Dienstag, 23. Dezember 2014

Sie wissen nicht, was sie tun ...

Wie man in diesen Tagen aus den Medien erfährt, gibt es hierzulande Menschen, die vorgeben, sie hätten Angst um das "christliche Abendland". Sie fürchten sich vor einer Minderheit von Mitbürgern muslimischen Glaubens, deren Anteil an unserer Gesellschaft derzeit etwa fünf Prozent beträgt.

Diese Menschen missbrauchen in der Adventszeit des Jahres 2015 das Absingen von Weihnachtsliedern als Tarnung für eine Demonstration gegen Flüchtlinge, die in unserem Land Zuflucht vor Folter und Tod suchen. Ich denke, diese Menschen haben die christliche Botschaft nicht verstanden. Sie wissen nicht, was sie tun ...

Rückblende:

Das Kind, das nach unserer Zeitrechnung vor mehr als zweitausend Jahren in Bethlehem (damals Judäa, heute Westjordanland) in einem Stall geboren wurde, war ein Flüchtlingskind. Als der über die damaligen Gebiete Galiläa, Judäa und Samaria herrschende König Herodes von der Geburt "des neuen Königs" erfuhr, fürchtete er um seine Macht und ließ vorsorglich alle bis zu zwei Jahre alten männlichen Kinder umbringen. Die Eltern von Jesus waren - wie es in der Bibel der Christen heißt - im Traum vor der drohenden Gefahr für ihr Kind gewarnt worden und hatten es gerade noch rechtzeitig geschaft, über die Grenze nach Ägypten zu entkommen.

... Bei einer Bevölkerung von etwa acht Millionen Einwohnern und einem Anteil von fünf Prozent leben in Deutschland derzeit etwa vier Millionen Mitbürger muslimischen Glaubens. Selbst wenn wir ebensoviele Frieden suchende muslimische Flüchtlinge aus den vom Terrorregieme des IS besetzten Gebieten im Irak und in Syrien bei uns aufnehmen würden, wäre das noch immer eine kleine Minderheit, die wohl kaum in der Lage wäre, eine Mehrheit von nahezu siebzig Millionen Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften und Konfessionslosen - darunter etwa 46,7 Millionen Christen - zu dominieren.


Die Ermordung eines Kindes
hätte die Geschichte verändert


Wäre Maria und Josef damals die Flucht mit dem kleinen Jesus nicht gelungen, und hätten die Schergen Herodes' auch dieses Kind erschlagen, dann müssten sich die Teilnehmer an den Pegida-Demonstrationen heute keine Gedanken um das "christliche Abendland" machen. Es hätte dann nämlich weder Christen noch ein "christliches Abendland" gegeben.

Kein Kritiker der katholischen Kirche wäre der Inquisition zum Opfer gefallen und als Häretiker oder Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Kein Kreuzzug hätte Unfrieden in das Heilige Land gebracht. Die muslimischen Mauren wären nicht von den Christen aus Spanien vertrieben worden. Vielleicht wären wir stattdessen Nachkommen von Menschen, die in der Lehre des Propheten Mohamed ihr Heil gesehen hätten und würden in die Moschee statt in die Kirche gehen. Mit Sicherheit hätte die Geschichte des Abendlandes einen völlig anderen Verlauf genommen.


Die Opfer der Rattenfänger

Nicht nur ich denke offensichtlich, dass die Strippenzieher im Hintergrund die irrationalen Ängste ihrer Mitbürger für ihre eigenen Zwecke schüren und missbrauchen. In der aktuellen "taz am Wochenende" vom 20.12.2014 schreibt Frau Gaus (taz, politische Korrespondentin) - Zitat:

Das Doppelbödige und Unausgesprochene ist oft das eigentlich Interessante an zwischenmenschlicher Kommunikation. Alle können derartige Signale lesen: Erwachsene Kinder und ihre Eltern, Berufstätige und deren Vorgesetzte, Politiker und deren Anhänger. Die Einzigen, die davon offenbar noch nie gehört haben, sind die Leute, die nicht verstehen, was an Pegida eigentlich schlimm sein soll. ..

Jede Forderung braucht einen Adressaten, der die Forderung bisher ignoriert hat, sonst ist es keine. .. Es muss also jemanden geben, dem die Anhänger von Pegida unterstellen, Islamismus und relgiösen Fanatismus ganz prima zu finden - oder zumindest nicht entschlossen genug dagegen zu kämpfen. Wer soll das sein? Regierung, Medien, Parlament? Man weiß es nicht. Denn die Teilnehmer der Demonstrationen haben ja offenbar kein Bedürfnis, ihre Position zu erläutern, sondern verweigern das Gespräch. Sie erklären Schweigen zum Konzept.
"Wenn Sie als Presse nicht immer nur mit Totschlagworten auf die Menschen, die es satthaben, einschlagen würden, dann würden Sie auch wissen, was die Haltung Ihrer Leser ist" teilt mir eine Leserin mit. Das Totschlagwort, das sie meint, ist vermutlich Rassismus. Aber wie soll man die Pegida denn sonst nennen?

Selbst die Organisatoren der Pegida und ihre Verbündeten von der AfD würden nicht daran glauben, dass in Deutschland jetzt die Scharia eingeführt werden und in München das Bier verboten werden soll. Sie würden sich ganz einfach darauf verlassen, dass der Subtext dessen, was sie sagen - also das, was sie wirklich meinen-, schon verstanden werden wird:
".. Und damit haben sie recht. Es ist eindeutig. Und deshalb nenne ich die Pegida ausländerfeindlich und rassistisch. .."


Nicht die Flüchtlinge sind eine Gefahr für die innere Sicherheit unserer Gesellschaft, sondern ausländerfeindliche Rassisten, die sich unter Ausnutzung des Unglücks der Verfolgten auf dem Weg zur Macht wähnen.
  • Wenn ich in einem Filmbericht der Tageschau höre, wie mehr als siebzehntausend Pegida-Demonstranten vor der Dresdener Semperoper "Stille Nacht, Heilige Nacht .." singen während die Menschen in deutschen Flüchtlingsunterkünften Angst vor neu aufkeimender rassistischer Gewalt der Strippenzieher im Hintergrund haben müssen, dann wird mir übel.

    Und daran kann ich nichts Stilles und schon gar nichts Heiliges erkennen! Rostock-Lichtenhagen im August 1992 - Schon vergessen?


Update 24.12.2014: Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung

(Quellen: Tagesschau vom 22.12.2014, taz vom 20.12.2014, Tagesspiegel vom 13.11.2014, Wikipedia)

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