Sonntag, 28. September 2014

IS bedroht Kurden - nicht nur im Irak

Infostand des NAV-DEM am 27.09.2014 in Bremerhaven

Im Zusammenhang mit den Berichten über die Massaker des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) ist die Gefährdung der Kurden und anderer Minderheiten im Nordirak inzwischen allgemein bekannt. In Bremerhaven lebende Kurden haben gestern auf die nicht minder brisante Situation der von den Terror-Milizen bedrohten Kurden im Norden Syriens aufmerksam gemacht.

Neben den kurdischen Gebieten im Nordirak, wo die Terroristen immer wieder Kurden, Jesiden, Christen und Turkmenen massakrieren, würden sie seit Mitte September wieder verstärkt und mit aller Brutalität die Region um Kobane in Nordsyrien angreifen, heißt es in einem Info-Flyer des "Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurdlnnen in Deutschland" (NAV-DEM). Darüber war auch in den Medien berichtet worden.

Bereits Mitte des Jahres sei das Gebiet Zielscheibe der Terrororganisation gewesen. Allein bis zum 18.09.2014 hätten aufgrund der Angriffe des IS 21 Dörfer evakuiert werden müssen. Tausende Menschen seien geflüchtet. - In einem Artikel der ZEIT vom 22.09.2014 ist von 100.000 Flüchtlingen die Rede. Andere Medien nannten ähnliche Zahlen. Falls die Region Kobane unter die Kontrolle des IS geriete, schreibt NAV-DEM, wären weitere Massaker mit tausenden Toten und hunderttausenden Flüchtlingen vorprogrammiert.

Dem Flyer zufolge ist Kobane eines von drei Kantonen in Rojava (Nordsyrien), wo im November 2013 die Autonomie mit einer demokratischen Verfassung unter Beteiligung aller religiösen und ethnischen Gruppen ausgerufen wurde. Mit dem Aufbau der basisdemokratischen Selbstverwaltungsstrukturen in Rojava bestünde eine demokratische Alternative für den gesamten Mittleren Osten, jenseits von nationalistischen, religiös-fundamentalistischerı, patriarchalen und kapitalistischen Vorstellungen.

Zum Schutz dieser demokratischen Errungenschaften hätten die Selbstverteidigungskräfte der Kantone in Rojava mit mehreren zur Freien Syrischen Armee gehörenden Kampfverbänden das Bündnis "Burkan El Firat" gegründet, um gemeinsam in der Region Kobane gegen den IS vorzugehen.

Das demokratische Modell in Rojava sei Terrorgruppen wie El Kaida, El Nusra und IS ebenso ein Dorn im Auge, wie auch regionalen und internationalen Kräften. Im Flyer des NAV-DEM heißt es, mit einem Zug soll militärische Ausrüstung an die türkisch-syrische Grenze gebracht worden sein, die dort von den Terror-Milizen des IS entgegen genommen worden sei.

Ebenso wie die Opposition in der Türkei wirft auch NAV-DEM der türkischen Regierung vor, sie unterstütze den IS. Darauf, dass dieser Vorwurf nicht aus der Luft gegriffen ist, deuten Berichte in anderen Medien hin. So berichtete beispielsweise auch der Spiegel in einem Artikel auf seiner Internetseite vom 10.07.2014, es würden (Zitat): ".. Waffen, Munition, Hilfsgüter und Kämpfer über die Türkei nach Syrien geschickt, abends oder nachts. Die zuständigen Behörden sorgen für Stromausfälle, damit die Transporte bei vollständiger Dunkelheit ablaufen. Mehrfache Warnungen unter anderem aus den USA und Deutschland, die Extremisten könnten sich irgendwann gegen die Türkei richten, wollte man in Ankara nicht hören. Man habe sie im Griff, hieß es. .."

