Mittwoch, 19. Januar 2011

Tarantel-Mantel


Es ist kalt, und die Tarantel
schlüpft in den dicken Wintermantel
auf dass sie nicht mehr friere.
Der hat acht Ärmel für die Beine
maßangefertigt ganz alleine
für diese schicken Tiere.

© Jürgen Winkler

Dienstag, 18. Januar 2011

Kann Beton schwimmen?

Bremerhaven, Deutsches Schiffahrtsmuseum: Motorschlepper "Paul Kossel"
Die meisten Menschen werden diese Frage wohl als einen albernen Scherz abtun, und selbstverständlich mit "Nein!" antworten. Die "Paul Kossel", die im Außenbereich des Deutschen Siffahrtsmuseums (DSM) am Alten Hafen in Bremerhaven zu besichtigen ist, wird sie allerdings schnell eines besseren belehren. Der Rumpf des im Jahre 1921 vom Bremer Bauunternehmen "Paul Kossel" hergestellten Motorschleppers besteht nämlich aus aus Beton.

Die "Paul Kossel" ist auch nicht das einzige Schiff, das aus diesem Materiel hergestellt wurde. Der Nachteil des um etwa 40 bis 60 Prozent höheren Eigengewichts gegenüber einem Schiff mit Stahlrumpf wurde durch die einfachere Bauweise kompensiert. Augrund eines Außenputzes aus glatt geschliffenem Hartbeton benötigten sie keinen zusätzlichen Anstrich, und es gab keine Korrosionsprobleme.

Später wurden sogar Segelyachten gebaut, deren etwa zwei Zentimeter starke Betonrümpfe aus Zementmörtel mit dünnen Drahteinlagen, sogenantem Ferrozement, bestehen. Ein Beispiel dafür ist die zur Traditionsflotte der Bremerhavener Schiffergilde gehörende "Cementesse", eine 16,50 Meter lange klassische Schoneryacht.

(Quellen: DSM, Schiffergilde Bremerhaven, Wikipedia, FAZ vom 01.12.2010)

Sonntag, 16. Januar 2011

Karlsruher Atomsuppe


ARD-Magazin Kontraste vom 13.01.2011: "Atommüll - Steuerzahler tragen Folgekosten"

In Greifswald und Umgebung rüstet man sich für den nächsten Castor-Transport mit 70000 Tonnen hochradioaktiven Müll in das Atommüll-"Zwischen"-Lager Nord in der Lubminer Heide. Nachdem dort bereits im Dezember 2010 Atommüll eingelagert wurde, der da absolut nichts zu suchen hat, soll der von der wespenfarbenen Bundesregierung zu verantwortende Atommüllskandal Mitte Februar 2011 in die zweite Runde gehen. Damit ersparen CDU, CSU und FDP der Atomindustrie erneut einen Milliardenbetrag.

Mit der Lieferung der "Karlsruher Atomsuppe" gelangt erneut hochradioaktiver Atommüll aus westdeutscher Produktion in das einzige bundeseigene Atommülllager, der dort gar nicht gelagert werden darf: Das Lager war einzig und allein für den radioaktiven Müll eingerichtet worden, der beim Rückbau der Atomkraftwerke der ehemaligen DDR anfiel.

Das betonte auch Herr Trittin (Bündnis '90 /Die Grünen, Umweltminister der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder) annlässlich der Erteilung der Betriebsgenehmigung für das Atommüll-"Zwischen"-Lager der Energiewerke Nord (EWN) im Jahre 1999. Er sagte damals, die Genehmigung für Lubmin gelte ausschließlich für die Aufbewahrung von abgebrannten Brennelementen aus den beiden stillgelegten ostdeutschen Atomkraftwerken Greifswald und Rheinsberg. "In Greifswald werden weder abgebrannte Brennelemente aus westdeutschen AKW noch Glaskokillen aus La Hague zwischengelagert werden." Nachlesen kann man das in einer Presseerklärung auf den Internetseiten des BMU.

