Donnerstag, 4. August 2011

Eine Zeitreise ins Mittelalter


37. Bremerhavener Festwoche: Hansekoggen und Impressionen vom mittelalterlichen Markt

Im Rahmen der 37. Bremerhavener Festwoche kam es zu einem Treffen von vier Koggen. An der Ostseite des Neuen Hafens lagen hintereinander die Bremerhavener "Ubena von Bremen", die "Hansekogge" aus Kiel, die "Kamper Kogge" aus den Niederlanden und die Bremer "Roland von Bremen".

Bei diesen Schiffen handelt es sich um Nachbauten des erfolgreichsten Handelsschifftyps aus der Zeit der Hanse. Vorbild für die drei Koggen aus Deutschland ist die Kogge von 1380, die am 8. Oktober 1962 in Bremen bei Hafenerweiterungsarbeiten in Schlick der Weser entdeckt wurde und die jetzt im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven zu sehen ist. Mit den Nachbauten der Bremer Hansekogge wollte man mehr über die damals verwendeten Handwerks- und Schiffbautechniken, sowie über die Segeleigenschaften und die Hochseetüchtigkeit der Hansekoggen herausfinden.

Grundlage für den Bau der "Kamper Kogge" ist der Fund von Überresten einer Kogge aus dem Jahre 1336 die 1983 in einem Polder bei Nijkerk (Niederlande) freigelegt wurden. Der Fundort liegt auf dem Grund der trockengelegten Zuiderzee. Im Gegensatz zu den späteren Rahseglern, bei denen die Besatzung in die Masten hinaufsteigt, um die an den Rahen angeschlagenen Segel zu setzen oder zu reffen, wurde die an Tauen hängende Rah bei den Koggen mit einer Winde herabgelassen und wieder heraufgezogen, um das Segel zu setzen, zu reffen oder einzuholen.

Die Vorrichtungen dafür sind bei der "Kamper Kogge" sehr schön zu erkennen. Ich habe im Video versucht, das mit einem Schwenk von der waagerecht am Fuß des Achterkastells eingebauten Winde entlang der Taue hinauf zur Rah zu zeigen (07m07s bis 07m20s). Im Holz der Winde sind die quadratischen Löcher zu erkennen, in denen die Hebelstangen Halt finden, mit denen die Winde - halbe Umdrehung für halbe Umdrehung - bedient wird.

In der Hanse hatten sich zwischen der Mitte des 12. Jahrhunderts und der Mitte des 17. Jahrhunderts norddeutsche Kaufleute zusammengeschlossen, um gemeinsam ihre wirtschaftlichen Interessen, insbesondere im Ausland, zu vertreten und um gemeinsam die Handelswege zu sichern. Zeitweilig gehörten der Hanse ungefähr 300 See- und Binnenstädte im Norden Europas an. Die Koggen der Hanse waren zu dieser Zeit das Rückgrat des Seehandels zwischen den Hafenstädten an den Küsten der Nord- und der Ostsee.


Mittelalterliches Handwerk

Wickinger Taverne
Passend zu den Koggen war neben den Liegeplätzen an Land ein mittelalterlicher Markt aufgebaut worden. Neben diversen Händlern von Amuletten, Fruchtweinen oder Räucherwaren, einer Wickinger Taverne, einer Rauchbraterey und anderen Anbietern kulinarischer Spezialitäten gab es viele verschiedene Handwerker zu sehen, die mittelalterliche Handwerkstechniken vorführten.


Eine eindrucksvolle Auswahl an Fruchtweinen
An einem der Stände, dessen "Firmenschild" ihn als "Salzsiederey und Salzhandeley" auswies, war ich kurz stehengeblieben, und wollte mich gerade auf den Weg zum Nachbarstand machen, als mich der Salzsieder ansprach, und mich fragte, ob er mir vielleicht etwas über die Salzsiederei erzählen sollte.

Mir war ja bekannt, dass Salz in Bergwerken abgebaut oder durch Verdampfen aus Meerwasser gewonnen wird. An der französichen Mittelmeerküste hatte ich einmal die Salinen gesehen, in denen das Meerwasser von der Sonne verdunstet wird, so dass das Salz zurückbleibt. Da wir an der Nordseeküste wohl lange warten müssten, bis die Sonne das Wasser verdunstet hätte, nahm ich an, die Salzsieder hätten in ihren Siedepfannen Meerwasser gekocht, um den Verdunstungsvorgang zu beschleunigen.

