Dienstag, 9. August 2011

Von der Bombe bis zum Super-GAU

Atomkraft? Nein Danke!FriedenstaubeHerr Ban Ki Moon (UNO, Generalsekretär) hat die Gegend im Umfeld der Atomkraftanlage "Fukushima-I" besucht und den Bewohnern der Region die Solidarität der Vereinten Nationen zugesichert. Für die vom mehrfachen Super-GAU in der Anlage Betroffenen ist das jedoch allenfalls eine nette Geste - mehr nicht.

Daran wird sich auch nichts ändern, solange weltweit weiterhin am Betrieb der bestehenden oder gar am Bau neuer Atommeiler festgehalten wird. Und daran ändert auch der Solidaritätsbesuch Herrn Ban Ki Moons in Japan nichts. Wie die Tagesschau am 08.08.2011 berichtete, sagte er dort, die Atomkatastrophe habe gezeigt, dass "die Sicherheit derartiger Kraftwerke sowie die Möglichkeiten zur Hilfe nach derartigen Unglücken" verbessert werden müssten.

Nach "nach derartigen Unglücken" gibt es jedoch keine wirksame Hilfe. Schon nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk "Tschernobyl" (April 1986) hätte das eigentlich jedem Menschen auf dieser Welt klar sein müssen. Seit Japan am 11. März dieses Jahres von der zweifachen Naturkatastrophe heimgesucht wurde und die menschengemachte Atomkatastrophe obendrein noch hinzukam, ist das ein weiteres Mal deutlich geworden. Nachdem der Betreiber "Tepco" und die japanischen Behörden anfangs lange bemüht waren Zuversicht vorzugaukeln, ist das wahre Ausmaß des zweiten Super-GAUs in der Geschichte der Nutzung der Atomkraft inzwischen nach und nach zu Tage getreten. Und auch jetzt kommen immer noch weitere Schreckensmeldungen hinzu.

So wurde zu Beginn der letzten Woche in der Atomkraftanlage "Fukushima-I" an zwei Stellen eine für Menschen tödliche effektive Dosis von 10000 Millisievert - das sind zehn Sievert! - pro Stunde gemessen. Zum Vergleich: Nach Paragraph 55 der Strahlenschutzverordnung beträgt der Grenzwert der effektiven Dosis für beruflich strahlenexponierte Personen in Deutschland 20 Millisievert pro Kalenderjahr, und der Paragraph 56 begrenzt die Berufslebensdosis in der Summe auf die in allen Kalenderjahren ermittelten effektiven Dosen beruflich strahlenexponierter Personen auf maximal 400 Millisievert. Die in der Atomkraftanlage "Fukushima-I" gemessene effektive Dosis von 10 Sievert beträgt damit nach einer Stunde bereits das 25-fache der höchstzulässigen effektiven Dosis für das gesamte Berufsleben einer strahlenexponierten Person in Deutschland!

Am 02.08.2011 berichtete die Tagesschau, die Bevölkerung mache sich zur Zeit jedoch die größten Sorgen wegen der radioaktiv kontaminierten Lebensmittel. Immer mehr Fleisch, Fisch und Gemüse sei belastet. Die japanische Regierung verbiete deshalb den Handel mit Rindern aus den betroffenen Regionen und wolle auch bei der anstehenden Reisernte alle Produkte auf Radioaktivität testen.


Für mich ist es völlig unverständlich, wie gerade Japan dermaßen in die Abhängigkeit von der Nutzung der Atomenergie geraten konnte. Vor drei Tagen jährte sich zum 66. Mal der Tag, an dem die USA über der japanischen Stadt Hiroshima das erste Mal in der Geschichte der Menschheit eine Atombombe abgeworfen hatten. Ungefähr 140000 Menschen waren bis zum Ende des Jahres 1945 aufgrund der direkten Auswirkungen beziehungsweise an den Folgen der Strahlenkrankheit ums Leben gekommen. Zahlreiche weitere Menschen erkrankten noch in den Jahren danach und starben an den Spätfolgen des Atomangriffs. Insgesamt verloren damit über 240000 der damaligen Einwohner Hiroshimas - das sind bis zu bis zu 98 Prozent - infolge des Atombombenabwurfs ihr Leben. Drei Tage später - heute vor 66 Jahren - folgte der zweite Atomangriff auf die japanische Stadt Nagasaki und jetzt - nur 66 Jahre später - der Super-GAU in der japanischen Atomkraftanlage "Fukushima-I".