Das ARD-Magazin "Kontraste" berichtete in seiner Sendung vom 13.01.2011 über Geheimverträge, die Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts zwischen der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl und der Atomwirtschaft abgeschlossen worden waren, und die den Atomkonzernen die Entsorgung ihres Atommülls auf Kosten der Steuerzahler ermöglichen. Frau Kotting-Uhl (Bündnis '90 /Die Grünen, MdB, Atompolitische Sprecherin) sagte in der "Kontraste"-Sendung: "Die WAK ist auch ein typisches Beispiel dafür, wie das Prinzip der Atomwirtschaft funktioniert. Die Gewinne werden im Allgemeinen eingefahren, die Kosten werden auf die Gesellschaft umgelagert. Und wenn wir mit einbeziehen, wie viel Kosten die Steuerzahler für die Atomwirtschaft übernehmen, dann ist der Atomstrom bei weitem nicht billig, sondern der teuerste Strom überhaupt."

Die "Atomsuppe" ist der Atommüll, der aus der Behandlung gebrauchter Brennelemente in der ehemaligen Aufbereitungsanlage Karlsruhe (WAK) stammt.  Dort wurden jahrzehntelang Brennstäbe aus vorwiegend kommerziellen Atomkraftwerken behandelt. Diese aus Steuermitteln finanzierte Dienstleistung des Bundes für die Energiekonzerne wurde der Öffentlichkeit unter der irreführenden Bezeichnung "Wiederaufbereitung" als eine Art "Recycling abgebrannter Brennstäbe" verkauft. Die Betreiber der Atomkraftwerke kamen dadurch "billig" an neue Brennstäbe für ihre Atommeiler.

Bei der Behandlung der "abgebrannten" Brennstäbe entstanden 70000 Liter mit zig Tonnen Uran und Plutonium versetzter, hochradioaktiver Säure, die mit hohem technischen Aufwand verfestigt werden mussten. Der so behandelte Atommüll müsste eigentlich in den Lagern der Atomkonzerne aufbewahrt werden. Stattdessen soll er jetzt auf Kosten der Steuerzahler, die schon für die Aufbereitung der Brennelemente ungefragt zur Kasse gebeten worden waren, in das staatliche Atommülllager bei Lubmin verschoben werden ...


Wie aus dem Atommüll westdeutscher Atomkonzerne mit Hilfe der dem ARD-Magazin "Kontraste" vorliegenden Geheimverträge bundeseigener Atommüll wurde, wird im Video "Atommüll - Steuerzahler tragen Folgekosten" deutlich. Ich wünsche den dafür verantwortlichen Politikern und denen der aktuellen Bundesregierung, dass ihnen die "Karlsruher Atomsuppe" noch bis lange über die nächsten Bundestagswahlen hinaus schwer im Magen liegen wird.

Lubmin niX da!


(Quelle: Kontraste vom 13.01.2010), Presseerklärung des BMU vom 10.11.1999)

Samstag, 15. Januar 2011

Der Krieg des Agenten Orange


"Regen der Vernichtung - Das Erbe des Vietnamkriegs" (Teil 1/3, 2/3 und 3/3)
(Dokumentarfilm von James Pastouna aus dem Jahre 2006)

Mitte der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts fragten meine Eltern uns Kinder eines Tages, was wir lieber haben würden: Ein Fernsehgerät oder ein Auto. Meine Schwester und ich waren uns sofort darüber einig, dass wir lieber zuerst ein Fernsehgerät haben würden. So kam der große, schwere, würfelförmige Kasten mit seiner noch recht rundlichen Schwarz-Weiß-Bildröhre und seinem Trommel-Tuner zu uns, der uns den Empfang der Fernseh Programme von ARD und ZDF ermöglichte.

Tagsüber wurde "die Flimmerkiste" nur für uns Kinder in Betrieb genommen, damit wir die Sendungen der Kinderprogramme sehen konnten. Abends mussten wir damals ohnehin noch früh ins Bett. Nach dem allabendlichen Sandmännchen war Feierabend. Nur ich durfte irgendwann bis zum Ende der Tagesschau aufbleiben, da ich einige Jahre älter bin als meine Schwester.

