Donnerstag, 15. Juli 2010

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges

Friedenstaube


"
Der Einsatz*) wurde von Beginn an verharmlost."

Das sagte Herr zu Guttenberg (CSU, Bundesverteidigungsminister) während einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung des Buches "Ruhet in Frieden, Soldaten!". Und: Er habe sich selbst daran beteiligt. Das bezeichnete er als "sicherlich kritikwürdiges Fehlverhalten", relativierte dann aber mit Blick auf den Bundestag sogleich, seiner Überzeugung nach sei das jedoch eher einer gemeinsamen Überforderung geschuldet.


Dabei war es doch gerade Herr zu Guttenberg, der nach seiner Amtsübernahme als erster Politiker einer Bundesregierung deutlichere Worte gefunden und von einen "kriegsähnlichen Einsatz" der deutschen Soldaten gesprochen hatte. Das machte den Krieg nicht besser, aber es ließ mich hoffen, dass endlich die Wahrheit ans Licht kommen könnte. Es wurde jedoch schnell klar, dass dem nicht so sein würde. Wir erfuhren wieder einmal nur das, was sich ohnehin schon seit langem nicht mehr vertuschen ließ. Wenn Herr zu Guttenberg jetzt - 10 Monate nach seiner Amtsübernahme - zugibt, er habe sich an der kollektiven Verharmlosung beteiligt, dann ist das eigentlich auch nichts neues mehr. Bei soviel "Offenheit" aber muss man sich jedoch eigentlich fragen, welche Wahrheiten uns immer noch vorenthalten werden.


Herr zu Guttenberg meinte während der Pressekonferenz, eine bessere Vermittlung des deutschen Engagements in Afghanistan sei nötig.

Ich meine, es ist vor allen Dingen zuerst einmal nötig, dass die Bundesregierung uns erklärt, wie es angehen kann, dass eine Armee, die nach dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich zur Verteidigung des Territoriums der damaligen Bundesrepublik Deutschland gegen den Angriff der Armee eines anderen Staates gegründet wurde, nunmehr seit zwei fast zehn Jahren an einem Krieg auf dem Territorium eines fremden, 4500 Kilometer vom Hoheitsgebiet der BRD entfernten Staates beteiligt ist, in dem sie nichts zu suchen hat! Aber damit wäre die Bundesregierung mit Sicherheit ebenfalls überfordert.

Die Geschichte der Bundeswehr ist nämlich schon seit den Planungen für die Wiederbewaffnung während der Regierung Adenauer eine Geschichte der Geheimniskrämerei. Während der Zeit des Kalten Krieges, als die Grenze zwischen den beiden verfeindeten Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt mitten durch Deutschland verlief, war den Westalliierten daran gelegen, dass die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) einem möglichen Angriff der damaligen Deutschen demokratischen Republik (DDR) etwas entgegenzusetzen hätte. Damit war der Auftrag klar definiert ... - eigentlich. Denn wäre es zum Beispiel jemals zum Einsatz der auf dem Boden der damaligen BRD stationierten und mit Atomsprengköpfen bestückten Kurzstreckenraten gekommen, dann hätte die "Verteidigung" des Hoheitsgebietes der damaligen BRD bei einer Reichweite der Raketen von ca. 130 Kilometern gleichzeitig dessen radioaktive Verstrahlung mit schlimmsten Folgen für die eigene Bevölkerung verursacht. Das war damals jedoch kaum jemandem bekannt.

Seit dem Ende des Kalten Krieges findet ein schleichender, in kleinen Portionen mit immer wieder neuen Vorwänden und unter Verwendung einer verharmlosenden Sprache vorangetriebener Umbau zu einem weltpolitischen Machtinstrument statt. Auch wenn die Beteiligung am Krieg in Afghanistan von 70 Prozent der Bevölkerung abgelehnt wird scheint das leider im Bewusstsein vieler Bundesbürger noch nicht angekommen zu sein. Dabei hatte Herr Köhler (ehem. Bundespräsident) doch ganz klar gesagt, dass manchmal auch militärische Mittel notwendig sind, um Deutschlands wirtschaftliche Interessen zu wahren. Nachzulesen ist das auch im "Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr" auf Seite 24. Das ist aber auch mir erst seit der der Kritik am Interview Herrn Köhlers bekannt, die später zu seinem Rücktritt führte.


Im Zusammenhang mit der Forderung nach einer "besseren Vermittlung des Engagements" sprach Herr zu Guttenberg während der Pressekonferenz auch davon, dass die Bundeswehr, ebenso wie die US-Armee, dazu übergehen wolle, Kriegsreporter auf Militäreinsätze mitzunehmen. Der sogenannte "eingebettete Journalismus" sei ein "System der Offenheit".

