei) einzugreifen, deren Putsch gegen die Weimarer Republik bekannter weise allerdings wenige Tage später trotzdem scheiterte. Nach der Machtübernahme durch die Nazis fügte sie sich unvoreingenommen in den nationalsozialistischen Machtapparat ein und wurde so zu dessen willfährigem Kriegsinstrument.

    Da auch in der heutigen deutschen Armee noch das "Prinzip Befehl und Gehorsam" gilt, könnte Ihnen mit einer Armee aus frustrierten Zwangsverpflichteten unter Umständen etwas ähnliches passieren, wie das, was 1920 der Weimarer Republik passierte. Berichte in der Presse über menschenunwürdige Behandlungen Untergebener durch ihre Vorgesetzten halte ich für ernsthafte Hinweise darauf, dass bereits heute einiges innerhalb der Bundeswehr im Argen ist, das in Verbindung mit veränderten äußeren Bedingungen zu politisch nicht mehr beherrschbaren Situationen führen könnte.

Krieg macht schon im Frieden arm

Das Hamburger Abendblatt zitierte Herrn McAllister (CDU, Ministerpräsident, Niedersachsen) am 05.07.2010 mit den Worten: "Ich bin ein großer Anhänger der "Wehrpflicht". Wir wären schlecht beraten, sie abzuschaffen oder auszusetzen. Aus Spargründen sollte das nicht geschehen."
  • Mit Verlaub, Herr McAllister:

    Ihrer Meinung nach hat also für die Armee - koste es, was es wolle - immer genug Geld da zu sein (egal wie schlecht es uns geht und woher das dafür Geld kommt). Das erklären sie mal dem Hartz-IV-Abhängigen, dem sie und Ihre Kollegen gerade das letzte Hemd über die Ohren ziehen, oder unseren Kindern, denen aufgrund der immer knapper werdenden finanziellen Lage ihrer Eltern an den Hochschulgebühren und den - ebenfalls von den Eltern zu finanzierenden - zusätzlichen Haushaltskosten, der Weg zu einem Studium verwehrt ist, ... - "Sparen" ist ein sehr guter Grund zur Abschaffung der "Wehrpflicht".

Die Trauer der Mütter

Auf der Internetseite des BMFSFJ ist ein Interview abgedruckt, das die "Passauer Neue Presse" mit Frau Schröder (Bundesfamilienministerin) führte. Sie sagte der Zeitung, sie bliebe eine Anhängerin der "Wehrpflicht". Diese sei gut für unsere Armee und sorge für eine besondere Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft. Eine Aussetzung der "Wehrpflicht" würde nur verteidigungspolitisch begründbar sein aber nicht mit etwas anderem.
  • Mit Verlaub Frau Schröder:

    Sie, als Frau, können natürlich sehr leicht daherreden. Es sind ja nur die jungen Männer, die zum Kriegsdienst eingezogen werden. Sie sind deshalb ja nie in die Verlegenheit gekommen, der Zwangsverpflichtung zum "Dienst an der Waffe" Folge leisten zu müssen.

    Als Frau haben Sie sich ja auch nie ernsthaft damit auseinandersetzen müssen, ob Sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sich dazu ausbilden zu lassen, wie Sie auf einen Befehl hin - ohne lange darüber nachzudenken - möglichst effektiv eine größere Anzahl ihnen völlig unbekannter Menschen umbringen können.

    Sie, die Familienministerin, haben ja auch nie in das kreidebleiche Gesicht einer Mutter gesehen, deren Sohn ihr gerade den Zweck der "Hundemarke", die er an einer Kette um den Hals trägt, erklärt hat. Das ist der Moment, in dem der Mutter eines Soldaten bewusst wird, dass ihr Sohn eines Tages möglicherweise als Leiche zu ihr zurückkehren könnte. Was die aufgrund der Erklärung ihres Sohnes unter Schock stehende Mutter in diesem Moment noch nicht unbedingt begreifen wird, das ist die Tatsache, dass ihr Sohn eines Tages möglicherweise anderen Müttern und deren Söhnen das gleiche Schicksal bereiten könnte.

Du sollst nicht Töten

Das Hamburger Abendblatt berichtete am 05.07.2010, der Rat des katholischen Militärbischofsamtes habe sich gegen ein Ende der "Dienstpflicht" gewandt. Der Katholikenrat in Berlin habe erklärt, die "Wehrpflicht" leiste eine wichtige "Klammerfunktion zwischen den Streitkräften und der Gesellschaft.
  • Mit Verlaub meine Herren:

    Die Zwangsverpflichtung zum "Dienst an der Waffe" in der Armee der Bundesrepublik Deutschland ist nicht, wie sie vielleicht irrtümlicherweise vermuten, so etwas wie eine "soziale Büroklammer", mit der Soldaten und Zivilisten untrennbar aneinander gefesselt sind.

    Schon lange vor meiner Konfirmation war mir bekannt, dass Ihr höchster Dienstherr Ihnen gebietet: "Du sollst nicht töten!" Wenn Sie einen Menschen umbringen, dann ist das endgültig. Sie können ihn nicht ins Leben zurückholen. Sie nehmen ihm nicht nur das Recht auf Leben, sondern sie berauben ihn aller menschlichen Grundrechte, die ein Mensch mit seiner Geburt erwirbt.

    Wie können Sie es dann zulassen, dass junge Menschen, die gerade erst begonnen haben, sich in unserer Gesellschaft zu orientieren, zum Kriegsdienst gezwungen werden, und eine Ausbildung zum Töten wildfremder Menschen über sich ergehen lassen müssen? Auch gegen ihr Gewissen? Darüber entscheiden nämlich nicht sie selbst, sondern andere Leute!

Kein junger Mensch sollte dazu gezwungen werden, gegen seinen Willen und gegen das, was sein Gewissen ihm gebietet, Soldat zu werden. Deshalb unterstütze ich die Anstrengungen Herrn zu Guttenbergs zur Abschaffung der "Wehrpflicht". Wenn der politische Anlass dafür finanzieller Natur ist, dann soll es mir recht sein. In diesem Fall zählt aus meiner Sicht nur das Ergebnis.



(Quellen: Hamburger Abendblatt vom 05.07.10, Tagesschau vom 12.06.2010, Süddeutsche Zeitung vom 12.06.2010, BMFSFJ vom 14.06.2010, Wikipedia)

Kommentare:

Helmut hat gesagt…

Lieber Jürgen,
ALLES was du schreibst kann ich bedingungslos unterzeichnen. Ich frage mich, weshalb es in D noch immer eine Armee gibt, nach dem die Gefahr eines Angriff aus Russland vom Tisch ist. Nun, um wirtschaftlich Interessen der USA durchzusetzen. Doch was geht uns das an??? Die Bodenschätze am Hindukusch wird sich der große Bruder wohl allein unter den Nagel reißen.
Niemand braucht Soldaten. Halt doch, die Rüstungsindustrie möchte ja ihre Waffen verkaufen.

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Lieber Jürgen!
Grad gestern hatte ich mich wieder mit Jörg über Krieg unterhalten.
Er ist ja der Meinung, dass dies in unserer Natur läge.

Irgendwie sehe ich das anders....und die Hintergründe seh´ich auch,...wer davon einen Nutzen hat.
Warum....schließen sich die vielen Menschen, die keinen Nutzen davon haben, nicht mal zusammen und sagen "Nein" zum Krieg!
Jeder kann entscheiden.....
Wir sind doch so viele......
Liebe Grüße
Rosi

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