An den Wochenenden stand die Auswahl des Vorabendprogramms unter der Hoheit meines Vaters: Die "Sportschau" und der "Weltspiegel" waren darin die festen Größen. Im Weltspiegel waren damals regelmäßig Filmberichte über den Krieg der US-Armee in Vietnam zu sehen. Ich muss zu dieser Zeit so um die zehn Jahre alt gewesen sein. Anfangs werden mich wohl nur die Bilder der "Filme" beeindruckt haben. Den feinen Unterschied zwischen Reportagen, Dokumentarfilmen und Spielfilmen habe ich wahrscheinlich erst später begriffen ...


Der Krieg des Agenten Orange

Wann genau mir bewusst wurde, was da in Vietnam vor sich ging, kann ich heute nicht mehr sagen. Sicher ist nur, dass die Berichte über diesen Krieg, mit dem die USA den Norden Vietnams "in die Steinzeit zurückbomben" wollten, die Fernsehberichte über die Demonstrationen der Kriegsgegner, sowie die Erzählungen meiner Großeltern mütterlicherseits mich später dazu veranlasst haben, meinen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu stellen.

Erst viele Jahre später, als ich mich nach dem Unfall in der Chemiefabrik "Icmesa" bei Seveso mit dem Thema "Dioxin" beschäftigte, fand ich heraus, dass mit dem Ende der Bombardements der US Air Force in Nordvietnam und dem zuletzt fluchtartigen Rückzug der letzten US-Amerikaner aus Vietnam im April 1975 der Krieg für die Menschen dort noch lange nicht zu Ende war. Er fordert auch heute, 35 Jahre nach seinem offiziellen Ende, immer noch neue Opfer.

Im Kriegsjahr 1965 begann die US Air Force damit, die Wälder in den Kriegsgebieten Nordvietnams großflächig mit Chemikalien zu besprühen. Das Ziel dieser Chemiewaffenangriffe war die Entlaubung der dichten Wälder, um den Soldaten Nordvietnams die Deckung zu nehmen und sie dann aus der Luft angreifen zu können. Dadurch sollten die drastischen Verluste unter den Bodentruppen der US-Army reduziert werden.

Das hauptsächlich von den US Chemieproduzenten "Dow Chemical" und "Monsanto" für die Armee hergestellte "Entlaubungsmittel", das später unter der militärischen Bezeichnung "Agent Orange" bekannt wurde, war zu einem großen Teil mit "2,3,7,8-Tetrachlordibenzoparadioxin" verunreinigt -jenem giftigsten Dioxin aus der Gruppe der Polychloriddibenzidioxine (PCDD), das seit dem Chemieunfall bei Seveso im Jahre 1976 unter der Bezeichnung "Seveso-Dioxin" international bekannt wurde. Die direkten Folgen für die Bevölkerung und die Soldaten Nordvietnams ähnelten denen der von den Folgen des Chemieunfalls in Italien betroffenen Bevölkerung. Die Menschen in Vietnam wurden jedoch nicht evakuiert, und der verseuchte Boden und alles was sich darauf befindet wurde auch nicht abgetragen und durch unbelastete Muttererde ersetzt, wie es in Italien der Fall gewesen war. Und anstelle eines einmaligen Unfalls wurden sie täglich aufs neue mit "Agent Orange" angegriffen:
"Mein Name ist Hai Tam (...) Ich möchte betonen, dass ich nur eines unter vielen tausend Opfern bin (...)

Ich bin mehrmals direkt von diesem Gift getroffen worden. Es war eine milchige Flüssigkeit. Sie traf mich insgesamt sechs Mal, und zwar so, dass ich am ganzen Körper völlig nass war. Ich und die vielen, die ebenfalls direkt getroffen wurden, bekamen nach diesen Einsätzen zunächst rot unterlaufene Augen, einige wurden ohnmächtig.

Die Flugzeuge kamen immer nur morgens von Sonnenaufgang bis etwa neun Uhr. Sie versprühten das Gift aus etwa hundert Metern Höhe. Viele von uns, die sich nicht gleich in Sicherheit bringen konnten, erlitten Verbrennungen, die Kehle trocknete ihnen aus, die Zunge brannte und die Lippen sprangen auf. Sie erbrachen Blut und starben nach kurzer Zeit (...)"

