Donnerstag, 13. Februar 2014

DOSCHD - Regen

DOSCHD - Regen
Internetadresse und Logo des unabhängigen russischen Senders "DOSCHD"
(Fotomontage: ©Jürgen Winkler)

In Moskau kann es einem dieser Tage passieren, dass man verhaftet und abgeführt wird, weil man in der Nähe des des Kremls mit einem aufgespannten Regenschirm erwischt wird.

Darüber berichtete am 12.02.2014 das Kulturmagazin "Kulturzeit" von 3sat. Simple Regenschirme werden in Moskau neuerdings zu einem Symbol für Meinungsfreiheit. Die freie Meinungsäußerung ist im Russland Herrn Putins aber nicht mehr erwünscht - schon gar nicht, wenn sie von einem der wenigen unabhängigen Sender verbreitet wird. Das muss jetzt auch der Sender "ДОЖДь" (DOSCHD, zu deutsch "Regen") erfahren.

Im Fernsehbericht der "Kulturzeit" hieß es, "Doschd" und seine Gründer Natalja Sindejewa und Alexander Winokurow seien so etwas wie die letzten Aufrechten in der russischen Fernsehlandschaft. Bei "Doschd" würden auch die Menschen zu Wort kommen, die im Staatsfernsehen schon längst keine Stimme mehr haben.

Den Mächtigen im russischen Staatsapparat sei "Doschd" deshalb schon seit längerem ein Dorn im Auge. Die Welt hat derzeit nur Augen für Putins Olympia. Im Schatten der Olympischen Spiele in Sotschi sei "Doschd" jetzt von den drei größten Kabelnetzbetreibern Russlands aus dem Angebot genommen worden. Frau Dindejewa sagte im "Kulturzeit"-Beitrag (Zitat): "Dass sie uns abschalten, ist faktisch der Tod des Senders. Wir verlieren 80 Prozent der Zuschauer. Wir leben von Werbung und können nicht existieren, wenn wir keine Zuschauer haben." 

Wie es bei 3sat weiter hieß, hätten deshalb in der Nähe des Kreml eine handvoll Menschen mit aufgespannten Regenschirmen für den TV-Sender demonstriert. Doch kaum seien die Schirme aufgespannt gewesen, habe auch schon der Machtapparat zugegriffen. Eine Demonstrantin, die im Film zu Wort kam, zeigte sich schockiert. Die Leute hätten einfach nur den Schirm geöffnet, woraufhin sie sofort festgenommen worden  seien.


Im Schatten der Olympischen Spiele

In einem Interview stellte Frau Dülfer (Die Zeit) der russisch-französischen Journalistin Elena Servettaz die Frage (Zitat): "Haben die Olympischen Spiele politisch nicht auch etwas Gutes? Immerhin sind Michail Chodorkowski und Pussy Riot vorher freigekommen." Frau Severttaz antwortete (Zitat): "Das machen autoritäre Regime ja immer. Mich erinnert das an die Spiele 2008 in China. Es gab ein kleines Tauwetter. Aber ich glaube keine Sekunde, dass das in Russland von Dauer ist. Denn gleichzeitig versucht man gerade, den einzigen unabhängigen Fernsehkanal, TV Doschd, zuzumachen. Das Tauwetter ist für mich vorübergehend."

Der Deutschlandfunk schreibt auf seiner Internetseite, eine Umfrage anlässlich des 70. Jahrestags der Aufhebung der Blockade Leningrads während des Zweiten Weltkriegs habe den Stein Ende Januar ins Rollen gebracht. "Doschd" hatte die hypothetische Frage gestellt, ob möglicherweise Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn die von der deutschen Wehrmacht eingekesselte Stadt, in der damals etwa eine Million Menschen verhungert waren, kapituliert hätte. Historiker beantworten die Frage heute mit "Nein": Die Wehrmacht hatte den Befehl, eine eventuelle Kapitulation nicht anzunehmen.

Bezüglich des Grundes für das Vorgehen gegen den "Regen-Sender" zitiert der Deutschlandfunk Herrn Vinokurow mit den Worten (Zitat): "Es gibt Leute, die unbedingt einen Anlass finden wollten, uns zu schließen. Es hätte auch jeder andere sein können."