Angesichts dessen hatte Herr Kazumi Matsui (Hiroshima, Bürgermeister) am letzten Samstag in seiner Friedenserklärung nicht nur zur Abschaffung aller Atomwaffen weltweit aufgerufen, sondern auch zu einem Wechsel in der Energiepolitik: "Atomkraft und die Menschheit können nicht koexistieren." Die 1985 für ihre Arbeit mit dem Friedensnobelpreis geehrte Organisation "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) hatte anlässlich der beiden Atombombenabwürfe an alle Strahlenopfer der nuklearen Kette vom Uranabbau über den "Normalbetrieb" der Atomkraftwerke, den Test und den Einsatz von Atomwaffen bis hin zur ungelösten Lagerung des Atommülls über viele Millionen von Jahren erinnert.


Wer nun meint, er könne mit der "Verbesserung der Sicherheit derartiger Kraftwerke" den nächsten Super-GAU verhindern, der verschließt die Augen vor der Tatsache, dass es dafür keinerlei Garantie geben kann. Der hat den atomaren Traum, der sich für die davon Betroffenen immer mehr als Albtraum entpuppt, noch nicht ausgeträumt. - Der macht sich, da er die Fakten nicht benennt, mitschuldig am Tod und am Leid der nächsten Opfer, die heute noch dort in vermeintlicher Sicherheit leben, wo nach dem nächsten Super-GAU die nächste radioaktive Wüste entstehen wird. Mit jedem weiteren Tag, an dem irgendwo auf unserem Planeten noch ein Atomkraftwerk in Betrieb ist, wird die weitere Anhäufung von Atommüll und waffenfähigem Plutonium fortgesetzt. Das ist die einzige Garantie, die irgend jemand im Zusammenhang mit der weiteren sogenannten "friedlichen" Nutzung der Atomenergie geben kann.

Der einzig denkbare Schutz vor weiteren Super-GAUs ist die weltweite zügige Einstellung des Betriebs des vorhandenen Atomkraftwerke und der Verbot des Baus neuer atomarer Gefahrenquellen. Selbst dann läge es durchaus noch im Bereich des Möglichen, dass Herr Ban Ki Moon sich veranlasst sehen könnte, irgendwo auf der Welt die nächsten Flüchtlinge aus einem neuen Evakuierungsgebiet rund um irgendeine havarierte Atomkraftanlage zu besuchen. Bis 2022 könnte er diesbezüglich unter Umständen auch noch Gelegenheit zu einem Besuch bei uns in Deutschland haben.

Ich wünsche ihm weiß gott nicht, dass es dazu kommen wird. Es würde mich aber schon interessieren, was er den möglichen zukünftigen Opfern skrupelloser Atomkonzerne und ihrer politischen Handlanger zu erzählen hätte. Ob er den aus ihrer Heimat Vertriebenen, die außer ihrem nackten Leben alles verloren hätten, dann wohl glaubhaft versichern würde, dass die Vereinten Nationen weltweit endlich den schnellen Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft durchsetzen werden?


Zum Weiterlesen:

Auch Deutschlands weiße Weste hat bezüglich der Atombombe so einige dunkle Flecke. Über die diesbezüglichen Ambitionen Konrad Adenauers (erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland) gibt es einen lesenswerten Artikel auf den Interneseiten von contrAtom bzw. des "Spiegel".


(Quellen: Tagesschau vom 08.08.2011 und vom 02.08.2011, contrAtom vom 06.08.2011, Strahlenschutzverordnung, IPPNW, Wikipedia - Konrad Adenauer - Hiroshima - Nagasaki, Spiegel - Eines Tages ...)

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