Auszug aus dem Buch: "Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig" (Lenos Verlag, Basel)

Viel weitreichender sind die Folgen der "Agent Orange"-Angriffe jedoch für die nachfolgenden Generationen der Menschen in Vietnam, die im Krieg mit dem Dioxin vergiftet wurden und deren Erbgut davon geschädigt wurde. Unzählige Kinder kamen tot oder mit schwerwiegenden körperlichen und geistigen Behinderungen zur Welt. Während aber die Vietnam-Veteranen der US-Army, die dem Gift ebenso ausgesetzt waren, wie diejenigen die es eigentlich treffen sollte, immerhin einen außergerichtlichen Vergleich in Höhe von rund 200 Millionen Dollar abschließen konnten, hatten die vietnamesischen Opfer vor Gerichten in den USA bisher keinen Erfolg mit ihren Klagen.

Die Anwälte der Chemiehersteller argumentierten, es gebe keine Beweise für einen direkten Zusammenhang zwischen Agent Orange und Gesundheitsproblemen. Wie aus der Film Dokumentation "Gift im Angebot - Die Erfolgsstory des US-Multis Monsanto" von Manfed Ladwig aus dem Jahre 2007 hervorgeht, untermauerten sie ihre Behauptungen mit gefälschten Statistiken. Gegen diese Behauptungen sprechen jedoch sowohl im Film erwähnte Dokumente, die inzwischen aufgetaucht sind, wie auch eine lange Reihe epidemiologischer Untersuchungen in Vietnam. Aber die mittellosen Opfer in Vietnam werden bis heute ebenso von der Völkergemeinschaft im Stich gelassen, wie auch von denen, die ihnen all das angetan haben. Für diese Menschen ist der Krieg, der seine Opfer inzwischen bis in die dritte Generation fordert, auch 35 Jahre nach seinem offiziellen Ende noch lange nicht vorbei:
"Kriege enden nicht, wenn keine Bomben mehr fallen und die Kämpfe aufgehört haben. Die Zerstörungen dauern viel länger an, in der Landschaft ebenso wie im Gedächtnis und in den Körpern der Menschen."

Zitat aus dem "Stockholmer Appell zu den Langzeitfolgen des Krieges in Laos, Kambodscha und Vietnam" im Juli 2002

Kriegsschäden in Kanada

Wenig bekannt ist auch, dass die US-Army  ihre Giftstoffe, die sie in Vietnam zum Einsatz bringen wollte, vorher auf der Militärbasis Gagetown in Kanada testete. Im Jahre 1964 trugen heftige Winde die versprühten Chemikalien in die Wohngegenden von Upper Gagetown und Sheffield, woraufhin die kanadische Regierung mehrere Gärtnereien mit etwa 250000 US-Dollar für ausgefallene Ernten entschädigte. Während einer Informationsveranstaltung wurde bekannt, daß die Regierung über die Gefahren der eingesetzten Gifte informiert war. Aufgrund der Dioxingefahr - hieß es - sei der Einsatz nach 1964 eingestellt worden.

Allerdings ist inzwischen belegt, dass das kanadische Verteidigungsministerium diese Stoffe in den Jahren 1966 und 1967 bei acht weiteren Tests in Gagetown verwendete. Dokumente belegen, daß auf der Gagetown Basis von 1956 bis 1984 auf über 181000 acres mehr als 1,3 Millionen Liter flüssige- und zwei Millionen lbs trockene hexachlorbezen- und dioxinhaltige Herbizide eingesetzt wurden. Das ist einem Referat zu entnehmen, welches Art Conolly (Agent Orange Association of Canada, Vizepräsident) am 28. und 29. Mai 2006 während der internationalen Opferkonferenz Hanoi hielt.


Alles, was mir über "Agent Orange" bereits bekannt war und alles was ich bei meinen Recherchen zu diesem Artikel zusätzlich zutage befördert habe, bestärkt mich erneut in meiner Auffassung darüber, dass man Regierungen und Militärangehörigen nichts glauben darf, wenn es um ihre Aussagen über Kriege geht. Außerdem zeigt der Dokumentarfilm "Gift im Angebot - Die Erfolgsstory des US-Multis Monsanto" einmal mehr, mit welcher lebensverachtenden Arroganz international operierende Konzerne daran arbeiten, ihre ohnehin schon üppigen Gewinne immer weiter zu steigern. Das Geld, dass sie für die Bezahlung skrupelloser Anwälte benötigen, ist dabei locker übrig. Wenn sie aber doch einmal zu Strafen in Millionenhöhe verurteilt werden, dann zahlen sie die mal eben aus der Portokasse und machen weiter wie bisher.
 