Über eventuelle Versäumnisse oder gar Verbrechen der Roten Armee zu sprechen, sei in Russland tabu. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg sei in Russland von Heldenkult geprägt. Die politisch motivierte Hetzkampagne der "Mächtigen" gegen "Doschd" gehe so weit, dass beispielsweise Herr Medinskij (Kulturminister) getwittert habe, es seien "keine Menschen", die solche Fragen stellen, oder dass Frau Jarowaja (Staatsduma, Abgeordnete) fordert, die Frage "als Verherrlichung des Nationalsozialismus" zu ahnden: "Doschd" habe (Zitat), ".. das heilige Gedenken an den Krieg beleidigt."

Was sollen denn wohl keine Menschen sein? Oder was ist an einem Krieg heilig? Ich habe den Zweiten Weltkrieg nicht erleben müssen. Wenn ich aber an die Erzählungen meiner Mutter oder meiner Großeltern denke, die sich um millionenfachen Tod und Zerstörungen, sowie persönlich erlittenes Leid drehen, dann kann ich daran absolut nichts "heiliges" finden. In meinen Augen zeugen diese verbalen Attacken gegen den Regen-Sender und seine Mitarbeiter von einer ungeheueren Menschenverachtung.


Vorauseilender Gehorsam

Das Internet-Magazin "Rusland HEUTE" berichtete am 05.02.2014, die Abgeordneten Sankt Petersburgs hätten die Staatsanwaltschaft gebeten, den unbequemen Sender zu überprüfen und ihn abzustrafen. In einem Artikel auf der Internetseite des "St. Petersburger Herolds" vom 07.02.2014 heißt es, die Klägerinnen und Kläger seien von Regierungspartei "Einiges Russland"aktiv unterstützt worden. So hätten sie Hilfe bei der Formulierung der Anzeige erhalten und auch die Begleichung der Gerichtsgebühren sei für sie übernommen worden.

Daraufhin nahmen der größte Kabelanbieter Russlands - Rostelekom - und eine Reihe weiterer Anbieter die Übertragung von "Doschd" aus ihrem Angebot - entgegen bestehender Verträge, wie es auf der Internetseite des Deutschlandfunks heißt. Aus meiner Sicht hat dieses Verhalten einen faden Beigeschmack nach vorauseilendem Gehorsam.

Aber so funktioniert das wohl in einem totalitären System, in dem gesellschaftliche Freiheiten und grundlegende Menschenrechte immer weiter beschnitten werden.


Seit dem 10. Februar 2014 ist "Doschd" nur noch im Internet zu sehen. Die Betreiber, die ihrem Sender den Beinamen "Optimistischer Kanal" gegeben haben, wollen sich dem Druck des Systems nicht beugen und weiterhin auf Sendung bleiben. Da kann man ihnen und ihrem Publikum nur wünschen, dass "Doschd" nicht auch noch im russischen Einflussbereich des Internets gesperrt wird.


  • "Ich kann die Spiele nicht einfach so genießen wie zum Beispiel in London, es einfach nur toll finden, das Spektakel, die Sportler. Menschenrechte, Korruption, Schwulenrechte - das muss man bei Sotschi immer mitdenken. Und der Putin-Kult! Beim Eiskunstlaufen hat der Moderator im staatlichen Fernsehen gesagt: 'Putin ist gerade aufgestanden, um zu klatschen. Wir sollten jetzt alle aufstehen!' Das erinnert doch sehr an sowjetische Zeiten. Ich habe das Gefühl, etwas zu erleben, was ich nur aus den Erzählungen meiner Eltern kenne."

    "Elena Servettaz (russisch-französische Journalistin) am 12.02.2014 in der Zeit
     
  • "Wir wollen Medienfreiheit. Jetzt wird auch noch Doschd mundtot gemacht, wir wollen wenigstens noch einen Rest von Freiheit in diesem Land."

    Eine Demonstrantin in der Sendung "Kulturzeit" vom 12.02.2014


(Quellen: 3sat vom 12.02.2014, Die Zeit vom 12.02.2014, Salzburger Nachrichten vom 12.02.2014, St. Peterburger Herold vom 07.02.2014, Deutschlandfunk vom 05.02.2014, Russland Heute vom 05.02.2014, Der Spiegel vom 04.02.2014, der Standard vom 04.02.2014, Die Zeit vom 04.02.2014, Doschd im Internet und auf YouTube, Wikipedia )

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