Der "Tagesspiegel" schrieb am 21.08.2014, der Gouverneur der türkischen Provinz Hatay an der Grenze zu Syrien habe in einem Schreiben an das Innenministerium der Türkei geschildert, wie IS-Mitglieder Teile des Gebietes an der Grenze als Aufmarsch- und Rückzugsraum nutzen.

Demnach seien beispielsweise im März 150 IS-Kämpfer per Bus aus Syrien an die türkische Grenze gekommen und in Gruppen von je 40 bis 50 Mann über die Demarkationslinie in die Türkei spaziert. Nach einer mehrtägigen Ruhepause in einem Hotel der türkischen Grenzstadt Reyhanli seien 100 IS-Mitglieder wieder nach Syrien zurückgekehrt. Weitere 45 Kämpfer seien von der türkischen Polizei  in Reyhanli festgenommen worden, weil sie der Türkei mit Anschlägen gedroht hatten. Im Flyer des NAV-DEM heißt es dazu, diese offensichtliche Unterstützung durch die türkische AKP-Regierung, die ihre Militärpräsenz an der Grenze zu Kobane verstärkt hat, erfolge vor den Augen der Weltöñentlichkeit.

Inwieweit die Türkei die Terroristen des IS tatsächlich aktiv unterstützt, kann ich nicht sicher nachvollziehen. Dass sie deren Aktivitäten auf türkischem Territorium aber toleriert, scheint diversen, ähnlich lautenden Medienberichte zufolge wohl zuzutreffen.

Ähnlich sieht das auch Herr Blaschke (Islamwissenschaftler, Korrespondent im ARD-Studio Kairo). In einem Interview mit der Tagesschau der ARD sagte er (Zitat): ".. Die Türkei hat den IS oder Al-Nusra-Front nie offiziell unterstützt. Aber man ließ diese Bewegungen offenbar lange frei agieren und schaute zu lange weg. Und so wurde eben die Türkei eine Art Sammelbecken für den Terror des IS. Hier werden Kämpfer durchgeschleust und angeworben und Waffen geschmuggelt. Mittlerweile gehen die türkischen Sicherheitsbehörden konsequenter dagegen vor. Aber nun scheint es fast zu spät zu sein. .."

Inzwischen mehren sich allerdings die Anzeichen dafür, dass die türkische Regierung etwas gegen die IS-Aktivitäten unternehmen wird. So schreibt beispielsweise das Handelsblatt in einem Artikel vom 23.09.2014, Herr Erdogan (Türkei, Präsident) habe die von den USA geführten Luftangriffe gegen die Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien begrüßt. Zugleich habe er eine mögliche militärische oder logistische Unterstützung der Angriffe durch die Türkei nicht länger ausgesclossen.

NAV-DEM schreibt weiter, während die Angriffe der IS-Terrormiliz im Irak und im Süden des Siedlungsgebietes der Kurden Anfang August diesen Jahres mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und verurteilt wurden, seien die Angriffe der selben Terrorgruppe auf Rojava weitgehend unbeachtet geblieben.

Die Organisation wendet sich deshalb mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit (Zitat):
"Wir rufen die internationale Öffentlichkeit dazu auf, ihr Schweigen gegen die brutalen Angriffe des IS in Rojava zu brechen. Die internationalen Kräfte müssen dafür sorgen, dass die Türkei die offensichtliche Unterstützung der Organisation Islamischer Staat unterbindet. Ohne die Unterstützung durch diese Staaten zu unterbinden, wird der IS nicht wirksam bekämpft werden können.

Der Kampf gegen den IS darf nicht punktuell und regional, sondern muss global, einheitlich und konsequent geführt werden."


(Quellen: Handelsblatt vom 23.09.2014, ARD Tagesschau vom 22.09.2014 , Die Zeit vom 22.09.2014, Tagesspiegel vom 21.08.2014, Der Spiegel vom 10.07.2014, Info Flyer des  "Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurdlnnen in Deutschland" [NAV-DEM] )

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