Donnerstag, 2. August 2012

Heimlicher Atommülltransport in die USA

Atomkraft? Nein Danke!Man kann's ja mal versuchen: Klammheimlich sind abgebrannte Brennelemente aus Berlin und Geesthacht sowie Plutonium aus Braunschweig nach Nordenham (Unterweser) gekarrt und Nachts auf das britische Frachtschiff für Atomtransporte "Oceanic Pintail" (IMO: 8601408) verladen worden. Am 25.07.2012 verließ die "Oceanic Pintail" den Hafen von Nordenham. Zielhafen für den Atommülltransport ist Charleston (USA).

Die radioaktive Fracht der "Oceanic Pintail" besteht aus 25 abgebrannten Brennelementen aus dem Forschungsreaktor FRG-1 der "GKSS" in Geesthacht (BfS-Beförderungsgenehmigung Nr. 7198), abgebrannten Brennelementen aus dem Forschungsreaktor "BER II" des "Helmholtz-Zentrums Berlin" (BfS-Beförderungsgenehmigung Nr. 7200) und einer Plutonium-Beryllium-Strahlenquelle der Firma "Eckert + Ziegler Nuclitec" in Braunschweig (BfS-Beförderungsgenehmigung Nr. 7215). Antragssteller für die drei vorangegengenen Straßentransporte, den Umschlag und den Seetransport war die NCS (Nuclear Cargo + Service GmbH). Empfänger des Atommülls aus den Forschungsreaktoren des "Helmholtz-Zentrums" ist das "US-Department of Energy" in Aiken (USA).

Der Beförderungsgenehmigung des "Bundesamts für Strahlenschutz" (BfS) zufolge ist die Strahlenquelle mit dem Plutonium für die Adresse der "NSSI Sources and Services" in Houston (USA) bestimmt. Wie die "Nordwest Zeitung" (NWZ) am 30.07.2012 schrieb, ist das Atomforschungszentrum "Los Alamos National Laboratory" (LANL) in New Mexico das Ziel des Plutoniums (das ist dort, wo die USA unter größter Geheimhaltung an ihrer Atombombe gebastelt hatten). Frau Schaar (Umweltministerium Niedersachsen, Sprecherin) habe bestätigt, dass einige Spezialcontainer mit Plutonium aus der ehemaligen DDR in die USA verschifft worden sind. Dabei handle sich um die letzten Reste einer Plutonium-Beryllium-Quelle, die bisher bei "Eckert + Ziegler Nuclitec" in Braunschweig gelegen hätten.

47 dieser Strahlenquellen seien schon vor zwei Jahren über einen ihr nicht bekannten Hafen in die USA verschifft worden. Die letzte sei jetzt über Nordenham in die USA transportiert worden. Im niedersächsischen Umweltministerium halte man den Transport von Plutonium durch bewohnte Gebiete und Städte für unbedenklich.

Zuvor hatte Frau Kortner (Grüne, Abgeordnete) kritisiert, dass der Umschlag des Atommülls in derart geringer Enfernung zur Stadt Nordenham erfolgte. Frau Schaar sieht das etwas lässiger. Im dicht besiedelten Deutschland liege jeder Hafen dicht an Wohnhäusern. - Na, wenn das so ist, dann müssen Plutoniumtransporte wohl tatsächlich absolut ungefährlich sein: Anderenfalls gäbe es der Logik von Frau Schaar zufolge schließlich keinen Hafen, über den sich der strahlende Mist in die USA schaffen ließe.


Deutsche Atommülllager für deutschen Atommüll

Soviel also zum offiziell immer wieder verkündeten Grundsatz "Deutscher Atommüll muss in deutschen Atommülllagern verwahrt werden". Das gilt scheinbar nur dann, wenn es um Atommüll geht, der in Gorleben oder in Lubmin eingelagert werden soll. Aber wenn man nichts nachsagt, dann merkt das ja niemand. - Bis auf manchmal; so wie bei diesem Mal. Und irgendwann ist die Nachricht über den erfolgten Atommülltransport dann sogar auch den Verantwortlichen des Nordenhamer Stadtrats zu Ohren gekommen.

