Sonntag, 7. September 2014

Krieg: (K)eine neue Bedrohung für Atomkraftwerke

Größte Atomkraftanlage Europas: AKW "Saporoschje" (Ukraine)
© Foto: Ralf 1969 - Lizenz: Creative Commons, CC: BY-SA
In der Ukraine gibt es fünfzehn Atomreaktoren an vier Standorten, einen Forschungsatomreaktor, sowie Behälter mit "abgebrannten" Brennelementen und hochgiftigem, strahlenden Atommüll, die großenteils ungeschützt unter freiem Himmel lagern.

In der Ukraine herrscht Krieg. Nicht nur Umweltschützer, wie die internationale Umweltschutzorganisation "Greenpeace", warnen deshalb vor der "Gefahr eines zweiten Tschernobyl". Die Front ist derzeit nur 200 Kilometer von dem noch aus der Sowjetzeit stammenden Atomkraftwerk "Saporoschje" entfernt. Mit ihren sechs Atom-Reaktoren vom Typ WWER-1000/320, die jeweils eine elektrische Leistung von 1000 Megawatt (MW) zur Verfügung stellen, ist "Saporoschje" die größte Atomkraftanlage Europas.

Die Atomanlage ist nicht ausreichend gegen einen Beschuss mit schweren, panzerbrechenden Waffen geschützt. Um eine Atomkatastrophe auszulösen, reicht schon der Absturz eines mittelgroßen Passagierflugzeugs. Die Tagesschau der ARD zitiert dazu Herrn Boschko (ukrainische Atomaufsicht, Chef) in einem Artikel auf ihrer Internetseite vom 29.08.2014 mit den Worten (Zitat):
"Unsere modernen AKW der Baureihe WWR 320 sind gegen den Absturz kleiner Flugzeuge bis etwa zehn Tonnen gesichert. Aber schon für eine Boeing 737 mit ihren rund 60 Tonnen ist das natürlich nicht ausreichend."

Herr Steinberg (ukrainische Atomaufsicht, Vorstandsmitglied) bringt die Gefahr für die Atomkraftwerke durch die Kämpfe in der Ukraine auf den Punkt (Zitat):
"Atomkraftwerke und Krieg sind nicht miteinander vereinbar. Ein Krieg mit konventionellen Waffen in einem Gebiet mit Atomkraftwerken wird früher oder später unweigerlich zu einem 'nuklearen' Krieg."

Schweren Waffen, wie sie jetzt im Osten der Ukraine zum Einsatz kommen, haben die Atomkraftwerke, insbesondere aber die mehr als 100 Spezialbehälter mit abgebrannten Brennelementen, die in "Saporoschje" ungeschützt im Freien stehen, nichts entgegenzusetzen.

Herr Passiyuk (Internationales Ökologisches Zentrum der Ukraine) weist diesbezüglich auf eine weitere Gefahr hin, die seit dem Super-GAU in der japanischen Atomkraftanlage "Fukushima-I" (Dai-ich) auch im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit angekommen sein dürfte (Zitat):
"Da gibt's die ganze Infrastruktur mit frischen und abgebrannten Brennelementen, die permanent gekühlt werden müssen. Und wenn die Kühlung zerstört wird, erhitzen sich die Brennelemente, sie schmelzen und Radioaktivität tritt aus. Also: Niemand kann garantieren, dass nichts passiert."

Da müsste also nicht einmal ein Atomkraftwerk, ein Brennelementelager oder ein Abklingbecken direkt von einer Rakete oder einer panzerbrechenden Waffe getroffen werden. Es würde schon reichen, wenn die externe Stromversorgung für die Kühlung zerstört werden würde.

Darüber berichtet unter anderem "Der Westen" in einem Artikel auf seiner Internetseite vom 29.08.2014. Herrn Sailer (Ökoinstitut Darmstadt) zufolge könnte der Ausfall der Stromversorgung über mehrere Stunden zu einer Kernschmelze führen (Zitat): "Dann haben wir eine Situation wie in Fukushima." Da niemand wisse, ob sich die Kämpfe ausweiten, fordere Herr Sailer, die Reaktoren möglichst rasch herunterzufahren.

Herr Münchmeyer (Greenpeace) macht darüberhinaus auf ein weiteres Problem aufmerksam. Die Atomreaktoren der Ukraine sind ausnahmslos russischer Bauart. Damit sei auch die Abhängigkeit von russischen Experten und Ersatzteilen groß (Zitat): "Man kann sich vorstellen, dass nötige Lieferungen jetzt ausbleiben." Das aber würde das ohnehin schon unkalkulierbare Risiko infolge des weiteren Betriebs der Anlagen noch einmal um ein vielfaches vergrößern.

