Montag, 10. Juni 2013

Stadt grün, statt grau

Blühende Hosen ...
"Eh, Mann, was ist das denn da? ..." Eine Gruppe junger Männer ist früh am Morgen - gefühlt wahrscheinlich wohl eher spät am Abend - auf der Eupener Straße unterwegs, als sie die Jeans mit den zusammengeknoteten Hosenbeinen bemerken, die am Zaun des Pausenhofs Lehe aufgehängt sind. "... Da wächst was drin." Ich beobachte die Szene, die sich ungefähr zwanzig Meter entfernt abspielt, von meinem Standpunkt in der Lutherstraße aus, als ich mit unserer Hündin Cleo, wie an jedem Morgen, den ersten Rundgang des Tages unternehme. "Das da hinten ist Salat! ..." Etwas entfernt vom Zaun stehen auf dem Pausenhof Lehe zwei orangefarbene Pflanzkästen, sowie Gruppen von Müllsäcken, die, ebenso wie die am Zaun befestigten Jeans, mit Blumenerde gefüllt und bepflanzt sind. "Geil, das kann man essen!" ...


... und essbarer Salat, mitten in der Stadt.
Selbstverständlich kann man Salat essen. Weniger selbstverständlich ist es allerdings, dass Salat und sonstiges Gemüse mitten in der Stadt auf einem öffentlichen Platz gepflanzt wird. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass die Tore zum Pausenhof Lehe während der Nacht verschlossen sind. Anderenfalls hätten die Jungen Männer nach durchzechter Nacht möglicherweise erst einmal ausgiebig Salat gefrühstückt und die teils recht skurilen Blumenkübel hätten neu bepflanzt werden müssen. Aber wer weiß: Vielleicht ist es ja auch so gedacht, dass sich jeder auf dem tagsüber frei zugänglichen Platz nach Belieben bedienen kann? Es ist jedenfalls schon erstaunlich, welche Aufmerksamkeit ganz normales Gemüse auf sich ziehen kann, wenn es an ungewöhlichen Orten in der Öffentlichkeit entsprechend in Szene gesetzt wird.


Urban Gardening

Das, was dort auf dem Pausenhof Lehe zu sehen ist, nennt sich "Urban Gardening", oder frei übersetzt in etwa "Städtisches Gärtnern". Bei Wikipedia heißt es in der Einleitung zum Thema (Zitat): "Urbaner Gartenbau, auch Urban Gardening, ist die meist kleinräumige, landwirtschaftliche Nutzung städtischer Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten oder in deren direktem Umfeld. .. Städtischer Gartenbau ist eine Sonderform der urbanen Landwirtschaft. Sie gewinnt aufgrund des urbanen Bevölkerungswachstums bei gleichzeitiger Reduktion landwirtschaftlicher Anbauflächen als Folge des Klimawandels oder durch Flucht aus ländlichen Bürgerkriegsregionen in sichere Städte auch für die Armutsbekämpfung an Bedeutung. .."

Und Radio Bremen schrieb am 10.07.2012 auf seiner Internetseite (Zitat): ".. Urban Gardening ist ein Trend, der seine Wurzeln im vergangenen Jahrhundert in London hatte und dann nach Amerika und aufs europäische Festland schwappte. Die Bewegung will das Stadtpotential gärtnerisch ausnutzen. Im Gegensatz zum Guerilla Gardening, bei dem Pflanzen heimlich ausgesät werden und eine Form des politischen Protests sein sollen ist Urban Gardening keine politische Botschaft, sondern die einvernehmliche Nutzung städtischer Grünflächen."


Gemeinsames Gärtnern verbindet

Nun ja: Landwirtschaftliche Dimensionen wird das kleine Nutzpflanzen-Ensemble auf dem Pausenhof Lehe wohl kaum annehmen können, aber vielleicht bringt es ja andere Bewohner des Leher Quartiers "Goethestraße" auf die Idee, auch an anderen Orten - vielleicht auf ungenutzten Brachflächen - Nahrungsmittel im öffentlichen Raum anzubauen. Und vielleicht würde sich das dann in Bremerhaven herumsprechen, so dass auch in anderen Stadtteilen solche Urbane Gärten an öffentlichen Plätzen enstehen würden.

In anderen Städten sind auf Initiative von Bürgern schon Gruppen ins Leben gerufen worden, die derartige Gärten in ungewöhnlichen Pflanzgefäßen und mit tatsächlichem Nutzwert auf städtischen Brachen anlegen. Bei der Pflege der Pflanzen entstehen soziale Kontakte und die Ernte wird untereinander aufgeteilt oder auch an andere Menschen verkauft oder verschenkt. Beispiele dafür gibt es in Siegen, Berlin, im Urban Gardening Portal der "Gartenpiraten" oder auf der Internetseite "Stadt macht satt". Über den Berliner "Prinzessinen Garten" hatte 3sat am 26.06.2012 in einem "Kulturzeit" Beitrag berichtet, der (zumindest zur Zeit noch) in der 3sat-Mediathek zu sehen ist.

Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und fortschreitender Verarmung in Spanien hat die dortige Urban Gardening Bewegung einen ernsteren, auch politischen Hintergrund. Beachtliche Ausmaße haben die Projekte des Netzwerks für Urban Gardening in Madrid angenommen, über das Arte in einer Reportage am 10.10.2012 berichtet hatte. Bei dem Netzwerk in Madrid handelt es sich um eine von mehreren Gruppen ins Leben gerufene Initiative, die den ökologischen Anbau in der Stadt voranzutreiben will, um langfristig eine möglichst umfassende Nahrungsmittelautonomie zu erreichen. Darüberhinaus soll die gemeinsame Beschäftigung und die gegenseitige Unterstützung den sozialen Zusammenhalt in den Nachbarschaften stärken.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass solche urbanen Gartenprojekte auch in Bremerhaven Langzeitarbeitslose aus ihrer Isolation und dem täglichen Einerlei befreien könnten. Es müsste nur einmal einer der Betroffenen den Anfang machen ...


Urban Gardening zum anschauen:


(Quellen: Der Westen vom 12.05.2013, Arte vom 10.10.2012, Arte - Generation Solidarität, Radio Bremen vom 10.07.2012, 3sat vom 26.06.2012, Deutschlandfunk vom 18.08.2011, Berlin.de, Gartenpiraten, Stadt macht satt, Wikipedia)

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