Montag, 20. Mai 2013

Autotransportschiff entpuppt sich als Atomfrachter

Atomkraft? Nein Danke!Am 02.05.2013 hatten mehrere Medien, darunter auch der NDR, über einen Brand an Bord des Autotransportschiffs "Atlantic Cartier" berichtet, der am Abend des vorhergehenden Tages ausgebrochen war. Dabei seien etwa 70 Neuwagen verbrannt. Die Feuerwehrleute hätten Teile der Fracht entladen müssen, bevor mit den eigentlichen Löscharbeiten begonnen werden konnte. Neben den Fahrzeugen seien auch einige Container an Bord gewesen, von denen einige auch Gefahrstoffe enthalten hätten.

Seit die Medien am 17.05.2013 erneut über den Brand berichteten, ist klar, dass es sich bei dem "Autotransportschiff" eigentlich um einen ganz normalen Containerfrachter handelt, der unter anderem auch Neuwagen geladen hatte. Bezüglich der "restlichen" Ladung ist in einem Bericht der taz unter anderem von 33 Containern mit 3,8 Tonnen Munition und 20 Tonnen radioaktiven Stoffen die Rede, darunter auch ein Container mit neun Tonnen hochgiftigem Uranhexafluorid (UF6), der nur ein Deck über dem Brandherd gestanden habe.

Statt als "Autotransportschiff" hätte man die "Atlantic Cartier" also auch genausogut als "Munitionstransporter" oder als "Atomfrachter" bezeichnen können. Das wäre in der Öffentlichkeit allerdings wohl nicht so gut angekommen. Bei "Autotransportschiff" kommen die Leute nicht so leicht auf die Idee, unangenehme Fragen zu stellen.

Wäre das Uranhexafluorid mit Löschwasser in Berührung gekommen, dann wären daraus infolge einer heftgen chemischen Reaktion Uranylfluorid (UO2F2) und Fluorwasserstoff (HF) entstanden. Fluorwasserstoff bildet in Verbindung mit Wasser Flusssäure. Da Wasser als Löschmittel also ausfiel, hätte zur Brandbekämpfung auf dem Deck, auf dem der Uranhexafluorid-Container stand, Kohlendioxid (CO2) eingesetzt werden müssen.

Dem Bericht der taz zufolge waren die Löscharbeiten unter anderem auch deshalb äußerst dramatisch, weil die Feuerwehr in ganz Norddeutschland nicht genug Kohlendioxid (CO2) auftreiben konnte. Es ist also nur einer gehörigen Portion Glück, und dem Handeln der 300 Einsatzkräfte zu verdanken, dass die Container mit der radioaktiven und explosiven Fracht noch rechtzeitig aus dem brennenden Schiff geborgen werden konnten.

Flusssäure ist ein starkes Kontaktgift und wird sofort von der Haut aufgenommen. Dadurch ist eine Verätzung tieferer Gewebeschichten und sogar der Knochen möglich, ohne dass die Haut anfangs äußerlich sichtbar verletzt ist. Hinzu kommt, dass ein warnender Schmerz oft erst mit einer Verzögerung von mehreren Stunden auftritt.

Neben der ätzenden Wirkung kann es zu akut bedrohlichen Stoffwechselstörungen kommen, die zu multiplem Organversagen führen und tödlich verlaufen können. Darüberhinaus schädigt Flusssäure auch das Nervensystem.

Die Radioaktivität von Uranhexafluorid ist vom Mengenverhältnis der enthaltenen Uran-Isotopen abhängig. Uran 238 hat eine Halbwertszeit von 4,468 Milliarden Jahren. Die Halbwertszeit von Uran 235 beträgt 703,8 Millionen Jahre. Beide Uran-Isotope sind Alpha-Strahler. Die von einem Alpha-Strahler abgegebenen Atomkerne lassen sich zwar leicht abschirmen, können aber große Schäden an lebenden Zellen hervorrufen, wenn sie über die Atmung oder die Nahrung in den Körper gelangen.

Bei "normaler" Umgebungstemperatur ist Uranhexafluorid fest, geht aber bei 56,5 Grad Celsius direkt in den gasförmigen Zustand über. Wäre der Container bei dem Brand beschädigt worden, dann hätte das Gas mit dem Wind auch in die Hamburger Wohngebiete getrieben werden können.