Das war aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Das Salz der friesischen Salzsieder stammte zwar ursprünglich aus dem Meer, aber es hatte sich im Laufe der Jahrhunderte, vor allen Dingen vor dem Beginn des Deichbaus, bei vielen Überschwemmungen an Land im Torf abgelagert. Diesen Torf, den Salztorf, bauten die Salzsieder ab und verbrannten ihn. Zurück blieben die Asche und das Salz.

Die Asche mit dem Salz wurde mit Wasser zu Salzsole aufkonzentriert, die dann mehrfach gefiltert wurde, um die unerwünschten Ascheanteile von der Sole zu trennen. Die Salzsieder verdampften das Wasser der gereinigten Sole, deren einem Salzgehalt bis zu 25 Prozent betrug. Das Nordseewasser enthält nur drei Prozent Salz. Hätten die Salzsieder versucht, daraus ihr Salz zu gewinnen, dann hätten sie ein vielfaches an Wasser verdunsten müssen, um die gleiche Menge Salz zu gewinnen.

In der Natur hinterließ die Salzgewinnung aus Salztorf jedoch schlimme Spuren. Durch die Überflutung der durch den Torfabbau destabilisierten Gebiete kam es bei Sturmfluten zu großen Landverlusten. Salz war im Mittelalter eine wertvolle Handelsware, da es hauptsächlich dazu diente, Lebensmittel haltbar zu machen. Bis in den 30-jährigen Krieg hinein war die Salzsiederei daher eine wichtige Quelle des Reichtums der Friesen. Aufgrund neuer, kostengünstigerer und weniger arbeitsintensiverer Methoden der Salzgewinnung geriet das Verfahren in der darauf folgenden Zeit jedoch immer mehr in Vergessenheit.


Mittelalterliche Schmiede-Werkstatt
Das meiste Publikum unter den Handwerkern hatte wohl der Schmied. Ob er ein Werkstück in der Holzhohleglut erhitzte und dabei ständig mir den Blasebälgen Luft in die Glut blies, oder ob er ein glühendes Werkstück auf dem Amboß mit seinem Hammer in Form brachte: Er war ständig in Bewegung. Die Faszination, die von Rauch, Glut und Feuer ausging, tat ein übriges dazu, um sein Publikum zu fesseln.

Und noch etwas konnte man vom Schmied lernen. Als ich ihn so vor seinem Holzkohlenfeuer immer abwechselnd mit beiden Füßen auf seinen Blasebälgen herumtreten sah, wurde mir klar, dass es diese neumodischen "Stepper" (oder wie die Dinger auch immer auf Neudeutsch heißen mögen), für deren Benutzung manche Leute heutzutage viel Geld in die Fitness-Studios tragen, schon vor hunderten von Jahren gab. Und im Gegensatz zu den Leuten von heute verdiente der Schmied im Mittelalter auch noch Geld damit. Die Sache mit der "Fitness" gab's als Beigabe kostenlos dazu.

Bei seinem Kollegen in der Kaltschmiede, der die weicheren Metalle bearbeitete, habe ich beobachtet, wie er einen aus Messing geschmiedeten Kantenschutz für eine Schwertscheide mit einer "neumodischen" Feile bearbeitete. Der Schmied erklärte mir, dass Feilen schon zu Beginn des Mittelalters seit langer Zeit bekannt waren. Aus der gehärteten Oberfläche des geschmiedeten Feilenrohlings habe man die Zähne Hieb für Hieb mit einem harten Meißel herausgeschlagen. Die richtig guten, und sehr teuren Feilen, würden noch heute auf diese Weise in Handarbeit hergestellt werden.


Alles in allem war der mittelalterliche Markt ein lebendiges Geschichtsbuch, in dem die Geschichte vom Leben der "kleinen Leute" im mittelalterlichen Friesland lebendig wurde. Dafür, dass diese nicht in Vergessenheit gerät, setzt sich der "Friesenring" ein, von dem es auch eine sehens- und lesenswerte Seite im Internet gibt (ein Link dorthin findet sich unten in den Quellenangaben).

Herzlichen Dank an die Musiker der Gruppe "Musica Vulgaris" für die Genehmigung, die beiden Ausschnitte aus ihren Liedern in meinem Video verwenden zu dürfen.


(Quellen: Wikipedia - Kogge Bremer Kogge Hanse, Friesenring)

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