Wie die NWZ am 30.07.2012 berichtete, hätte Herr Wreden (CDU, Fraktionsvorsitzender) im Nachhinein wohl gerne weitere Einzelheiten über den Transport und den Umschlag erfahren, um wirklich beurteilen zu können, ob die Bürger gefährdet waren. Als ehemaliger Mitarbeiter im Atomkraftwerk (siehe NWZ) meint er wohl, er könne die Sicherheit von Atomanlagen und -transporten "fachgerecht" beurteilen (solange die beteiligten Firmen und ihre Mitarbeiter nur exakt nach den Vorschriften des Bundesamtes für Strahlungsschutz arbeiten und alle zuständigen Behörden informiert werden, wird schon nichts schiefgehen). Daran, dass Atommülltransporte und deren Umschlag "bei Nacht und Nebel" stattfinden, hat Herr Wreden allerdings nichts auszusetzen. - Das sei schließlich "gang und gäbe".

Herr Krüger (Grüne, Fraktionsvorsitzender) ist davon überzeugt, dass es richtig ist, den strahlenden Müll aus Deutschland herauszuschaffen. Die NWZ zitiert ihn mit den Worten: "Hier liegt wirklich genug von dem Zeug herum – beispielsweise im Zwischenlager in Kleinensiel." Recht hat der Mann. Lasst mich mal kurz überlegen: In Gorleben liegt, glaube ich, auch noch genug von dem Zeug herum ... - Das ist nicht zu fassen! Zudem rät Herr Krüger davon ab, die Bürger über bevorstehende Atommüll-Transporte zu informieren. Das könne nämlich größere Demonstrationen anlocken, die für die Polizei schwer zu kontrollierende Situationen heraufbeschwören könnten. - Ach, so ist das ...

Herr Thöle (SPD, stellvertretender Fraktionsvorsitzender) habe sich der NWZ gegenüber sehr überrascht darüber gezeigt, dass hochradioaktives Plutonium über Nordenham transportiert worden ist und weder Stadtverwaltung noch Landrat darüber informiert gewesen waren. Seiner Auffassung nach hätten zusätzlich auch der Stadtrat und die Bürger informiert werden müssen. Da der Hafen viel zu nahe an der dicht besiedelten Stadt liegt, sei Nordenham der falsche Ort für den Umschlag hochradioaktiven Atommülls. Bis hierzulande eine akzeptable Lösung für die Atommüll-"End"-Lagerung gefunden worden, halte Herr Thöle es aber für eine gute Idee, die strahlenden Hinterlassenschaften der Atomindustrie aus Deutschland herauszuschaffen anstatt sie in Deutschland zu lagern.

Näher betrachtet, hieße das dann wohl "für die Ewigkeit". Wenn man den Gedanken einmal zu Ende denken würde, dann käme man schnell zu dem Schluss, dass Herr Thöle sicher auch damit einverstanden wäre, wenn der Atommüll aus den vielen deutschen "Zwischen"-Lagern, sowie aus den "Zentralen Atommülllagern" Lubmin, Gorleben, Asse-II, Morsleben etc. über Nordenham in die USA verschoben werden würde.


Dieses Mal nicht über Bremerhaven ...

Nach Auskunft der "Helmholtz-Zentrums" wurde dieser Atommüll nicht wie vorhergegangene Transporte über Bremerhaven verschifft. Nachdem die Bremische Bürgerschaft im Januar 2012 mit den Stimmen von SPD und Grünen das Hafenbetriebsgesetz geändert, und die Bremer Seehäfen für Atomtransporte gesperrt hatte, habe man jetzt nach Nordenham ausweichen müssen. Der Transport per Lastwagen sei nicht öffentlich gemacht worden, um Behinderungen zu vermeiden. - Wobei man allerdings wissen muss, dass die "vorangegangenen Atomtransporte" ebenso vor der Öffentlichkeit verheimlicht worden sind, wie derjenige vom 25. Juli über den Hafen von Nordenham.

Wegen der Sperrung der bremischen Seehäfen für Atomtransporte gab es Kritik aus Hannover. Bremen habe sich aus "ideologischen Gründen" der Verantwortung entzogen. Man sei aber nicht auf die Solidarität Bremens angewiesen, um Atommüll aus dem Land zu bekommen. Komisch: Ich habe nie davon gehört, dass Niedersachsen sich je darum gerissen hätte, "vorangegangene Atommülltransporte" aus Solidarität mit der Bevölkerung Bremerhavens über niedersächsische Häfen außer Landes zu schaffen.