  • Medien:
    Monsanto - Gift im Angebot (Teil 1/3, 2/3 und 3/3)
    2007, Dokumentarfilm von Manfred Ladwig



(Quellen: Agent Orange, Spiegel vom 06.02.2010, Vereinigung Schweiz - Vietnam, Freundschaftsgesellschaft Vietnam über Agent Orange, Art Conolly - Agent Orange Association of Canada, VAVA, VVA, VVAA, Wikipedia)

Donnerstag, 13. Januar 2011

Dioxin - heute in aller Munde


Gambit - Dokumentarfilm aus dem Jahre 2005 von Sabine Gisiger (Trailer)

Der "Bosco delle Querce di Seveso e Meda" ist ein Regionalpark in der Lombardei (Italien), der im Jahre 2005 eröffnet wurde. Im Unterschied zu anderen Nationalparks, Landschaftsschutzgebieten oder Reservaten, wie sie in vielen Ländern der Welt für den Schutz wertvoller Naturschätze oder ganzer Landschaftsräume eingerichtet werden, gibt es im "Bosco delle Querce" eigentlich so gut wie nichts, was natürlichen Ursprungs ist.

In diesem ungefähr 20 Kilometer nördlich von Mailand gelegenen Park wurde alles ganz genau geplant. Zuerst wurden die oberen Schichten des Erdreichs abgetragen und abtransportiert. Man ersetzte es durch Mutterboden den man aus anderen Landesteilen herbeigeschafft hatte. Dann pflanzte man Bäume und Gebüsch, legte Wiesen und Feuchtbiotope an. Erst die abschließende Gestaltung des 43 Hektar großen Geländes überließ man der Natur ...


Rückblende ...

Bis 1976 gab es auf dem Gelände des heutigen Parks Häuser. Menschen lebten dort und gingen ihren täglichen Geschäften nach. Viele von ihnen arbeiteten in der Chemiefabrik "Icmesa" bei Meda in der Nähe von Mailand. So auch am Samstag, dem 10. Juli 1976, als bei "Icmesa" der Reaktor für das Wochenende heruntergefahren wurde.

Am Nachmittag des 9. Juli 1976 hatten die Mitarbeiter der Fabrik mit dem Füllen eines Reaktionskessels für die Produktion von Trichlorphenol begonnen. Nach Beendigung der Vorbereitungen fuhren sie die Temperatur des Reaktors herauf, so dass er gegen Abend zu arbeiten begann. In den frühen Morgenstunden des darauf folgenden Tages war die Reaktion des Kesselinhalts beendet.

Um 6 Uhr endete die Nachtschicht und ein Mitarbeiter schaltete das Rührwerk des Reaktorkessels ab. Zu diesem Zeitpunkt war die Temperatur im Reaktor noch zu hoch. Da der Kesselinhalt jetzt nicht mehr ständig umgeschichtet wurde kam es zu einem Wärmestau, woraufhin um die Mittagszeit des 10. Juli 1976 eine chemische Reaktion einsetzte, in deren Folge es im Reaktor zu einem schnellem Druck- und Temperaturanstieg kam, der schließlich zu einer Explosion führte. Ein Sicherheitsventil öffnete sich automatisch und der unter Überdruck stehende Reaktor entlud sich eine halbe Stunde lang über eine Abblasstation in die Umwelt.

Die sich ausbreitende Wolke trieb über das dicht bevölkerte Gebiet der benachbarten Gemeinden Seveso, Meda, Desio und Cesano Maderno. Den Behörden der betroffenen Gemeinden wurde mitgeteilt, es bestehe keinerlei Gefahr für die Bevölkerung.