Uranhexafluorid wird bei der Herstellung von Brennelementen für den Betrieb von Atomkraftwerken benötigt. In Deutschland geschieht das in der Urananreicherungsanlage Gronau, wo Uranhexafluorid im Gaszentrifugenverfahren zur Verwendung in Atomkraftwerken angereichert wird, sowie in der Konversionsanlage der Brennelementefabrik Lingen, in der Uranhexafluorid zu Urandioxidpulver verarbeitet, zu Tabletten gepresst und dann gesintert wird. Nach einer Qualitätsprüfung werden die Tabletten in Brennstabhüllrohre gefüllt und zu Brennelementen montiert.
  • Solange diese beiden Anlagen noch in Betrieb sind und solange in Deutschland für die Herstellung von Brennelementen noch Atomtransporte stattfinden kann hierzulande von einem "Atomausstieg" keine Rede sein!


Detektivarbeit und eine Kleine Anfrage ...

Dass die Einzelheiten bezüglich der radioaktiven und explosiven Ladung der "Atlantic Cartier" überhaupt bekannt wurden ist einer Sendung des Deutschlandfunks vom 18.05.2013 zufolge im wesentlichen der BUND-Kreisgruppe Cuxhaven zu verdanken, die sich mit den Urantransporten in Deutschland beschäftigt. Der Gruppe ist bekannt, dass die Reederei, der das Schiff gehört, regelmäßig Atomtransporte und Transporte für die US-Army übernimmt.

In der Presse sei darüber berichtet worden, dass die Feuerwehr mit einem Notalarm vergeblich dringend CO2 als Löschmittel angefordert hatte. Da CO2 als Löschmittel für Uranhexafluorid benötigt wird, lagen genügend Gründe für den Verdacht auf die radioaktive Ladung vor. Die BUND-Kreisgruppe Cuxhaven hatte deshalb die Hamburger Grünen über ihren Verdacht informiert, die dann eine entsprechende Kleine Anfrage an den Hamburger Senat gestellt hatten.

Trotz der Gefahren, die anfangs von der Ladung des brennenden Frachters ausging, hatte es von offizieller Seite wieder einmal geheißen, die Bevölkerung sei zu keiner Zeit gefährdet gewesen. Im Nachhinein wird hier wieder einmal deutlich, dass bei derartigen pauschalen Verlautbarungen eigentlich bei jedem sofort die Alarmglocken schrillen müssten. Da die Einzelheiten erst infolge der Anfrage der Grünen bekannt wurden, sieht es aus meiner Sicht sehr danach aus, dass die Wahrheit über die von Atomtransporten ausgehenden Gefahren auch in diesem Fall wieder einmal vertuscht werden sollte.

Obwohl ich nicht in Hamburg wohne, fühle ich mich von dem Brand auf der "Atlantic Cartier" im nachhinein auch persönlich betroffen:
  • Zeitgleich mit dem Brand hatte am anderen Ufer der Elbe und in der benachbarten Innenstadt Hamburgs der Evangelische Kirchentag begonnen, an dem auch meine Tochter teilgenommen hatte. Die Vorstellung, welcher Gefahr sie ausgesetzt gewesen wäre, wenn die drohende Katastrophe nicht im letzten Augenblick hätte verhindert werden können, bestärkt mich zusätzlich darin, mich auch weiterhin für ein beschleunigtes Ende der Nutzung der Atomenergie und für einen wirklichen Atomausstieg in Deutschland einzusetzen.


Zum Weiterlesen:
Chemie.de:


(Quellen: Deutschlandfunk vom 18.05.2013, vom 17.05.2013 und Kommentar, taz vom 17.05.2013, Bundespresseportal vom 17.05.2013, Publikative.org vom 17.05.2013, Tagesschau - Filmbericht vom 17.03.2013, .ausgestrahlt - Pressemitteilung vom 17.03.2013, NDR vom 17.05.2013 - Bericht 1, Bericht2 und Kommentar, NDR vom 02.05.2013, Feuerwehr Hamburg vom 01.05.2013, Wikipedia, Chemie.de, Atomwaffen A-Z, WKK)

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