Im Übrigen stünde es der Regierung des Landes Niedersachsen jederzeit frei, sich mit den Städten, die ihre Häfen für den Umschlag von Atommüll und Atom-"Brennstoffen"gesperrt haben (bzw. entsprechende, bisher leider nur "symbolische", Beschlüsse gefasst haben), zu solidarisieren, indem sie die Häfen von Nordenham, Cuxhaven, Wilhelmshaven etc. ebenfalls für Atom-"Brennstoffe" und Atommüll sperrt. Würde sie diesen Weg gehen, dann hätte sich das Problem mit der getarnten Laufzeitverlängerung für die restlichen 9 Atommeiler und den damit witerhin produzierten Atommüll nämlich sehr bald von selbst erledigt.

Auch andere norddeutsche Hafenstädte, wie z.B. Lübeck, Cuxhaven oder Wilhelmshaven, hatten in der Vergangenheit schon politische Beschlüsse gefasst, die Atomtransporte über ihr Gebiet verhindern sollten. Aus Sorge, damit vor Gericht nicht bestehen zu können, wurden diese Beschlüsse jedoch nie in geltendes Hafenrecht umgesetzt. Gäbe es hier eine Solidarität unter den Bundesländern mit Häfen an Nord- und Ostsee, dann könnte es sich wohl kaum eine Bundesregierung leisten, mit einer Klage dagegen vorzugehen. Sie würde damit unter Umständen eine Dauerblockade im Bundesrat und Großdemonstrationen bis hin zu Blockaden der Hafenzufahrtswege riskieren.


(Quellen: NWZ vom 31.07.2012, vom 30.07.2012 - Bericht 1 und Bericht 2 -, NWZ vom 28.07.2012 - Bericht 1 und Bericht 2 -, vom 27.07.2012 und NWZ-Inside vom 30.07.2012, Kreiszeitung Wesermarsch vom 28.07.2012 und vom 26.07.2012, Radio Bremen vom 30.07.2012, Buten un Binnen vom 30.07.2012, Buten un Binnen Magazin vom 30.07.2012, Hamburger Abendblatt vom 27.07.2012 und vom 25.07.2012, Lübecker Nachrichten vom 26.07.2012, Landeszeitung Lüneburger Heide vom 26.07.2012 und vom 25.07.2012, oekonews.at vom 26.07.2012, NDR vom 25.07.2012, CityNewsTV vom 25.07.2012, Greenpeace Magazin vom 25.07.2012, BBU - Pressemitteilung vom 25.07.2012, AKW Grohnde – Nein Danke! vom 28.07.2012 und vom 25.07.2012, taz vom 25.01.2012, BfS-Beförderungsgenehmigungen, GKSS, Helmholtz-Zentrum Berlin, Eckert + Ziegler Nuclitec, NSSI Sources and Services, US-Department of Energy, Wikipedia)

Kommentare:

Frau Momo hat gesagt…

Ich bin gerade ziemlich baff über die Aussagen des Herrn Kröger.... und ziemlich fassungslos. Um so öffentlicher gehört das gemacht. Danke, das Du das getan hast, an mir ist das nämlich auch vorbeigegangen.

juwi hat gesagt…

@Frau Momo: Nordenham liegt ja vis à vis auf der gegenüberliegenden Weserseite von Bremerhaven. Das ganze hat sich also sozusagen vor unserer Haustür abgespielt. Außerdem bin ich in einem E-Mail Verteiler aus der Wesermarsch. Daher habe ich wohl etwas mehr von dem Atommülltransport mitbekommen, als die Menschen im Rest der Republik. | Hätte der Herr Krüger ein Parteibuch der CDU, der CSU oder der FDP, dann hätte das an der Sache auch nichts geändert. Da er allerdings im Zusammenhang mit seinen Äußerungen als Politiker der Grünen auftritt, sollte er sich vielleicht einmal überlegen, ob er nicht in der falschen Partei ist. Was das Atommülllager am Standort des Atomkraftwerks "Unterweser" ("Kleinensiel") angeht, ist es allerdings tatsächlich angebracht, sich deswegen Sorgen zu machen - auch wenn das Atomkraftwerk seit dem "Atommoratorium" nicht in Betrieb ist. Das gleiche gilt aber ausnahmslos für alle hochwassergefährdeten Standorte von Atomkraftwerken.

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