Der Betrieb in der Chemiefabrik wurde noch eine ganze Woche lang wie gewohnt fortgesetzt. Irgendwann in den ersten Tagen nach dem Unfall tauchten dann die ersten Mütter mit ihren Kindern in den Arztpraxen von Seveso auf. Die Kinder litten unter Hautverätzungen und Ausschlag. Schnell wurden es immer mehr Menschen, die unter solchen Symptomen litten und auf den Feldern verdorrten die Pflanzen. Unzählige Tiere starben. Die Verantwortlichen von "Icmesa" hüllten sich in Schweigen.

Es dauerte noch zwei weitere Wochen, bevor offiziell bekannt wurde, dass in der angeblich harmlosen Gaswolke ein bis drei Kilogramm Dioxin enthalten waren, und die ersten Menschen aus dem betroffenen Gebiet evakuiert wurden. Sie mussten ihr gesamtes Eigentum zurücklassen. Ebenso wie die Chemiefabrik wurden auch viele ihrer Häuser abgerissen. Die oberen Schichten des Bodens wurden abgetragen. 800 Menschen hatten ihr Zuhause und ihre gesamtes Eigentum verloren.

Insgesamt waren rund 37000 Menschen von den Folgen des Chemieunfalls betroffen. Einige mussten wegen schwerer Chlorakne behandelt werden und sind für ihr Leben entstellt. In den folgenden zehn Jahren stieg die Zahl der Leukämiefälle auf das Doppelte. Nach Informationen von Greenpeace soll sich die Zahl der Gehirntumore verdreifacht haben. Wie viele Opfer die Katastrophe tatsächlich forderte, wisse bis heute niemand ...


Dioxin - heute in aller Munde

Wenn heute allgemein die Rede von Dioxin ist, dann ist in der Regel eigentlich eine ganz bestimmte chemische Verbindung gemeint: Das "Seveso Dioxin" bzw. "Seveso TCDD". Entsprechend seiner chemischen Schreibweise "2, 3, 7, 8-Tetrachlor-dibenzo-p-dioxin" heißt es eigentlich "zwei drei sieben acht tetrachlor/dibenzo/para/dioxin" (abgekürzt: TCDD). Es ist dir giftigste Substanz von insgesamt 75 verschiedenen Isomeren aus der Gruppe der Polychloriddibenzidioxine (abgekürzt: PCDD).

Bis zum Juli 1976 hatte kaum ein Mensch jemals etwas von einer chemischen Substanz namens "Dioxin" gehört. Mit dem Chemieunfall in der bei Seveso gelegenen Fabrik "Icmesa" wurde es innerhalb kürzester Zeit auf tragische Weise berühmt, und heute ist es in aller Munde.
Wie uns hier in Deutschland mit dem im Dezember
2010 bekannt gewordenen Futtermittelskandal erneut
in Erinnerung gerufen wurde, muss man das leider
immer wieder auch wörtlich nehmen.

Ein prominentes Opfer einer Dioxinvergiftung ist der ehemalige Präsident der Ukraine, Viktor Juschtschenko. Im Jahre 2004 wurde ein Dioxin-Giftanschlag auf ihn verübt. Als man dahinter gekommen war, was mit ihm passiert war, wurden bei ihm 100 ppb Dioxin pro Kilogramm Körpergewicht festgestellt.

Dioxine entstehen unter anderem als unerwünschte Nebenprodukte bei der Verbrennung von organischen Verbindungen in Gegenwart von Clor verbindungen im Temperaturbereich zwischen etwa 300 und 600 Grad Celsius ("Dioxin-Fenster"). Neben technisch-industriellen Prozessen war bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Müllverbrennung eine der Hauptursachen für die Entstehung von Dioxinen.

Sie sind sehr langlebig und werden in der Umwelt kaum abgebaut. Spuren von polychlorierten Dioxinen sind heute selbs in den entlegensten Gegenden der Welt anzutreffen. Da sie sehr gut fettlöslich sind, reichern Dioxine sich über die Nahrungskette vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Eiern, Fleisch oder Milchprodukten an.

Zum Weiterlesen:


(Quellen: Spiegel vom 12.01.2011, Greenpeace 10.07.2006, Spiegel ''Kalenderblatt 10.7.1976'', Zeit vom 10.07.2006, Focus vom 29.11.1993, Wikipedia, ''Dioxin'' - Verlag Kölner Volksblatt 1984)

Dienstag, 11. Januar 2011

Das stille Sterben der Bienen

Ich hatte bereits vor einigen Jahren davon gehört, es dann aber wieder aus den Augen verloren: Von den meisten Menschen unbemerkt sterben seit einiger Zeit weltweit die Bienenvölker.

