Freitag, 7. Januar 2011

Die gute alte Zeit und die strahlende Zukunft

Bremerhaven, Alter Hafen: Außengelände des DSM
Auch wenn es dem unbedarften Betrachter auf den ersten Blick nicht gleich auffallen wird, so prallen auf diesem Foto dennoch Welten aufeinander.


Dreimast Bark "Seute Deern"

Vor den Wohntürmen des Columbus Centers im Hintergrund ist der schwarze Holzrumpf der Bark "Seute Deern" zu sehen, die 1919 auf der "Gulfport Shipbuilding Co." Schiffswerft (USA, Bundesstaat Mississippi) als Viermast-Gaffelschoner "Elisabeth Bandi" vom Stapel gelaufen war. Für diejenigen unter euch, die der plattdeutschen Sprache nicht mächtig sind: "Seute Deern" heißt auf Hochdeutsch "Süßes Mädchen".

Am 22. Juni 1966 machte das inzwischen zu einer Dreimast-Bark umgebaute Schiff an seinen Liegeplatz im "Alten Hafen" von Bremerhaven fest und wurde 1972 als Gründungsgeschenk von der Stadt Bremerhaven an das "Deutsche Schiffahrtsmuseum Bremerhaven" (DSM) übergeben. Heute wird die "Seute Deern", die inzwischen schon seit langem eines der Wahrzeichen Bremerhavens ist, als Restaurant-, Museums- und Trauungsschiff genutzt.

Das Museumsschiff ist heute der größte im Original erhalten gebliebene hölzerne Frachtsegler der Welt. Es steht für eine lange Epoche, in der nur mit der Kraft der Muskeln der Besatzungen und der geschickten Nutzung des Windes große Leistungen in der Seefahrt vollbracht wurden. Diese Zeit wird in Bremerhaven immer dann noch einmal wieder lebendig, wenn sich die Großsegler aus aller Herren Länder alle fünf Jahre zur "Sail Bremerhaven" ein Stelldichein geben. Sie endete, als die Konkurenz der Kohlebefeuerten Dampfschiffe übermächtig wurde.

Die Große Zeit der "Dampfer" war jedoch bald schon wieder zu Ende, als sie von den mit Schweröl angetriebenen Diesel-Schiffen abgelöst wurden. In Anbetracht des zum großen Teil durch die Verbrennung fossiler Energieträger verursachten Klimawandels könnte ich mir jedoch gut vorstellen, dass die großen Segelschiffe in einer nicht mehr allzufernen Zukunft noch einmal eine Renaissance erleben könnten ...

In Vordergrund ist auf dem Foto oben der Schornstein des ehemaligen Frachtschiffes "Otto Hahn" zu sehen.


"Otto Hahn" - der Atomfrachter

Die "Otto Hahn" an der Columbuskaje in Bremerhaven (Anfang der 1970er Jahre)
Der Erzfrachter "Otto Hahn" war weltweit das dritte zivile Schiff, das mit einem Atomreaktor zur Dampferzeugung für den konventionellen Turbinenantrieb ausgestattet wurde, und das erste (und einzige) in Deutschland. Das "Atomschiff" stand damals für den Beginn der "strahlenden Zukunft" Deutschlands. Sein Namenspatron, der Chemiker, Pionier der Radiochemie und Nobelpreisträger Otto Hahn, war persönlich zugegen, als der Rumpf des Neubaus 1964 bei der "Howaldtswerke AG" in Kiel vom Stapel lief. Fertiggestellt wurde die "Otto Hahn" aber erst im Jahre 1968. Die weitaus meiste Zeit wurde für den Bau des Atomantriebs benötigt. Am Ende hatte der Bau des bei seiner Fertigstellung nach fünf Jahren schon nicht mehr ganz neuen Schiffes 56 Millionen DM verschlungen. Elf Jahre und 650000 Seemeilen später war es dann schon wieder vorbei mit der "strahlenden" Zukunft Deutschlands ... - zumindest was die deutsche Seefahrt anging.

1979 wurde der Atomantrieb stillgelegt und der Reaktor Druckbehälter wurde zusammen mit den Brennstäben in Geesthacht eingelagert. Im Sommer 1982 erwarb der Hamburger Reeder Harm Vellguth (Projex Reederei) das ehemalige "Atomschiff", und ließ es auf der "Rickmers Werft" in Bremerhaven für 40 Millionen DM zu einem Containerschiff mit Dieselantrieb umbauen. Ende 2009 wurde die ehemalige "Otto Hahn" nach mehreren Besitzerwechseln von der griechischen "Alon Maritime Corporation" für 2,45 Millionen US-Dollar nach Bangladesch verkauft, wo es dann abgewrackt wurde.

Die 52 Brennstäbe aus Geesthacht wurden im Sommer 2010 zur Aufbereitung in das Atomzentrum Cadarache (Südfrankreich) gebracht, von wo aus sie am 17. Dezember entgegen des erheblichen Widerstands der Anti-Atomkraftbewegung in Mecklenburg-Vorpommern in das sogenannte Atommüll-"Zwischen"-Lager Nord bei Greifswald transportiert wurden. Die strahlenden Hinterlassenschaften aus der elfjährigen Episode der deutschen Atomschifffahrt werden auch in hunderttausenden von Jahren noch ein lebensgefährliches Erbe darstellen, wenn der Schornstein auf dem Gelände des DSM schon längst zu Rost zerfallen sein wird ...



Auch das deutsche "Atomschiff" ist jetzt schon seit langer Zeit Geschichte. Sein Schornstein, über den die Abgase der konventionellen Hilfsmaschinen abgeführt wurden, steht heute auf dem Außengelände des Deutschen Schiffahrtsmuseums für eine Zeit, in der die Menschen glaubten, sie könnten sich mit ihrer Technik über die Gesetze der Natur hinwegsetzen ... - ein fataler Irrtum, der leider auch heute noch in viel zu vielen Köpfen sein Unwesen treibt. Ob ich es wohl noch einmal erleben werde, dass auch die deutschen Atomkraftwerke Geschichte sein werden und Fotos und Videos davon im "Museum der gemeingefährlichen Irrwege" den Besuchern einen gruseligen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen werden?


(Quellen: DSM, Wikipedia, Internetseite der "Seute Deen")

1 Kommentar:

bigi hat gesagt…

Die gute alte Zeit ist heute strahlende Gegenwart.
Vielen, vielen Dank für die Ausführungen. Das Eine oder Andere war tatsächlich für mich neu und ein weiterer Hinweis darauf, dass ich mir noch viel anlesen und -hören muss, um diesen ganzen Wahnsinn dann doch nicht zu verstehen - weil mir dafür einfach jedwedes Verständnis fehlt, bzw. ich mag es einfach nicht aufbringen. Die Bilder von der Halle in Lubmin machen mehr als nur Angst und ich frage mich, wie man sie besichtigen kann, ohne kritische Nachfragen zu stellen - wenigstens.
Herzliche Grüße aus der nächtlichschwarzen, triefnassen und tauenden HanseStadt am Ryck.
bigi

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