Im Falle der beiden bisherigen Super-GAUs war unter immensem Aufwand jeweils relativ zeitnah immerhin so etwas wie ein improvisierter Katastrophenschutz organisiert worden. Viele Helfer starben sofort an der "Strahlenkrankheit" oder später an den Folgen der Radioaktivität - und viele der Überlebenden leiden noch heute darunter. Im Falle eines Super-GAUs in einem Kriegsgebiet wäre niemand zur Stelle, der Hilfe leisten könnte. Die Crew des zerstörten Atomkraftwerks wäre sich selbst überlassen. Die Kernschmelze würde ungehindert - mit hoher Wahrscheinlichkeit unter freiem Himmel - ihren Lauf nehmen.

Herr Boschko meint in diesem Zusammenhang, Krieg sei eine neue Bedrohung für Atomkraftwerke, die bislang niemand beachtet habe und die Ukraine sei das erste Land, mit mehr als einem Atomkraftwerk, in dem seit Wochen mit schweren und modernsten Waffen Krieg geführt wird.

Bezüglich der Gefahr für Atomkraftwerke durch Kriege muss ich Herrn Boschko widersprechen: Das sich darüber nie jemand Gedanken gemacht hat, mag vielleicht auf die Ukraine zutreffen. Darauf, dass Kriege, terroristische Anschläge und Flugzeugabstürze durchaus eine reale Bedrohung für Atomkraftwerke sind, weisen Atomkraftgegener hierzulande - ebenso aber auch auf internationaler Ebene - bereits seit Jahrzehnten hin. - Nur sind sie von den Verantwortlichen bisher leider nie ernst genommen worden.

Inzwischen gibt es aber selbst aus Kreisen der NATO Stimmen, die davor warnen, dass die Separatisten das Atomkraftwerk erobern oder dass die Kämpfe in der Nähe des Atomkraftwerks ausbrechen könnten. Dass ein solcher Angriff  kein bloßes Hirngespinnst übereifriger Generäle ist, verdeutlicht ein Vorfall, der sich bereits Mitte Mai ereignet hatte. Damals hatte die ukrainische Polizei an einem Checkpoint in der Nähe der Stadt Energodar mehrere vollbesetzte Autos mit bewaffneten Männern gestoppt, die das Atomkraftwerk erstürmen wollten. Darüber hatte am 17.05.2014 das "Schweiz Magazin" berichtet und die ukrainische Zeitung "Komsomolskaja Prawda" als Quelle dafür genannt.


Hoffnung macht unterdessen die Vereinbarung über eine Feuerpause, auf die sich Vertreter der Ukraine, Russlands, der prorussischen Rebellen und der "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE) am 05.09.2013 in Minsk (Belarus/Weißrussland) geeinigt hatten. Wie in einem Artikel der "Neuen Züricher Zeitung" vom 06.09.2014 zu lesen ist, sieht das Abkommen Angaben der OSZE zufolge den Abzug aller schweren Waffen, die Freilassung aller Gefangenen und die Bereitstellung von Hilfsgütern für die zerstörten Städte in der Ostukraine vor.

"Der Spiegel" berichtete am gestern, die vereinbarte Feuerpause sei den örtlichen Behörden zufolge bisher im wesentlichen eingehalten worden: Nach monatelangen Gefechten hätten die Regionen um die Separatistenhochburgen Donezk und Luhansk eine ruhige Nacht erlebt.

  • Nicht nur angesichts der Gefahr durch einen dritten Super-GAU bleibt zu hoffen, dass aus der Feuerpause ein dauerhafter Waffenstillstand werden wird, der die Aufnahme von Gesprächen über eine friedliche Lösung des Konflikts ermöglichen würde ...


(Quellen: Neue Züricher Zeitung vom 06.09.2014, Der Spiegel vom 06.09.2014, Kurier vom 30.08.2014, Heise Telepolis vom 30.08.2014, Greenpeace Magazin vom 30.08.2014, ARD-Tagesschau vom 29.08.2014, Der Westen vom 29.08.2014, Schweiz Magazin vom 17.05.2014, Wikipedia )

1 Kommentar:

juwi hat gesagt…

@Anonym":
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