Bienen werden zwar auch durch Krankheiten und Parasiten (z.B. die Varroamilbe) dezimiert, dass aber die Arbeiterinnen ganzer Bienenvölker ausfliegen und nicht wieder zurückkehren ist ein noch relativ neues Phänomen. In der Folge davon verhungern die unversorgte Bienenkönigin und die Larven. Das Bienenvolk stirbt.

Das an sich wäre schon schlimm genug - zumindest für die Liebhaber von Bienenhonig. Darüber hinaus ist jedoch davon auch das Überleben einer großen Anzahl von Blütenpflanzen bedroht, die von den Bienen bestäubt werden - darunter auch viele unserer Nahrungspflanzen. Ohne Bestäubung gibt es aber keine Früchte. Und Ohne Früchte gibt es keine Samen, von denen das Überleben der Pflanzen abhängt.

Das Bienensterben bedroht dadurch unmittelbar unsere eigene Ernährung. Wissenschaftler machen eine bestimmte Gruppe von Pestiziden für das Bienensterben verantwortlich. Ein weltweites Verbot dieser Pestizide könnte die Bienen vor dem Aussterben bewahren.

In vier europäischen Ländern führte das Verbot dieser Gifte zu einer Erholung einzelner Bienenvölker. Die Chemiekonzerne, die an der Herstellung und dem Verkauf der Gifte viel Geld verdienen betreiben jedoch eine aufwändige Lobbyarbeit, um ein weltweites Verbot dieser Gifte zu verhindern.

Es gibt wohl nicht sehr viele Informationen darüber, inwieweit auch andere Insektenarten davon betroffen sind, die neben den Bienen zur Bestäubung der Blütenpflanzen beitragen. Diese werden ja vermutlich den gleichen Gefahren ausgesetzt sein, da sie sich mit den Bienen gemeinsam die gleiche ökologische Nische teilen. Ich denke aber, dass vor allem den Imkern, die Bienenvölker in ihrer Obhut haben, aufgefallen ist, dass deren Zahl von Jahr zu Jahr dramatisch abnimmt. Hummeln und andere Insekten stehen eben nicht so unter ständiger Beobachtung wie die Bienen.

Aus meiner Sicht können wir Menschen uns jedenfalls nicht darauf verlassen, dass andere Insekten die Bienen ersetzen können, falls diese eines Tages für immer von der Erde verschwunden sein sollten. In der EU und in den USA wird derzeit über ein Verbot der gefährlichen Pestizide debattiert. Um diese Debatten zugunsten des Erhalts der Bienen günstig zu beeinflussen, hat das internationale demokratischen Netzwerk AVAAZ einen weltweiten Aufruf zum Verbot dieser tödlichen Pestizide initiiert. Mehr als 711000 Menschen haben den Aufruf bereits unterzeichnet. Je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto eher werden die Politiker weltweit bereit sein, den ebenfalls international operierenden Chemiekonzernen die Stirn zu bieten.



Zum Weiterlesen


(Quellen: AVAAZ, San Francisco Chronicle vom 28.12.2010, ImkerDEMO.de, Wildbienen, Bienenwabe.de, MON863 und Bienensterben, Wikipedia, PAN North America, EPA - Clothianidin)

Montag, 10. Januar 2011

Dicke Suppe

Bremerhaven, Geestemündung: Nordmole

Manche Leute hatten am Wochenende ja schon Frühlingsgefühle.So richtig kuschelig ist es heute aber nicht mehr an der Nordseeküste: Dicke Suppe bei Temperaturen um die Null Grad zaubern jedoch eine geradezu mystische Stimmung an der Mündung der Geeste in die Weser.

Update
So schnell kann sich das ändern: Die Sonne scheint bei freundlichen 2 Grad Wärme. Da sieht die Welt doch gleich viel schöner aus. Ohne Nebel hätte ich das Motiv aber so nicht vor die Linse bekommen. Es  hat eben alles seine zwei Seiten. :)