Dann werden wir also zukünftig nach Feierabend, gemütlich bei einem Glas Wein und Salzgebäck knabbernd, vor dem Fernseher sitzend zu sehen bekommen, wie deutsche Soldaten mit schwerem Militärgerät gegen afghanische Aufständische kämpfen und dabei selbst verwundet oder getötet werden? Werden wir dann live dabei sein, wenn deutsche Soldaten wieder einmal afghanische Frauen und Kinder umbringen? Werden uns angesichts der "besseren Vermittlung des Engagements" deutscher Soldaten die halbzerkauten Satzgebäckstücke aus den vor Entsetzen offenen Mündern fallen, während das gerade unseren Händen entglittene Weinglas samt Inhalt auf dem Boden zerschellt?

Ich denke nicht! Die Erfahrung mit dem "eingebetteten Journalismus" der US-Armee hat mir gezeigt, dass die Welt nur das erfährt, was die Armee zur Veröffentlichung freigibt. Das ist kein "System der Offenheit" sondern ein System der gezielten Manipulation der Wahrheit und der öffentlichen Meinung. Die Bundesregierung täte gut daran, von derartigen Plänen Abstand zu nehmen, und nicht länger zu versuchen, eine Kriegsbeteiligung zu rechtfertigen, für die es keine Rechtfertigung gibt. Von der Presse erwarte ich, dass sie sich nicht auf die Desinformationspolitik der Bundesregierung einlässt. Auch sollte sie die kritiklose Übernahme verharmlosender Floskeln aus dem Sprachgebrauch des Militärs in ihren Sprachgebrauch sowie irreführende Schlagzeilen in den Zeitungen vermeiden.

Dazu ein kleines Beispiel:

Viele Menschen überfliegen beim Frühstück die Schlagzeilen ihrer Tageszeitung und gehen dann ihren täglichen Geschäften nach. Von der Schlagzeile "Bundeswehr zieht sich 2011 aus erster afghanischer Provinz zurück" (Nordsee-Zeitung vom 09.07.2010) nehmen sie dann die erfreuliche Nachricht mit in den Tag, dass Deutschlands Krieg in Afghanistan bald beendet sein wird. Hätten sie den kurzen Artikel zu Ende gelesen, dann wäre ihnen nicht entgangen, dass die Bundesregierung lediglich beabsichtigt, die deutschen Soldaten aus einer von neun Provinzen im Norden Afghanistans abzuziehen, und dass es weiterhin kein konkretes Datum für den Abzug aller deutschen Soldaten aus Afghanistan gibt. Das Gegenteil ist der Fall: Trotz aller Sparzwänge fließen in diesem Jahr mit 1,25 Milliarden Euro so viele Steuergelder in den Afghanistankrieg wie nie zuvor. Gespart wird statt dessen bei den Beschäftigten im öffentlichen Dienst, bei der Polizei, bei Lehrern, bei Arbeitslosen, bei Hartz-IV-Abhängigen, ...

  • Zum Weiterlesen:

    Ruhet in Frieden, Soldaten!
    - Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschten -

    • Das skandalöse Scheitern von Bundeswehr und Politik in Afghanistan
    • Afghanistan-Experten berichten aus erster Hand, wovon die deutsche Öffentlichkeit nicht erfahren darf
    • Mangelhafte Ausbildung, schlechte Ausrüstung: Wie die Soldaten im Stich gelassen werden

    "Wir bauen hier keine Schulen, wir kämpfen um unser Leben." So die Worte eines deutschen Soldaten in Afghanistan. Vorbei die Mär von der friedensstiftenden Mission am Hindukusch. Mangelhaft ausgerüstet, ungenügend auf den Kriegseinsatz vorbereitet, zu wenig Truppen für die erbitterten Gefechte mit den Taliban – diese Wahrheiten über die Bundeswehr wurden jahrelang vertuscht. Stattdessen wurden den Medien – und den Menschen in Deutschland – winkende, fröhliche Kinder, gebohrte Brunnen und neu gebaute Mädchenschulen präsentiert.

    "Hier gilt die Straßenverkehrsordnung" ist auf einem Schild im deutschen Feldlager Kunduz zu lesen; nur eines von vielen Symbolen für die unzähligen bürokratischen Regeln, mit denen sich die Bundeswehr in Afghanistan jeden Tag herumschlagen muss. Die Folge: zutiefst verunsicherte und frustrierte Soldaten. Die beiden Journalisten Julian Reichelt und Jan Meyer schildern, wie ignorante Politiker und überforderte Generale jahrelang die Wahrheit über den Krieg in Afghanistan vertuschten.

    • Autoren: Julian Reichelt, Jan Meyer
    • Verlag: Fackelträger
    • ISBN: 978-3-7716-4466-6


*) Anmerkung von juwi: "der Bundeswehr in Afghanistan"

(Quellen: Tagesschau vom 14.07.2010, Nordsee-Zeitung vom 09.07.2010, Wikipedia, ARD-Deutschlandtrend April 2010, Weißbuch 2006, Fackelträger-Verlag)

1 Kommentar:

Frank Frenzel hat gesagt…

Ich lasse heute mal Wilfried Schmickler meinen Kommentar sprechen, und der geht so:

http://www.wdr.de/tv/mitternachtsspitzen/sendungsbeitraege/2010/0417/index.jsp

Und dem ist auch nichts mehr hinzuzufügen ... außer: Trotzdem ein schönes Wochenende wünscht Frank Frenzel

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